Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch
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Arbeit von Frauen in Zeiten der Globalisierung


30.7.2010
Hohe Erwerbsquote, Dienstleistungsberufe und Minijobs: Die weibliche Erwerbstätigkeit hat sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland stark verändert. Wie hängen die Prozesse zusammen mit der Globalisierung von Wirtschaft und Arbeit?

Der Begriff Globalisierung wird in verschiedenen Kontexten unterschiedlich definiert. Gemeinhin umfasst Globalisierung eine Vielzahl wirtschaftlicher Prozesse, die sich im späten 20. Jahrhundert massiv verstärkt haben (vgl. Hofmeister/Blossfeld/Mills 2006). Dazu gehören die Internationalisierung von Märkten durch den verstärkten Strom von Gütern, Arbeitskraft und Kapital über nationale Grenzen hinweg, Wettbewerbsverschärfungen aufgrund von Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung, die weltweite Ausbreitung von Wissen und Kommunikationsnetzwerken durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und die wachsende weltweite Verflechtung von Märkten und deren Abhängigkeit von globalen Schocks, wie beispielsweise der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise.

Im Zuge dieser Veränderungen hat sich die von Frauen geleistete Arbeit massiv vom unbezahlten, häuslichen Bereich in den bezahlten Bereich des Arbeitsmarktes ausgedehnt. Die wohl auffälligste Veränderung in Deutschland seit den 1950er Jahren ist dabei die steigende Erwerbsbeteiligung von verheirateten Frauen und Müttern. Damit verbunden ist die Abkehr vom Modell der "Hausfrauen- und männlichen Versorger-Ehe", das speziell in Westdeutschland lange Zeit institutionell und normativ prägend war und ist. Frauen verbringen heutzutage mehr Zeit ihres Erwachsenenlebens auf dem Arbeitsmarkt als jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. So hat sich die Erwerbsquote verheirateter Frauen allein in Westdeutschland zwischen 1950 (26 Prozent) und 1980 (48 Prozent) fast verdoppelt (Müller et al. 1983). In der ehemaligen DDR verlief diese Entwicklung noch rasanter, da Frauen hier, auch aus politischen Gründen, systematisch als bezahlte Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt eingebunden wurden. Insgesamt stieg die Frauenerwerbsquote von 44 Prozent im Jahre 1950 auf 66 Prozent in 2005 an, trotz massiver konjunkturell und strukturell bedingter Nachfrageschwankungen auf dem Arbeitsmarkt (Ibid. & Statistisches Bundesamt).

Veränderungen im Globalisierungsprozess



Die Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten auf dem Arbeitsmarkt und im Sozialstaat stattgefunden haben, lassen sich selten eindeutig als Ergebnis des Globalisierungsprozesses zurechnen (vgl. Leitner/Ostner 2000; Blossfeld 2001). Vielmehr handelt es sich dabei um Entwicklungen, die in ihren Grundzügen den meisten modernen Gesellschaften gemein sind und sich mit der wachsenden Dominanz des Weltmarktes durchgesetzt haben (Ibid.). Insbesondere die folgenden Entwicklungen, die das Arbeitskräfteangebot sowie die Nachfrage nach Arbeitskräften nachhaltig verändert haben, werden in der einschlägigen Literatur mit Globalisierung in Verbindung gebracht (Ibid.): Die wachsende Bedeutung des Wissens und der Information, die sich auch in der Bildungsexpansion zeigt - d.h. seit den 1960er Jahren erwerben immer mehr junge Menschen mittlere oder höhere Bildungsabschlüsse (Geißler 2004); die immense Steigerung der Produktivität in der industriellen Produktion, die eine Abnahme von niedrig qualifizierten Produktionsberufen und eine Zunahme von Dienstleistungsberufen sowie einen Anstieg der Arbeitslosigkeit nach sich gezogen hat; die zunehmende Flexibilisierung von Beschäftigungsverhältnissen durch Teilzeitarbeit, Minijobs und befristete Beschäftigungsverhältnisse; die zunehmende Unsicherheit und Instabilität sozialer Beziehungen, die in einem Anstieg der Scheidungszahlen, gesunkener Kinderzahlen, und generell, in einer Pluralisierung familiärer Lebensformen zum Ausdruck kommt; sowie schließlich der wachsende internationale Wettbewerb zwischen Nationalstaaten, in dessen Zuge ein Großteil der gering- und mittelqualifizierten Arbeitsplätze in Niedriglohnländer verlagert worden ist.

Wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland



Durch das Wirtschaftswachstum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie durch die Zunahme von Dienstleistungsberufen und flexiblen Beschäftigungsformen, wie zum Beispiel Teilzeitarbeit, ist die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften deutlich angestiegen. Ein Indikator hierfür ist der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor, der zwischen 1970 und 2006 von ca. 45 Prozent auf 72 Prozent massiv angestiegen ist (Statistisches Bundesamt: Strukturwandel in Deutschland 2009). Den Hintergrund dieser Entwicklungen bildeten unter anderem die Produkt- und Prozessinnovationen in der Produktion und Organisation der industriellen Fertigung, wo Frauen zunächst als flexible Arbeitskräfte in der Produktion und schließlich zunehmend in den unteren und mittleren Hierarchien im Büro- und kaufmännischen Bereich eingesetzt wurden. Zeitweise, speziell in Zeiten des Wirtschaftswunders, war die generelle Nachfrage nach Arbeitskräften schlichtweg größer als das Angebot an männlicher Arbeitskraft. Gleichzeitig entstanden durch den wirtschaftlichen Wandel aber auch neue Berufe und Beschäftigungsformen, wie z.B. Teilzeitarbeit, die Männer in dieser Form zur damaligen Zeit nicht ergriffen hätten, da sie zu gering entlohnt waren, um davon eine Familie zu ernähren. Für verheiratete Frauen boten die neuen Jobs die Möglichkeit, etwas zum Familieneinkommen dazu zu verdienen und ein Stück Eigenständigkeit zu erlangen.

Themengrafik ErwerbstätigkeitDie weibliche Erwerbstätigkeit hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Seit den 1970er Jahren ist die Erwerbstätigenquote kontinuierlich gestiegen. Wie sehen die Entwicklungen hinsichtlich Verträgen, Zeitmodellen und Berufsgruppen aus?
In dieser Zeit erwarben junge Frauen auch immer bessere Schul- und Berufsausbildungsabschlüsse, sodass sie inzwischen bei den qualifizierenden Berufs- und Universitätsabschlüssen mit den Männern gleichziehen und entsprechend in mehreren qualifizierten Berufsfeldern, z.B. als Bürokaufleute, Ärzte, Lehrer, mit ihnen konkurrieren. Durch den Ausbau des Sozialstaats in den 1960er Jahren waren auch Arbeiten, die Frauen bis dahin unbezahlt in der Familie verrichtet hatten, wie die Versorgung und Pflege von Alten, Kranken und Kindern, ein Stück weit in bezahlte Arbeit im öffentlichen Sektor umgewandelt worden. So weiteten sich auch sogenannte klassische Frauenberufe wie Erzieherin, Krankenpflegerin oder Verwaltungsangestellte aus. Ein Indikator des sozialstaatlichen Ausbaus ist der Anteil der Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Die Gesamtzahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst stieg von 3,2 Millionen im Jahr 1960 auf 4,6 Millionen Beschäftigte im Jahre 1982 und betrug 2009 4,5 Millionen. (Statistisches Bundesamt, Strukturwandel in Deutschland, Personalanstieg im öffentlichen Dienst Pressemitteilung Nr. 258, 2010 und Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik). Im gleichen Zeitraum stieg die Frauenquote im öffentlichen Dienst von 27 Prozent 1960 auf 52 Prozent im Jahre 2005 (Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 093, 2005). Globalisierung spielt in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle, da der sozialstaatliche Ausbau eher der konservativ-wohlfahrtsstaatlichen Tradition Westdeutschlands folgte. In Ostdeutschland war bezahlte Beschäftigung ein staatlich garantiertes Recht und eine Verpflichtung zugleich (Drobnic 1997). Es herrschte Vollbeschäftigung und die Arbeitsnachfrage war weitgehend abgekoppelt von Konsum oder Produktivität (Ibid.).

In beiden Teilen Deutschlands gingen die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt Hand in Hand mit Produktinnovationen und Neuerungen im häuslich-privaten Bereich. Frauen verbrachten durch Veränderungen bei der Produktion und im Konsum von Haushaltsgütern, wie zum Beispiel Konfektionskleidung oder Fertigprodukte zunehmend mehr Zeit in Erwerbsarbeit und weniger Zeit mit unbezahlter Haus- und Familienarbeit.



 

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