Dossierbild: Verbotene Spiele
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7.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Werner Faulstich

Einstieg: Immer wieder

Medienumbrüche, Kulturschocks und Verbotsforderungen seit Anfang der Geschichte

Ein lauter Verbots-Ruf begleitet stets das Aufkommen neuer Medien. Wiederholt sich in der aktuellen Debatte um Computerspiele also nur ein altbekannter Prozess der Kulturgeschichte?

In der Kulturgeschichte der Menschheit gab es immer wieder Rufe nach Verboten, ausgelöst durch verbreitete Ängste vor einem drohenden Untergang, vor der unaufhaltsamen Auflösung aller Ordnungssysteme. Solche "Kulturschocks", wie man sie genannt hat, hängen meist mit gravierenden Medienumbrüchen zusammen. Sie lassen sich beim Übergang zu den Druckmedien so gut beobachten wie bei der zunehmenden Dominanz der elektronischen Medien, und nun tauchen sie vermehrt wieder auf bei dem Umschwung zur Dominanz der digitalen Medien, die heute immer stärker unsere Kultur und Gesellschaft prägen.


Medien fungieren seit jeher als komplexe Steuerungs- und Orientierungssysteme, mit denen in der Gesellschaft wichtige Probleme gelöst werden. Medien sind wie ein Marktplatz, auf dem Debatten um zentrale politische und soziale Fragen und um gesellschaftliche Wertsysteme ausgetragen werden. Insofern kommen den Medien in besonderem Maße Integrationsaufgaben zu. Und da macht es natürlich einen großen Unterschied, ob es sich bei den Medien zum Beispiel um leibhaftige Redner in der Oralkultur der Antike handelt oder um gedruckte Zeitungen in der Literarkultur, um das Fernsehen in einer modernen Technikkultur oder schließlich um den Computer in der heutigen Netzkultur. Das zeigt sich schon daran, dass immer größere Öffentlichkeiten davon berührt werden.

Platons Theaterverbot

Eines der ältesten bekannten Beispiele für rigorose Kulturkritik stammt von dem antiken Philosophen Platon, der in seinem Werk "Der Staat" Sokrates mit Glaukon im Dialog zeigt. Darin wird feinsinnig unterschieden in drei hierarchisch angeordnete Instanzen kreativen Schaffens: An oberster Stelle steht demnach der Meister aller Handwerker, nämlich Gott, der die Idee gab, zum Beispiel die Idee des Tisches. Darunter befindet sich der Werkbildner, der sich an dieser Idee orientiert und den Tisch entsprechend baut, also der Schreiner. Darunter wiederum steht der Nachbildner, der sich nur noch am gebauten Tisch orientiert und diesen beispielsweise abmalt. Dieser Nachbildner richtet sich nicht nach der Wahrheit aus, sondern nur noch an einer konkreten Erscheinung dieser Wahrheit, d.h. er verfertigt bloße Schattenbilder. Für ihn ist das kreative Schaffen kein Ernst mehr, sondern nur ein Spiel.

Mit den "Nachbildnern" meinte Platon die damals aufkommenden griechischen Tragödiendichter. Er warf ihnen vor, die Seelen der Menschen durch Emotionen, Betrübnis, Freude, Leid zu verwirren, statt Vernunft und Gesetz als Maßstab des Handelns zu nehmen. Deshalb verbannte er die Tragödiendichter aus seinem Konzept eines idealen Staates. Warum?

Die Erklärung liegt beim damaligen Übergang vom kultischen Ritual und Mythos zum antiken Theater. Der Mythos drückte das einheitliche Wesen des Göttlichen aus, war unveränderlich und damit ordnungsbegründend und systemstabilisierend. Das Theaterspiel machte damit Schluss, denn es war ein Spiel mit ganz verschiedenen Rollen. Nicht mehr die Maske eines Gottes wurde getragen, sondern es wurden ganz viele, unterschiedliche, tragische wie lustige Masken von Menschen aufgesetzt. So wurde vom Schauspieler jeweils die Identität eines andern übernommen. Gefühle dominierten vor dem Vernunfthaften, man lachte und weinte und hatte Angst und Freude, und dabei wurden Gut und Schlecht, Tugend und Untugend gefährlich verwirrend miteinander vermischt. Die göttlich gegebene Struktur des traditionellen Weltbildes zerbrach. Und: Das Theater diente primär der Unterhaltung. Damit war die Verbindlichkeit der bisherigen sakralen Ordnung des Mythos dahin.

Platons Theaterverbot war keine Ausnahme. Im Mittelalter wurden etwa die "bösen" Fahrenden – Musikanten, Spielleute, Spaßmacher, Akrobaten, Sänger, Witzeerzähler, Scholaren, Wanderkomödianten u.a. – durch die Kirche und die politischen Herrscher diskriminiert. Sie waren eine gefährliche Abweichung von der Norm, Bedrohung der eigenen Identität und ein ständiges Ärgernis, weil sie innerhalb einer blühenden Volkskultur, vergnügungsorientiert und selbstbestimmt, populär waren und doch weder am religiösen Gemeinschaftsleben teilnahmen noch etwa Steuern zahlten. Die Fahrenden standen zu den Predigern und Herrschenden, die versuchten, ihre Schäflein bei der Stange zu halten, in einem Verhältnis klarer Medienkonkurrenz.

Die Bedrohung durch den Druck

Nach der Erfindung und Verbreitung des Drucks nahmen die Verbotsforderungen zu. Schon Sebastian Brant wetterte in seinem "Narrenschiff" gegen die gedruckten Bücher und gegen das Lesen – im Gegensatz zu Predigt und mündlicher Belehrung. Die Argumente waren kurios, aber die Message und die ihr zugrunde liegenden ideologischen Interessen offensichtlich. So wurde argumentiert, durch den Druck würden Sinnentstellungen und Satzfehler des Ausgangsmanuskripts vervielfacht und häretische Anschauungen verbreitet; ja sogar die Vervielfältigung der Bibel sei abzulehnen, weil sie ungelehrte Laien zur falschen Auslegung der Heilslehre führen und damit tödliche Verwirrung erzeugen könnte. Tatsächlich arbeitete das Verbot gegen eine Destabilisierung der bestehenden kirchlich-religiösen Ordnung bzw. für die Beibehaltung des Monopols im Buchbesitz, im Lesenkönnen, in der Bibelinterpretation.

Übrigens erstreckten sich später dieselben Verbotsbemühungen auch gegen die Zeitung, nur jetzt primär aus der Perspektive der weltlichen Herrschaftsinstanzen. Die sich rapide verbreitende Zeitung wurde angeklagt, Lügen und Verleumdungen zu verbreiten, die öffentliche Meinung falsch zu beeinflussen, mit der Vielzahl der täglichen Informationen und Nachrichten eine unerträgliche Hektik ins Leben der Menschen zu bringen. Die Zeitung wurde in der berühmten "Zeitungsdebatte" Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts als Medium der Lüge diffamiert. Sie schüre nur den Weltekel, befördere den Starkult, mache Leser süchtig und propagiere Parteilichkeit und die primitive Neu-Gier. Tatsächlich wurde mit der Zeitung das Informationsmonopol des absolutistischen Hofes und letztlich der Helden- und Vorbildcharakter des "Herrschers von Gottes Gnaden" gebrochen. Nicht die kultische Ordnung wie beim Theater und nicht die kirchliche Ordnung wie beim Buch, sondern die politische Ordnung wurde hier bedroht.
Die Abwehr von Fotografie und Telefon – der Kinofilm kriminalisiert, Fernsehen infantilisiert

Immer neue Medien provozierten immer neue Klagen und verzweifelte Abwehrstrategien. Auch die Fotografie wurde bekämpft von Herrschaftseliten zur Verteidigung ihrer Machtinteressen, nur jetzt nicht mehr im Namen der Philosophie, der Theologie, des Absolutismus, sondern im Namen der Kunst. Durch den Fotoapparat werde Wirklichkeit so reproduziert, wie sie sei – erstens eine Gotteslästerung durch einen teuflischen Apparat, zweitens eine Verkümmerung gegenüber der Malerei, die allein zur ästhetischen Gestaltung und damit zu Kunst imstande sei. Ihre Aura, in der Einzigartigkeit des Kunstwerks begründet, verschwinde durch die technische Reproduzierbarkeit. Die Demokratisierung von Kunst, wie sie in der Fotografie als Massenkunst erstmals umgesetzt wurde, sollte hier von einer selbst ernannten kulturellen Elite mit dem Wertekanon einer Abgrenzungsästhetik der Ober- und Mittelschicht verhindert werden.

Im 20. Jahrhundert ging es Schlag auf Schlag: Der Hörfunk wurde von dem Theatermann Bertolt Brecht schon 1927 als "eine sehr schlechte Sache" diffamiert. Das Telefon wurde in den frühen 1930er Jahren als Verfall der Briefkultur beklagt, ihm wurde eine affektive Hemmungslosigkeit in der Kommunikation vorgeworfen. Die Schallplatte wurde zur gleichen Zeit als oberflächliches Konkurrenzmedium gegenüber dem guten Schrifttum und dem guten Theater charakterisiert. Dem Kinofilm wurde im Verlauf der 1930er Jahre angeblich zweifelsfrei wissenschaftlich nachgewiesen, dass er die Jugend moralisch verdirbt und seine Zuschauerinnen und Zuschauer kriminalisiert. Das Fernsehen wurde in den 1970er und 1980er Jahren als Droge im Wohnzimmer kritisiert, die nur Wirklichkeit aus zweiter Hand bietet, bloßen Erlebnisersatz, und die uns süchtig macht bis zur Infantilisierung.

Gleichzeitig kam es zu einem kuriosen Umschwung: Die früher diffamierten Primärmedien wie das Theater und die früher abgelehnten Druckmedien wie das Buch wurden nun den kulturzerstörerischen elektronischen Medien als Garanten kultureller Güte und Werte entgegengehalten. Die Argumente orientierten sich wieder stark an Platon. So beklagte etwa Günther Anders 1955/56, die Massenmedien lieferten uns weder die Ereignisse noch die Bilder von Ereignissen, sondern nur noch Phantome, Matrizen zur bloßen Unterhaltung und Zerstreuung. Und natürlich lässt sich diese Kritik und der Ruf nach Verboten auch beim Comic-Heftchen nachzeichnen. Erinnert sei beispielsweise an die Schmutz- und Schunddebatten der 1920er und dann der 1950er Jahre, in den 1980er und 1990er Jahren zeitgemäß abgelöst von den Diskriminierungen und Anklagen kinder- und jugendverderblicher Game-Boys oder kulturzerstörerischer "Videoten".

Der Aufschrei gegen Ego-Shooter

Heute also stehen Computer- und Netzspiele im Fokus der selbsternannten Kulturbewahrer, und wieder finden sich die alten Argumente um Spiel und Spaß gegen unverrückbaren Ernst und wahre Werte, um Abhängigkeit und Sucht gegen verantwortungsvolles und selbstbestimmtes Leben, um das Verwechseln von Fiktion mit Wirklichkeit, um Verbrechensverherrlichung und falsche Menschen- und Weltbilder.

Neu gegenüber den früheren Medienumbrüchen ist das medienspezifische Potential von Computer und Netzmedien zur Wirklichkeitssimulation, die eine stärkere bzw. leichtere Identifikation des Nutzers mit den medialen Welten mit sich bringt. Aber die Sprünge vom autoritären Ritual zum verbalen Live-Medium Theater, von dort zu den abstrakten Printmedien und dann zu den Wirklichkeit reproduzierenden audiovisuellen Medien Film und Fernsehen waren nicht weniger gravierend als der jüngste, der hier zur Debatte steht. Höchstens ihre immer schnellere Folge ließe sich notieren – womit vielleicht die zunehmende Heftigkeit der Auseinandersetzung verständlicher würde. Die Analyse der sogenannten "Killerspiele", eine genauere Betrachtung der Beiträge der Pädagogen und Politiker über den "Nahkampf im Kinderzimmer" und die Befunde seriöser wissenschaftlicher Untersuchungen zu den Wirkungen der Spiele und zu den Spielern selbst lassen jedenfalls nichts erkennen, was sich von den Kulturschocks und Verbotsforderungen seit Anfang der Geschichte fundamental unterscheiden würde.

Aus der historischen Perspektive lässt sich vielmehr eine klare Forderung ableiten. Es darf nicht gefragt werden: Wogegen richtet sich die Kulturkritik, die Medienkritik? Das Theater, das Buch, die Fotografie, das Fernsehen und nun Computer und Internet – sie sind nur der Popanz, ein Ablenkungsmanöver. Sondern die Frage muss lauten: Wofür kämpft Kulturkritik, Medienkritik? Welche Ängste kommen dabei zum Vorschein? Welche Verluste werden beklagt? Welche ideologischen Interessen liegen hier zugrunde? Welche Funktionen hat die Verbotsforderung?

Die aktuelle Debatte um Computerspiele hat diese Fragerichtung bisher kaum gesichtet, geschweige denn Antworten darauf gefunden. Dabei wären sie naheliegend: Das traditionelle bürgerliche Kultur- und Mediensystem, das schon die elektronischen Medien weitgehend ausgegrenzt hat und bis heute abwertet – so werden Film und Fernsehen z.B. im Schulunterricht praktisch unterschlagen –, wird mit den digitalen Medien hoffnungslos obsolet und schlägt in seinen Beharrungstendenzen wild um sich. Die heute 50- und 60jährigen sind bezeichnenderweise nur bedingt medienkompetent; hinsichtlich der Kampfspiele im Ego-Shooter-Modus sind sie von jeder Sachkenntnis vielfach weit entfernt, sie verfügen nicht über die Spielfertigkeiten junger Leute und orientieren sich vor allem an traditionellen, heute vielfach anders gewichteten Kulturtechniken. Aber vielleicht hat auch die Gewaltverdrängung der "Love"-Generation der 1960er Jahre mit den Rufen nach Verboten angeblicher "Killer"-Spiele zu tun. Oder wird hier die Politik als Zensor aktiv, weil sie das Gewaltmonopol des Staates bedroht sieht und gerne verdecken möchte, wie wenig es ihr (und uns) real gelingt, Gewalt und Krieg in heutigen Gesellschaften zu verhindern?

Literatur

Faulstich, Werner (2000): "Jetzt geht die Welt zugrunde..." "Kulturschocks" und Medien-Geschichte: Vom antiken Theater bis zu Multimedia. In: Ders. (Hg.); Medienkulturen. München: Fink Verlag, S. 171-188.

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