Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch
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Angela Merkel - mit "Soft Skills" zum Erfolg?


2.12.2009
"Mein Prinzip ist nicht 'Basta', sondern Nachdenken, Beraten und dann Entscheiden", erklärt Angela Merkel. Dies scheint einer "typisch weiblichen" Herangehensweise zu entsprechen. Doch gibt es überhaupt "weiblichen Führungsstil"?

Angela Merkel - mit "Soft Skills" zum Erfolg?Angela Merkel - mit "Soft Skills" zum Erfolg? (© picture-alliance/dpa)
Nach meiner Auffassung ist jeder Führungsstil sehr persönlich geprägt", erklärt Angela Merkel. "Wie ich Menschen begegne, hat mit meiner Persönlichkeit zu tun, (...) sicher auch damit, dass ich eine Frau und eine Naturwissenschaftlerin bin."[1] Ob diese Einschätzung über ihre Art zu führen zutrifft, wird hier näher untersucht. Ferner stellt sich die Frage, ob Angela Merkel die politische Landschaft mit einem "weiblichen" Führungsstil prägt. Die klare Antwort hierauf ist ein zweideutiges Jein. Denn sicherlich prägt die Kanzlerin mit ihrer Art zu führen die bundesdeutsche Politik, aber nicht mit einem "typisch" weiblichen Führungsstil. So zumindest meine These.


Hierzu gilt zunächst festzuhalten, dass mit dem Begriff Führungsstil die Art und Weise definiert wird, wie sich eine Interaktion zwischen beteiligten Personen gestaltet. Die Verhaltensweise einer Führungskraft gegenüber Kollegen oder Untergebenen steht dabei im Fokus. Somit sind nicht politische Projekte oder die strategische Stoßrichtung der Regierungschefin von Interesse, sondern ihre persönlichen Kompetenzen im Bereich der viel diskutierten soft skills.

Es ist wichtig, gleich zu Beginn festzuhalten, dass ein explizit weiblicher Führungsstil - bestehend aus einer bestimmten Kombination von soft skills - nicht existiert. Einen ersten Hinweis hierauf liefert die Tatsache, dass es in der Forschung zwei sich widersprechende Definitionen des weiblichen Führungsstils gibt. Zum einen herrscht die Idee vor, dass Frauen in Führungspositionen härter führten als ihre männlichen Pendants, da sie sich stets beweisen müssten. Diese Strenge und Autorität des harten weiblichen Führungsstils zeigt sich bei Angela Merkel vor allem in ihrem Ruf als sogenannte Männermörderin. Nach dem "Sturz" Helmut Kohls (infolge der 1999 aufgedeckten CDU-Spendenaffäre), der Standhaftigkeit gegenüber dem damaligen CDU-Vorsitzenden Wolfgang Schäuble oder dem Verdrängen des parteiinternen Konkurrenten Friedrich Merz, scheint es sich herumgesprochen zu haben, dass sie nicht zu unterschätzen ist.[2]

Konträr zu diesem von Härte und Kälte gekennzeichneten Bild existiert zum anderen die Annahme, weibliche Führung sei grundsätzlich weich. Schließlich sei dieser Stil vor allem von sozialer und kommunikativer Kompetenz, Empathie sowie Vertrauen in die Mitarbeiter geprägt. Frauen besitzen demgemäß diese achtsamen Fähigkeiten aufgrund ihres Geschlechts, wohingegen Männer von Natur aus nicht mit ihnen ausgestattet seien. Gerade diese soft skills entsprechen teilweise den gegenwärtig als renommiert geltenden Kriterien modernen Managements. Daher qualifizierten sich Frauen durch diesen weiblichen Führungsstil als das neue Geheimrezept für die Führungsetage.[3] Über diesen hohen Stellenwert verfügen weiche Kompetenzen aber nicht seit jeher, denn noch vor 30 Jahren galt ein autokratischer Stil als anerkannt und effektiv. Auch in der Politik lassen sich einige erfolgreiche Beispiele für autokratische Führung finden - so waren Helmut Kohls und Gerhard Schröders Regierungszeiten von vergleichsweise herrischem Umgang gekennzeichnet. Kanzlerin Merkel kommentierte dies einmal mit den Worten: "Mein Prinzip ist nicht Basta, sondern mein Prinzip ist Nachdenken, Beraten und dann Entscheiden."[4] Von autokratischen Vorgehensweisen weg, fand seit den 1990er Jahren eine sukzessive Entwicklung hin zu einem immer mehr kooperativen Führungsstil statt.

Im Folgenden werden sieben Kriterien dieser Führungskompetenzen näher beleuchtet, um zu eruieren, inwiefern Angela Merkel diesen Bildern weiblicher und moderner Führung entspricht.

Kommunikationsfähigkeit



Kommunikationsfähigkeit zeigt sich darin, dass eine Führungskraft Botschaften klar und deutlich formuliert. Sie wird von ihren Zuhörern verstanden und baut dadurch Nähe auf. Außerdem hört sie zu und interpretiert die Aussagen anderer adäquat. Kommunikationsfähigkeit beinhaltet ebenfalls, sich gerne mitzuteilen und die Bereitschaft, auf Menschen zuzugehen. Bei Angela Merkel wird Kommunikationsfähigkeit in ihrem Kontakt zu ausländischen Kollegen immer wieder sichtbar. Denn sie sucht gerne das Gespräch mit ihnen per Videokonferenz und wenn möglich, bevorzugt sie es, andere Regierungschefs persönlich zu treffen. So kommt es immer wieder zu Besuchen privat anmutender Natur, wie im Sommer 2006, als sie den damaligen US-Präsidenten George W. Bush zum Wildschweingrillen lud oder im Jahr 2008, als der schwedische Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt die Kanzlerin eigenhändig über den See zu seinem Landsitz ruderte. Auf diese persönliche und menschliche Weise vertieft und festigt Kanzlerin Merkel ihre Arbeitsbeziehungen.

Betrachten wir allerdings ihre Kommunikation mit der Bevölkerung während der Finanzkrise, könnte ihr der Vorwurf gemacht werden, sich nicht deutlich genug ausgedrückt zu haben. Denn sie ist dem Volk nicht sehr weit entgegengekommen, um das Konjunkturpaket zu erläutern und mögliche Auswege aufzuzeigen, sondern zog es vor - sogar in der Krise - als Mensch distanziert und rätselhaft zu bleiben. Vor dem Hintergrund dieses Widerspruchs bleibt die Frage bestehen, wie Angela Merkel tatsächlich tickt. Trotz ihrer Medienpräsenz scheint es ihr nicht zu gelingen, Nähe zur Bevölkerung aufzubauen.[5] Demnach blieb auch im jüngst erlebten Bundestagswahlkampf "alles ein bisschen im vornehmen Nebel", wie Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun die fehlende Profilierung bezeichnete.[6]


Fußnoten

1.
Angela Merkel im Interview mit Sheryl Pitzen u.a. in: Hamburger Abendblatt vom 16. 9. 2009.
2.
Da die hier erwähnten Episoden aus Angela Merkels Politikalltag allgemein bekannt sind, wird auf detaillierte Quellenangaben verzichtet. Einige relevante Titel sind u.a.: Margaret Heckel, So regiert die Kanzlerin. Eine Reportage, München 20093; Dirk Kurbjuweit, Angela Merkel. Die Kanzlerin für alle?, München 2009; Michael Schlieben, Angela Merkel - die Königin der Seiteneinsteiger, in: Robert Lorenz/Matthias Micus (Hrsg.), Seiteneinsteiger. Unkonventionelle Politiker-Karrieren in der Parteiendemokratie, Wiesbaden 2009; Nicole Schley, Angela Merkel. Deutschlands Zukunft ist weiblich, München 2005.
3.
Vgl. Katja Glaesner, Geheimrezept weibliche Führung? Hintergründe, Mythen und Konzepte zum weiblichen Führungsstil, Kassel 2007, S. 72ff.; Gertraude Krell, Vorteile eines neuen weiblichen Führungsstils. Ideologiekritik und Diskursanalyse; in: dies. (Hrsg.), Chancengleichheit durch Personalpolitik, Wiesbaden 20085.
4.
Angela Merkel im Gespräch mit Maybrit Illner im ZDF am 28. 9. 2006.
5.
Vgl. D. Kurbjuweit (Anm. 2), S. 53ff.
6.
Friedemann Schulz von Thun im Interview mit Nea Matzen, in: tagesschau.de am 1. 9. 2009 (22. 10. 2009).

 

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