Dossier Frauenbewegung

8.9.2008 | Von:
Dr. Susanne Hertrampf

Ein Tomatenwurf und seine Folgen

Eine neue Welle des Frauenprotestes in der BRD

Zwischen 1972 und 1973 bildeten sich auch die ersten Lesben-Gruppen, die sich als Teil der Frauenbewegung verstanden und ihre Erfahrungen sowie Perspektiven in die feministischen Diskussionen einbrachten. Dies vergrößerte die Bandbreite des feministischen Gedankenguts, machte aber auch Differenzen unter den Frauen sichtbar.

Spätestens ab 1974 entstanden in vielen Orten der BRD autonome Frauenzentren. Kleine Projekte und Aktionsgruppen fanden hier ebenso ein Dach wie feministische Frauengruppen und Diskussionszirkel.Spätestens ab 1974 entstanden in vielen Orten der BRD autonome Frauenzentren. Kleine Projekte und Aktionsgruppen fanden hier ebenso ein Dach wie feministische Frauengruppen und Diskussionszirkel.Bildnachweis (© AddF (Bild 18))
Im Januar 1973 gründeten Berliner Aktivistinnen das erste Frauenzentrum. Diese Zentren dienten allen Frauen – egal welcher politischen bzw. feministischen Richtung – als Anlaufstelle. Kleine Projekt- und Aktionsgruppen ermöglichten es den Frauen, ihre Vorstellungen von Kultur und Politik zu entwickeln und umzusetzen. Problematisch war, dass die Autonomie der einzelnen Gruppen gemeinsame Aktionen und den Austausch von Wissen eher behinderte als förderte.

Im Sommer des gleichen Jahres begannen Arbeiterinnen, sich mit Streiks gegen die Lohndiskriminierung zu wehren. Damit lösten sie eine Welle aus, die 1979 ihren Höhepunkt erreichte, als weibliche Angestellte der Firma Photo Heinze mit ihrer Klage für gleichen Lohn Erfolg hatten.

Die Zeitschrift BRIGITTE veröffentlichte 1974 eine Studie der Soziologin Helge Pross über Hausfrauen. Ihr Fazit, "Hausfrauen seien mit ihrer Situation zufrieden", löste innerhalb der Frauenbewegung eine Debatte zum Thema "Lohn-für-Hausarbeit" aus. Während die einen hofften, die Arbeit der Hausfrauen mit einem Lohn gesellschaftlich aufzuwerten und diesen dadurch eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit zu verschaffen, befürchteten die anderen eine Verfestigung der geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen.

Zweite Phase: Projekte und Umorientierung in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre

Ab Mitte der 1970er Jahre schufen die Aktivistinnen eigene Strukturen und Medien, um ihre Ideen zu verbreiten. Sie drehten Frauenfilme und gründeten Frauenverlage, in denen feministische Literatur und Frauenkalender veröffentlicht wurden. Sie gaben eigene Zeitschriften heraus, von denen zwei eine zentrale Bedeutung erhielten: COURAGE (1976–1984), ins Leben gerufen von sozialistischen Feministinnen, und EMMA (1977 bis heute), herausgegeben von Alice Schwarzer. Gleichzeitig bauten sie die Frauenzentren aus und richteten Frauencafés sowie Frauenkneipen ein.

In vielen Städten entstanden autonome Frauenprojekte, unter anderem auch die ersten Häuser für geschlagene Frauen.In vielen Städten entstanden autonome Frauenprojekte, unter anderem auch die ersten Häuser für geschlagene Frauen.Bildnachweis (© AddF (Bild 19))
Nach dem Internationalen Tribunal gegen die an Frauen begangenen Verbrechen im März 1976 in Brüssel (In Brüssel kommen 1.500 Teilnehmerinnen aus 33 Ländern zum "Internationalen Tribunal Gewalt gegen Frauen". Die "Anklagen" der Frauen umfassen alle gesellschaftlichen Bereiche.) setzten sich die Feministinnen in der BRD verstärkt mit dem Thema Frauen und Gewalt auseinander. Noch im gleichen Jahr gründeten Aktivistinnen das erste autonome Frauenhaus in Berlin, um Frauen vor gewalttätigen (Ehe)Männern zu schützen.

Im Juli 1976 fand die erste Sommeruniversität für Frauen in Berlin statt, die von einer interdisziplinären Dozentinnengruppe initiiert worden war. Sie brachten das Thema Frauen und Wissenschaft in die Öffentlichkeit und forderten, den Anteil der Hochschullehrerinnen wesentlich zu erhöhen sowie frauenspezifische Forschungsinhalte in der Wissenschaft zu verankern.

Die Trennungslinie verwischend, kam es 1978 zu einem ersten offiziellen Treffen der autonomen Frauenbewegung und etablierten Frauenverbänden in Berlin. Auch auf der transnationalen Ebene vollzog sich eine engere Verflechtung der neuen Feministinnen mit der institutionalisierten Frauenpolitik. Den Hintergrund dazu bildete die Weltkonferenz zum Internationalen Jahr der Frau 1975 in Mexiko (Auftakt zur Frauendekade der Vereinten Nationen, 1975–1985).

Dritte Phase: institutionelle Integration und Differenzierung bis 1989

In den 1980er Jahren führten die unterschiedlichen feministischen Standpunkte dazu, dass sich die Bewegung weiter ausdifferenzierte: Lesben, Juristinnen, Mütter, Migrantinnen oder Friedensaktivistinnen organisierten sich in eigenen Gruppen. Diese Aufspaltung, die es auch in der "alten" Frauenbewegung gegeben hatte, zeigte deutlich, wie schwierig es war, eine kollektive Identität für möglichst viele Frauen zu konstruieren, um gemeinsam die Idee einer Geschlechterdemokratie zu verwirklichen.

Gleichzeitig zeichnete sich die Tendenz ab, die Frauenbewegung in politische Verbände und staatliche Institutionen zu integrieren. So führte die Einrichtung des ersten Lehrstuhls für Frauenforschung 1980 in der BRD dazu, dass feministische Anliegen institutionell verankert und vom Staat finanziert wurden. Auch Parteien und soziale Verbände wie Kirchen und Gewerkschaften zeigten ein verstärktes Interesse an Fragen der Gleichstellung von Mann und Frau. Zudem etablierte sich mit den GRÜNEN eine Partei, die sich dem Feminismus verpflichtet fühlte. Vor diesem Hintergrund modernisierte die regierende CDU ihre Frauenpolitik und berief 1986 Rita Süßmuth zur ersten Frauenministerin.

Die Projektarbeit unterlag ebenfalls Veränderungen, indem sie von den Trägerinnen der neuen Frauenbewegung zunehmend professionalisiert wurde. Für die Bewegung gewann der "Marsch durch die Institutionen" an Fahrt, als staatliche Behörden begannen, die Projekte finanziell zu fördern. In Verhandlungsprozessen bemühten sich die Frauen, ihre Autonomie in Entscheidungsfragen weitgehend beizubehalten. Hatte doch schon Marielouise Janssen-Jurreit 1976 in ihrem Buch "Sexismus" zu bedenken gegeben, dass Frauen die Bedingungen dieser Integration nicht mitbestimmen konnten.

Ende der 80er Jahre gab es immer weniger Protestaktionen, sodass die Frauenbewegung zusehends aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwand. Die zunehmende Differenzierung zerfaserte die Bewegung. Gleichzeitig entstand eine Kluft zwischen denjenigen, die sich institutionell verankerten, und denen, die ihr feministisches Engagement möglichst autonom weiterführten. Im Zuge der Wiedervereinigung sollte daher eine stagnierende westdeutsche Frauenbewegung auf eine ostdeutsche stoßen, die nach einer langen Phase der Stagnation wieder im Aufbruch begriffen war. Während ostdeutsche Feministinnen sich nach 1989 von der Gängelung durch den SED befreiten und an ihren "Modernisierungsvorsprung" anknüpfen wollten, mussten westdeutsche Feministinnen erkennen, dass Gleichstellungspolitik und Integration nur zu Teilerfolgen geführt hatten.

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