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Gender-Kompetenz durch historisch-politische Bildung


25.10.2012
Weder der Geschichts- noch der Politikunterricht haben bisher die Kategorie Geschlecht als einen leitenden Gesichtspunkt akzeptiert. Das meint der Autor, Prof. Reinhard Krammer, und fordert Geschlecht als zentrale Dimension sozialer Ungleichheit stärker wahr zu nehmen.

Activist Angela Davis speaking in 1974. (ddp images/AP Photo)Die feministische Aktivistin, Angela Davis, spricht auf einer Kundgebung in den USA 1974. (© ddp/AP)

Wozu Gender-Kompetenz?



Die Fähigkeit und die Bereitschaft, das eigene Verhalten den Grundsätzen des Gender Mainstreaming[1] anzupassen, das ist im Wesentlichen gemeint, wenn man von Gender-Kompetenz spricht. Der Begriff kennzeichnet das, was eine geschlechtersensible Erziehung erreichen will und deutet an, dass die Intentionen über die Vermittlung eines bloßen Gender-Wissens hinaus gehen. So wie die Ergebnisse der politischen Bildung letztlich nur dann positiv wirksam werden, wenn sie eine Änderung der Einstellung und des Verhaltens bewirken, so ist auch das Lernen im Bereich der Geschlechterbeziehungen letztlich auf eine Änderung bestehender Denk- und Verhaltensdispositionen ausgerichtet.

Schon Kinder empfangen in Familie, Kindergarten, Grundschule und Freundeskreis Eindrücke davon, was man unter einem „richtigen“ Mann zu verstehen hat und wie eine Frau eigentlich zu sein hat. Der Einfluss der Medien tut sein übriges, um diese Vorstellungen in kompakte, aber unreflektierte Bilder zu verwandeln. In diesem Prozess setzt sich selten die Sensibilität gegenüber geschlechtsbedingter Rollenzuweisung und damit verbundener Ungleichheit durch. Da Kinder die Bilder, die sie sich von Mann und Frau wie auch von deren Umgang miteinander machen, schon sehr früh entwickeln, verfestigen sie sich bis zur Adoleszenz und erweisen sich daher am Lernort Schule als überaus stabil. Die Entwicklung und Förderung von Gender-Kompetenz kann nicht einem oder einigen wenigen Unterrichtsfächern allein zur Aufgabe gemacht werden. So wie die Umsetzung des Gleichstellungsgedankens das Anliegen der gesamten Gesellschaft zu sein hat und nicht an einzelne darauf spezialisierte Personen delegiert werden kann, so ist es Aufgabe der gesamten Schule, das geschlechtersensible Denken und Handeln aller an den Lehr- und Lernprozessen Beteiligten zu fördern. Dennoch werden gerade dem historisch-politischen Unterricht in der Praxis der Schule einige wesentliche und von keinem anderen Fach zu leistende Aufgaben zukommen.

Allerdings hat offenbar weder der Geschichts- noch der Politikunterricht bisher die Kategorie Geschlecht als einen leitenden Gesichtspunkt akzeptiert. Die Nennung der männlichen und weiblichen Bezeichnungen (z. B. „Arbeiter und Arbeiterinnen“) in Schulbüchern bleibt noch allzu oft ohne inhaltliche Konsequenzen und wenn das Geschlechterverhältnis angesprochen wird, dann zumeist in Form inhaltlicher Exkurse und nicht als durchgängige Fragestellung.


Fußnoten

1.
Gender Mainstreaming meint hier das bewusste Wahrnehmen und Berücksichtigen sozialer Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und bei allen Planungs- und Entscheidungsschritten sowie die Überprüfung aller Vorhaben auf ihre geschlechtsspezifischen Auswirkungen und ihre Gestaltung nach dem Grundsatz bestmöglicher Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Reinhard Krammer für bpb.de
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