Frauen auf dem Weg an die Spitze?
1 | 2 Pfeil rechts

Gender Mainstreaming: überflüssig oder kontraproduktiv? Eine Diskussion


24.10.2012
Kritik an der Strategie des Gender Mainstreaming gibt es aus unterschiedlichen Richtungen: Die einen halten sie für überflüssig, weil sie geschlechtsspezifische Unterschiede als naturgegeben betrachten, die anderen halten sie für kontraproduktiv, weil sie befürchten, dass dadurch Geschlechterrollen eher manifestiert denn aufgelöst werden. Der Beitrag beschäftigt sich mit beiden Argumenten.

Eine Frau mit Ballerinas geht am 18.06.2013 in Berlin eine Treppe hinunter. Der bisher heißeste Tag des Jahres lädt zu luftiger Kleidung ein. Foto: Nicolas Armer/dpaFrauen auf dem Weg nach oben? Besonders in Führungspositionen sind Frauen noch unterrepräsentiert. (© picture-alliance/dpa)

Widerstände gegen Gender Mainstreaming (GM) - gegen das Verfahren aber auch gegen die Umsetzung - sind vielfältig. Im Folgenden sollen zwei Argumente diskutiert werden, die von sehr verschiedenen Seiten vorgebracht werden. Die einen, einem verbreiteten Alltagsverständnis von Geschlecht folgend, halten GM für überflüssig: Reale Differenzen zwischen den Geschlechtern sehen sie als Folge natürlicher Geschlechterunterschiede und können deshalb auch keine Ungerechtigkeiten darin entdecken. Andere, vor allem aus dem wissenschaftlichen Bereich, gehen von einem fortschrittlichen Geschlechterverständnis aus und sehen in GM ein problematisches Potential zur Stereotypisierung und Homogenisierung. Sie behaupten, dass die bei der Umsetzung von GM vorzunehmenden Genderanalysen automatisch wieder zu den Kategorien "Mann" und "Frau" zurückführten, die es geschlechterpolitisch gerade aufzulösen gelte. Sie kritisieren also das Instrument GM als unzureichend, um Geschlechterdifferenzen abzubauen.

Zum ersten Argument: Gender Mainstreaming ist überflüssig



Arbeit, Einkommen und Macht sind (noch) nicht gleich zwischen den Geschlechtern verteilt. Gender Mainstreaming soll daher der Herstellung geschlechtergerechter Rahmenbedingungen und Strukturen dienen, unter denen diese Unterschiede nicht mehr existieren. Das Alltagsverständnis von Geschlecht geht aber von grundsätzlichen Differenzen zwischen den Geschlechtern aus, die als Begründung für die ungleiche Verteilung dienen können. Es besagt:

  1. Ob jemand Mann oder Frau ist, wird durch körperliche Merkmale eindeutig bestimmt.
  2. Es gibt nur zwei Geschlechter.
  3. Jeder Mensch ist entweder Mann oder Frau.
  4. Ein Mensch ändert sein Geschlecht nicht.
  5. Das Geschlecht eines Menschen prägt sein Verhalten.
Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden als natürlich angesehen. Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen werden aus dem Wesen der Geschlechter abgeleitet. Dagegen basiert ein - den Ergebnissen der Geschlechterforschung verbundenes - Verständnis von Geschlecht auf völlig anderen Annahmen:

Zu 1: Ob jemand Mann oder Frau ist, wird durch körperliche Merkmale eindeutig bestimmt.



Das Alltagsverständnis geht davon aus, dass die Bestimmung des Geschlechts aufgrund der Körpermerkmale immer eindeutig ist. Diese Sicherheit wird jedoch nur dadurch erreicht, dass ausschließlich auf die äußeren Geschlechtsmerkmale Bezug genommen wird. Die neuere Biologie kennt jedoch mindestens vier Kriterien zur Geschlechtsbestimmung: die äußeren Genitalien, die inneren Fortpflanzungsorgane, die Chromosomen und die Hormone. Damit schwindet die Eindeutigkeit, mit der eine einzelne Person entweder als Mann oder als Frau kategorisiert wird. Den vielfältigen Bestimmungsmöglichkeiten, die die Biologie heute bietet, würde es weitaus mehr entsprechen, einer Person - anstatt der bipolaren Bestimmung als Mann oder Frau - in einem mehrdimensionalen Geschlechterraum eine je spezifische Position zuzuordnen.

Zu 2: Es gibt nur zwei Geschlechter.



Die vermeintliche Sicherheit des Alltagsverständnisses, nach der es nur zwei Geschlechter geben kann, beruht auf den Erfahrungen in einem bestimmten Kulturkreis. Wer den Blick erweitert, findet in anderen Gesellschaften oder in der Vergangenheit durchaus andere Geschlechtersysteme. Ethnologische Studien verweisen darauf, dass das System der Zweigeschlechtlichkeit nicht in allen Kulturen verankert ist. Darüber hinaus zwingt das zunehmende Wissen über Intersexualität dazu, die binäre Geschlechterrealität in Frage zu stellen. So hat beispielsweise Australien im Jahr 2011 eine dritte Geschlechtskategorie in Reisepässen eingeführt und auch der Deutsche Ethikrat hat im Februar 2012 in seiner Stellungnahme zur Situation intersexueller Menschen die Einführung eines dritten Geschlechts gefordert[1].

Zu 3: Jeder Mensch ist entweder Mann oder Frau.



Drei von 1000 Neugeborenen weisen "Irritationen" auf, weil ihre Genitalien nicht eindeutig ausgeprägt sind. Intersexuelle Menschen werden aus medizinischer Perspektive, die durch die herrschende Zweigeschlechtlichkeit geprägt ist, als pathologisch angesehen: operativ wird sofort vereindeutigt, was zunächst unklar erschien. Dass in jedem Individuum männlich und weiblich zugeordnete Anteile existieren, wird von tiefenpsychologischen Denk- und Therapierichtungen sogar vorausgesetzt. Die Reifung einer Person wird darin gesehen, dass sie in der Lage ist, ihre männlichen und weiblichen Anteile zu vereinen, zu integrieren. Die Frage nach den männlich oder weiblich konnotierten Anteilen einer Person ist damit dem Stand der Erkenntnisse weitaus angemessener als die polare Zuweisung als Mann oder Frau.

Zu 4: Ein Mensch ändert sein Geschlecht nicht.



Diese Annahme wird durch das Phänomen der Transsexualität widerlegt. Transsexuelle Menschen lehnen die für ihren Körper vorgesehene Definition des Geschlechts ab. Schillernde Geschlechterpräsentationen, das Experimentieren mit als weiblich und männlich bezeichneten Elementen sind im künstlerischen Raum verbreitet. Die Travestie ist Ausdruck einer Praxis, die gängige Geschlechterordnung als kulturelles Phänomen zu identifizieren, indem sie einfach umgekehrt wird. Das Spiel mit dem Geschlecht hat provozierende Wirkung, ein Beleg für die Tiefe, in der die kulturellen Konstruktionen verankert sind. Andererseits ist das Zulassen einer Vielfalt geschlechtlicher Präsentationen ein gesellschaftlicher Fortschritt, weil sich starre Normierungen auflösen und erlaubt wird, was Menschen leben möchten.



Fußnoten

1.
(http://www.ethikrat.org/themen/medizin-und-pflege/intersexualitaet).
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Barbara Stiegler für bpb.de

 
Frauen sind weiterhin seltener in Führungspositionen vertreten, obwohl sie ausbildungsbezogen keinen Rückstand mehr gegenüber den Männern haben. Foto: dpaDossier

Frauen in Deutschland

Regierung und Wirtschaft diskutieren derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen. Bisher sind Chefetagen überwiegend von Männern besetzt, obwohl Frauen gleiche oder höhere Abschlüsse, Qualifikationen und Führungskompetenzen besitzen. Weiter... 

Teaserbild FrauenbewegungDossier

Frauenbewegung

In Deutschland ist wieder viel von Frauenbewegung und vom Verhältnis der Geschlechter die Rede. Doch wie verlief der Weg der Emanzipation? Die Geschichte der Frauenbewegung zeigt, an welchem Punkt wir heute stehen und was alles erreicht wurde. Weiter... 

Publikationen zum Thema

APuZ_3_2011.jpg

Mannsbilder

Das gesellschaftliche Bild des Mannes, die damit verknüpften Rollenerwartungen sowie männliche Sel...

APuZ_37-38_2011.jpg

Frauen in Europa

"Die" Frauen in Europa gibt es nicht. Sie sind durch das Merkmal Geschlecht verbunden, unterscheiden...

Coverbild Geschlechtsidentität

Geschlechts-
identität

"Weiblich", "männlich", "anderes": Nach den Empfehlungen des Deutschen Ethikrates soll für Mensche...

WeiterZurück

Zum Shop

Publikation zum Thema

Coverbild Geschlechterverhältnisse in der Politik

Geschlechter-
verhältnisse in der Politik

Wie steht es um die Gleichberechtigung der Geschlechter? Was können, was müssen Akteure in Staat, Gesellschaft, Politik (noch) leisten, damit Teilhabe und Chancengleichheit verbessert werden? Die Autorin beleuchtet das Thema aus politikwissenschaftlicher Perspektive.Weiter...

Zum Shop

zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10-12 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.