Frauen auf dem Weg an die Spitze?

24.10.2012 | Von:
Barbara Stiegler

Gender Mainstreaming: überflüssig oder kontraproduktiv? Eine Diskussion

Zu 5: Das Geschlecht eines Menschen prägt sein Verhalten.

Eine direkte Beeinflussung des Verhaltens durch das Geschlecht würde voraussetzen, dass mit männlichen oder weiblichen Körpermerkmalen ganz bestimmte, sich gegenseitig ausschließende Dispositionen verbunden sind. Eine direkte Entsprechung zwischen biologischen Gegebenheiten - und selbst die sind ja nicht eindeutig - und dem Verhalten gibt es jedoch nicht. Die Ergebnisse vieler Studien zu Einstellungen und Verhalten zeigen, dass die Unterschiede innerhalb der Gruppe der Frauen und innerhalb der Gruppe der Männer mindestens genauso groß sind wie die Unterschiede, die zwischen der Gruppe der Männer und der Gruppe der Frauen bestehen. Und die statistische Betrachtung von Durchschnittswerten darf nicht zu dem Schluss führen, dass ein festgestellter Unterschied zwischen der Gruppe der Männer und der Gruppe der Frauen auf jede einzelne Frau und jeden einzelnen Mann zutrifft.

Zusammengefasst: Das Alltagsverständnis von Geschlecht widerspricht nicht nur den Erkenntnissen der Geschlechterforschung, der darin enthaltene Biologismus führt auch dazu, dass die realen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten im Geschlechterverhältnis nicht erkannt werden. Wird aber die Vielfalt und Uneindeutigkeit von Geschlecht vorausgesetzt, müssen alle Ungleichheiten, die über das Geschlecht zu entschlüsseln sind, zum Gegenstand politischer Veränderung gemacht und Gender Mainstreaming als Instrument genutzt werden.

Zum zweiten Argument: Gender Mainstreaming ist kontraproduktiv

GM hat seine Wurzeln in der Enttäuschung politisch engagierter Frauen über die Ergebnisse der internationalen Entwicklungspolitik. Sie fanden sich stets in der Position von Bittstellerinnen, die immer wieder Forderungen nach mehr Geschlechtergerechtigkeit an ihre Regierungen stellten. Sie erkannten, dass das Aufstellen einer gleichstellungspolitischen Agenda, also die Definition von Zielen, nicht ausreicht, diese Ziele auch in politisches Handeln umzusetzen. Im Abschlussdokument der Weltfrauenkonferenz 1995 konnten die Frauen durch die Verankerung von GM erstmals ihre Regierungen verpflichten, die frauenpolitische Agenda auch in einer bestimmten Weise, nämlich mit dem Verfahren GM, umzusetzen. Dieser Blick auf die Herkunft ist wichtig: Er belegt, dass GM als ein Instrument zur Umsetzung einer frauenpolitischen Agenda entstanden ist und nicht die Definition des Zieles selbst ist. Die Zieldefinition bleibt bei der Anwendung auch heute dem jeweiligen politischen Raum überlassen. GM ist ein Verfahren zur Erreichung geschlechterpolitischer Zielsetzungen und offen für verschiedene geschlechterpolitische Optionen. Deshalb bestimmen die Zielsetzungen, ob die Differenz zwischen den Geschlechtern vergrößert wird oder nicht, nicht das Verfahren als solches.

GM bedeutet konkret, dass eine Genderanalyse erstellt wird, mit der die Auswirkungen geplanter Maßnahmen auf die Lebenssituation von Männern und Frauen geprüft werden. Dabei muss in vielen Fällen zunächst eine Bestandsaufnahme dieser Lebenssituation vorgenommen werden, was oft durch reines Zählen nach Frauen und Männern ("Sex counting") geschieht. Das Ergebnis dieses ersten Schrittes, wenn es eine quantitative Differenz zwischen Männern und Frauen zeigt, muss aber im zweiten Schritt interpretiert werden. Dabei sind die geschlechtsbezogenen Lebensbedingungen und Rollenerwartungen in den Blick zu nehmen. Wenn die geplante Maßnahme dazu beiträgt, dass diese verstärkt werden oder nicht verändert werden, kann die Maßnahme bei entsprechender Zielsetzung nicht durchgeführt werden oder muss verändert werden. Der Kern von Genderanalysen in GM-Prozessen liegt in der Wende der Blickrichtung der Analyse von den Personen hin zu den Strukturen und Mechanismen, die dazu führen, dass genderspezifische Lebens- und Arbeitssituationen für Personen des einen und des anderen Geschlechtes überhaupt entstehen und aufrecht erhalten werden können. Wer empirisch reale Unterschiede zwischen Männern und Frauen feststellt, wird im Rahmen von GM-Prozessen geradezu herausgefordert, etwas zu tun, um die Unterschiede im Sinne der geschlechterpolitischen Zielsetzungen abzubauen. Die Warnung, dabei Stereotype zu verfestigen, ist berechtigt, der unterstellte Automatismus existiert jedoch nicht.

Denjenigen, die das erste Argument vertreten (GM ist überflüssig) gilt es also, ein angemesseneres Verständnis von Geschlecht zu vermitteln, mit denjenigen, die für das zweite Argument (GM ist kontraproduktiv) stehen, gilt es, zielführende Anwendungsoptionen von GM zu entwickeln.

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Autor: Barbara Stiegler für bpb.de
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