Frauenfußballerinnen

4.9.2007 | Von:

DFB verbietet seinen Vereinen Damenfußball

Grün Weiß Dortmund

Die Frauen aber kicken außerhalb des DFB unverdrossen weiter. Ursula Graeve, geb. Hüser, darf lange Zeit kein Fußball spielen – ihre Mutter ist strikt dagegen. Erst als sie mit 21 Jahren die damalige Volljährigkeit erreicht, bekennt sie sich öffentlich zu ihrer Fußball-Leidenschaft und gehört zu den Gründungsmitgliedern des im Frühjahr 1956 ins Leben gerufenen Teams von Grün-Weiß Dortmund. Im Vereinslokal Weber an der Stahlwerkstraße findet das Team ein Domizil. Trainiert wird regelmäßig auf der angrenzenden Fußballwiese, die sich im Privatbesitz des Gaststätteninhabers befindet. Nach einem "Werbespiel" gegen eine Damenelf aus den Haag, das auf dem Viktoriaplatz "Am Zehnthof" vor 1200 Zuschauern 2:2 endet, kommt es zu einem Anmeldeboom bei den Grün-Weißen. Mütter und Väter begleiten ihre Töchter zum Vereinslokal Weber, um sich über Damenfußball zu informieren und ihre Schützlinge anzumelden. Zeitweise kann Grün-Weiß Dortmund sogar zwei Frauenteams stellen.

Rund 18 Monate kicken die Dortmunder Grün-Weißen. Zahleiche Städtespiele gegen Essen, Mönchengladbach, den Haag, Utrecht oder Harlem werden auf dem Viktoriaplatz "Am Zehnthof" ausgetragen. Die Damen werden aber auch mehrmals zu Gastspielen nach Holland eingeladen, manche von ihnen auch in die Nationalelf berufen. Als die Herren von Borussia Dortmund 1956 Deutscher Meister werden, feiern die Grün-Weiß Damen kräftig mit. Beim öffentlichen Empfang der Meistermannschaft durch Oberbürgermeister Keunig in der Dortmunder Innenstadt betreten die Fußball-Damen in voller Fußballkluft das Siegerpodest und überreichen den Meisterkickern einen Blumenstrauß. Daraufhin werden sie zur internen Meisterschaftsfeier der Borussen eingeladen.

Rhenania Essen

Im Jahre 1956 gründet sich mit dem DFC Rhenania in Essen ein weiterer Damenfußball-Verein. Im August wird die Satzung formuliert, im Oktober der Vorstand gewählt. 1. Vorsitzender wird der Vorarbeiter Wilhelm Lange, 2. Vorsitzender der Elektrobrenner Fritz Schortemeier, 3. Vorsitzender die Arbeiterin Klara Borkenfels.

Fritz Schortemeier trainiert auch die Damenelf und – folgt man den Rhenania-Kickerinnen Gisela Koch und Erika Flügge – erweist sich zugleich als ebenso talentierter wie fürsorglicher Manager. Er zahlt und besorgt die Trikotage, organisiert Busse zu Auswärtsspielen in Holland oder deutschen Städten wie Hannover, Lüdenscheid, Dortmund und Bochum, lässt Plakate drucken und hängt sie eigenhändig auf. Und er organisiert gegen teils heftigen Widerstand Sportplätze – zum Trainieren und für Städtespiele. Er begleitet auch die Spielerinnen persönlich nach Hause, wenn sie von einer auswärtigen Städtetour sonntags gegen Mitternacht spät oder verspätet zurückkommen: "Und wenn wir Touren gemacht haben und wir um 12 Uhr nach Hause kamen, meine Brüder schliefen dann schon, da musste meist der Herr Schortemeier mit rauf, eine Entschuldigung bringen. Wenn ich unterwegs war konnte meine Mutter nicht schlafen, weil sie gedacht hat: Wo bleibt sie nur, was ist bloß los." (Gisela Koch, Interview 2006)

Auch die 17-jährige Helga Nell kickt bei Rhenania, damals noch unter ihrem Mädchennamen Tönnies. Sie arbeitet in der Brauerei Stauder und trainiert zweimal wöchentlich. Die junge Frau ist so fußballbegeistert, dass sie in Ermangelung des Fahrgeldes für die Straßenbahn oft den kilometerlangen Weg zum Trainingsplatz zu Fuß zurücklegt. Bis 1960 ist sie bei Rhenania aktiv. Dann heiratet sie und hört als Aktive auf, ehe sie 1969 für die SpVgg. Rot-Weiß Resser Mark erneut die Fußballstiefel schnürt und später mit ihrer Elf im westdeutschen Pokalfinale steht.

In den 50er Jahren reist Helga Tönnies mit Rhenania über die Dörfer und wird später in das Länderteam berufen. Zeitweise gibt es beim Auflaufen der Rhenanen heftigen Spott und Beschimpfungen, denn zum Spielfeld gehen die Frauen meist durch ein Spalier von Zuschauern. "Da musste man sich schon mal die Backe putzen, da wurd´ man schon mal angespuckt und von oben bis unten angeguckt und gefragt: Was macht ihr Weiber aufm Sportplatz", erinnert sich die leidenschaftliche Fußballerin. (Helga Nell, Interview, 2005). Doch nicht die "Quertreiber" unter den Zuschauern überwiegen, sondern Zustimmung und Begeisterung.

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Autor: Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza für bpb.de
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