Dossierbild: Verbotene Spiele

7.8.2007 | Von:
Dr. Eggert Holling

Einstieg: Die USK und ihre Kritiker

Kritik an der USK

Kritik an den Alterseinstufungen der USK

Seit Bestehen der USK werden die Alterseinstufungen der USK von unterschiedlichen Seiten kritisiert. Als manches Mal zu hoch werden die Einstufungen häufig vor allem von den Spielenden und mitunter von der Industrie wahrgenommen. Als Begründung wird oft angeführt, dass sie häufig deutlich über den international üblichen Einstufungen liegen. Dies hat u.a. zur Folge, dass sich die internationale Branche gerade bei Gewaltszenen im Spiel genötigt sieht, "lokalisierte" (spezielle entschärfte) Versionen ausschließlich für den deutschen Markt zu entwickeln.

Kritik an zu niedrigen Einstufungen

Insbesondere durch die Studie "Medienkonsum, Schulleistungen und Jugendgewalt" [1] des Kriminologischen Instituts Niedersachsens (KFN) wurde die Forderung nach einer Verschärfung der Alterseinstufungskriterien bis hin zu einem Verbot von "Killerspielen" laut.

In dieser Studien wird ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Konsum gewalthaltiger Computerspiele und schlechten Schulleistungen bzw. erhöhter Gewaltbereitschaft von Jugendlichen behauptet. Eine solcher ursächlicher Zusammenhang kann in der Studie allerdings nicht nachgewiesen werden. Gefunden wurden lediglich Korrelationen zwischen den genannten Aspekten, die man unterschiedlich interpretieren kann (etwa so, dass gewaltbereite Menschen eher gewalthaltige Spiele wählen). Ungeachtet dessen stellt dieStudie jedoch fest, dass Kinder nicht selten Computerspiele spielen, die für ihre Alterstufe nicht freigegeben wurden.

Auch in einer weiteren Studie ("Alterseinstufungen von Computerspielen durch die USK") [2] kritisiert das KFN die Altersentscheidungen der USK. 62 Spiele mit einer USK-Kennzeichnung wurden nochmals vom KFN eingestuft, mit dem Resultat, dass die Freigaben in der Mehrzahl der Fälle zu niedrig sei.

Diese Neueinstufungen werden im Einzelfall nicht begründet. Zwar liegt jeweils eine standardisierte und differenzierte Spielebeschreibung vor (einschließlich mitgeschnittener Szenen), die eigentliche Begründung der Entscheidung aber, welche Beeinträchtigen durch welche Aspekte des Spiels für welche Alterstufe befürchtet werden und warum, wird nicht dokumentiert. In dieser Studie wird die Alterseinstufung von jeweils einem einzigen Tester getroffen (S. 22). Danach gibt es allerdings eine Plausibilitätsprüfung durch zwei wissenschaftliche Mitarbeiter.

Als Hauptargument für die Tendenz zur Verschärfung der Alterseinstufungen wird folgende These angeführt: Aufgrund der aktiven Rolle des Spielenden seien beim Konsum gewalthaltiger Spiele nachhaltigere Folgen zu erwarten als beim Konsum vergleichbarer Filme.

Aktuelle andere Analysen kommen zu dem entgegengesetzten Befund: So fasst die Studie "Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele" [3] des Hans-Bredow-Instituts nach Sichtung der einschlägigen Studien zum Resultat (S. 139):

"Empirische Forschungsergebnisse zeigen zwar, dass das Involvement bei Spielen in der Regel höher ist, aufgrund des bei der Rezeption von Filmen maßgeblichen empathischen Miterlebens der Ereignisse, denen auch im Falle eindeutig fiktionaler Stoffe ein gewisser Realitätscharakter zugewiesen wird, wirken aber dieselben visuellen Darstellungen in einem Film bedrohlicher als in Bildschirmspielen, die stets an das eigene Handeln der Spielenden gebunden bleiben. Trotz des Flow-Erlebens sind sich die Spieler in der Regel bewusst, dass sie ein Spiel spielen, was ihnen zum Inhalt eine gewisse Distanz verschafft."

Ähnliche Ergebnisse finden sich in der jüngeren Studie "Video Games" des British Board of Film Classifikation (BBFC) [4] und den Arbeiten des Forschungsschwerpunkts "Wirkung virtueller Welten" an der Fachhochschule Köln. Die von dem KFN vorgelegten Einstufungen sind somit als akademische Einzelstimme und Diskussionsanregung einzuschätzen.

Weitere Kritikpunkte an der Arbeit der USK

Neben den zwei genannten Hauptkritiklinien – zu hohe bzw. zu niedrige Alterskennzeichnung – wurden seit Bestehen der USK einige weitere Detailkritiken geäußert, jüngst prominent in dem genannten Endbericht des Hans-Bredow-Instituts zur Evaluation des Jugendmedienschutzsystems in Deutschland:
  • Es gebe zu viele Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, die Altersbeschränkungen der USK zu umgehen: Kinder besorgten sich Spiele über ältere Geschwister oder Freunde, in Deutschland indizierte Fassungen könnten aus dem Ausland oder aus dem Internet bezogen werden, im Handel werde nicht hinreichend auf die Alterseinstufungen geachtet.
  • Die USK-Kennzeichnung sei leicht zu übersehen und schwer zu lesen.
  • Mangelnde Transparenz und Einheitlichkeit der Darstellung der Begründung der Alterseinstufung und den dabei zugrunde gelegten Kriterien.
  • Abstimmungsprobleme mit der BPjM, insbesondere die fehlende systematische Informierung der BpjM über Spiele, denen die USK eine Kennzeichnung verweigerte und die somit potenziell indizierungswürdig sind.
  • Mangelnde Transparenz, was Zusammenhänge zwischen der USK und anderen Projekten des Trägers fsj e.V. anbelangt.
  • li>Die (allerdings gesetzlich vorgegebenen) Altersstufen seien zu undifferenziert. Insbesondere die große Spanne zwischen 6 und 12 Jahren wird als Problem gesehen.
  • Ein einmal von der USK gekennzeichnetes Spiel kann nachträglich nicht mehr indiziert werden. Hier wird eine Korrekturmöglichkeit gefordert.
  • Bereits gekennzeichnete Spiele können unter Umständen nachträglich vom Unternehmen oder Fans geändert werden, etwa durch Patches, Add-Ons und Mods.
  • Es gibt derzeit keine gesetzliche Grundlage, um die immer zunehmende Zahl an reinen Online-Spielen durch die USK zu kennzeichnen, insbesondere so genannte "Mini-Games", die über die Online-Plattformen von Konsolen vertrieben werden, reine Browserspiele und einzelne, für Spiele herunterladbare Level.
Maßnahmen der USK zur Qualitätsverbesserung

In Reaktion auf Kritik sowie interne Evaluationen hat die USK seit 2003 eine Reihe von Maßnahmen ergriffen:
  • Seit 2004 finden regelmäßig Treffen zur Abstimmung zwischen USK, dem Bundesfamilienministerium, der Obersten Landesjugendbehörden und der BPjM statt. Bei der Arbeit mit dem BPjM geht es vor allem um die Abstimmung der Kriterienkataloge
  • Seit 2004 gibt es keine Spielepräsentation durch Anbieter mehr.
  • Seit 2005 gibt es ein Qualitätshandbuch für die Tester und ihre Arbeit.
  • Seit 2006 arbeitet die AG "Jugendentscheid" daran, die Transparenz in der Darstellung der Entscheidung und an den Kriterien dafür noch konzentrierter zu qualifizieren.
Darüber hinaus ist derzeit eine organisatorische Herauslösung der USK aus dem fsj e.V. im Gespräch. Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V. (BIU) verkündete hierzu unlängst: "In Zukunft wird die USK als gemeinnützige Gesellschaft außerhalb des fjs zwischen Industrieverband und den Ländern positioniert."

Literatur

Mößle, Thomas/Matthias Kleimann/Florian Rehbein/Christian Pfeiffer (2007): Mediennutzung, Schulerfolg, Jugendgewalt und die Krise der Jungen. Vortrag, Arnsberg, 7. März 2007. Auf: www.bezregarnsberg.nrw.de

Höynck, Theresia/Thomas Mößle/Matthias Kleimann/Christian Pfeiffer/Florian Rehbein (2007): Alterseinstufung von Computerspielen durch die USK. Zusammenfassung des Forschungsberichtes. Hannover: KFN. Auf: www.kfn.de

Inka Brunn, Hardy Dreier, Stephan Dreyer, Uwe Hasebrink, Thorsten Held, Claudia Lampert und Wolfgang Schulz (Projektleitung) (2007): Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele. Endbericht, 28.6.2007. Hamburg: Hans-Bredow-Institut. Auf: www.hans-bredow-institut.de

Dawson, Cragg Ross/Arnold Cragg/Catherine Taylor/Ben Toombs (2007): Video Games. Research to improve understanding of what players enjoy about video games, and to explain their preferences for particular games. London: BBFC. Auf: bbfc.co.uk.
Die Studie liegt auch in einer Kurzfassung vor.

Erika Berthold und Eggert Holling: Killerspielalarm in Deutschland. Das schwierige Geschäft der Alterseinstufung und die Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Telepolis, 14. Juni 2007. Auf: www.heise.de

Kunczik, Michael/Astrid Zipfel (2005): Medien und Gewalt: Befunde der Forschung seit 1998. Berlin: BMFSFJ. Auf: www.bmfsfj.de


Links

Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle USK: www.usk.de

Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien: www.bundespruefstelle.de

Creative Commons License

Lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.


Fußnoten

1.
Mößle, Thomas/Matthias Kleimann/Florian Rehbein/Christian Pfeiffer (2007): Mediennutzung, Schulerfolg, Jugendgewalt und die Krise der Jungen. Vortrag, Arnsberg, 7. März 2007.
2.
Höynck, Theresia/Thomas Mößle/Matthias Kleimann/Christian Pfeiffer/Florian Rehbein (2007): Alterseinstufung von Computerspielen durch die USK. Zusammenfassung des Forschungsberichtes. Hannover: KFN.
3.
Inka Brunn, Hardy Dreier, Stephan Dreyer, Uwe Hasebrink, Thorsten Held, Claudia Lampert und Wolfgang Schulz (Projektleitung) (2007): Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele. Endbericht, 28.6.2007. Hamburg: Hans-Bredow-Institut.
4.
Dawson, Cragg Ross/Arnold Cragg/Catherine Taylor/Ben Toombs (2007): Video Games. Research to improve understanding of what players enjoy about video games, and to explain their preferences for particular games. London: BBFC.

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