Frauen auf dem Weg an die Spitze?
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Geschlecht als wichtige Kategorie der Sozialstrukturanalyse - Essay


25.10.2012
Frauen wollen nicht? Sie haben sowieso bald mit Männern gleichgezogen? Geschlecht steht immer noch für soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Wir brauchen Strukturen, in denen Frauen und Männer ihre Lebensverläufe entfalten können.

epa03429609 International Monetary Fund (IMF) Managing Director Christine Lagarde (C, in white) poses with the IMF Governors during the Family Photo Op during the 2012 Annual Meetings of the International Monetary Fund and the World Bank Group in Tokyo, Japan, 12 October 2012. Central bankers, ministers of finance and development, and executives from the private sector will be attending the meetings through the 14 October in Tokyo. EPA/EVERETT KENNEDY BROWN
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SchlagworteIWF-Chefin Christine Lagarde (in weiß) auf dem Gruppenfoto der IWF-Gouverneure beim Treffen mit der Weltbankgruppe in Tokio, Oktober 2012. (© picture-alliance/dpa)

Einleitung



Deutschland 2011: Die Erwerbsquote von Frauen liegt 10 Prozentpunkte unter der von Männern. Sie arbeiten die Hälfte der von Männern geleisteten Arbeitsstunden. Frauen sind oft in anderen Berufen als Männer tätig, zudem häufiger in kleineren Betrieben und in Positionen mit niedrigerem Status. Am Ende jeden Monats erhalten sie gerade einmal 60 Prozent dessen, was Männer verdienen. Auch wenn wir den Stundenlohn betrachten und dabei die Art der geleisteten Arbeit, die Ausbildung, das Alter, die Erwerbserfahrung und die Firmengröße berücksichtigen, bleiben Unterschiede. Frauen erzielen gut zehn Prozent weniger Lohn als Männer für vergleichbare Arbeit. Da unser Rentensystem maßgeblich auf eigene Erwerbstätigkeit setzt, wundert es also nicht, dass Frauen nur 57 Prozent der Versicherungsleistungen von Männern beziehen. Und noch etwas: Betrachtet man die eigene Altersrente von Frauen, liegt diese in den westdeutschen Bundesländern unterhalb der gezahlten Witwenrenten. Der Heiratsmarkt sichert Frauen nach wie vor besser ab als der Arbeitsmarkt.[1]

Diese Fakten lassen sich drehen und wenden - am Ergebnis ändert sich dadurch nichts. Das Geschlecht macht einen großen Unterschied und ist eine zentrale Kategorie in der Sozialstrukturanalyse. Bei der Einordnung und Bewertung dieser Statistiken gehen die Meinungen jedoch weit auseinander. Im Folgenden diskutiere ich drei ausgewählte Positionen.

1. Einige Kommentatoren relativieren die skizzierte sozialstrukturelle Lage, indem sie auf naturgegebene Unterschiede zwischen Frauen und Männern verweisen. Sie nehmen an, dass Frauen andere Arbeitszeiten präferieren als Männer und die gegenwärtig geleistete Arbeitszeit daher den Wünschen von Frauen entspricht. Ebenso wird angenommen, dass Frauen vor Führungsaufgaben zurückschrecken; auch hier spiegele die objektive Situation das subjektive Bedürfnis wider. Die Sozialstruktur Deutschlands zeige zwar unbestritten geschlechtsspezifische Unterschiede. Diese würden aber nicht auf geschlechtsspezifische Zugangschancen hindeuten und seien damit konzeptionell nicht als Ungerechtigkeit zu verstehen. Die wissenschaftlichen Arbeiten von Catherine Hakim,[2] die belletristische Darstellung der "feigen Frauen" durch Bascha Mika[3] und Erzählungen über "Latte-Macchiato-Mütter"[4] im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg stehen für diesen Ansatz. Kurz gesagt: Frauen wollen nicht.

2. Andere Beobachter schwächen die skizzierten sozialstrukturellen Unterschiede ab, indem sie diese historisch einordnen und mit anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit vergleichen. Sie weisen darauf hin, dass sich die Schere zwischen Männern und Frauen seit den 1950er Jahren kontinuierlich schließt und es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich die Situation von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt entspreche.[5] Auch wird betont, dass das Geschlecht gegenüber anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit zunehmend an Stellenwert verliere - etwa die soziale Herkunft, die Bildung und die Situation als Einwanderer. Demnach wäre das Geschlecht keine wirklich relevante Kategorie; das Problem stelle sich also nicht.

3. Schließlich wird die Einschätzung vertreten, dass die skizzierten sozialstrukturellen Unterschiede eine massive Ungerechtigkeit gegenüber Frauen sind. Diese erhalten keinen Zugang zu dem, was sie anstreben: längere Arbeitszeiten, höhere Positionen, finanzielle Unabhängigkeit. Ihr hohes Bildungs- und Ausbildungsniveau können sie auf dem Arbeitsmarkt nicht umsetzen. Der Fachkräftemangel, der häufig mit offenen Stellen einhergeht, und eine geänderte Rechtslage, die Frauen nach der Scheidung schnell auf eine eigene Vollzeiterwerbstätigkeit verweist, verschärfen die Situation. Frauen verstehen sich nicht mehr als "Zuarbeiterinnen" mit einem "Zusatzverdienst". Sie wollen die gesamte Familien- und Erwerbsarbeit zwischen sich und ihren Partnern gerechter verteilen, also mit gleichen Anteilen an der Verantwortung. Der traditionelle Geschlechtervertrag wird in Frage gestellt und könnte gekündigt werden. Es kommt zu Konflikten. Das gesamte System unseres Sozialstaats ist herausgefordert. Wir müssen also handeln.


Fußnoten

1.
Vgl. Jutta Allmendinger, Verschenkte Potenziale. Lebensverläufe nicht erwerbstätiger Frauen, Frankfurt/M.-New York 2010 (bpb-Schriftenreihe, Bd. 1120); dies., Frauen auf dem Sprung. Wie junge Frauen heute leben wollen, München 2009 (bpb-Schriftenreihe, Bd. 1024).
2.
Vgl. Catherine Hakim, Women, careers, and work-life preferences, in: British Journal of Guidance and Counselling, 34 (2006) 3, S. 279-294.
3.
Vgl. Bascha Mika, Die Feigheit der Frauen: Rollenfallen und Geiselmentalität. Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug, München 2011.
4.
Vgl. Julia Niemann, Die verlassenen Macchiato-Mütter, in: die tageszeitung (taz) vom 17.7.2011, online: www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=hi&dig=2010/07/17/a0019&
cHash=6d96e1adcd (16.8. 2011).
5.
Vgl. Jens Alber, Geschlecht - die überschätzte Dimension sozialer Ungleichheit. Zentrale Herausforderungen liegen anderswo, in: WZB Mitteilungen, (2010) 129, S. 7-11; Jutta Allmendinger, Geschlecht bleibt eine wichtige Dimension sozialer Ungleichheit. Eine Replik auf Jens Alber, in: ebd., S. 12-15.

 
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