Dossierbild: Verbotene Spiele
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7.8.2007 | Von:
Dr. Eggert Holling

Einstieg: Die USK und ihre Kritiker

Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle vergibt die Alterskennzeichen für Computer- und Videospiele. Eggert Holling schildert ihre Funktion, Kritiken und Reformen der USK seit ihrer Gründung 1994.

Was ist die USK?

Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) wurde 1994 nach dem Vorbild der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) durch eine Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Jugend und der Unterhaltungssoftware-Industrie gegründet. Die Trägerschaft übernahm der gemeinnützige Förderverein für Jugend und Sozialarbeit (fjs) e.V. in Berlin.


2003 wurde das Verfahren der Alterseinstufung auf eine gesetzliche Grundlage gestellt. Die Alterskennzeichnung auf Datenträgern für Computerspiele für Computerspiele wurde damit gesetzlich vorgeschrieben. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Kennzeichnung zwar weiterhin von unabhängigen Gutachtern getroffen, bekam jetzt ihre Gültigkeit jedoch nur in Kombination mit der Übernahme durch den Ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden (OLJB).

Finanzierung

Die Arbeit der USK wird finanziert durch Beiträge, die die einreichenden Hersteller bzw. Vertreiber von Spielen zu entrichten haben. Es handelt sich um einen je nach Verfahrensart fixen Betrag, der unabhängig von der Art des Spiels und vom Ergebnis der Prüfentscheidung zu entrichten ist.

Organisation

Die Grundsätze der Prüfentscheidungen werden von einem 18köpfigen Beirat entschieden und kontrolliert. Dieser setzt sich aus Vertretern des Bundesfamilienministeriums, der Obersten Landesjugendbehörden, der Kirchen, der Wissenschaft, der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), Jugendorganisationen und dem Träger der USK zusammen. Die Wirtschaft entsendet zwei Vertreter in den Beirat. Alle Entscheidungen müssen zudem von den Jugendministern der Länder gebilligt werden.

Das Prüfverfahren

Die Prüfung eines Computerspiels besitzt im Vergleich etwa zum Film die Schwierigkeit, dass das komplette Durchspielen eines Spiels 30 Stunden und länger dauern kann. Dies schließt praktisch aus, dass alle Gutachtende das Spiel selbst komplett durchspielen. Um dennoch einen Überblick über das Gesamtspiel zu bekommen, erfolgt die eigentliche Spieleprüfung in zwei Stufen:

In der Testphase wird das Spiel von einem Tester komplett durchgespielt. Zwischenstände werden gespeichert. Der Tester schreibt einen Testbericht, in dem ein Überblick über Verlauf und Inhalt des Spieles gegeben wird, unter besonderer Berücksichtigung der Momente, die für die Alterseinstufung bedeutsam sein könnten.

In der eigentlichen Prüfphase tritt ein fünfköpfiges Gremium zusammen. Die Gutachtenden verschaffen sich durch den Testbericht einen ersten Überblick über das Spiel. Anschließend wird der zu prüfende Titel vom Tester vor den Gutachtenden gespielt. In der Regel zunächst das erste Level und dann anhand der gespeicherten Zwischenstände verschiedene Spielphasen bis zur Endphase.

Gespielt wird, was der geschulte Tester vorschlägt, sowie das, was von den Gutachtenden im Detail dann zu sehen gewünscht wird. Dabei besteht für die Gutachtenden jederzeit die Möglichkeit, aktiv mitzuspielen, um auch aus dieser Perspektive einen Eindruck zu gewinnen.

Anschließend folgt die Diskussion, bei welchen Aspekten welche Beeinträchtigungen für Kinder oder Jugendliche verschiedener Altersstufen befürchtet werden und warum. Die Alterseinstufung wird dann entweder einstimmig oder per Mehrheitsentscheid getroffen.

Seit 2003 muss jede Altersempfehlung der Gutachtenden vom Ständigen Vertreter der OLJB bestätigt werden, um rechtlich wirksam zu werden, wobei er bei jeder Entscheidungsfindung direkt anwesend ist. Der Vertreter der OLJB kann gegen jede getroffene Einstufung sein Veto einlegen. In diesem Fall erfolgt eine erneute Prüfung durch ein anders zusammengesetztes Gremium. Eine solche Berufung kann ebenfalls von den Antragstellern beantragt werden. Wird mit der Berufung immer noch kein Konsens erreicht, entscheidet der Beirat der USK in einem eigenen siebenköpfigen Gremium.

Wer prüft?

Ein Prüfgremium besteht je nach Verfahren aus drei oder vier unabhängigen und ehrenamtlich tätigen Gutachtenden und dem Ständigen Vertreter der OLJB. Insgesamt sind derzeit 55 Gutachtende für die USK tätig. Sie kommen aus allen 16 Bundesländern, sind Frauen und Männer verschiedener Altersstufen, arbeiten als Pädagogen, Sozialwissenschaftler, Journalisten oder Mitarbeiter von Jugendeinrichtungen u.ä. Sie sind nicht in der Hard- oder Softwareindustrie tätig. Sie werden von den Bundesländern vorgeschlagen und vom USK-Beirat bestätigt. Aufgrund der hohen Zahl der Gutachtenden tritt so gut wie nie ein Gremium in der gleichen Zusammensetzung zweimal zusammen.

Die Tester werden nach einer Einarbeitung und einer längeren Probephase vom Beirat bestätigt. Es gibt vier nebenamtliche Tester und einen hauptamtlichen Leiter des Testbereiches.

Kritik an der USK

Kritik an den Alterseinstufungen der USK

Seit Bestehen der USK werden die Alterseinstufungen der USK von unterschiedlichen Seiten kritisiert. Als manches Mal zu hoch werden die Einstufungen häufig vor allem von den Spielenden und mitunter von der Industrie wahrgenommen. Als Begründung wird oft angeführt, dass sie häufig deutlich über den international üblichen Einstufungen liegen. Dies hat u.a. zur Folge, dass sich die internationale Branche gerade bei Gewaltszenen im Spiel genötigt sieht, "lokalisierte" (spezielle entschärfte) Versionen ausschließlich für den deutschen Markt zu entwickeln.

Kritik an zu niedrigen Einstufungen

Insbesondere durch die Studie "Medienkonsum, Schulleistungen und Jugendgewalt" [1] des Kriminologischen Instituts Niedersachsens (KFN) wurde die Forderung nach einer Verschärfung der Alterseinstufungskriterien bis hin zu einem Verbot von "Killerspielen" laut.

In dieser Studien wird ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Konsum gewalthaltiger Computerspiele und schlechten Schulleistungen bzw. erhöhter Gewaltbereitschaft von Jugendlichen behauptet. Eine solcher ursächlicher Zusammenhang kann in der Studie allerdings nicht nachgewiesen werden. Gefunden wurden lediglich Korrelationen zwischen den genannten Aspekten, die man unterschiedlich interpretieren kann (etwa so, dass gewaltbereite Menschen eher gewalthaltige Spiele wählen). Ungeachtet dessen stellt dieStudie jedoch fest, dass Kinder nicht selten Computerspiele spielen, die für ihre Alterstufe nicht freigegeben wurden.

Auch in einer weiteren Studie ("Alterseinstufungen von Computerspielen durch die USK") [2] kritisiert das KFN die Altersentscheidungen der USK. 62 Spiele mit einer USK-Kennzeichnung wurden nochmals vom KFN eingestuft, mit dem Resultat, dass die Freigaben in der Mehrzahl der Fälle zu niedrig sei.

Diese Neueinstufungen werden im Einzelfall nicht begründet. Zwar liegt jeweils eine standardisierte und differenzierte Spielebeschreibung vor (einschließlich mitgeschnittener Szenen), die eigentliche Begründung der Entscheidung aber, welche Beeinträchtigen durch welche Aspekte des Spiels für welche Alterstufe befürchtet werden und warum, wird nicht dokumentiert. In dieser Studie wird die Alterseinstufung von jeweils einem einzigen Tester getroffen (S. 22). Danach gibt es allerdings eine Plausibilitätsprüfung durch zwei wissenschaftliche Mitarbeiter.

Als Hauptargument für die Tendenz zur Verschärfung der Alterseinstufungen wird folgende These angeführt: Aufgrund der aktiven Rolle des Spielenden seien beim Konsum gewalthaltiger Spiele nachhaltigere Folgen zu erwarten als beim Konsum vergleichbarer Filme.

Aktuelle andere Analysen kommen zu dem entgegengesetzten Befund: So fasst die Studie "Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele" [3] des Hans-Bredow-Instituts nach Sichtung der einschlägigen Studien zum Resultat (S. 139):

"Empirische Forschungsergebnisse zeigen zwar, dass das Involvement bei Spielen in der Regel höher ist, aufgrund des bei der Rezeption von Filmen maßgeblichen empathischen Miterlebens der Ereignisse, denen auch im Falle eindeutig fiktionaler Stoffe ein gewisser Realitätscharakter zugewiesen wird, wirken aber dieselben visuellen Darstellungen in einem Film bedrohlicher als in Bildschirmspielen, die stets an das eigene Handeln der Spielenden gebunden bleiben. Trotz des Flow-Erlebens sind sich die Spieler in der Regel bewusst, dass sie ein Spiel spielen, was ihnen zum Inhalt eine gewisse Distanz verschafft."

Ähnliche Ergebnisse finden sich in der jüngeren Studie "Video Games" des British Board of Film Classifikation (BBFC) [4] und den Arbeiten des Forschungsschwerpunkts "Wirkung virtueller Welten" an der Fachhochschule Köln. Die von dem KFN vorgelegten Einstufungen sind somit als akademische Einzelstimme und Diskussionsanregung einzuschätzen.

Weitere Kritikpunkte an der Arbeit der USK

Neben den zwei genannten Hauptkritiklinien – zu hohe bzw. zu niedrige Alterskennzeichnung – wurden seit Bestehen der USK einige weitere Detailkritiken geäußert, jüngst prominent in dem genannten Endbericht des Hans-Bredow-Instituts zur Evaluation des Jugendmedienschutzsystems in Deutschland:
  • Es gebe zu viele Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, die Altersbeschränkungen der USK zu umgehen: Kinder besorgten sich Spiele über ältere Geschwister oder Freunde, in Deutschland indizierte Fassungen könnten aus dem Ausland oder aus dem Internet bezogen werden, im Handel werde nicht hinreichend auf die Alterseinstufungen geachtet.
  • Die USK-Kennzeichnung sei leicht zu übersehen und schwer zu lesen.
  • Mangelnde Transparenz und Einheitlichkeit der Darstellung der Begründung der Alterseinstufung und den dabei zugrunde gelegten Kriterien.
  • Abstimmungsprobleme mit der BPjM, insbesondere die fehlende systematische Informierung der BpjM über Spiele, denen die USK eine Kennzeichnung verweigerte und die somit potenziell indizierungswürdig sind.
  • Mangelnde Transparenz, was Zusammenhänge zwischen der USK und anderen Projekten des Trägers fsj e.V. anbelangt.
  • li>Die (allerdings gesetzlich vorgegebenen) Altersstufen seien zu undifferenziert. Insbesondere die große Spanne zwischen 6 und 12 Jahren wird als Problem gesehen.
  • Ein einmal von der USK gekennzeichnetes Spiel kann nachträglich nicht mehr indiziert werden. Hier wird eine Korrekturmöglichkeit gefordert.
  • Bereits gekennzeichnete Spiele können unter Umständen nachträglich vom Unternehmen oder Fans geändert werden, etwa durch Patches, Add-Ons und Mods.
  • Es gibt derzeit keine gesetzliche Grundlage, um die immer zunehmende Zahl an reinen Online-Spielen durch die USK zu kennzeichnen, insbesondere so genannte "Mini-Games", die über die Online-Plattformen von Konsolen vertrieben werden, reine Browserspiele und einzelne, für Spiele herunterladbare Level.
Maßnahmen der USK zur Qualitätsverbesserung

In Reaktion auf Kritik sowie interne Evaluationen hat die USK seit 2003 eine Reihe von Maßnahmen ergriffen:
  • Seit 2004 finden regelmäßig Treffen zur Abstimmung zwischen USK, dem Bundesfamilienministerium, der Obersten Landesjugendbehörden und der BPjM statt. Bei der Arbeit mit dem BPjM geht es vor allem um die Abstimmung der Kriterienkataloge
  • Seit 2004 gibt es keine Spielepräsentation durch Anbieter mehr.
  • Seit 2005 gibt es ein Qualitätshandbuch für die Tester und ihre Arbeit.
  • Seit 2006 arbeitet die AG "Jugendentscheid" daran, die Transparenz in der Darstellung der Entscheidung und an den Kriterien dafür noch konzentrierter zu qualifizieren.
Darüber hinaus ist derzeit eine organisatorische Herauslösung der USK aus dem fsj e.V. im Gespräch. Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V. (BIU) verkündete hierzu unlängst: "In Zukunft wird die USK als gemeinnützige Gesellschaft außerhalb des fjs zwischen Industrieverband und den Ländern positioniert."

Literatur

Mößle, Thomas/Matthias Kleimann/Florian Rehbein/Christian Pfeiffer (2007): Mediennutzung, Schulerfolg, Jugendgewalt und die Krise der Jungen. Vortrag, Arnsberg, 7. März 2007. Auf: www.bezregarnsberg.nrw.de

Höynck, Theresia/Thomas Mößle/Matthias Kleimann/Christian Pfeiffer/Florian Rehbein (2007): Alterseinstufung von Computerspielen durch die USK. Zusammenfassung des Forschungsberichtes. Hannover: KFN. Auf: www.kfn.de

Inka Brunn, Hardy Dreier, Stephan Dreyer, Uwe Hasebrink, Thorsten Held, Claudia Lampert und Wolfgang Schulz (Projektleitung) (2007): Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele. Endbericht, 28.6.2007. Hamburg: Hans-Bredow-Institut. Auf: www.hans-bredow-institut.de

Dawson, Cragg Ross/Arnold Cragg/Catherine Taylor/Ben Toombs (2007): Video Games. Research to improve understanding of what players enjoy about video games, and to explain their preferences for particular games. London: BBFC. Auf: bbfc.co.uk.
Die Studie liegt auch in einer Kurzfassung vor.

Erika Berthold und Eggert Holling: Killerspielalarm in Deutschland. Das schwierige Geschäft der Alterseinstufung und die Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Telepolis, 14. Juni 2007. Auf: www.heise.de

Kunczik, Michael/Astrid Zipfel (2005): Medien und Gewalt: Befunde der Forschung seit 1998. Berlin: BMFSFJ. Auf: www.bmfsfj.de


Links

Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle USK: www.usk.de

Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien: www.bundespruefstelle.de

Creative Commons License

Lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

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Fußnoten

1.
Mößle, Thomas/Matthias Kleimann/Florian Rehbein/Christian Pfeiffer (2007): Mediennutzung, Schulerfolg, Jugendgewalt und die Krise der Jungen. Vortrag, Arnsberg, 7. März 2007.
2.
Höynck, Theresia/Thomas Mößle/Matthias Kleimann/Christian Pfeiffer/Florian Rehbein (2007): Alterseinstufung von Computerspielen durch die USK. Zusammenfassung des Forschungsberichtes. Hannover: KFN.
3.
Inka Brunn, Hardy Dreier, Stephan Dreyer, Uwe Hasebrink, Thorsten Held, Claudia Lampert und Wolfgang Schulz (Projektleitung) (2007): Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele. Endbericht, 28.6.2007. Hamburg: Hans-Bredow-Institut.
4.
Dawson, Cragg Ross/Arnold Cragg/Catherine Taylor/Ben Toombs (2007): Video Games. Research to improve understanding of what players enjoy about video games, and to explain their preferences for particular games. London: BBFC.

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