Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Christina Holtz-Bacha

Politikerinnen-Bilder im internationalen Vergleich

Frauen, die sich in die Politik begeben, müssen sich nicht nur gegen ihre männlichen Konkurrenten durchsetzen, sondern auch gegen gesellschaftliche Stereotype. Dies zeigen internationale Beispiele.
Das Bild, das Medien von Politikerinnen zeichnen, ist für ihre politischen Karrieren oft nicht hilfreich, manchmal sogar eher hinderlich.Das Bild, das Medien von Politikerinnen zeichnen, ist für ihre politischen Karrieren oft nicht hilfreich, manchmal sogar eher hinderlich. (© AP)

Angela Merkel, Michelle Bachelet, Tarja Halonen, Cristina Fernández de Kirchner, Pratibha Patil, Gloria Macapagal Arroyo, Luisa Diogo, Ségolène Royal, Hillary Rodham Clinton, Sarah Palin - es scheint, dass Frauen auf dem Vormarsch in die höchsten politischen Ämter sind. Dennoch gilt Politik immer noch als eine Männerdomäne: "Manly men, doing manly things, in manly ways."[1] Dass Politik auch heute noch von Männern beherrscht wird, zeigt sich bereits auf einen Blick: Die "Familienfotos" von den G8-Treffen und erweiterten Runden zeigen die deutsche Kanzlerin allein unter Männern. Nicht viel anders sieht es bei den Treffen der Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat aus.


Obwohl sich Frauen in allen Teilen der Welt bis an die Spitze durchgesetzt haben, scheinen immer noch Männer die Politik zu bestimmen. Überraschend ist das nicht, denn Männer waren einfach früher da: Seit Jahrhunderten schon haben sie Politik gemacht und hatten Zeit, die Spielregeln festzulegen. Frauen haben es daher schwer in der Politik, und nach wie vor gilt: Je höher die politische Ebene, desto dünner ist die Luft für Frauen.

In ihrer politischen Karriere müssen sich Frauen nicht nur in der Konkurrenz mit Männern durchsetzen, sondern sie kämpfen auch mit gesellschaftlichen Stereotypen. In der Wählerschaft gibt es bestimmte Vorstellungen davon, welche Eigenschaften Politikerinnen und Politiker mitzubringen und wie sie sich zu verhalten haben. Diese Bilder weisen viele Merkmale auf, die üblicherweise eher Männern als Frauen zugeschrieben werden, und sie passen nicht gut zu den typischerweise Frauen zugeschriebenen Eigenschaften. Sie orientieren sich an dem "great-man model of leadership",[2] das Frauen in die Rolle der "anderen" verweist: Männer gelten als stark, aggressiv, rational, aktiv, selbstbewusst und durchsetzungsfähig, Frauen als emotional, warmherzig, mitfühlend, sanft und vorsichtig.

Damit hängt auch zusammen, dass Frauen und Männern unterschiedliche Kompetenzen zugeschrieben werden, die sie entsprechend für verschiedene Politikfelder empfehlen: Männer für Außenpolitik, Sicherheit, Militär und Wirtschaft, Frauen für Soziales, Gesundheit, Erziehung und Umwelt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass die jeweilige politische Situation Einfluss darauf hatte, ob die Wählerinnen und Wähler bereit waren, ihre Stimme einer Frau zu geben oder eben doch einen Mann vorzogen. Wirtschaftlich schwierige Zeiten, internationale Spannungen sowie militärische oder terroristische Bedrohungen spielen daher eher männlichen Kandidaten in die Hände als ihren Konkurrentinnen.

Wollen Frauen also in der Politik aufsteigen, müssen sie solche gesellschaftlichen Vorstellungen, die auch die politischen Akteure selbst prägen, berücksichtigen. Das bringt Frauen in eine schwierige Situation, zu deren Charakterisierung der psychologische Begriff double bind herangezogen wird. Damit bezeichnet man eine Situation, die kaum zu gewinnen ist: Was immer eine Person tut, um in der Situation zu bestehen, ist falsch. Geben sich die Frauen kühl, kalkulierend und aggressiv, wie es das politische Geschäft verlangt, riskieren sie Ablehnung als "Mannweiber"; empfehlen sie sich mit vermeintlich weiblichen Eigenschaften, gelten sie als ungeeignet für die schweren Herausforderungen der Politik.

Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Geschlechterbildern und den Vorstellungen vom politischen Betrieb sowie die dafür benötigten Eigenschaften und Kompetenzen, prägen auch die Medien und diejenigen, die für sie arbeiten. Auf die Medien ist aber angewiesen, wer in der Politik erfolgreich sein will: Weil selten Gelegenheit besteht, Politik direkt zu erfahren, orientieren sich die meisten Menschen an den medial vermittelten Bildern. Auch die politischen Akteure selbst sind keineswegs unbeeinflusst von dem, was die Medien über die Politik berichten. Entscheidend für Frauen, die sich in die Politik begeben und dort auch auf höheren Ebenen mitentscheiden wollen, ist also, wie die Medien über Politikerinnen allgemein und über bestimmte Politikerinnen berichten.

Politikerinnen wissen, dass die Medien für sie eine bedeutende Hürde darstellen, da über Frauen anders berichtet wird als über Männer. Seit Jahrzehnten gilt weltweit die Klage, die Medien seien bei Frauen stets mehr an ihrem Aussehen und ihrem Privatleben interessiert als an ihren politischen Anliegen: Was hat sie an, wie sitzt die Frisur, muss ihr Mann sein Essen nun selbst kochen und wer kümmert sich um die Kinder, während sie Politik macht? Ihre männlichen Kollegen dagegen werden mit solchen Fragen selten konfrontiert. Das bedeutet, dass für Politikerinnen Kriterien zur Bewertung herangezogen werden, die sich nicht am konkreten politischen Stil und Inhalt orientieren und bei Politikern kaum eine Rolle spielen. Solche Unterschiede in der Berichterstattung machen Frauen den Aufstieg in der Politik schwer. Wenn sie es geschafft haben, verschwinden zwar die Unterschiede nicht unbedingt, aber der Umgang mit den Medien wird leichter. Das ist wohl gemeint, wenn es für die USA heißt: "getting elected, as opposed to governing, may be the biggest hurdle that a potential woman president will face."[3]

In Deutschland sind Frauen in höchsten Regierungsämtern vertreten, seitdem mit Elisabeth Schwarzhaupt 1961 zum ersten Mal eine Frau auf einen Bundesministerposten rückte (für Gesundheitswesen). Aber erst, als zum ersten Mal eine Frau für die Kanzlerschaft kandidierte, setzte hierzulande auch ein breiteres Interesse an den Interdependenzen zwischen der politischen Karriere von Frauen, der Rolle der Medien und den Einstellungen der Wählerschaft ein. Etwa zur gleichen Zeit gab es auch in anderen Ländern Wahlen, welche die Möglichkeit boten, dem Thema weiter nachzugehen und Vergleiche zwischen verschiedenen Kandidatinnen oder über mehrere Länder hinweg anzustellen.

Anfang 2006 trat in Chile Michelle Bachelet als erste Frau das Amt der Staatspräsidentin an. Cristina Fernández de Kirchner, seit 2007 Präsidentin von Argentinien, ist zwar nicht die erste Frau in diesem Amt, aber die erste, die durch eine allgemeine Wahl in dieses Amt kam. Zur Präsidentschaftswahl 2007 in Frankreich schaffte es mit Ségolène Royal zum ersten Mal eine Kandidatin in den zweiten Wahlgang. In den USA kam Hillary Clinton bei den Vorwahlen 2008 so weit, wie keine andere Kandidatin vor ihr. Unabhängig von den verschiedenen politischen Systemen, Wahlsystemen, politischen Kulturen und auch Mediensystemen zeigten diese Beispiele, dass es über die Grenzen hinweg Ähnlichkeiten gibt in der Art und Weise, wie Medien mit Politikerinnen umgehen - und dass auch so manche Klage weiterhin ihre Berechtigung hat. Es wurde aber auch deutlich, dass Unterschiede bestehen, die auf die Persönlichkeit der Kandidatinnen und ihre unterschiedlichen Strategien der Selbstdarstellung zurückzuführen sind.

Fußnoten

1.
Georgia Duerst-Lahti, Masculinity on the campaign trail, in: Lori Cox Han/Caroline Heldman (eds.), Madam President. Are we ready for a woman in the White House?, Boulder 2008, S. 87–112, hier S. 87.
2.
Ebd., S. 98.
3.
Lori Cox Han, Is the United States really ready for a woman president?, in: dies./C. Heldman (Anm. 1), S. 1–15, hier S. 8.

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