Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Metahaven

Periphere Kräfte

Zur Relevanz von Marginalität in Netzwerken

Die Politik der strukturellen Löcher

In seinem Buch Structural Holes: The Social Structure of Competition, beschäftigt sich Ronald Burt mit genau jenen Merkmalen, welche die zentralen Akteure stärken. Im Gegensatz zu einer aggregierten Logik der Autorität unterstreicht Burt die Relevanz der schwachen Bindungen. Seiner Auffassung nach ist sozialer Zusammenhalt ein Hinweis auf Redundanz. Er sieht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass in eng geflochtenen Clustern die gleiche Information unter den Akteuren verbreitet wird. Burt befasst sich insbesondere mit der Definition der Bedingungen, die es für einen Akteur im Netzwerk vorteilhaft machen, einen Kontakt zwischen anderen Akteuren herzustellen.
    Strukturelle Löcher sind die Lücken zwischen nicht-redundanten Kontakten. Als Folge des Lochs zwischen ihnen erzeugen zwei Kontakte [sobald sie verknüpft werden] einen Netzwerk-Nutzen, der in gewissem Maße additiv und nicht überlappend ist.(10)
Der Großteil der Kosten der aggregierten Soziabilität liegt in der Redundanz von Information. Es gibt auch strukturelle Einschränkungen der Freiheit, nicht mitzumachen, oder unpopuläre oder periphere Ideen in Umlauf zu bringen. Auf der höheren Ebene der Verteilung von Sichtbarkeit mittels Algorithmen wird die Möglichkeit von peripheren Ideen, in einer Ergebnisliste zu erscheinen, durch das relative Gewicht von stark untereinander verlinkten, sozial kohärenten Sphären der Übereinstimmung strukturell beeinflusst. Aber auch von der algorithmischen Präferenz, die diese Sphären als "vertrauenswürdiger" einstuft. Diese Präferenz beruhte zunächst auf einer "extrinsischen" Definition von Vertrauenswürdigkeit, die von den Printmedien und dem akademischen Peer Review übernommen wurde, dann aber schrittweise zu einem "intrinsischen" Bestandteil der aggregierten Ökonomie der Web-Links wurde, wobei die Standards der Soziabilität die altgediente Vertrauenswürdigkeit ersetzten. Daher wird das "Contentdesign" auf Googles Liste – besonders die ersten zehn Ergebnisse – von einer Präferenz für Quellen geleitet, von denen viele ihre Vertrauenswürdigkeit durch ihre soziale Struktur erworben haben (z.B. Wikipedia). Die Missachtung von Burts strukturellen Löchern durch die sozialen Netzwerke führt zu einer weiteren Unterdrückung von marginalisierten Ideen, von denen manche eine berechtigte Kritik populärer Thesen enthalten können. Die Struktur eines kritischen Arguments und sein Unterschied zum Mainstream können sprachlicher oder semantischer Natur sein. Der Name "Radovan Karadžić" wird auf englischsprachigen Nachrichtenseiten meist von einer "semantischen Eskorte" aus Wörtern wie "Verbrecher", "Tribunal" und "Bin Laden" begleitet, während in serbisch-sprachigen Blogs Wörter wie "narodni" und "heroj" ("national" bzw. "Held") häufiger sein können.(11) Das kritische Wissen, um das es hier geht, ist nicht, dass Karadžić kein Verbrecher sei, sondern dass die Nutzer sowohl mit der Bestätigung als auch der Ablehnung der allgemeinen These konfrontiert werden, ob sie nun Karadžić als Verbrecher sehen oder nicht. Seit der Verbreitung des Web können oppositionelle Ansichten direkt konsultiert werden, man hört nicht mehr nur von ihnen. Ein Suchalgorithmus, der so etwas wie einen Peer Review emuliert, sollte die Vielfalt, die stets mit politischen Fragen verbunden ist, nicht vermeiden. Wenn Quellen alternativer Ansichten systematisch irrelevant werden, weil sie nicht ausreichend Soziabilität und Autorität haben (die semantisch formalisiert sind), wird die "große Entscheidung" durch das Google-Ranking von Akteuren abhängig, die sowohl semantisch als auch sozial in der Lage sind, ein Thema in großem Maßstab neu zu formulieren. Das Modell der Ausbreitung, das zentrale Akteure mit einflussreicheren "Stimmen" ausstattet, führt dazu, dass ein verbessertes Ranking eines Akteurs sich auf die benachbarten Akteure überträgt; alle verlinkten Akteure werden so nach und nach höher gestuft. Diese Situation, in der das Eigeninteresse mit dem Interesse der Peers identisch ist, wirkt sich auf soziale Formationen wie Online-Gemeinschaften aus, aber auch auf die politische Praxis.

Studien zur gegenseitigen Beeinflussung politischer Ansichten unter sozialen Akteuren haben schon vor dem Einsatz sozialer Networking-Plattformen für große politische Kampagnen – wie etwa im Wahlkampf Obamas – ähnliche Ergebnisse gezeigt: Die eigene Wahl wird demnach stark von jener der eigenen Bekannten beeinflusst, was zu Kaskaden-Effekten in der sozialen Hierarchie führt.(12) Der Politikwissenschaftler Cass R. Sunstein warnt vor diesen "Cyber-Kaskaden", denn sie könnten zur Fragmentierung des politischen Diskurses und einer Polarisierung und vollständigen Entkoppelung politischer Sphären führen. Sunstein spricht dabei von "Kommunikationswelten", in der "Menschen das Echo der eigenen Stimme hören und sich von anderen abschotten",(13) wobei jede Sphäre die eigene Vorliebe für ähnliche Überzeugungen affirmiert.

Der Effekt der 'bloßen Öffnung' bedeutet, dass die [Gruppen-]Polarisierung wahrscheinlich zu einem verbreiteten Phänomen auf einem balkanisierten Sprachmarkt werden wird [...] In dem Maße, in dem diese Öffnungen nicht einer Öffnung gegenüber anderen Ansichten gegenüber stehen, wird die Gruppenpolarisierung eine zwangsläufige Konsequenz sein.(14)

Durch die Umgehung der Gruppenpolarisierung leiten die gängigen Ranking-Methoden diese Cyber-Kaskaden voneinander weg und verhindern ihre Konfrontation. Organisationsmodelle, die auf Soziabilität statt Autorität setzen, beruhen auf Aspekten, die vom Suchmaschinenmarkt noch nicht übernommen wurden. In den folgenden Abschnitten werden wir sehen, wie diese Netzwerke die Konsequenzen der Fragmentierung voll integriert und diese Aspekte zu den wichtigsten Anreizen für den Bau ihrer Netzwerke gemacht haben.

Kampagnen-Strategie

Der Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama 2008 war durch eine noch nie da gewesene Fähigkeit gekennzeichnet, Akteure, die an der Peripherie der demokratischen Standpunkte – oder von Wahlen überhaupt – angesiedelt waren, zu beeinflussen und zu mobilisieren. Der Trick des von David Plouffe geleiteten Obama-Teams bestand darin, die Trennung nicht aus dem Inneren des eigenen Lagers heraus anzusprechen, sondern von den äußeren Rändern aus, an der Nahtstelle zu Republikanern und unentschlossenen Wählern. Diese Kampagne machte aus Wählern soziale Akteure, indem sie auf deren Fähigkeit zur Kommunikation, zur Herstellung von Verbindungen und zur Anwerbung weiterer Akteure setzte. "Wahlwerbung von Nachbar zu Nachbar" fand in jedem Stadtviertel, in jeder Stadt und jedem Staat statt. Um erfolgreich zu sein, musste ein Akteur die Zustimmung anderer zur eigenen Wahl gewinnen. Indem neue Wähler in das Netzwerk einbezogen wurden, wurde die soziale Grenze der beiden Lager verwischt. Der Leiter der Straßenkampagnen, Patrick Frank, regte die Wahlhelfer in einer Rede dazu an, "selbst ein Team zu bilden und zu Organisatoren zu werden. Es gibt dafür keine Grenzen."(15) Dieser verzweigte Prozess wurde zwar kontrolliert, doch anders als in anderen Kampagnen wurde der strukturelle Vorteil kleiner, autonomer Cluster ausgenutzt. Gene Koo zeichnet folgendes Bild:
    Die Superstruktur der Kampagne entspricht dem traditionellen Top-down-Modell (wobei die Information natürlich aufwärts fließt). An den Wurzeln besteht die Kampagne – wie die meisten ehrenamtlichen Tätigkeiten – aus Ad-hoc-Maschennetzwerken. Die größte Innovation der Kampagne besteht aus der Einbeziehung starker, dicht geknüpfter Teams.(16)
Das Modell ist optimiert, da redundante Information bewusst innerhalb dieser dicht geknüpften Teams verbleibt, wobei die einzige Information, die aus der Top-down-Hierarchie kommt, dem Zweck dient, Überschneidungen zu vermeiden. Die Teams können so strukturell vollkommen autonom bleiben und ihre spezifischen sozialen Möglichkeiten ausschöpfen. Das bedeutet, dass die politische Praxis des Einschlusses und Ausschlusses in die bzw. von den entscheidenden Gruppen nicht mehr der Kontrolle eines repräsentativen Systems von Autorität unterliegt.(17) Eine neue Ebene wird eingefügt, die aus Clustern von Akteuren besteht, welche lokale Schneeball-Effekte auslösen. Koo schreibt, dass "jedes Team als Ganzes wie ein bezahlter Angestellter funktioniert und auch vergleichbare Verantwortlichkeiten hat".(18) Ihr Vorteil besteht darin, dass "die Teams auch ein tieferes und breiteres Netzwerk haben",(19) da jeder Akteur auf sein eigenes Kontaktnetzwerk bauen kann. Die Teams sind einander nahe genug, um leicht neue Informationen verarbeiten zu können, was ihnen ermöglicht, Übergänge zwischen miteinander in Konflikt befindlichen Ideen zu verhandeln. Ihre Autonomie ist voller struktureller Löcher, und ihre entscheidende Rolle in der Kampagne ist die Verbindung zwischen ansonsten ungleichartigen Akteurs-Sphären herzustellen.(20)

Ein zentralisiertes Ranking hätte es schwer gehabt, diese Cluster als Schlüsselkomponenten der Kampagne ausfindig zu machen, schon allein deswegen, weil sie sich an der Peripherie ihrer sozialen Sphäre befinden. Community-Organisatoren und Straßenwahlkampf-Manager haben viel mehr Autorität als die Teams und die ehrenamtlichen Ad-hoc-Mitarbeiter; sie üben Macht aus und fällen Entscheidungen, die weit reichende Auswirkungen haben. Ihre Rolle ist es, das Netzwerk von innen, von den zentralen Positionen aus zu managen. Sie müssen Informationsüberschneidungen verhindern, welche sie ansonsten "strukturell äquivalent" für die Kampagne machen würden.(21) Unabhängig von ihrer Kommunikation arbeiten sie mit kleinen Teams und ehrenamtlichen Helfern, um neue Information (von außen) zu erhalten.


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