Frauen auf dem Weg an die Spitze?

25.10.2012 | Von:
Karin Derichs-Kunstmann

Wie sieht ein gender-sensibles politisches Bildungsangebot aus?

Methodische Gestaltung der Bildungsarbeit

Bei der Gestaltung von Seminaren ist immer zu bedenken, dass nicht nur die zu vermittelnden kognitiven Inhalte, sondern auch die soziale und emotionale Dimension des Geschehens für den Lernerfolg der Teilnehmenden wichtig ist. Dieses sollten Seminarleiterinnen und Seminarleiter im Blick haben. Alle Teilnehmenden sollten je nach ihrer Lerngeschichte und ihren Lernbedürfnissen die Möglichkeit erhalten, sich ins Seminargeschehen einzubringen. Um an den Lernbedürfnissen der Teilnehmenden anknüpfen zu können und ihre aktive Mitgestaltung des Seminargeschehens zu ermöglichen, ist es sinnvoll, ihre Erwartungen am Beginn des Seminars zu erheben und im Laufe des Seminars immer wieder darauf zurück zu kommen. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Geschlechtergerechtigkeit ist bei der Gestaltung von Seminaren darauf zu achten, dass auf die – möglicherweise – unterschiedlichen Kommunikations- und Interaktionsformen der Teilnehmenden differenziert reagiert wird. Unterstützt wird dieses durch den Einsatz partizipativer Methoden ebenso wie durch Feedback- und Reflexionsphasen. Dabei kann sich die gemeinsame Reflexion sowohl auf inhaltliche und methodische als auch auf soziale Aspekte des Seminargeschehens beziehen. Es gibt keine Methoden, die von vornherein als gender-sensibel bezeichnet werden können. Es kann aber durchaus vorkommen, dass ein Methodeneinsatz nicht gender-sensibel erfolgt und dadurch ungleiche Beteiligungschancen bis hin zur Ausbildung von (Geschlechter-)Hierarchien im Seminar gefördert werden. Im Folgenden gebe ich ein Beispiel für die methodische Gestaltung von Seminaren unter Gender-Gesichtspunkten.

Gender-sensible Gestaltung von Anfangsmethoden[2] Methoden für die Gestaltung von Anfangssituationen in Seminaren sollten unter Gender-Gesichtspunkten folgende Kriterien erfüllen:
  • den Teilnehmenden das „Ankommen“ im Seminar erleichtern,
  • allen die gleiche Chance der Beteiligung geben,
  • keinen Beitrag zur Herstellung von Hierarchien – auch Geschlechterhierarchien – unter den Teilnehmenden leisten,
  • keine Hürden durch Leistungsdruck aufbauen,
  • einen ersten Eindruck von den themenbezogenen Lerninteressen der Teilnehmenden ergeben
  • und den Anwesenden einen Eindruck von den anderen Beteiligten vermitteln.

Materialien und Medien

Inhalt und Gestaltung der Materialien, die in der Bildungsarbeit eingesetzt werden, tragen zur Vermittlung von Rollenklischees bzw. zu deren Infragestellung und Aufbrechen bei. Daher ist es wichtig, die verwendeten Medien und Materialien daraufhin zu überprüfen, inwiefern sie Rollenstereotype transportieren oder auflösen. Das bezieht sich auf drei verschiedene Ebenen:
  • die sprachliche Gestaltung
  • die verwendeten Beispiele und
  • die Illustrationen.
Die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache bei der Erstellung von Unterrichtsmaterialien sollte inzwischen eine Selbstverständlichkeit sein. Es gibt zahlreiche Ratgeber in knapper Form, die Hinweise dazu geben; das Bundesverwaltungsamt hat eine entsprechende Arbeitshilfe herausgegeben (Bundesverwaltungsamt 2002).Auf der inhaltlichen Ebene geht es darum, wessen Lebensrealitäten thematisiert werden, ob Geschlechterrollenstereotype verwendet werden, welche Personengruppen dargestellt werden, ob Geschlechterverhältnisse als wesentliche gesellschaftliche Strukturmerkmale thematisiert werden, wessen Perspektive bei der Darstellung von Sachverhalten eingenommen wird und ob androzentrische Verallgemeinerungen vorgenommen werden. Auch Illustrationen vermitteln eine bestimmte – häufig recht eingeschränkte – Wahrnehmung von Wirklichkeit. Daher ist die überwiegende Darstellung von männlichen Personen bei der Illustration von Texten ebenso problematisch wie die Abbildung von vor allem hellhäutigen, blonden, mitteleuropäisch aussehenden Menschen. Beides entspricht nicht der gesellschaftlichen Realität und transportiert die Vorstellung, dass ein bestimmtes Aussehen und ein bestimmtes Geschlecht die gesellschaftlich anerkannte Norm darstellt, an der die anderen Menschen gemessen werden.Hinweise für die Gestaltung von Arbeitsmaterialien

Gestaltung der Materialien
  • Geschlechterstereotype Icons und Illustrationen sind zu vermeiden
  • geschlechtersensible Auswahl von Bildern, Symbolen und Metaphern
  • kulturelle Unterschiede bei der Verwendung von Farben und Symbolen beachten
Darstellungsprinzipien für Bilder und Illustrationen Rollenklischees zu vermeiden, z.B.
  • indem männliche wie weibliche Personen in unterschiedlichen Funktionen und Berufen dargestellt werden,
  • indem Männer in männeruntypischen Berufen abgebildet werden, z.B. haushaltsnahe Dienstleistungen,
  • indem Frauen in frauenuntypischen Berufen abgebildet werden, z.B. technisch-naturwissenschaftliche Berufe (und sie auch dort nicht nur in Assistenzfunktionen darzustellen),
  • aber natürlich auch in für das jeweilige Geschlecht „typischen“ Berufen/Tätigkeiten.
Die Vielfalt von Möglichkeiten der Lebensgestaltung zu präsentieren durch die Darstellung der
  • unterschiedlichen gesellschaftlichen Realitäten und Interessenlagen von Frauen und Männern,.
  • der Lebensrealitäten unterschiedlicher sozialer und ethnischer Gruppen.

Weiterführende Literatur

Bundesverwaltungsamt – Bundesstelle für Büroorganisation und Bürotechnik (Hrsg.), Sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern – Hinweise, Anwendungsmöglichkeiten und Beispiele, Merkblatt 19, Köln 2002. PDF(4.10.2012)

Derichs-Kunstmann, Karin/ Kaschuba, Gerrit/ Lange, Ralf/ Schnier, Victoria (Hrsg.) , Gender-Kompetenz für die Bildungsarbeit. Konzepte, Erfahrungen, Analysen, Konsequenzen, Recklinghausen 2009. PDF (4.10.2012)

Kaschuba, Gerrit/ Derichs-Kunstmann, Karin, „Fortbildung – gleichstellungsorientiert“ Arbeitshilfen zur Integration von Gender-Aspekten in Fortbildungen, Hrsg. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2009. PDF(4.10.2012)

Fußnoten

2.
In Anlehnung an: Derichs-Kunstmann u.a. 2009, S. 117
Creative Commons License

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Autor: Karin Derichs-Kunstmann für bpb.de
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