Frauen auf dem Weg an die Spitze?
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Wie sieht ein gender-sensibles politisches Bildungsangebot aus?


25.10.2012
Auf was gilt es zu achten, wenn man ein Bildungsangebot gendersensibel gestalten möchte? Der Beitrag gibt Anregungen für eine reflektierte Unterrichtsgestaltung.

Studierende bringen Kreislauf-Vorstellungen aufs Papier, Foto: Birgit CauerJugendliche bei einem Workshop zum Thema HORTUS CIRCULOSUS – Kreisläufe zwischen Kunst und Natur. (© Birgit Cauer)

Wirklichkeit – auch in pädagogischen Kontexten – ist nicht geschlechtsneutral. Teilnehmerinnen und Teilnehmer ebenso wie unterrichtende Frauen und Männer bringen sich in ihrer geschlechterbezogenen Identität als weibliche oder männliche Person in das Unterrichtsgeschehen ein. Damit verbunden sind Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit bezogen auf die eigene Person wie auf die anderen Beteiligten. Diese Prozesse laufen in der Regel unbewusst ab, dennoch ist das alltägliche „doing gender“ als vorhanden anzusehen. Selbstverständlich sind alle Beteiligten Individuen, die aufgrund ihrer je eigenen Geschichte ihr Frau- bzw. Mannsein vielfältig ausgestalten, aber niemand ist frei von den gesellschaftlichen Rollenerwartungen. Bezogen auf das eigene pädagogische Handeln im Unterrichtskontext geht es darum, sich die geschlechterbezogenen Zuschreibungen, die in einer Seminarsituation wirksam werden, bewusst zu machen und zu hinterfragen. Gender-sensibles pädagogisches Handeln in der politischen Bildung berücksichtigt folgende Dimensionen in der Bildungsarbeit:
  • die Inhalte von politischen Bildungsangeboten,
  • die Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
  • das Seminarverhalten der unterrichtenden Männer und Frauen,
  • die methodische Gestaltung der Bildungsarbeit und
  • die eingesetzten Materialien und Medien.

Inhalte von politischen Bildungsangeboten



Konsequente Umsetzung einer gender-sensiblen politischen Bildung erfordert, bei jedem Unterrichtsgegenstand nach den Geschlechterdimensionen zu fragen und die Akteurinnen und Akteure differenziert zu benennen. Es gilt das Geschlechterverhältnis zu thematisieren, d.h. in seinen den Seminarinhalt betreffenden Facetten deutlich zu machen. Wichtige geschlechterbezogene Themenbereiche müssen explizit benannt und zum Bildungsinhalt gemacht werden. An drei Beispielen soll das verdeutlicht werden.

Beispiel 1: Wahlsystem in Deutschland
  • Historische Entwicklung des Wahlrechts, Frauenwahlrecht
  • Internationaler Vergleich der Entwicklung des Frauenwahlrechts
Beispiel 2: Arbeitswelt
  • Geschlechtsbezogene Segregation des Arbeitsmarktes (horizontale und vertikale Segregation) und ihre Folgen für die Möglichkeit zur Erreichung eines existenzsichernden Einkommens
  • Erwerbsverläufe von Frauen, Erwerbsverläufe von Männern
  • Teilzeit und geringfügige Beschäftigung als Arbeitsverhältnisse insbesondere von verheirateten Frauen und Müttern
Beispiel 3: Geschlechterpolitik international
  • Situation der Frauen im internationalen Vergleich: politische Partizipation, Beteiligung am Bildungssystem, Möglichkeiten der Berufstätigkeit, Anteile am privaten Vermögen
  • Geschlechterdifferenzierte Daten zur Migration
  • Menschenhandel und Zwangsprostitution
  • Frauen und Kinder als Opfer von Gewalt und Krieg
  • Die Berücksichtigung einer Gender-Querschnittsperspektive bedeutet keinesfalls, in den verschiedenen Seminareinheiten einen ständigen Geschlechterbezug herstellen zu müssen. Es sollte vielmehr immer wieder überprüft werden, inwieweit die Erkenntnisse der fachbezogenen Geschlechterforschung in den verschiedenen inhaltlichen Themenfeldern berücksichtigt worden sind. Bei der inhaltlichen Arbeit spielt die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache eine wichtige Rolle, sie fördert eine differenzierte Wahrnehmung der Realität und die bewusste Auseinandersetzung damit.

    Teilnehmerinnen und Teilnehmer



    Im Alltagshandeln – auch im pädagogischen Kontext - begegnen uns immer wieder geschlechterbezogene Stereotypisierungen und Klischees. Stereotype erfüllen u.a. die Funktion, Komplexität zu reduzieren, weil sie leicht verständlich und anschlussfähig sind. Problematisch wird es aber, wenn sie in Vorurteile umschlagen und verhindern, dass Menschen differenziert wahrgenommen werden. Dies betrifft Lehrende wie Teilnehmende. Daher ist es sinnvoll, sich über die eigenen geschlechterbezogenen Werthaltungen und Vorurteile klar zu werden. In Bezug auf die Teilnehmenden gilt es, den Blick auf das Individuelle zu richten. Damit sind die verschiedenen Berufs- und Lebenswelten von Frauen und Männern gemeint, aber auch Unterschiede innerhalb der Gruppe der Frauen und innerhalb der Gruppe der Männer sowie verschiedene Lerninteressen.


    Was weiß ich über die Teilnehmenden meines Seminars? Es ist hilfreich, vor und während des Seminars folgende Fragen zu reflektieren:

    • Wie ist die Zusammensetzung der Seminargruppe? Wieviele Frauen und Männer, Ältere und Jüngere sind darunter?
    • Welchen schulischen bzw. beruflichen Hintergrund bringen die jeweiligen Teilnehmenden mit?
    • Welches themenbezogene Vorwissen haben die Teilnehmenden? Haben sie geschlechterbezogene Vorkenntnisse?
    • Welche Rollenverteilungen und Beziehungen unter Frauen und unter Männern (mit und ohne Migrationshintergrund, verschiedener Generationen etc.) und zwischen Frauen und Männern werden im Seminar sichtbar – etwa in Bezug auf Macht, Verantwortung, Fürsorge, Bezugnahme?
    • Wann bietet es sich an, geschlechterbezogene, ethnisierende Zuschreibungen von Teilnehmenden in der Interaktion und Kommunikation im Bildungsgeschehen aufzudecken und zu thematisieren?

    Seminarverhalten der unterrichtenden Männer und Frauen



    An der alltäglichen Inszenierung hierarchischer Geschlechterverhältnisse in der Bildungsarbeit sind männliche wie weibliche Unterrichtende ebenso wie Teilnehmende beteiligt. Daher ist es notwendig, bei den Unterrichtenden Sensibilität für ihre eigenen geschlechtsbezogenen Verhaltensweisen zu erzeugen. Lehrende benötigen in einem umfassenden Sinne Gender-Sensibilität und Gender-Kompetenz. Sie sollten in der Lage sein, ihr eigenes geschlechtsbezogenes Verhalten zu reflektieren. Sie sollten über die Fähigkeit verfügen, durch ihr Verhalten, durch ihre pädagogischen Interventionen ebenso wie durch ihre Methodenwahl die Verfestigung von geschlechtsdifferenten Lernkulturen bzw. deren Zuschreibungen (z.B. dass Frauen eher an Sprachen und Literatur interessiert sind und Männer eher an technisch-naturwissenschaftlichen Fragestellungen) und die Bildung von Geschlechterhierarchien zu verhindern. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, sich über die eigenen geschlechterbezogenen Werthaltungen und Vorurteile klar zu werden. Der nachfolgende Selbsttest[1] enthält Fragen zur Selbstreflexion, die dabei eine Hilfe sein können.

    Meine Bilder von männlichen und weiblichen Teilnehmenden
    • Welche Vorstellungen verbinde ich mit weiblichen bzw. mit männlichen Teilnehmenden und ihren Erwartungen, Erfahrungen, ihrem Verhalten?
    • Berücksichtige ich bei diesen Vorstellungen auch andere Kategorien wie Migrationshintergrund, Alter oder sozialen Status?
    • Stimmen diese Vorstellungen mit meinen Erfahrungen in der Bildungsarbeit überein? Oder erwarte ich nicht eher diese Verhaltensweisen und bin dann überrascht, wenn sie nicht auftreten?
    • Habe ich mich schon einmal selber dabei beobachtet, wie ich auf eher „untypische“ weibliche oder eher „untypische“ männliche Verhaltensweisen reagiere? Bin ich dann irritiert?
    • Welches Bild habe ich von mir als Frau bzw. Mann in der Leitungsrolle? Wie reagieren Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf mich und wie gehe ich mit diesen Reaktionen um?


    Fußnoten

    1.
    In Anlehnung an: Kaschuba/ Derichs-Kunstmann 2009, S. 43
    Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
    Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
    Autor: Karin Derichs-Kunstmann für bpb.de
    Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

     
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