Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Metahaven

Periphere Kräfte

Zur Relevanz von Marginalität in Netzwerken

Die Ausschaltung der Zentralmacht

Neben dem Begriff der "Autorität", der Brin und Pages Modell für die Google-Suche beeinflusst hat, hat Jon Kleinberg auch den Begriff der "Haupt- und Nebengemeinschaften" (principal and non-principal communities) eingeführt. Kleinbergs Modell situiert jeden Akteur in eine Gemeinschaft und misst das Relevanz-Ranking eines Akteurs anhand der Größe dieser Gemeinschaft. Große (Haupt-)Gemeinschaften neigen zur Unterdrückung von Akteuren, die kleineren Gemeinschaften angehören. Brin und Page haben die Mechanismen, die Kleinberg zur Vermeidung dieses Effekts vorgeschlagen hat,(22) nicht in Google aufgenommen. Akteure, die kleinen, peripheren Gemeinschaften angehören, haben daher meist schlechte PageRanks. Der Unterschied zwischen den beiden Modellen lässt sich anhand eines Vergleichs der Kampagnenstruktur von my-barackobama.com, einer sozialen Networking-Seite, mit jener der gesellschaftlich-staatlichen Seite change.gov ersehen, der Seite, die nach der Wahl für Obamas Vorbereitung auf die US-Präsidentschaft geschaffen wurde. Change.gov wiederholte die Logik der sozialen Stimmabgabe auf Regierungsebene, indem sie Nutzer-generierten Content als Quelle der politischen Veränderung einsetzte. Das Prinzip von Change.gov ist ein PageRank ohne Einfluss-Differenzen. Da es sich um ein direktes Stimmabgabesystem handelt, gibt es kein soziales Netzwerk, durch welches sich Autorität verbreiten kann. Wie Kleinberg und Burt ausführen, ist der Preis für die Vorherrschaft von zentral orientierten Akteuren der Umlauf – und das Dominieren – von redundanter Information. Unabhängig vom Einfluss, den jeder eng geknüpfte soziale Cluster ausüben könnte, wären alle neuen (und vormals schwachen) Bindungen nicht-redundant, solange diese Cluster keine Hauptcluster sind und einander nicht überschneiden. Die Akteure, die am wenigsten sozial eingeschränkt und am eigenständigsten in ihren Ideen sind, sind diejenigen, die konfliktträchtige Außeninformation behandeln. Periphere Akteure besetzen die Grenze zwischen den beiden politischen Sphären.

Brücken bauen

Valdis Krebs, Chefwissenschaftler und Gründer von orgnet.com, hat sich ausführlich mit politischen Situationen befasst, in denen das Bauen von Brücken politische Entscheidungen beeinflusst hat. In einem Artikel in dem Band Extreme Democracy beurteilt er, wie sich schwache Bindungen zwischen Sphären mit verschiedenen politischen Ansichten verhalten.
    Nicht nur Personen haben (Motivations-)Schwellen, sondern auch Gemeinschaften und Netzwerke. Es gibt Schranken, die verhindern, dass sich Minderheitenmeinungen ansiedeln können. Meinungen und Information, die der im Netzwerk vorherrschenden Meinung widersprechen, werden meist abgewiesen.(23)
Diese Studie untersucht, wie die Motivationen eines Akteurs sich auf dessen Fähigkeit, Bekannte zu beeinflussen, auswirken, und zeigt damit, dass die Aufnahmeschwelle für neue Meinungen eine Eigenschaft der Gemeinschaft ist, und nicht einzelner Akteure. Ronald Burt stellt die Wirkung der Motivation auf das Verhalten von Akteuren in Netzwerken und ihrem Engagement in Gemeinschaften in Frage. Ob Akteure Beziehungen aufnehmen, weil sie dazu motiviert sind, oder weil sich eine Gelegenheit bietet, ist für Burt nicht relevant. Er betrachtet "Motivation und Gelegenheit als ein und dasselbe", da ein Akteur ebenso der Autor seines Netzwerks ist wie seine Umgebung.
    [Ein] Netzwerk, in dem es viele unternehmerische Möglichkeiten gibt, umgibt einen Akteur, der unternehmerisch motiviert ist. Umgekehrt lebt ein Akteur, der keinerlei unternehmerische Motive hat, in einem Netzwerk ohne unternehmerische Möglichkeiten.(24)
Dies bedeutet, dass ein Netzwerk so wachsen oder angepasst werden kann, dass es die Vorteile von strukturellen Löchern ausnutzt. Krebs schlägt vor, den Nutzen von Plouffes Strategie in direktem Vergleich mit früheren Wahlen zu evaluieren. Während der US-Wahlen 2004 veröffentlichte die New York Times einen Artikel, der auf einer Cluster-Analyse von Online-Buchkäufen beruhte, und der Sunsteins Polarisierungs-Argument bekräftigt. [Krebs] bezeichnet dieses Muster als den "Echokammer-Effekt": Er stellte fest, dass ein Großteil der Käufer liberaler Bücher auch sonst nur liberale Bücher kauften, während die Käufer von konservativen Büchern auch sonst nur konservative Bücher kauften.(25)

Krebs führte die gleiche Analyse am Ende der Wahlen von 2008 durch. Dieses Mal zeigt der Graph eine neue Tendenz zu Büchern, die sowohl von Liberalen als auch von Konservativen gelesen wurden. Interessanterweise wurden diese Bücher zum Großteil an der Peripherie der jeweiligen politischen Sphäre gelesen.

Die Anti-Obama-Bücher – The Obama Nation und The Case against Barack Obama – werden meist von Menschen gelesen, die bereits gegen Obama sind. Eines der Anti-Obama-Bücher ist mit einem der [überbrückenden] Bücher verbunden [...] Könnte es sein, dass einige unentschlossene Wähler es lesen, um zu einer Entscheidung zu kommen?(26) Hier verbinden schwache Bindungen jene Teile des Netzwerks, wo sich Content findet, der im Zentrum jeder Gruppe nicht bekannt ist. In politischem Sinne sind die Überbrückung von Löchern und die Stärkung dieser Bindungen gleichbedeutend mit Konflikt oder Reibung. Wie Sunstein ausführt, ist derartige in der eigenen Sphäre unbeliebte Außeninformation notwendig, um die polarisierten Fragmente des öffentlichen Diskurses zu überbrücken. Obama plant, seine Politik nach derselben Logik auszurichten. Als er die Präsidentschaftskandidatur im Juni 2008 annahm, verkündete er: "Ich werde euch zuhören, besonders, wenn wir nicht einer Meinung sind."(27)

Burt versteht Beziehungen nicht nur in ihren positiven Eigenschaften – etwa ihren informationellen Nutzen – sondern auch in den Einschränkungen, die auf der Ebene der strukturellen Autonomie wirksam sind. Er stellt fest, dass die dramatischsten Veränderungen der strukturellen Autonomie eintreten, wenn die ersten Zeichen von Einschränkungen sichtbar werden.
    Strukturelle Löcher haben ihre größte Wirkung, wenn uneingeschränkte Handlungen beginnen, eingeschränkt zu werden. Wenn Handlungen auf niedriger Ebene eingeschränkt werden [...], sind weitere Einschränkungen beinahe überflüssig.(28)
Die Chancen, Brücken zu bauen, sind für nicht-zentrale, nicht eingeschränkte und periphere Positionen besser, da sie in der Lage sind, gegensätzliche Anforderungen gegeneinander auszuspielen, während konfliktfreie Anforderungen in einen selbstreferentiellen Kern wandern. Dieser Kern wird von der Anordnung von strukturellen Löchern um Akteure umschlossen. In jüngeren Schriften vergleicht Burt strukturelle Löcher mit "Netzwerk-Verschlüssen",(29) die auf einer höheren Skala der Kollektivität die Summen der Löcher, die strukturelle Peripherie und die soziale Grenze einer Konsens-bestimmten Sphäre von Akteuren sind. In enger Anlehnung an Burt hat Jon Kleinberg kürzlich ein optimiertes algorithmisches Modell entwickelt, das testet, inwieweit soziale Differenzen gelöst werden können, wenn alle Akteure ihre Netzwerk-Macht einsetzen, um die Löcher zu überbrücken, von denen sie umgeben sind.
    Der Symmetrie-Bruch setzt verschiedene Knoten auf verschiedene soziale Ebenen, wo sie verschiedene Arten von Nutzen erzielen [...] Da die Vorteile des Brückenbauens rasch mit der Zahl der Menschen, die es tun, abnehmen, haben jene, die zuerst handeln, Vorteile, die sich in einer gebrochenen Symmetrie des Gleichgewichts ausdrücken.(30)
Kleinbergs Modell bewegt strukturelle Löcher in extreme Gleichgewichtszustände. Seine Befunde bestätigen andere Studien mit ähnlichen Zielen; diese weisen mit anderen Methoden nach, dass die soziale Stratifizierung ein Schlüsselcharakteristikum von stabilen Netzwerken ist, auch wenn die Akteure weiterhin auf ihre strukturellen Möglichkeiten reagieren. Am anderen Extrem der politischen Strategien gibt es die Netzwerke von Terrorzellen. Obwohl diese voll auf die strukturellen Löcher zwischen ihren Zellen aufbauen, wird kaum auf sie reagiert. In einem viel zitierten Argument stellt Krebs in seiner Studie von Osama bin Ladens Al-Qaida-Struktur diese als unsichtbares Netzwerk dar, das in der Lage ist, ohne jede zentrale Befehlsgewalt zu funktionieren.
    In einem normalen sozialen Netzwerk machen starke Bindungen den Cluster der Netzwerk-Akteure sichtbar – es ist leicht festzustellen, wer der Gruppe angehört, und wer nicht. In einem verdeckten Netzwerk können starke Bindungen aufgrund der geringen Häufigkeit ihrer Aktivierung als schwache Bindungen erscheinen.(31)
Krebs zeigt, wie schwache Bindungen, die typischerweise zwischen sozial voneinander enfernten Akteuren bestehen, in der Lage sind, "tiefe strukturelle Löcher" zu überbrücken. Die Tiefe eines strukturellen Lochs nimmt mit der Schwäche der Bindung zwischen Akteuren in verschiedenen Zellen zu.(32) Sobald sie überbrückt sind, fungieren tiefe Löcher als Informationsquellen, die den Vorteil des exklusiven Zugangs mit sich bringen.(33) Krebs erklärt dann die Strategie der Pflege von starken, aber ruhenden Verbindungen.
    Das Netzwerk der Flugzeugentführer hatte eine versteckte Stärke – massive Redundanz durch frühere Vertrauens-Kontakte. Die Bindungen aus der Schulzeit, durch Verwandtschaft und aus Ausbildung und Kampfeinsätzen in Afghanistan machten dieses Netzwerk sehr widerstandsfähig.(34)
Sowohl Obamas als auch Osamas Nutzung der Macht des Netzwerks lässt sich aus der Sicht der strukturellen Löcher erklären. Beide verfügen über sehr widerstandsfähige Netzwerke, da deren Schlüsselkomponenten weitgehend autonom sind. Der Unterschied liegt im Gebrauch von Standards – den zentralen Konventionen aller Netzwerk-Akteure. In seiner Definition der Netzwerk-Macht unterscheidet David Grewal zwischen Vermittlungsstandards und Mitgliedsstandards:
    Ein Vermittlungsstandard ist ein Standard, der wesensmäßig den Zugang zu anderen kontrolliert; bestimmte soziale Aktivitäten werden von vornherein durch sie reguliert [...], sie bilden einen Bestandteil der Aktivität selbst. [Ein Mitglieds-]Standard ist nicht notwendigerweise die Grundlage oder inhärenter Bestandteil einer gegebenen Aktivität [...], sondern setzt vielmehr ein Ideal oder ein Ziel fest.(35)
Grewal stellt fest, dass Vermittlungsstandards sich von selbst durchsetzen, was erklärt, warum die Aktivität des Networkings – und des Überbrückens von strukturellen Löchern – jene mehr ermächtigt, die damit arbeiten, und das Netzwerk gleichzeitig mehr und vielfältigere Inhalte einbezieht. Im Fall der Mitgliedsstandards birgt die Offenlegung der Netzwerkstruktur ein Risiko für dessen Aktivität und Bestand.

Suchdesign

Eine vorläufige Schlussfolgerung aus diesem strukturellen Vergleich enthält zwei Negationen. Obamas Netzwerk scheint einer erneuerten Ideologie mit einer klaren Markenidentität zu folgen. Nach Grewals Begrifflichkeit gilt in diesem Netzwerk ein Vermittlungsstandard: Man wird durch das Networking selbst ein Teil des Netzwerks. Das eigentliche System ist selbstreferentiell, doch alle Anstrengungen gelten der Errichtung von Ad-hoc-Maschennetzwerken an der Peripherie, die potentielle Konflikte am Rand der politischen Sphäre aufnehmen. Dagegen besteht Osamas Netzwerk aus isolierten Zellen, die durch ruhende Bindungen getrennt sind. Eine derartige Struktur hat den Zweck, endlose Möglichkeiten für machtvolle Strategien zu schaffen, indem eine beliebige Zahl von Zellen überbrückt wird. Osamas Netzwerk braucht keine peripheren Netzwerk-Strukturen, da es einem Mitgliedsstandard unterliegt.

In diesem Beitrag vertraten wir die Auffassung, dass die kritischsten Netzwerkspositionen an der Peripherie und zwischen den dominanten Sphären von Informationsnetzwerken zu finden seien. Die derzeitigen Ranking-Modelle sind nicht in der Lage, die Macht der schwachen Bindungen zu erfassen. Damit sind sie weniger für eine Suche nach Akteuren geeignet, die zwar peripher, jedoch stark sozial engagiert sind. Zukünftige Suchmaschinendesigns werden sowohl das Back-End (den Algorithmus) und das Front-End (das User-Interface) mit schwachen Bindungen und strukturellen Löchern in Netzwerken zusammenführen müssen. Wenn der für die Suche ausschlaggebende Algorithmus nicht mehr von den Kernbereichen ausginge, sondern von peripheren Kräften, dann wäre das Design von Suchmaschinen auf einem viel versprechenden neuen Weg, um Verbesserungen in Angriff nehmen zu können. Die Nutzer müssen vermehrt auf die Strömungen aufmerksam gemacht werden, von denen die von ihnen besuchte, angeklickte oder ausgewählte Seite umgeben ist. Sie müssen in der Lage sein, zu erkennen, wo die Grenzen zwischen diesen sozialen Strömungen fortbestehen, wo sie übereinstimmen, oder wo sie voneinander abweichen. Letztlich wird Netzwerkmacht, die durch Ranking-Modelle entsteht, welche sozialen Brücken großen Wert beimessen, einen Anreiz zur Auflösung von polarisierten Standpunkten bieten, anstatt zu deren Stärkung.


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