Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Christina Holtz-Bacha

Politikerinnen-Bilder im internationalen Vergleich

Von "Angie" bis Hillary

Nur in wenigen Staaten hat es bisher mehrmals eine Frau im höchsten Regierungsamt oder als aussichtsreiche Kandidatin für ein solches Amt gegeben. Auch Angela Merkel war "die erste", als sie Ende Mai 2005 als Kanzlerkandidatin der CDU/CSU nominiert wurde, und alles, was sie im Wahlkampf und schließlich als Kanzlerin tat, geschah "zum ersten Mal". Die Tatsache, dass Frauen "zum ersten Mal" eine Stufe in der politischen Hierarchie erreicht haben, wo bislang noch keine Frau zu finden war, aktualisiert das first woman-Etikett. Sachlich ist das nicht falsch, unterwirft die Frauen jedoch einer besonderen Aufmerksamkeit. Für die Medien ist ein Ereignis, das zum ersten Mal oder überraschend auftritt, allemal Anlass für Berichterstattung. Sie beobachten genau, was "die erste Frau" tut, wie sie sich verhält, ob sie alles richtig, oder - erst recht - ob sie etwas falsch macht.

Der Neuigkeitswert, der sich mit diesem "Erste Frau-Phänomen" verbindet, demonstriert allerdings zugleich das Ungewöhnliche am Aufstieg von Frauen an die Spitze der Politik: Sie sind die Neuen in einem Männergeschäft, dessen Regeln sie erst einmal lernen müssen. Geradezu wie eine Überzeichnung dieser Botschaft wirkten die Bilder der hochschwangeren spanischen Verteidigungsministerin Carme Chacón kurz nach ihrer Ernennung 2008 beim Truppenbesuch in Afghanistan. Das "Erste Frau-Etikett" erweist sich insofern als eine zweischneidige Angelegenheit: Zwar ist die Aufmerksamkeit der Medien für politische Akteure wichtig, denn sie verschafft Bekanntheit und signalisiert Relevanz; sie bedeutet allerdings auch genaue Beobachtung und die Erwartung des Fehltritts, der bestätigt, dass Frauen sich in einer für sie fremden Sphäre bewegen.

Während Männer für das Männergeschäft Politik per se geeignet scheinen, werden Frauen auf dem Weg in ein höheres politisches Amt mit Fragen nach ihrer Kompetenz konfrontiert. So zeigte sich in den USA, dass Kandidatinnen oftmals Zweifeln an ihrer viability ausgesetzt sind. Das ist die Frage danach, ob sie dem angestrebten Amt und dem Machtkampf gewachsen sein würden. Dies geschieht - in den Medien, aber auch durch die männlichen Konkurrenten - entweder direkt oder indirekt durch Betonung von (vermeintlich weiblichen) Eigenschaften, die eine Kandidatin ungeeignet erscheinen lassen.

So hat es auch Ségolène Royal erlebt, die im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahl oft als unerfahren und inkompetent porträtiert und außerdem bevorzugt mit den "weichen" Politikfeldern assoziiert, bei den "harten" Themen Außen- und Wirtschaftspolitik dagegen vorgeführt wurde.[4] Bei der chilenischen Präsidentschaftskandidatin Michelle Bachelet, die aufgrund der Umfragewerte in der Presse allerdings schon früh als wahrscheinliche Siegerin der Wahl 2005 gehandelt wurde, zeigten sich ähnliche Berichterstattungsmuster wie bei Royal. Die Zeitungen verbanden Bachelet mit den weiblichen Stereotypen der Fürsorge und des Mitgefühls, während ihre männlichen Konkurrenten typisch maskulin, als kompetent und mit Führungsqualitäten dargestellt wurden.[5]

Auch im Bundestagswahlkampf 2005 war die Frage nach Merkels Kompetenz immerhin so präsent, dass sie später zum Buchtitel wurde: "Kann die das?"[6] Hier schlug sich nieder, dass es die Regierungsparteien (damals SPD und Grüne) zu ihrer Strategie machten, Merkels Kompetenz anzuzweifeln. Der damalige SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering wurde wiederholt mit seinem Verdikt über Angela Merkel zitiert: "Die Frau kann das nicht". Und auch in der Wahlwerbung wurden der Kanzlerkandidatin Wankelmütigkeit und fragwürdige Sachkenntnisse unterstellt.

Die Kompetenzfrage verbindet sich mit Zweifeln daran, ob Frauen aus eigener Kraft und aufgrund eigener Leistung in eine politische Spitzenposition gekommen sind. Tatsächlich gibt es international viele Beispiele für Politikerinnen, die Töchter oder Frauen erfolgreicher Politiker sind, wie etwa Indira und Sonia Gandhi (Indien), Corazon Aquino (Philippinen), Gloria Macapagal Arroyo (Philippinen), Isabel Perón (Argentinien), Megawati Sukarnoputri (Indonesien) oder Benazir Bhutto (Pakistan). Ohne Frage können bekannte Namen und Familienbande bei der politischen Karriere hilfreich sein. Allerdings wird oftmals der Aufstieg auch dann durch solche Verbindungen erklärt, wo Frauen bereits auf eine eigene politische Karriere blicken konnten. Aus diesem Grund und um nicht nur als die "Frau von Bill Clinton" gesehen zu werden, hat Hillary Clinton ihre Präsidentschaftskandidatur langfristig vorbereitet und ist zunächst als Senatorin in den US-Kongress eingezogen. Dass Cristina Kirchner vor ihrer Wahl zur Präsidentin Argentiniens bereits mehrere politische Posten innehatte, verschwand in den Medien hinter ihrer Rolle als Ehefrau ihres Vorgängers Néstor Kirchner.

Die Neigung, die Karriere einer Politikerin ihrem Namen und ihrer Familie zuzuschreiben, unterstreicht die Zweifel an ihrer politischen Kompetenz und unterstellt, dass Frauen ihren Weg in die Politik auch ohne Sachkenntnisse gehen. Die vielen Bilder von Helmut Kohl und Angela Merkel aus der Frühzeit ihrer politischen Karriere, die vor allem im Wahlkampf 2005 wieder veröffentlicht wurden, vermittelten gelegentlich den Eindruck, dass auch bei "Kohls Mädchen" der Vater gesucht wurde, der für ihren Aufstieg verantwortlich zu machen war. Doppelt, nämlich als "Tochter von" und als "adoptierte Tochter",[7] traf dieses Berichterstattungsmuster Martine Aubry, ehemalige Ministerin, mittlerweile Bürgermeisterin von Lille und Vorsitzende der französischen Parti Socialiste. Die Tochter des Politikers Jacques Delors galt als Protegé von François Mitterrand und Liebling wichtiger französischer Unternehmer.[8]

Verbreitet ist die Klage der Politikerinnen darüber, dass die Medien bei Frauen das Privatleben zum Thema machen und sich bevorzugt mit ihrem Aussehen (Figur, Kleidung, Frisur) beschäftigen. So müssen sich Frauen Fragen gefallen lassen, die Männern nicht gestellt werden.[9] Das gilt nicht nur für die Berichterstattung, sondern ist auch eine Strategie männlicher Kollegen im Wettbewerb um die Macht. "Und wer kümmert sich um die Kinder?" ist eine Frage, die immer nur Frauen gestellt wird. Im Kampf um die Kandidatur für den französischen Präsidentschaftswahlkampf 2007 richtete sie Laurent Fabius an seine Konkurrentin Ségolène Royal, die ihn deshalb als sexistisch beschimpfte.[10] Die Beschäftigung der Medien - und der Politikerkollegen - mit privaten Aspekten, insbesondere dem Aussehen, und damit die Einbeziehung sachfremder Kriterien in die Bewertung der Politikerinnen aktualisiert die Geschlechterstereotypen sowie gesellschaftliche Rollenerwartungen an Frauen und hat die gleiche Wirkung wie die Assoziation von Kandidatinnen mit "soften" Themen: Sie unterstreicht, dass weibliche Kompetenz nicht in der harten Politik gesehen wird.

Fußnoten

4.
Vgl. Rainbow Murray/Sheila Perry, A right Royal mess: why did the French say ´non´ to the opportunity of having a woman president?, Prepared for delivery at the 2008 annual meeting of the American Political Science Association, August 28–31, 2008.
5.
Vgl. Sebastián Valenzuela/Teresa Correa, Press coverage and public opinion on women candidates. The case of Chile´s Michelle Bachelet, in: International Communication Gazette, 71 (2009) 3, S. 203–223.
6.
Sylka Scholz (Hrsg.), "Kann die das?" Angela Merkels Kampf um die Macht. Geschlechterbilder und Geschlechterpolitiken im Bundestagswahlkampf 2005, Berlin 2007.
7.
Raylene Ramsey, 'French exception' or France-New Zealand connection? Media representations of women in high political office in France and New Zealand (Aubry, Clark, Shipley), in: European Studies, 21 (2005), S. 223–245.
8.
Vgl. ebd., S. 240–242.
9.
Vgl. z. B. das dem Text vorangestellte Zitat von Michelle Bachelet in: S. Valenzuela/T. Correa (Anm. 5).
10.
Vgl. Ben Clift, The Ségolène Royal phenomenon: political renewal in France?, in: The Political Quarterly, 78 (2007) 2, S. 282–291, hier S. 285.

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