Gay pride parade in Miami Beach, Florida am 18. April 2009.
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AIDS-Prävention: Erfolgsgeschichte mit offenem Ausgang


17.5.2010
Mitte der 1980er Jahre erschüttert das Aufkommen der Immunschwächekrankheit AIDS die Welt. Neue Therapien und ein breiteres Bewusstsein für die Gefahren der Krankheit verbessern die Situation von HIV-Patienten heute deutlich.

11.000 brennende Kerzen bilden am Samstagabend, 15. Juli 2006, auf dem Domplatz in Erfurt während der dritten bundesweiten "Nacht der Solidarität" des Aktionsbündnisses gegen AIDS die Form der so genannten AIDS-Schleife ab. Die Organisatoren wollen mit diesem "Solidaritätsrekord" ein Zeichen für die weltweit über 40 Millionen von der Infektionskrankheit betroffenen Menschen setzen.Trotz vieler Erfolge im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit: AIDS ist nach wie vor nicht heilbar. (© AP)

Einleitung



Auch wenn die alte Bundesrepublik mit ihren Ballungsgebieten (Hamburg, Köln/Düsseldorf, München, Frankfurt/M. und West-Berlin) Mitte der 1980er Jahre von der Immunschwächekrankheit AIDS in viel geringerem Ausmaß betroffen war als die Metropolen der USA (allen voran New York, Chicago, Los Angeles und San Francisco), hatte das Sterben schwuler Männer traumatisierende Auswirkungen auf die große Mehrheit der Schwulen und Bisexuellen. Der Verlust enger Freunde, bei einigen fast des gesamten Freundeskreises, und die Unsicherheit über den eigenen Serostatus (HIV-positiv oder -negativ) rief Angst und sexuelle Depression hervor.

In dieser Situation erwies sich das Kondom als erleichtert aufgegriffener Angstbändiger. Mit ihm suchten viele Aktivisten der AIDS-Hilfen, und nicht nur diese, eigene Ängste und die ihres Umfeldes zu bannen. Das Kondom wurde so nicht nur zu einem Mittel, das Risiko von Neuinfektionen deutlich zu verringern, es bot gleichzeitig die Möglichkeit, aus dem Imperativ des "Safer Sex" einen Ausweg zum "Save Sex" zu suchen.

Auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise 1986 griff der Berliner Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock in die Debatte über Strategien der Eindämmung der neuen Krankheit ein und gab der Diskussion eine Richtung, die schließlich maßgeblich werden sollte.[1] Rosenbrock wagte eine in der weit verbreitenden AIDS-Hysterie sehr kühne Prognose: "Bei günstiger (und wahrscheinlicher) Entwicklung wird AIDS eines Jahres einen unauffälligen Platz in der Statistik der Kranken und Toten einnehmen." Er nannte mehrere Bedingungen, damit diese erhoffte Entwicklung eintreten möge: Zu diesen gehörte vor allem die Berücksichtigung der beträchtlichen Ressourcen nicht-medizinischer Prävention, in der Zeit vor der Entwicklung hoch wirksamer antiretroviraler Medikamente ein selbstverständlicher, aber keineswegs hinreichend beachteter Imperativ.

Rosenbrock betonte gleichfalls die Notwendigkeit, maximalistische Konzepte zu vermeiden: "(D)ie Zielgröße Null-Risiko (...) führt zu Resignation oder zu totalitären Wahngebilden." Im Rahmen des befürworteten pragmatischen Ansatzes bei der Prävention von HIV-Übertragungen auf sexuellem Wege postulierte der Gesundheitswissenschaftler, "dass der Erfolg von Versuchen der Beeinflussung des Sexualverhaltens u.a. davon abhängig ist, dass die geforderte Änderung des sexuellen Verhaltens möglichst gering ist und möglichst leicht in die gewohnte Lebenspraxis eingefügt werden kann." Die Überlegenheit der Wirksamkeit von Selbsthilfeaktivitäten gegenüber restriktiven staatlichen Interventionen gehörte zu einer zentralen Annahme in diesem Konzept. Alle damals diskutierten gesundheitspolizeilichen Maßnahmen wurden als kontraproduktiv eingestuft: "Etwas überspitzt (...) ließe sich sagen, dass das gesamtgesellschaftliche Klima auch einen Teil des Infektionsklimas ausmacht." Betont wurde schließlich die Notwendigkeit des Auseinanderhaltens subjektiver Vorstellungen vom "richtigen" Leben und erfolgreicher AIDS-Prävention: "Gesundheitspolitik, die in Wahrheit Sittenpolitik zu sein versucht, kann sich auf diesem Wege in ihr glattes Gegenteil verkehren."

Streit im aufklärungsorientierten Lager



Die engagierte Studie Rosenbrocks lieferte eine willkommene konzeptionelle Handlungsanleitung für die AIDS-Hilfen, die sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre vehement gegen die Vertreter einer repressiven seuchenpolizeilichen Linie in der AIDS-Politik wehrten. In der alten Bundesrepublik wurde diese politisch vor allem repräsentiert durch CSU-Politiker wie Peter Gauweiler, publizistisch sekundiert von Spiegel-Journalisten wie Hans Halter[2] und von sozialepidemiologisch agierenden Medizinern wie Michael G. Koch.[3]

In Absetzung von unbefolgbaren Safer-Sex-Katalogen aus den USA und in Anlehnung an die von Rosenbrock formulierte Ablehnung maximalistischer Konzepte beschloss die Deutsche AIDS-Hilfe, die lange Liste von Geboten und Verboten durch wenige klare und knappe Empfehlungen zu ersetzen. Für die Hauptbetroffenengruppe homo- und bisexueller Männer lauteten sie: 1. bei Analverkehr ein Kondom benutzen; 2. kein Sperma in den Mund des Partners. Die Konzentration auf diese Empfehlungen wurde - ganz im Sinne einer "minimalistischen" Strategie - als notwendig empfunden, um nicht nur die Akzeptanz der Normen des Safer Sex zu erhöhen, sondern auch ihre praktische Umsetzung zu erleichtern. Während die AIDS-Hilfen (nicht zu Unrecht) darauf beharrten, dass ihre Präventionsempfehlungen eine "minimal invasive" Schutzstrategie seien, rief das Ansinnen eines generalisierten und "zeitstabilen" Kondomgebrauchs sofort Kritiker in der gay community und in der (west)deutschen Sexualwissenschaft auf den Plan. Schwule Publizisten wie Matthias Frings[4] und Frank Rühmann[5] beklagten eine "Kondomisierung" der Sexualität; der Heidelberger Psychotherapeut Ulrich Clement kritisierte den "zum Teil kastrierenden Charakter des Safer Sex".[6]

Kennzeichnend für die Diskussionen in (West)Deutschland Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre war, und dies unterschied die Debatten deutlich von denen in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden, dass innerhalb des Lagers derer, die auf individuelle Selbstverantwortlichkeit setzten, sich noch einmal zwei Positionen gegenüberstanden. Eine Mehrheit befürwortete einen zunächst unhinterfragten generalisierten Kondomgebrauch, eine bedeutsame Minderheit warnte vor einer blinden "Kondomisierung". Clement unterschied in einem viel beachteten Vortrag im "aufklärungsorientiertem Lager" zwischen "Präventionsrationalisten" und "Triebrealisten": "Die 'Präventionsrationalisten' glauben an die vernunftgesteuerte Lenkbarkeit der Sexualität. Theoretisch gehen sie von einem kognitiven Lernmodell aus und von der vorpsychoanalytischen Annahme, dass das 'Ich Herr im eigenen Haus' sei. Die 'Triebrealisten' beharren auf der Widerständigkeit und dionysischen Unbelehrbarkeit des Triebes. Theoretisch sehen sie einen hohen Stellenwert unbewusster Motive, präventionspolitisch vertreten sie eine kritische Position zur Safer-Sex-Kampagne."[7]

Liberaler Präventionskonsens



Nach einem Höhepunkt der registrierten HIV-Infektionen Mitte der 1980er Jahre stabilisierte sich deren Zahl, um dann zurückzugehen.[8] Es könnte gefragt werden, ob dieser Rückgang vor allem auf die sich seit 1985 entwickelnde AIDS-Prävention zurückzuführen ist oder eher auf die mit AIDS verknüpfte Todesangst. Allein, eine solche isolierende Betrachtungsweise ist problematisch, weil die Erfolge der AIDS-Prävention nicht von der Angst, zum Teil Panik, der damaligen Zeit zu trennen sind. Unbestreitbar ist wohl, dass sich die auf gesellschaftliche Lernprozesse setzende Präventionsstrategie nicht so schnell durchgesetzt hätte, wenn nicht in der alten Bundesrepublik ein prekäres Gleichgewicht zwischen einer weiter bestehenden und weit verbreiteten antihomosexuellen Diskriminierung einerseits und einer gleichzeitigen gesellschaftlich organisierten Abwehr der tödlichen Bedrohung schwuler Männer durch AIDS andererseits hätte hergestellt werden können.

Vor dem Hintergrund der brutalen Verfolgung der Homosexuellen im "Dritten Reich" und angesichts des homosexuellenfeindlichen gesellschaftlichen Klimas der Adenauer-Zeit bestand in der liberalen Öffentlichkeit Einigkeit darüber, dass Vorsicht und Behutsamkeit in der AIDS-Politik dringend erforderlich seien. Hiervon profitierte neben der Hauptbetroffenengruppe der Schwulen auch die andere besonders betroffene Gruppe, die der Konsumentinnen und Konsumenten intravenös injizierter Drogen. Vor dem Hintergrund einer "großen Koalition" in der AIDS-Präventionspolitik, die sich Ende der 1980er Jahre durchsetzte und von liberalen CDU-Mitgliedern über die FDP und die SPD bis zu den Grünen reichte,[9] wurde ein gesellschaftliches Klima geschaffen, das der am meisten von HIV/AIDS betroffenen Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (im Folgenden MSM), dazu verhalf, eine Routine des Risikomanagements im Hinblick auf AIDS zu entwickeln.[10]

Waren während des Höhepunktes der AIDS-Krise die Zahl der Sexualpartner und die Frequenz anal-genitaler Kontakte bei homo- und bisexuellen Männern stark zurückgegangen, so erfolgte eine Zunahme von beiden wieder ab Anfang der 1990er Jahre.[11] Dass dies vor der Einführung wirkungsmächtiger antiretroviraler Kombinationstherapien erfolgte, muss hervorgehoben werden. Das praktizierte Risikomanagement war Ausdruck einer größeren Zuversicht und Selbstsicherheit im Verfolgen individueller Bewältigungsstrategien in der AIDS-Krise. Diese erfolgten im Rahmen eines kollektiven Lernprozesses homo- und bisexueller Männer, der wiederum gestützt wurde durch das relativ liberale gesellschaftliche Klima in den 1990er Jahren. Schneller als ursprünglich gehofft werden konnte, bestätigten sich somit zwei zentrale Thesen des aufklärungsorientierten Präventionslagers: die These des gesundheitserhaltenden Potentials nichtmedizinischer Prävention und die These, dass das gesellschaftliche Klima einen wesentlichen Bestandteil des Infektionsklimas ausmacht.[12]

Unabhängig von der wechselnden Parteizusammensetzung der Bundesregierungen seit 1990 (ebenso der Landesregierungen) wurde dieser auf Selbstverantwortung setzende Präventionsansatz weiter verfolgt. Der Erfolg der deutschen Präventionspolitik sei hier mit einer kurzen Zahlenreihe illustriert. Unter den postindustriellen westlichen Ländern ist die stärkste Ausbreitung von HIV in den USA und in der Schweiz zu beobachten: 0,6% der Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren sind in beiden Ländern von einer Infektion mit dem HI-Virus betroffen. In der gleichen Altersgruppe sind in Frankreich 0,4%, in Großbritannien 0,2% und in Deutschland 0,1% der Bevölkerung betroffen.[13]


  1. Vgl. Rolf Rosenbrock, AIDS kann schneller besiegt werden, Hamburg 1986. Die folgenden Zitate und Bezüge finden sich in der Reihenfolge der Nennung auf den Seiten 11, 133f., 31f., 49, 66f und 48.
  2. Vgl. Hans Halter (Hrsg.), Todesseuche AIDS, Reinbek 1985.
  3. Vgl. Michael G. Koch, AIDS: Vom Molekül zur Pandemie, Heidelberg 1987.
  4. Vgl. Matthias Frings (Hrsg.), Dimensionen einer Krankheit - AIDS, Reinbek 1986:
  5. Vgl. Frank Rühmann, Sicherer Sex, in: Volkmar Sigusch/Hermann L. Gremliza (Hrsg.), Operation AIDS - Das Geschäft mit der Angst (Sexualität Konkret 7), Hamburg 1986.
  6. Ulrich Clement, Zur Sozialpsychologie des "Safer Sex", in: M. Frings (Anm. 4), S. 233.
  7. Ders., Zum Wahrheitsgehalt empirischer Sexualbefragungen. Vortrag auf der 16. Wissenschaftlichen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, Berlin 6.-8.10.1988, unveröff. Ms.
  8. Vgl. Ulrich Marcus, 20 Jahre HIV/AIDS-Epidemie in Deutschland, in: ders. (Hrsg.), Glück gehabt? Zwei Jahrzehnte AIDS in Deutschland, Berlin-Wien 2000.
  9. Vgl. Günter Frankenberg, Deutschland - der verlegene Triumph des Pragmatismus, in: David Kirp/Ron Bayer (Hrsg.), Strategien gegen AIDS. Ein internationaler Politikvergleich, Berlin 1994.
  10. Vgl. Michael Bochow, Safer Sex: Quo vadis?, in: AIDS-Hilfe Frankfurt (Hrsg.), Vielfältig verbunden - 20 Jahre AIDS-Hilfe Frankfurt, Miltenberg-Frankfurt/M. 2005.
  11. Vgl. Michael Bochow/Axel J. Schmidt/Stefanie Grote, Schwule Männer und AIDS: Lebensstile, Szene, Sex 2007. Eine Befragung im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung/BZgA (AIDS-Forum DAH 55), Berlin 2010.
  12. Vgl. auch Rolf Rosenbrock/Doris Schaeffer (Hrsg.), Die Normalisierung von AIDS. Politik-Prävention-Krankenversorgung, Berlin 2002.
  13. Vgl. Michael T. Wright/Rolf Rosenbrock, Zur Normalisierung einer Infektionskrankheit, in: Günter Albrecht/Axel Groenemeyer/Friedrich W. Stallberg (Hrsg.), Handbuch Soziale Probleme, Wiesbaden 2010 (i.E.).



 

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