Frauen auf dem Weg an die Spitze?
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Gender Mainstreaming im Europäischen Sozialfonds (ESF)

Die Agentur für Gleichstellung


25.10.2012
Programme und Projekte umsetzen und dabei die Strategie des Gender Mainstreaming berücksichtigen. Wie genau funktioniert das? Welche Prozesse laufen dabei ab? Der Beitrag schildert diese Abläufe am Beispiel der Agentur für Gleichstellung im Europäischen Sozialfonds.

Der Vorsitzende der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube (3.v.r.) steht am 25.07.2013 im Rahmen der Deutsche Bahn Halbjahres-Pressekonferenz in Berlin mit Gerd Becht (l-r), Vorstand Datenschutz, Recht und Konzernsicherheit, Karl-Friedrich Rausch, Vorstand Transport und Logistik, Volker Kefer, Vorstand Technik, Systemverbund, Dienstleistungen und Infrastruktur, Richard Lutz, Vorstand Finanzen und Controlling, Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr, Ulrich Weber, Vorstand Personal zusammen. Foto: Rainer Jensen/dpaDer Vorstand der Deutschen Bahn AG (DB) ist ausschließlich männlich. (© picture-alliance/dpa)

Der Europäische Sozialfonds (ESF) wird seit 1957 in Deutschland umgesetzt. Er fördert über Bundes- und Länderprogramme erwerbslose Frauen und Männer, benachteiligte Jugendliche im Übergang von der Schule in den Beruf, Männer und Frauen mit Migrationshintergrund bei der Integration in den Arbeitsmarkt, Unternehmer/-innen und Menschen, die ein Unternehmen gründen wollen. Über den ESF werden auch beschäftigungspolitisch relevante Innovationen gefördert, die auf Strukturen und Systeme abzielen wie z.B. die Verbesserung des Bildungssystems, die Modernisierung von Arbeitszeitmodellen oder von Personalpolitiken in Unternehmen.

Neben den arbeitsmarkt-, beschäftigungs- und bildungspolitischen Anliegen sind es auch gleichstellungspolitische Inhalte, die über diesen EU-Strukturfonds nach Deutschland transportiert werden. Mit Beginn der Förderperiode 2000-2006 wurde Gender Mainstreaming erstmals als eigenständige Strategie im Rahmen der EU-Strukturfonds eingeführt. Zu Beginn der jetzigen Förderperiode (2007-2013) wurden dann Überlegungen angestellt, in Deutschland eine begleitende Gender-Mainstreaming-Beratungsstruktur auf Bundesebene für den ESF zu etablieren. Schließlich wurde im Jahr 2009 ein Konsortium bestehend aus vier Expertinnen (Renate Wielpütz, Dr. Regina Frey, Dr. Irene Pimminger, Henriette Meseke) beauftragt, die Agentur für Gleichstellung im ESF einzurichten. Aufgabe war und ist es, Gender Mainstreaming im ESF fachpolitisch und verfahrensbezogen zu implementieren.

Beratung und Herstellung von Kohärenz



Auf den ersten Blick muten die Angebote der Agentur klassisch an: Beratung, Informationsmanagement, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit. Der zweite Blick offenbart jedoch ein Konzept, das die Anforderungen in dem Mehrebenensystem der Europäischen Union widerspiegelt. Alle Hierarchie-Ebenen des ESF werden vorausschauend beraten und unterstützt: die EU-Kommission, die ESF-Fondsverwaltung des Bundes, die ESF-Koordinator(inn)en der fünf beteiligten Bundesministerien sowie die umsetzenden Stellen. Dieser Ansatz ist gezielt entwickelt worden, denn die Erfahrungen zeigen, dass Gender Mainstreaming von Beginn an und unmittelbar in das jeweilige (Verwaltungs-)Handeln eingesetzt werden muss. Vorgaben, die beispielsweise die EU-Kommission den Fondsverwaltungen macht, müssen von vorneherein die Geschlechterperspektive und vor allem Gleichstellungsaspekte in allen relevanten Bereichen beinhalten. Dies kann z. B. bedeuten, Gremien nicht nur ausgewogen mit Frauen und Männern zu besetzen, sondern auch Interessenvertretungen mit Genderkompetenz von Beginn an einzubeziehen.

Neben diesen Hierarchie-Ebenen ist es wichtig, dass die Agentur bei allen Phasen des ESF- Verfahrens involviert ist. Dazu gehören: Analyse, Zielformulierung, Strategieentwicklung, Operationalisierung, Umsetzung, Monitoring und Controlling sowie Evaluierung. Unter dem Stichwort „Herstellung von Kohärenz“ (innerer Zusammenhang) werden die jeweiligen Agierenden dieser Arbeitsschritte dahingehend beraten und unterstützt, dass sie die adäquaten gendersensiblen oder gleichstellungspolitisch relevanten Informationen erhalten. Für eine sozioökonomische Analyse sind dies beispielsweise geschlechterdifferenzierte Zahlen, Daten und Statistiken des Arbeitsmarktes sowie deren Interpretationen. Wenn als Ziel beispielsweise die Erreichung einer Frauenbeschäftigungsquote von 60 Prozent ausgewiesen wird, muss transparent werden, dass dieser Indikator lediglich Köpfe zählt und nicht das Arbeitsvolumen. Verborgene Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern müssen bei den Analysen sichtbar werden: Zwar arbeiten inzwischen weitaus mehr Frauen als noch vor zehn Jahren, aber sie arbeiten überwiegend in Teilzeit und in Minijobs und sind zudem massiv im Niedriglohnbereich vertreten. Der ESF kann zwar nicht die Beschäftigungsformen ändern – dies ist nationales Recht – aber er kann im Sinne einer umfassenden Gleichstellungspolitik auf diese diskriminierenden Faktoren aufmerksam machen und gezielt auf die Notwendigkeit einer existenzsichernden Beschäftigung für Frauen und Männer hinwirken.

Für die Zielformulierung sind es wiederum fachpolitische Genderaspekte, die auf das jeweilige Fachgebiet der ESF-Interventionen zielen wie beispielsweise die Existenzgründung, der Übergang von der Schule in den Beruf oder die Qualifizierung von langzeiterwerbslosen Frauen und Männern. So ist es wichtig zu wissen, dass zwar mehr Jungen einen niedrigeren Schulabschluss erreichen, Mädchen jedoch trotz der besseren Schulabschlüsse häufiger schulische Ausbildungen machen (ohne Ausbildungsvergütung und mit der Notwendigkeit Schulgeld zu zahlen) und prozentual geringer an der dualen Ausbildung partizipieren.

Die Herstellung der Kohärenz ist also das eigentliche Herzstück der GM-Strategie im ESF. Sie entsteht durch eine Vielzahl an Handlungen, die letztlich darüber entscheiden, welche Menschen, welche Frauen und Männer in welcher Weise gefördert werden. Und in Anbetracht eines Fördervolumens von mehreren Milliarden Euro für den Zeitraum 2007 bis 2013 (Bund und Bundesländer) muss auch das Budget geschlechtergerecht verteilt werden.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Henriette Meseke für bpb.de

 
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