"Ein Ali kann nicht schwul sein"
Was Aufklärer an einer Neuköllner Schule erleben
Zwei Mitarbeiter des Lesben- und Schwulenverbandes betreten eine Realschule im Stadtteil Neukölln. Hier wollen die Aufklärer mit den Schülern über Homosexualität sprechen. Sie treffen auf Unverständnis und Vorurteile - aber auch auf neugierige Fragen.Rollenspiel im Rollberg-Kiez. Berliner Realschüler sollen sich in die Lage eines lesbischen Mädchens versetzen, das sich beim Abendessen outet. Ein 16-jähriger Junge mit schwarzer Wollmütze mimt den strenggläubigen muslimischen Vater. Mit erhobener Hand verstößt er seine Tochter. "Was hast du dabei gefühlt?", fragt Bali Saygili (40), Aufklärer zum Thema Homosexualität. "Ich hab' Hass gefühlt."
Eine Stunde vorher. Die beiden Mitarbeiter des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg (LSVD) betreten das Treppenhaus. Der Gang zum Klassenraum erinnert an einen Spießrutenlauf. Längst hat sich herumgesprochen, dass an diesem Vormittag zwei Männer kommen, um mit den Schülerninnen und Schülern über Homosexualität zu sprechen. "Schwul!", ruft ein Junge den beiden nach und lacht sich tot. Eine Etage höher guckt eine Schülerin böse. "Was ist das denn?!", zischt sie.
Respekt für küssende Männer?
Anspannung. Werden die Schüler brav sein? Oder wird es so wie in einer Berufsschule, wo die Aufklärer die Veranstaltung nach massiven Beschimpfungen abbrechen mussten, weil die Schüler ihnen Prügel androhten? Seitdem gehen sie immer zu zweit in die Klassen. Seit drei Jahren konzentrieren sie sich auf den Rollbergkiez in Berlin-Neukölln. Ein offizieller Problemkiez: 5.300 Einwohner, die Hälfte davon Migranten und Hartz-IV-Empfänger. Hier wird Aufklärung über Homosexualität zu Pionierarbeit. Jahrelang wurde das Thema von den Behörden tabuisiert. Noch vor drei Jahren hieß es aus dem Bezirksjugendamt schlicht: "Das Thema ist für uns hier nicht relevant." Jetzt ist das Kind so tief in den Brunnen gefallen, dass die Lehrer von sich aus beim LSVD anfragen.
Nur vier Kilometer entfernt wurde vor kurzem ein schwuler Mann nachts brutal in der U-Bahn von Jugendlichen zusammengeschlagen, weil er seine Freunde mit einem Kuss auf dem Mund verabschiedet hatte. Laut Zeugen hatten die Täter einen Migrationshintergrund. Die Polizei bestätigt auch, dass die Zahl der Übergriffe auf Schwule und Lesben in Berlin zugenommen hat.
Vor allem unter Ausländern ist Homophobie besonders verbreitet. Eine Berliner Studie ergab, dass vier von fünf türkischen Jungs es "eklig" finden, wenn sich zwei Männer auf der Straße küssen. Bei einer deutschen Vergleichsgruppe waren es nur knapp halb so viele. Entsprechend wichtig ist die Arbeit des LSVD in der Rollberg-Siedlung. Respekt falle leichter, wenn man den anderen kennt, sagen die Aufklärer und öffnen die Tür zum Klassenraum.
In den ersten Minuten ist von Schwulenfeindlichkeit noch nichts zu spüren. Die Schüler machen einen höflichen, offenen und neugierigen Eindruck. Ein 16-Jähriger zeigt auf: "Darf ich ihnen eine persönliche Frage stellen?" – "Ja." – "Sind Sie schwul?" – "Das beantworten wir später", sagt Aufklärer Jörg Steinert (26), schmächtiger, freundlicher Typ.
Vor "später" kommt zunächst das Aufwärmspiel. Bei der Frage, wessen Eltern in Deutschland geboren sind, sollen die Schüler mit nicht-deutschen Wurzeln die Raumseite wechseln. Lediglich vier von zwanzig bleiben sitzen. Die meisten kommen aus der Türkei, dem Kosovo und dem Libanon. Länder, in denen Schwule und Lesben nur mit großen Schwierigkeiten offen leben können. Im Libanon wird Sex unter Männern sogar mit einem Jahr Gefängnis bestraft. Entsprechend groß sind die Vorurteile: "Schwule erkennt man an den engen Hosen und den kitschigen Farben." "Lesben verhalten sich wie Männer." "Ich kenne keinen Schwulen, aber wenn, dann würd' ich mich über ihn lustig machen." Mit Bildern von offen schwulen und lesbischen Prominenten wollen die Aufklärer zeigen: Homosexualität macht sich nicht am Äußeren fest.
Ein schwuler Muslim?
Zwar ist das Thema im Lehrplan für den Biologie-Unterricht in der siebten Klasse vorgesehen, doch viele Lehrerinnen und Lehrer wissen nicht damit umzugehen und gehen daher zum nächsten Stoff weiter. Genauso schwer tun sie sich mit Hilfe von außen. So durften die Aufklärer im vergangenen Halbjahr lediglich 30 der insgesamt 400 weiterführenden Schulen besuchen.
Mit ruhiger Stimme erklärt Bali Saygili, ebenfalls türkischer Abstammung, dass es in allen Ländern der Welt drei bis sieben Prozent Schwule und Lesben gibt. "Aber nicht bei den gläubigen Muslimen", unterbricht eine Schülerin. "Doch, da auch", entgegnet Saygili. Ein libanesischer Schüler wirft ein: "Wenn ich schwul wäre, würde mich mein Vater totschlagen. Was will er dann noch von mir? Ich kann ja keine Kinder zeugen. Er würde mich rausschmeißen. Nackt sogar."
Nachher wird der Direktor der Schule sagen, dass es für das Thema dringend an der Zeit gewesen sei. Dass seine "Klientel" noch immer in diesem archaischen Weltbild von Südwesteuropa um 1200 feststecke, um sich dann zynisch zu korrigieren: "Nein, da waren sie wahrscheinlich toleranter." Erneut beruhigen Saygili und Steinert: Homosexualität ist weder ansteckend noch eine Krankheit. Dann kommt das mit Spannung erwartete "später" – die Gretchenfrage: Sind die Aufklärer selbst schwul? "Jetzt nicht persönlich nehmen: Aber ich finde, sie sind schwul. So vom Aussehen und so", sagt ein Schüler. Jörg Steinert nimmt das schon lange nicht mehr persönlich. Er outet sich routiniert und sorgt dabei für wenig Überraschung. Anders sein Kollege. Ein Muslim, der offen mit einem Mann lebt – so etwas haben die Schüler noch nicht erlebt. Sie überschütten ihn mit Fragen: Warum er schwul ist, ob er schon einmal mit einer Frau geschlafen hat, ob man bei Männerliebe auch Bauchkribbeln hat und, ob man noch Jungfrau ist, wenn man mit einem Mann Sex hatte.
Später bei der Nachbesprechung muss Saygili schmunzeln, als ihm die Fragen durch den Kopf gehen. Der Vormittag – für ihn ein Erfolg: "Wir haben Offenheit und Neugierde ausgelöst. Man darf nicht erwarten, dass man bei einer einzigen Veranstaltung einen jungen Menschen umklickt." Wichtig sei, dass die Schüler die Grundwerte von anderen respektieren. Das Recht auf ein anderes Leben, auf körperliche Unversehrtheit. "Wir bohren dicke Bretter", sagt Saygili. Man versteht diesen Satz, wenn man sich selbst an das zweite Rollenspiel des Tages erinnert. Die Aufgabenstellung: Ali verliebt sich in seinen besten Freund. Doch der lästert so stark über Schwule, dass sich Ali das Liebesgeständnis nicht traut. "Haltet ihr diese Geschichte für realistisch?", hat Saygili gefragt. Ein Schüler antwortet: "Ein Ali kann nicht schwul sein. Höchstens ein Christian."
Quelle: »fluter.de - Thema Menschenrechte«
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