Auf einem Notebook ist die Startseite der deutschen Wikipedia vor einem Bücherregal zu sehen

10.10.2012 | Von:
Matthias Ballod

Wikipedia im Schulunterricht

Vermittlung von Informationskompetenz?

Kritisch Reflektieren und Begleiten

Das bewusste Verändern von Seiten ist eine interessante Spielart kritisch-reflexiver Auseinandersetzung mit der Wikipedia. Die ist nicht als Aufruf zum Vandalismus zu verstehen, der ein ernst zu nehmendes Problem darstellt, sondern vielmehr als 'Was-passiert-wenn‘-Versuch:
  • Wie lange dauert es, bis die geänderte Passage wieder zurückgesetzt wird?
  • Wie weitreichend darf die Änderung sein?
  • Wie muss sie beschaffen sein, damit sie akzeptiert wird?
  • Was wird, was wird nicht toleriert?
  • Wie leicht lassen sich zentrale oder völlig randständige Artikel 'bearbeiten‘?
  • Was passiert bei/mit Minimaländerungen?
Ganz bewusst können auch politische, problematische oder umstrittene Artikel betrachtet werden:
  • Wie sind diese Artikel und Diskussionen gestaltet?
  • Wie wird versucht, Meinungs- und Stimmungsmache zu vermeiden?
  • Was verstößt gegen die guten Sitten, wie weit wird 'schlechter Geschmack‘ toleriert?
  • Wann werden Artikel zu Löschkandidaten?
  • Wie wird mit problematischen Medien/Bildern umgegangen?
Für eine Anschlusskommunikation sind der Pressespiegel ebenso wie die Vielzahl an Forschungsaktivitäten rund um Wikipedia nützlich. Wem dies zur Beschäftigung mit Wikipedia im und außerhalb des Unterrichts noch immer nicht ausreicht, erhält hier Tippsoder lässt sich bei Schwesterprojekten, wie Wiktionary oder Wikiversity inspirieren. Weitere Aktivitäten und Betätigungsfelder sind z.B. der Schreibwettbewerb oder das Portal Gesprochene Wikipedia. Wer mag, kann sich und seine Schüler auf vielfältige Weise sogar selbst aktiv an der Weiterentwicklung beteiligen. Überdies sind Wikipedianer auch in der 'Echt-Welt‘ eine offene und aktive Community, mit vielen regionalen und überregionalen Veranstaltungen.

Zum Schluss Wikipedia ist ein besonderes Phänomen: Im Konzert der Big Player des Internets ist es ganz vorne dabei, ganz ohne kommerzielle Interessen zu verfolgen und ist anderseits zugleich Symbol der nicht unproblematischen Kostenlos-Kultur des Internets. Nicht zuletzt deshalb dürften sich professionelle Wissensvermittler wie Lehrer und Dozenten bei der Mitarbeit bislang zurückgehalten haben, obgleich Anerkennung und Renommee die alleinige Währung der Wikipedianer ist. Wodurch aber bitte soll die oft eingeforderte Qualität der Artikel entstehen, wenn nicht aus den 'Vertretern‘ der Bildungseinrichtungen?

Die Pionierzeit der Wikipedia liegt eine ganze Weile zurück. Vieles aber von dem, was oben ausgeführt ist, haben studentische Gruppen im Rahmen von Seminaren oder Projekten ausgetestet; mit großen Lern- und Aha-Effekten. Fast schade, dass besonders spannende Experimente, wie "20plus" kaum mehr möglich sind, da es in der deutschsprachigen Version bereits knapp 1,4 Millionen Artikel gibt. "20plus" basierte auf folgender Vorgabe: In Kleingruppen mussten Studenten verschiedene Artikel für Wikipedia verfassen, ohne diese zu verwenden. Dafür mussten sie mind. 20 Bücher bzw. themenbezogen Fachaufsätze recherchieren und als Basis für Ihren Text verwenden. Zudem mussten sie mind. 20 qualifizierte Internet-Quellen einbauen bzw. verlinken und der von ihnen selbst einzustellende Text musste qualitativ so verfasst sein, dass die Internetcommunity 20 Tage keine substantiellen Veränderungen oder Verbesserungen vornahm. Mit dieser Anforderung war die Minimalforderung erfüllt. Selbstverständlich konnten die Gruppen ihre Leistung (Note) verbessern, wenn sie die entsprechenden Parameter auf 30 oder gar 40 erhöhte oder auch den Rechercheumfang ausweitete (Deutschland, deutschsprachig, englischsprachig, international-vielsprachig).

Wikipedia bietet zwar eine eigene Spielwiese für das experimentelle Verfassen von Beiträgen. Vielfach aber stellen schul-, klassen- und arbeitsgruppenspezifische Wikis eine mindestens ebenso gute Alternative für das gemeinsame Erarbeiten von Themen dar. In diesen sind viele obigen Anregungen in einem geschützten Raum umsetzbar und die sich anschließenden Diskussions-, Bewertungs- Formulierungs- und Reflexions-Prozesse fördern in gleicher Weise den Erwerb von Informationskompetenz. Unabhängig davon, welche Wikis genutzt werden, ist es von zentraler Bedeutung, im Schulunterricht die Unterschiede von Daten, Information und Wissen zu thematisieren, denn erst auf dieser Grundlage erwächst Bildung.

Mehr noch geht es darum, dass Schüler den Unterschied von Wissen, Wahrheit und Weisheit erkennen: Dem Wissen kann ich in Schule und Internet nachjagen, Wahrheiten kann ich nur selbst entdecken, um aber zu Weisheit zu gelangen, benötigt ich ein hohes Maß an Toleranz, Emanzipation, Kritikfähigkeit und schließlich viel Zeit für äußere und innere Begegnungen; da hilft keine Wikipedia, kein Netz, keine App.


Verwendete Quellen

Alle verwendeten URLs und Online-Verweise wurden zum Redaktionsschluss am 27.11.2012 geprüft.
  • Association of College and Research Libraries (ACRL) (2000): Information Literacy Competency Standards for Higher Education.
  • Ballod, Matthias (2005): Dimensionen von Informationskompetenz. In: Computer + Unterricht (Nr. 59). 44 – 46
  • Ballod, Matthias (2007): Informationsökonomie – Informationsdidaktik: Strategien zur gesellschaftlichen, organisationalen und individuellen Informationsbewältigung und Wissensvermittlung. Bertelsmann Verlag: Bielefeld
  • Ballod, Matthias (2010): Ins Netz geschickt – im Netz verstrickt? Zur Vermittlung der Schlüsselqualifikation ‚Informationskompetenz‘ in der Schule. In: Gauger, Jörg-Dieter; Kraus, Josef [Hg]: Bildung und Unterricht in Zeiten von Google und Wikipedia. Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.: Sankt Augustin.
  • Ballod, Matthias (2011): Informationen und Wissen im Griff. Effektiv informieren und effizient kommunizieren. Bertelsmann Verlag: Bielefeld
  • Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis e.V. (2012): DGI setzt auf Informationskompetenz gegen Informationsüberflutung.
  • Paál, Gábor (2011): Alles abgeschrieben? Bildung in Zeiten von Google. Radiointerview im Deutschlandfunk.
  • Wikimedia Deutschland e.V. (2011): Alles über Wikipedia und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt. Hoffmann und Campe: Hamburg

Weiterführende Quellen

  • Jaschnoiok, Meike (2007): Wikipedia und ihre Nutzer. Zum Bildungswert der Online-Enzyklopädie. Tectum Verlag: Marburg
  • Pscheida, Daniela (2010): Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert. Transcript Verlag: Bielefeld
  • Schuler, Günter (2007): Wikipedia inside. Die Online-Enzyklopädie und ihre Community. Unrast-Verlag: Münster
  • SPIEGEL Online: Ständig aktualisierte Themenseite zu Wikipedia
  • Stegbauer, Christian (2009): Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.
  • Stöckin, Nando (2010): Wikipedia clever nutzen – in Schule und Beruf. Orell Füssli Verlag: Zürich
  • van Dijk; Ziko (2010): Wikipedia. Wie Sie zur freien Enzyklopädie beitragen. Open Source Press: München
  • ZEIT Online: Zehn Jahre Wikipedia - eine Archivseite

Creative Commons License

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Autor: Matthias Ballod für bpb.de
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