Auf einem Notebook ist die Startseite der deutschen Wikipedia vor einem Bücherregal zu sehen

10.10.2012 | Von:
Maja van der Velden

Wenn sich Wissen im Plural trifft

Indigenes Wissen und Datenbanken

In Wikipedia gibt es keine Kategorie oder Unterkategorie "indigenes Wissen", die eine Verknüpfung aller Artikel zu indigenem Wissen und mit Beispielen dazu ermöglichen würde. Olson und Ward bezeichnen die Zersplitterung marginalisierter Gruppen in Bibliothekssystematiken mit dem Begriff "diasporiert"[4]. Ähnlich kann man die Diasporierung indigenen Wissens im Wikipedia-Datenbestand auffassen: Es gibt keine "Schnittstelle", die es dem Nutzer ermöglicht, sich diesen fragmentierten Wissenskorpus zu erschließen.

Das zweite Ordnungsprinzip sind die Wikipedia-Redaktionsgrundsätze. Die elementaren Grundsätze, die den Wikipedia-Inhalt definieren, sind laut englischer Fassung die "Five Pillars of Wikipedia" und die drei zentralen Grundprinzipien: Neutraler Standpunkt, Überprüfbarkeit und keine originäre Forschung. Die Forderung nach Überprüfbarkeit besagt, dass mündliche oder auch andere Quellen wie persönliche Erfahrungen und Empfindungen nicht als gültig anerkannt werden.

Drittes Organisationsprinzip sind die Wikipedia-Templates, also die Vorlagen des Wiki-Seitensystems, die beispielsweise den Text eines Artikels anordnen. Möchte nun ein Träger indigenen Wissens einen Aspekt seiner Wissensgemeinschaft vermitteln, muss dieser Gegenstand zum Aufbau der Artikelvorlage passen, die jedoch mit ihrer Linearität und ihrem Detailbezug von der Printkultur bestimmt ist.[5] Nur Wissen, das diesen drei Organisationsprinzipien untergeordnet werden kann, entspricht der Wikipedia-Vorstellung von "offen zugänglichem Wissen".

Offen zugängliches Wissen erst durch offene Ordnungsprinzipien

Eine Anregung, Aufgeschlossenheit für die Vielfalt des Wissens herzustellen, wäre beispielsweise, die Enzyklopädie umzugestalten – von einem zentralisierten "Datenbehälter" mit Regeln zur Organisation und Nutzung des Raums hin zu einem Autorensystem. Wikipedia wäre dann ein Instrument, das indigene Gemeinschaften nutzen könnten, um eigene Schnittstellen und Erschließungspfade zu ihren eigenen Datenbeständen zu entwickeln. Die Frage wäre dann, wie manVerknüpfungen zwischen diesen Datenbeständen herzustellen könnte. Derzeit verknüpft Wikipedia die Sprachfassungen auf der Artikelseite. Liest man beispielsweise den Artikel über den Wolf, sieht man auf der linken Randleiste die Sprachfassungen, die den "Wolf" ebenfalls mit einem Artikel behandeln. Klickt man eine dieser Sprachfassungen an, wird man zum entsprechenden Artikel in anderen Sprachen weitergeleitet.

Alle diese Artikel beantworten die Frage: Was ist ein Wolf? Sie ist wohl für die meisten Leser sinnvoll, aber – Was wenn Wölfe zum Alltag gehören? In einigen indigenen Gemeinschaften wäre daher wichtiger zu fragen: "Wer ist ein Wolf?"[6] In diesen Kulturen ist die Kenntnis des Verhaltens wichtiger als eine Beschreibung und Klassifizierung von "Wolf" nach Carl von Linnés biologischer Systematik . Wenn nun ein Artikel über den Wolf nicht nur mit anderen Sprachfassungen verknüpft wäre, sondern auch mit anderen Arten von Wissen über den Wolf? Eine solche Enzyklopädie würde zur Plattform unterschiedlicher Wissensgemeinschaften und unterschiedlicher Wissensarten – sie würde die Wissensvielfalt dieser unser aller Welt fördern und kultivieren.

Das Wikipedia-Ideal, die Gesamtheit menschlichen Wissens verfügbar zu machen, ist derzeit nicht zu verwirklichen, aus mindestens zwei Gründen: Erstens ermöglicht der derzeitige Stand der Informationstechnologie die Kodifikation nur bestimmter Aspekte menschlichen Wissens. Es kann eben nur Wikipedia-Inhalt werden, was sich in Text-, Video-, Audio- oder Bildform fassen lässt. Zweitens ist "offen zugängliches Wissen" nur so offen wie die den Datenbestand regelnden Ordnungsprinzipien. Der Wissensvielfalt – das heißt: anderen Formen von Wissen über die Welt – dienen die Wikipedia-Prinzipien nicht. Was nun nicht heißen soll, das Wikipedia-Projekt aufzugeben. Es ist schließlich das bedeutendste und erfolgreichste Online-Projekt zahlloser freiwilliger Autoren – und bietet uns vielleicht die beste Möglichkeit, eine Online-Plattform für unterschiedliche Wissensgemeinschaften und neue Formen der Zusammenstellung und Verknüpfung von Wissen zu schaffen.

Der Text basiert auf einem englischen Beitrag aus dem Reader zur Konferenz "Wikipedia: Ein kritischer Standpunkt" Geert Lovink and Nathaniel Tkacz (Hrsg.)(2011): Critical Point of View: A Wikipedia Reader

Fußnoten

4.
Olson, H.A. and D. B. Ward (1997). ‘Ghettoes and diaspora in classification: Communicating across the limits’, Bernd frohmann (ed.), Communication and Information in Context: Society, technology, and the Professions. Proceedings of the 25th Annual Conference/Association canadienne des sciences de l’information: Traveaux du 25e congrès annuel, Toronto: Canadian Association for Information Science, pp. 19-31.
5.
St. Clair, R. (2000). Visual Metaphor, Cultural Knowledge, and the New Rhetoric. In Learn in Beauty: Indigenous Education for a New Century. Flagstaff, Arizona: Northern Arizona University, pp. 85-101. Available at: http://jan.ucc.nau.edu/~jar/LIB/LIB8.html[accessed 6 April 2012].
6.
Aikenhead, G. (2001).‘Integrating Western and Aboriginal Sciences: Cross-Cultural Science Teaching’, Research in Science Education, 31, 3, pp. 337-355.
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Autor: Maja van der Velden für bpb.de
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