Auf einem Notebook ist die Startseite der deutschen Wikipedia vor einem Bücherregal zu sehen

10.10.2012 | Von:
Torsten Kleinz

Der schnelle Weg zum Weltwissen

Die Geschichte der Wikipedia

Im Sommer 2003 gründete Jimmy Wales daher die Wikimedia Foundation, eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in den USA, die fortan den Betrieb der Wikipedia verantworten sollte. Ein erster Spendenaufruf auf der Webseite brachte weltweit 30.000 Dollar ein – mehr als genug um die Server des Projekts zu bezahlen. Das Geld wurde unter anderem genutzt, um der Wikipedia mehrere Schwesterprojekte zur Seite zu stellen: 2002 war schon das Wörterbuch "Wiktionary" gestartet, 2003 folgten die Zitatesammlung Wikiquote und Wikibooks, eine Plattform für frei verfügbare Lehrbücher. 2004 eröffnete das kollaborative Nachrichtportal Wikinews. Heute hat Wikipedia insgesamt acht Schwesterprojekte, von denen jedoch lediglich die Multimedia-Sammlung "Wikimedia Commons" den Erfolg von Wikipedia nachahmen konnte.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt "The State of Wikipedia on Vimeo" von player.vimeo.com.Ich bin damit einverstanden, daß externe Inhalte von player.vimeo.com nachgeladen werden. Damit werden personenbezogenen Daten (mindestens die IP-Adresse) an den Drittanbieter übermittelt. Weiteres dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

 Externen Inhalt einbinden

'The State of Wikipedia' ist ein Animationsfilm von JESS3 in dem Jimmy Wales die Geschichte der Wikipedia spricht


In Deutschland setzten Wikipedia-Enthusiasten andere Akzente: Anfang 2004 gründeten sie "Wikimedia Deutschland”. Obwohl der Verein keine direkte Verantwortung für den Betrieb der Online-Enzyklopädie hat und anfangs formell eher ein Wikipedia-Fanclub war, wurde er zur Keimzelle der Wikimedia-Bewegung. So luden die Deutschen 2005 Wikipedia-Aktivisten aus der ganzen Welt zur ersten Konferenz unter dem Titel "Wikimania" ein. Außerdem eröffneten sie in Frankfurt eine eigene Geschäftsstelle, die als Ansprechpartner für die Allgemeinheit diente und um Kooperationen mit Wissenschaftlern und anderen Organisationen warb.

Das Ringen um Qualität und Neutralität

Eines der ersten Projekte des jungen Vereins war eine Kooperation mit dem Berliner Verlag Digibib. Er gab ab 2004 eine Offline-Ausgabe der Wikipedia auf CD und DVD heraus. Dies hatte zwei wesentliche Effekte: Zum einen konnte Wikipedia so den Exoten-Status des reinen Internet-Projekts abstoßen und sich mit den digitalen Produkten der etablierten Konkurrenz wie Brockhaus oder Microsofts damaliger Multimedia-Enzyklopädie Encarta messen lassen. Zum anderen steigerte das Projekt die Qualitätsmaßstäbe innerhalb der Wikipedia.

War die Online-Enzyklopädie bis dahin "work in progress" ohne Abgabetermine und Anspruch auf Vollständigkeit, identifizierten die freiwilligen Autoren nun qualitativ hochwertige Artikel und versuchten beim Rest zumindest Mindeststandards zu erfüllen. In einer konzertierten Aktion versahen Wikipedia-Autoren zum Beispiel mehrere Tausend Artikel über Personen mit Angaben wie Geburtsort, Beruf, Sterbedatum. Auch andere Sprachausgaben übernahmen diese Qualitätsmaßstäbe, was dem öffentlichen Image von Wikipedia gut bekam. Die Online-Enzyklopädie war nicht mehr nur das Exoten-Projekt unbezahlter Freiwilliger, sondern eine anerkannte Enzyklopädie.

Höhepunkt der öffentlichen Anerkennung war ein Artikel des anerkannten Wissenschafts-Magazins Nature im Dezember 2005 , der dem unkommerziellen Projekt eine vergleichbare Qualität wie der Encyclopaedia Britannica attestierte – ein Ergebnis, das vom Verlag des Enzyklopädie-Urgestein heftig bestritten wurde. Doch bei immer neuen Tests schnitt die Wikipedia ähnlich gut ab wie die kostenpflichtige Konkurrenz. Zwar waren die Wikipedia-Artikel nicht durchweg gut formuliert oder übersichtlich wie klassische Enzyklopädien, der enorme Umfang und die Querverbindungen zu anderen Artikeln machten diese Mängel aber wieder wett. Gleichzeitig konnte Wikipedia mit Aktualität punkten: Während klassische Enzyklopädien nur selten aktualisiert wurden, konnten die Wikipedia-Autoren aktuelle Entwicklungen sofort in ihr Werk einpflegen. Als Beispielsweise 2010 herauskam, dass die Länge des Rheins über Jahrzehnte falsch angegeben wurde, konnte Wikipedia die Korrektur sofort präsentieren.

Doch immer wieder gab es kleinere und größere Skandale um falsche Wikipedia-Informationen – vom systematischen Bereinigen der Artikel von Politikern über falsche Todesmeldungen bis hin zum scherzhaften Hinzufügen eines Vornamens beim Freiherrn zu Guttenberg. Doch dem Erfolg des Projekts machte dies wenig aus. Für viele Internetnutzer war die Wikipedia inzwischen zum zentralen Nachschlagewerk für Informationen aller Art geworden. Schon 2005 führte der Web-Dienstleister Alexa die Online-Enzyklopädie als eine der weltweit 40 meist abgerufenen Webseiten, inzwischen ist Wikipedia bis in die Top 10 aufgerückt.

In Industrieländern mit einem ausgebauten Schulsystem und Internetzugängen florierte Wikipedia. So publizierte die englische Wikipedia im September 2004 ihren millionsten Artikel, die deutsche Wikipedia folgte Ende 2009. Doch in Entwicklungsländern, die eigentlich von dem kostenlosen Wissen am meisten profitieren sollten, bekam das Projekt keinen Fuß auf den Boden. Um dies zu ändern, trieb die damalige Vorsitzende des Stiftungsrats der Wikimedia Foundation Florence Nibart-Devouard einen Umbau der Organisation voran.

Die US-Stiftung sollte vom chaotisch geführten Mini-Büro zur schlagkräftigen Organisation werden, die bei der Verteilung des Wissens eine aktive Rolle spielen sollte. Dazu engagierte die Stiftung die kanadische Managerin Sue Gardner, die den Hauptsitz der Organisation 2008 vom beschaulichen Städtchen Sankt Petersburg in Florida ins San Francisco verlegte. Auf der einen Seite war der Umbau bemerkenswert erfolgreich. In vier Jahren wuchs die Wikimedia Foundation vom Büro mit einer Handvoll Angestellten bis zu einer Organisation mit über 100 bezahlten Mitarbeitern und einem Budget von mehr als 28 Millionen Dollar, die zum größten Teil aus kleinen Privatspenden stammten.

Eine der ersten großen Aufgaben der Stiftung war die Organisation einer projektweiten Abstimmung zum Lizenzwechsel der Wikipedia. Zur Projektgründung hatte sich Jimmy Wales für die Gnu Free Document Licence entschieden, die eigentlich für Dokumentation freier Software-Projekte gedacht war. Doch mit der Zeit erwies sich die sperrige Lizenz eher als Hindernis bei der Weiterverbreitung von Wikipedia-Inhalten. So musste bei Print-Produkten immer ein seitenlanger englischer Lizenztext mitgeliefert werden, die Probleme bei der Nennung der oft anonymen Autoren war ein weiteres Hindernis. An der Abstimmung im Frühjahr 2009 beteiligten sich 17.000 Autoren, über 75 Prozent stimmten dem Wechsel zur bedeutend einfacheren Creative-Commons-Lizenz zu. Die neue Wikimedia Foundation hatte ihre Handlungsfähigkeit bewiesen.

Die Grenzen des Wachstums?

Doch in anderer Hinsicht kam die Stiftung in schweres Fahrwasser: Vom Erfolg der ersten Jahre verwöhnt, hatten die Wikipedianer die Zeichen der Zeit verschlafen. Im Zeitalter interaktiver Angebote wie Facebook oder Google Maps wirkt die Oberfläche der Wikipedia hoffnungslos antiquiert. Der über Jahre aufgetürmte Regelberg machte die Teilnahme an dem auf Freiwillige angewiesenen Projekt immer komplizierter. Gerade in Deutschland gibt es immer wieder Unmut über die teilweise rigide Redaktionspolitik in der deutschen Wikipedia, die gerade auf Neulinge abschreckend wirkt. Auch scheinbar nichtige Anlässe sorgen für heftigen Streit. So führte beispielsweise die Frage, ob der Szene-Cocktail "Tschunk" einen eigenen Wikipedia-Artikel verdient, zu heftigen Diskussionen. Der Verein Wikimedia Deutschland versucht zwar immer wieder zu vermitteln, hat aber keine offiziellen Einflussmöglichkeiten auf die Autoren der Wikipedia. Und auch die Wikimedia Foundation in den USA hält sich bei direkten Eingriffen zurück.

Im November 2009 publizierte der spanische Forscher Felipe Ortega eine Untersuchung, wonach die englische Wikipedia unter einem rapiden Autorenschwund litt. Die Wikimedia Foundation wies den Befund zuerst zurück, teilte die Diagnose jedoch bald nach eigenen Untersuchungen: Zwar stoßen zehn Jahre nach Gründung immer noch Zehntausende Neulinge zur Wikipedia hinzu, doch die freiwilligen Autoren kehrten dem Projekt viel schneller den Rücken als in den Gründungsjahren. Zudem offenbarten die Umfragen http://meta.wikimedia.org/wiki/Editor_Survey_2011/Executive_Summary ein erhebliches Ungleichgewicht: gerade einmal 8,5 Prozent der Befragten in einer Autorenstudie waren Frauen.

Um den Rückgang der Autorenzahlen aufzuhalten, arbeitet die Wikimedia Foundation an einem neuen Editor, einer neuen Eingabemaske, die das Korrigieren und Erstellen von Artikeln wesentlich vereinfachen soll. Bisher müssen die Artikel nämlich in einer komplexen Satzsprache geschrieben werden. Links zum Beispiel werden in eckige Klammern gesetzt, Überschriften von Gleichheitszeichen eingerahmt und Literaturreferenzen müssen mit eingeleitet werden. Der neue Editor soll das Verfassen von Wikipedia-Artikeln so einfach machen, wie einen Brief am eigenen Computer zu schreiben. Doch die Arbeit geht langsam vonstatten, wann die neue Software für den Einsatz in der Wikipedia bereit ist, steht in den Sternen. Eine Neuorganisation der unübersichtlichen Diskussionsseiten ist ebenfalls seit Jahren überfällig.

Um neues Publikum zu finden und die Mission des freien Weltwissens zu erfüllen hat die Wikimedia Foundation ihren Blick in Entwicklungsländer gerichtet, in denen die Online-Enzyklopädie bisher kein Selbstläufer war. So kündigte Sue Gardner 2010 die Eröffnung von Büros in Indien, Südamerika und im arabischen Raum an. Doch auch hier geht die Arbeit nur langsam voran. Die in der Entwicklungsarbeit völlig unerfahrene Wikimedia Foundation muss sich erst mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut machen. Zunächst versucht die Stiftung technische Probleme zu lösen: Eine neue Mobil-Version der Enzyklopädie erleichtert den Zugang in Gegenden mit langsamen Internetverbindungen, Vereinbarungen mit Mobilfunk-Unternehmen sollen den Abruf in vielen Entwicklungsländern zudem kostenlos machen. Doch der neue Fokus bringt auch Streit in die Wikimedia-Bewegung: Während die Wikimedia Foundation in Zukunft Geldfluss und Aktionen mehr zentralisieren will, pochen die Länderorganisationen wie Wikimedia Deutschland auf ihre Eigenständigkeit.

Wikimedia Deutschland setzt unterdessen wieder andere Akzente. Der Verein, der mittlerweile mehr als 20 Angestellte hat, hatte schon frühzeitig Kooperationspartner gesucht, die Inhalte bereitstellen. So haben zum Beispiel die Deutsche Nationalbibliothek und das Bundesarchiv Teile ihrer Datenbestände für das Projekt zur Verfügung gestellt, die von den freiwilligen Mitarbeitern manuell oder halbautomatisch in das Projekt eingebaut wurden. So kann man zum Beispiel im Artikel von Helmut Kohl per Mausklick die gesammelte Literatur über den Altkanzler nachschlagen oder die offiziellen Pressefotos abrufen. Auch die Zusammenarbeit mit dem Projekt OpenstreetMap http://www.openstreetmap.org/ , das in einem ähnlichen Prozess wie Wikipedia Karteninformationen zusammenstellt, wurde in Deutschland initiiert.

In der nächsten Stufe soll Wikipedia mit einer Fakten-Datenbank unterlegt werden. Müssen heute noch alle Texte in den mittlerweile mehr als 250 Sprachversionen von Hand geschrieben werden, soll das Projekt "WikiData" zumindest grundsätzliche Faktenbeziehungen in Software abbilden. Dass beispielweise Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist, ist in jeder Sprache unstrittig und kann daher an einer Stelle einmalig festgelegt werden. Doch viele Community-Mitglieder misstrauen der neuen Technik – so macht sie das Verfassen von Artikeln wieder komplexer und das Einschleusen von Falschinformationen einfacher. Dabei könnten gerade kleinere Sprachversionen von einem vorgegebenen Faktenbestand profitieren.

Wie sehr sich Wikipedia gewandelt hat, zeigt das WikiData-Projekt sehr anschaulich: Konnte zu Beginn der Wikipedia alles mit freiwilliger Hilfe erledigt werden und grundlegende Änderungen in wenigen Tagen umgesetzt werden, hat Wikimedia Deutschland für das neue Projekt elf zusätzliche Angestellte für mehr als ein Jahr verpflichtet. "Wiki-wiki" heißt immer noch "schnell”, doch diese Eigenschaft hat Wikipedia seit den turbulenten Anfangsjahren Stück für Stück verloren. Als gereiftes Projekt, auf das sich Millionen Menschen weltweit verlassen, muss die Gemeinschaft der Autoren Wege finden, das Projekt ständig neu zu erfinden. Wohin die Wikipedia in den kommenden elf Jahren steuert, ist kaum vorherzusagen.


Ein Wordle aus dem Einführungstext des Dossiers.
Dossier

Open Data

Open Data steht für die Idee, Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar zu machen. Welches Potential verbirgt sich hinter den Daten, die Behörden und Ministerien, Parlamente, Gerichte und andere Teile der öffentlichen Verwaltung produzieren? Das Dossier klärt über die Möglichkeiten offener Daten für eine nachhaltige demokratische Entwicklung auf und zeigt, wie Datenjournalisten mit diesen Datensätzen umgehen.

Mehr lesen

Beherrschen Suchmaschinen nicht nur Märkte, sondern auch unser Denken? Am Beispiel von Google untersucht das Dossier deren Bedeutung und innere Systematik. Es diskutiert angemessene Reaktionen in Gesellschaft, Gesetzgebung und Politik sowie von Verbraucherseite.

Mehr lesen

Alles auf Grün - Bild einer Ampel, auf der 'Go' zu lesen ist.
Dossier

Open Source

Open Source-Software ist das Paradox der Wissensgesellschaft: Programmierer verschenken ihr wertvollstes Gut – und begründen eine soziale Bewegung, die weltweit das Wissen befreien will.

Mehr lesen

Dialog

Die Netzdebatte

Netzdebatte ist das Debattenportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Weblog greift Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Netzdebatte erklärt Hintergründe, bildet Positionen ab und bietet einen Ort zum Diskutieren.

Mehr lesen

spielbar.de

spielbar.de informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Pädagogen, Eltern und Gamer sind eingeladen, ihre eigenen Beurteilungen, Meinungen und Kommentare zu veröffentlichen.

Mehr lesen auf spielbar.de