Frauen auf dem Weg an die Spitze?
1 | 2 Pfeil rechts

Kein Fortschritt ohne Bewegung

Soviel Gender wie heute war noch nie


25.10.2012
Gender Mainstreaming ist eine politische Strategie, die auf die Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Entscheidungsprozessen zielt. Dabei stehen neue Instrumente sowie klassische Frauenförderungsmaßnahmen zur Verfügung.

Gender Mainstreaming soll die Benachteiligungen von Frauen oder Männern in den Bereichen aufzuheben, in denen sie nicht chancengleich partizipieren können.Gender Mainstreaming soll die Benachteiligungen von Frauen oder Männern in den Bereichen aufzuheben, in denen sie nicht chancengleich partizipieren können. (© Photocase/krockenmitte)


Gender - das Wort wird mittlerweile in den unterschiedlichsten Zusammenhängen benutzt. Gegendert werden Unternehmens-Strategien und Marketing-Konzepte, genauso wie Sprache und Gesetze (in Inhalt und Form). Es gilt: "Soviel Gender wie heute war noch nie." (Meuser /Neusüß 2004) Gender drängt in den Mainstream.

Die Bundesregierung Deutschland hat Gender-Mainstreaming bereits 1999 als Leitgedanken in das Regierungsprogramm aufgenommen. Eine treibende Kraft und ein wichtiges Referenzsystem für nationale Umsetzungsprozesse stellt die EU dar, welche 1997 im Amsterdamer Vertrag Gender Mainstreaming offiziell als verbindliche Richtlinie für alle Mitgliedsstaaten zum Ziel der EU-Politik gemacht hat.

Zwischen gleichstellungspolitischen Normen, ihrer öffentlichen Rhetorik und den jeweiligen gesellschaftlichen Praxen klafft jedoch nach wie vor eine große Lücke. Zahlreiche Frauen sind immer noch von Gewalt betroffen. Die Topetagen der Wirtschaft sind weitesgehend frauenfrei, Lohndiskriminierung und Vereinbarkeitsproblematik für Frauen Realität. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Männer, die erzieherische und pflegerische Aufgaben übernehmen nur sehr langsam.

Gender Mainstreaming ist eine gleichstellungspolitische Strategie, an der sich Hoffnungen, Kritiken und Fragen aus verschiedenen Richtungen entzünden. Manche feministischen AkteurInnen und TheoretikerInnen fragen sich, ob das noch etwas mit Feminismus zu tun habe und vermissen dessen spezifischen Impetus einer grundlegenden und umfassenden Gesellschaftsveränderung. Andere wiederum vermuten, es handele sich bei Gender Mainstreaming um ein Konzept, das sich "Bürokraten in Brüssel" ausgedacht hätten und das allenfalls zu einer "Gleichstellung light" tauge. Viele hoffen aber auch, dass Gleichstellung endlich Breitenthema wird. Diese Hoffnung war bereits Triebkraft internationaler Frauenbewegungen, die das Thema auf die Politikagenda setzten, wo es Eingang in die Aktionsplattform der 4. Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking fand. Die Geschichte von Gender Mainstreaming ist also auch eine Geschichte sozialer Bewegungen.

Frauenbewegung



Die erste Frauenbewegung bildete sich im Kontext der europäischen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts heraus. Während diese insbesondere den Kampf um den Zugang zu Bildung und politischer Teilhabe (Frauenwahlrecht) im Blick hatte, bezog die neue Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Kraft vor allem aus dem Kampf für sexuelle und reproduktive Freiheitsrechte und gleiche Teilhabechancen in allen Bereichen der Gesellschaft. Während diese zweite Phase organisierter Frauenbewegung in den USA u.a. im Zusammenhang mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung zu sehen ist, entstand sie in (West-)Deutschland aus der Studentenbewegung.

Feminismus



Der Begriff des Feminismus findet sich zunehmend seit Beginn des 20. Jahrhunderts, wo er synonym zu Frauenfrage und weiblichen Emanzipationsbestrebungen gebraucht wurde. Feminismus heute lässt sich sowohl als eine politische Bewegung wie auch als eine wissenschaftstheoretische und –kritische Strömung, die sich mit Macht, Dominanz und Herrschaftsverhältnissen auseinandersetzt, verstehen. Gegenwärtig finden wir sowohl auf begrifflicher Ebene als auch innerhalb des Selbstverständnisses unterschiedliche nationale und kulturelle Ausprägungen. Statt von dem einen Feminismus scheint es treffender von den Feminismen zu sprechen. Die verschiedenen Ausrichtungen (u.a. liberaler, marxistischer, autonomer, dekonstruktivistischer, Differenz- und Gleichheits-Feminismus) fußen auf heterogenen theoretischen Grundannahmen, haben aber als kleinsten gemeinsamen Nenner "Die vollständige Durchführung der Emanzipation der Frau" (Kluge). Vor allem im Zuge der zweiten Frauenbewegung und ihrem "Marsch durch die Institutionen" hat sich der Feminismus über die kritische Frauen- und später Geschlechterforschung universitär etabliert, zunehmend akademisiert und weiterentwickelt.

Gender



"Gender" bezieht sich dabei auf das soziokulturelle Geschlecht und wird – vor dem Hintergrund poststrukturalistischer und dekonstruktivistischer Theoriebildung – der Kategorie sex gegenübergestellt. In Opposition zu gender bezieht sich sex auf die (vermeintlich) natürliche, körperliche Geschlechtszugehörigkeit. Die begriffliche Differenzierung der beiden Kategorien zielt darauf ab, deutlich zu machen, dass Geschlecht und mit ihm einhergehende Vorstellungen hinsichtlich geschlechtsspezifischer Fähigkeiten und Zuständigkeiten nicht qua Natur gegeben und damit unveränderbar sind, sondern auf gesellschaftlicher Gemachtheit gründen. Ein ähnlicher Gedanke wurde bereits von Simone de Beauvoir 1949 formuliert: "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es."


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Claudia Neusüß, Julia Chojecka für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 
Frauen sind weiterhin seltener in Führungspositionen vertreten, obwohl sie ausbildungsbezogen keinen Rückstand mehr gegenüber den Männern haben. Foto: dpaDossier

Frauen in Deutschland

Regierung und Wirtschaft diskutieren derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen. Bisher sind Chefetagen überwiegend von Männern besetzt, obwohl Frauen gleiche oder höhere Abschlüsse, Qualifikationen und Führungskompetenzen besitzen. Weiter... 

Teaserbild FrauenbewegungDossier

Frauenbewegung

In Deutschland ist wieder viel von Frauenbewegung und vom Verhältnis der Geschlechter die Rede. Doch wie verlief der Weg der Emanzipation? Die Geschichte der Frauenbewegung zeigt, an welchem Punkt wir heute stehen und was alles erreicht wurde. Weiter... 

Publikation zum Thema

Coverbild Geschlechterverhältnisse in der Politik

Geschlechter-
verhältnisse in der Politik

Wie steht es um die Gleichberechtigung der Geschlechter? Was können, was müssen Akteure in Staat, Gesellschaft, Politik (noch) leisten, damit Teilhabe und Chancengleichheit verbessert werden? Die Autorin beleuchtet das Thema aus politikwissenschaftlicher Perspektive.Weiter...

Zum Shop