Dossier Frauenbewegung

9.1.2009 | Von:
Dr. Susanne Hertrampf

Helge Pross

Helge Pross (1927 - 1984) war Pionierin der Geschlechterforschung. Ihr Schwerpunkt lag im Bereich Frau und Familie. In zahlreichen Studien belegte sie die strukturelle Benachteiligung von Frauen und Mädchen.

Die Soziologin Helge Pross, die von 1965 bis 1984 an westdeutschen Universitäten lehrte, war eine Pionierin der Geschlechterforschung. Sie gehörte zu einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlerinnen, die sich in der Nachkriegszeit habilitierten und an eine Universität berufen wurden. Schon bald nach 1945 hatte Helge Pross erkannt, dass die Emanzipation der Frau zentral für die Entwicklung der Demokratie ist. Mit ihren großen Studien über strukturelle Benachteiligungen von Mädchen und Frauen sowie zu Männerfragen wollte sie die Menschen in Deutschland aufklären. Ihrer Überzeugung nach mussten noch weitere Barrieren beseitigt werden, um demokratische Prinzipien wie individuelle Freiheit und soziale Gleichheit zu verwirklichen.

Mit ihrer journalistischen Tätigkeit, die sie neben ihren Aufgaben als Professorin fortführte, vermittelte sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse auch einem breiten Publikum. Als Wissenschaftlerin für Geschlechterforschung und als Aufklärerin ist sie eine Wegbereiterin für eine geschlechtergerechte Demokratie.

Aufbruch in die Emanzipation

Helge Pross kam am 14. Juli 1927 in Düsseldorf als Tochter von Gertrud und Robert Nyssen zur Welt. Ihr Vater, der als junger Mann Philologie studierte und im Dritten Reich Mitglied der NSDAP war, hatte in der Stahlindustrie Karriere gemacht, während ihre Mutter fünf Töchter und einen Sohn versorgte. Ihre Sozialisation war geprägt durch die nationalsozialistischen Weltanschauung. Gleichzeitig kam sie über das Elternhaus mit Musik, Kunst und Literatur in Berührung.


Wenige Wochen vor der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 wurde Helge Pross zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Dafür verließ sie das Gymnasium ohne ein formelles Reifezeugnis. Sie wurde einem Arbeitsdienstlager in der Dübener Heide zugeteilt. Von dort aus flüchtete sie vor den Truppen der Alliierten und fand Unterkunft bei einer Bäckerfamilie. Monate später kehrte sie zu ihrer Familie zurück, die die Bombenangriffe auf Düsseldorf überlebt hatte.

Der Wunsch zu studieren führte Helge Pross zurück zur Schule, wo sie – nach einem Sonderlehrgang – im April 1946 das Abitur ablegte. Die Eltern unterstützen diesen Wunsch, da sie ihre Tochter vor der "Abhängigkeit der Ungelernten" bewahren wollten. Noch im Mai des selben Jahres nahm sie an der Ruprecht-Carl-Universität in Heidelberg ein Studium auf, und zwar in den Fächern Soziologie, Geschichte, Staatslehre und deutsche Literaturgeschichte.

Nebenher machte Helge Pross erste journalistische Erfahrungen durch Veröffentlichungen in Studentenzeitschriften. Die Diskussion über einen Numerus clausus nur für Frauen nahm sie zum Anlass, eingehend über Bildungschancen von Frauen nachzudenken. Dazu schrieb sie ihren ersten Artikel mit dem Titel "Die geistige Ebenbürtigkeit der Frauen", der 1946 als Leserbrief in der Studentenzeitschrift Diogenes abgedruckt wurde.

Die eigene Emanzipation und die Beschäftigung mit geschlechtsspezifischen Benachteiligungen waren erste Schritte auf dem Weg zu einem Demokratieverständnis, dass sich an Fragen der individuellen Freiheit und der sozialen Gleichheit orientierte. Dazu gehörte auch, dass sich Helge Pross noch während ihres Studiums kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das im Mai 1949 in Sonderbeilagen verschiedener Zeitschriften abgedruckt war, nahm sie "ungeheuer ernst". Insbesondere der Artikel 3, Absatz 2 "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" sollte zur Richtschnur in ihrem Leben werden.

Stationen auf dem Weg zur Professur

1950 beendete Helge Pross ihr Studium mit einer Promotion über soziale Ideen Bettina von Arnims. Im gleichen Jahr heiratete sie den Politologen Harry Pross. Vorerst verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als freie Journalistin.

Schließlich ging sie 1952, mit einem Reise- und Forschungsstipendium in der Tasche, für zwei Jahre in die USA. Diese Zeit nutzte sie, um über deutsche Akademiker und Akademikerinnen zu forschen, die in die Vereinigten Staaten emigriert waren. In New York lernte sie den Staatsrechtler Franz Leopold Neumann kennen. Neumann, ebenfalls ein Emigrant aus Deutschland, sah den Sinn einer Demokratie darin, ein Höchstmaß an individueller Freiheit zu gewähren, gleichzeitig aber auch für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Daher stand er dem Kapitalismus sehr kritisch gegenüber und wies auf die Gefahren der freien Marktwirtschaft hin. Seine Ansätze sowie die Erfahrungen der Emigranten und Emigrantinnen hinterließen Spuren im Denken der jungen Frau.

Ihre erste Ehe hielt vier Jahr. 1954 kehrte Helge Pross – in Begleitung von Neumann – nach Westdeutschland zurück. Noch im gleichen Jahr kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben, wodurch ihnen eine gemeinsame Zukunft verwehrt wurde. Ihr blieben die von ihm vermittelten Kontakte zur Frankfurter Schule. Von 1954 bis 1959 war Helge Pross Mitarbeiterin bei deren führenden Wissenschaftlern Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. In Frankfurt lernte sie auch ihren zweiten Ehemann, den Journalisten Karl W. Boetticher kennen, den sie 1972 heiratete.

In Westdeutschland nahm Helge Pross neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auch ihre journalistische wieder auf. Des Öfteren äußerte sie sich jetzt in Zeitschriften und im Rundfunk zu frauenpolitischen Themen. 1963 erhielt sie für ihre journalistischen Beiträge den Kurt-Magnus-Förderpreis.

Dokumentationen der sozialen Benachteiligung von Mädchen und Frauen

Nach ihrer Habilitation 1963 im Fach Soziologie und dem Ruf 1965 an die Justus-Liebig-Universität in Gießen begann Helge Pross, Daten für ihre erste große Studie zu "Frauenfragen" zu sammeln. Diese Studie erschien 1969 unter dem Titel "Über Bildungschancen von Mädchen in der Bundesrepublik".

Innovativ für die damalige soziologische Forschung war, dass Helge Pross ihrer Untersuchung die Kategorie "Geschlecht" zu Grunde legte. So verglich sie die Bildungschancen der Mädchen mit denen der Jungen und dokumentierte eindrucksvoll, dass die Zugangsmöglichkeiten zu Gymnasien und Universitäten sowie zur ganzen Bandbreite der beruflichen Bildung für Mädchen eingeschränkter seien als für Jungen.

Diese soziale Ungleichheit führte sie auf geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen zurück: "Die stärksten Hindernisse erwachsen aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und der Ideologie des weiblichen 'Wesens', die diese Arbeitsteilung stützt und zugleich von ihr erhalten wird. In Westdeutschland wie anderswo fällt Frauen die größere Verantwortung für Familie und Haushalt zu. Während ein Mann die Aufgabe des Vaters gleichsam im Nebenberuf wahrnehmen kann, summieren sich die Pflichten der Mutter zum Hauptberuf." (Über die Bildungschancen von Mädchen, 1969, S. 33f.)

Diese Rollenfestschreibung der Frau als Mutter und Hausfrau, die mit dem biologischen Faktor des Gebärens begründet werde, so Helge Pross weiter, hätten die Mädchen derartig verinnerlicht, dass die meisten von ihnen diese Aufgabenverteilung akzeptierten. So würden diese als Beruf oder Studienfächer nur jene wählen, die der traditionellen Definition von Weiblichkeit entsprächen. Dazu würden sie eine geringere Qualifikation und Position sowie geringere Einkünfte und eine verkürzte Berufszeit in Kauf nehmen. Der bevorzugte Lebensentwurf der meisten Mädchen sei deshalb der der "Hausfrauenehe", wodurch die soziale Ungleichheit stets neu produziert werde. Als Folge davon hätten die meisten Frauen keinen Zugang zu einem selbstbestimmten, finanziell unabhängigen Leben und zu entscheidungsbefugten Positionen.

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