Cinema-fairbindet-Preisträger 2012: "Call Me Kuchu"
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Diffamierung und Emanzipation

Eine kurze Geschichte der Homosexualität im Film


12.9.2012
Ein schwuler Außenminister oder eine lesbische Bürgermeisterin wären vor 50 Jahren kaum denkbar gewesen. Ein homosexueller Held einer Blockbuster-Produktion ebenso wenig. Viele Jahrzehnte waren Schwule und Lesben im Kino kaum sichtbar. Und wenn, konnten sie sich über die Art und Weise der Darstellung kaum freuen, reduzierte sich ihr Bild auf der Leinwand doch auf tragische Gestalten, mordende Psychopathen und unmoralische Triebwesen. Für eine vorurteilsfreiere Darstellung der Lebenswirklichkeit mussten lange Zeit lesbische und schwule Filmemacher überwiegend selbst sorgen.

Ein Sinnbild für Toleranz und gegenseitigen Respekt, auch gegenüber sexuellen Minderheiten: David Katos Regenbogenfahne aus "Call Me Kuchu"Ein Sinnbild für Toleranz und gegenseitigen Respekt, auch gegenüber sexuellen Minderheiten: David Katos Regenbogenfahne aus "Call Me Kuchu" (© Katherine Fairfax Wright)

Nach heutigem Ermessen ist es eine völlig harmlose Szene. Doch die auf einem schwulen Faschingsball Walzer tanzenden Männer lösten bei der Uraufführung im Mai 1919 einen wahren Tumult aus. Einige der anwesenden Damen in dem Berliner Kinosaal schrien vor Entsetzen laut auf.

Dass Richards Oswalts "Anders als die Anderen" (Deutschland 1919) bald darauf nicht mehr öffentlich gezeigt werden durfte, lag allerdings vor allem an der im Film unmissverständlich zum Ausdruck gebrachte Haltung gegen den Anti-Schwulen-Paragrafen 175. Das Drama um einen Violinisten, der wegen seiner Homosexualität erpresst und in den Freitod getriebenen wird, durfte danach lediglich Fachpublikum – also Polizeikommissaren, Psychiatern und Ärzten in Irrenanstalten – gezeigt werden. Im Sommer 1920 wurde der Stummfilm schließlich komplett verboten, sämtliche Kopien ließ man vernichten.

"Anders als die Anderen", entstanden in Zusammenarbeit mit dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, war eine einmalige Ausnahmeerscheinung. So fortschrittlich sollte man Schwule für lange Zeit nicht mehr auf der Leinwand gezeigt bekommen. Auch Leontine Sagans "Mädchen in Uniform" (Deutschland 1931) über die Liebe einer Internatschülerin zu ihrer Lehrerin war nur in der liberalen Phase der Weimarer Republik denkbar.

Selbstzensur der Filmindustrie



Erst 1961 markierte die britische Produktion "Im Teufelskreis" (Regie: Basil Dearden) einen weiteren Meilenstein innerhalb der schwulen Filmgeschichte. Entstanden zu einer Zeit, als in Großbritannien männliche Homosexualität noch unter harter Strafe stand, plädierte über 40 Jahre nach "Anders als die Anderen" wieder ein kommerzieller Spielfilm für die Akzeptanz von Homosexuellen. In den USA konnte der Film deshalb zunächst gar nicht gezeigt werden.

Denn während in Europa bis in die späten 1960er-Jahre hinein Schwule und Lesben fast ausnahmslos negativ gezeichnet wurden, existierten sie im Hollywood-Kino nicht einmal. Allenfalls sehr vage Anspielungen waren möglich.

Grund dafür war der sogenannte "Hays-Code". Um staatlichen Repressionen gegen den sündigen Hollywood-Film zuvorzukommen, hatte sich 1922 die US-amerikanische Filmindustrie zur Selbstzensur entschlossen und unter anderem auch Darstellungen "gleichgeschlechtlicher Perversionen" untersagt. Ab 1961 durften solche sexuellen "Abartigkeiten" dann zwar gezeigt werden – allerdings nur, wenn "Vorsicht, Diskretion und Zurückhaltung" geübt und Homosexualität als nicht erstrebenswert gezeigt wurde. Schwule und lesbische Figuren waren daher ausnahmslos bedauernswerte Geschöpfe, die im kriminellen Milieu, Freitod oder als Opfer von Verbrechen endeten.

Avantgarde und Underground



Erst die Underground-Subkultur der 1960er-Jahre und schwule Experimentalfilmer wie Kenneth Anger ("Scorpio Rising", USA 1963), Andy Warhol ("Flesh", USA 1968) und James Bidgood ("Pink Narcissus", USA 1971) kümmerten diese Vorgaben nicht mehr.

Die gesellschaftspolitischen Veränderungen im Zuge der 1968er-Revolution und des New Yorker Stonewall-Aufstandes (1969), der Initialzündung zur politischen Homosexuellenbewegung, brachten schließlich auch die ersten Regisseure mit homoaktivistischem Hintergrund hervor. In Deutschland drehte Rosa von Praunheim seinen agitatorischen Streifen "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt" (BRD 1971). In den USA adaptierte William Friedkin das 1968 uraufgeführte Broadwaystück "Boys in the Band" fürs Kino und schuf so mit "Die Harten und die Zarten" (1970) den ersten Film mit ausschließlich schwulen Charakteren. In den späten 1970er- und in den 1980er-Jahren prägten eine ganze Riege schwuler Regisseure das zeitgenössische Autorenkino und widmeten sich dabei auch homosexuellen Themen: Rainer Werner Fassbinder drehte "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" (BRD 1971), "Faustrecht der Freiheit" (BRD 1975) und "Querelle" (BRD 1982) und Derek Jarman provozierte mit seinem experimentellen Heiligenfilm "Sebastiane" (Großbritannien 1976). Der Spanier Pedro Almodóvar gewann 1988 mit "Das Gesetz der Begierde" den ersten Teddy Award, den lesbisch-schwulen Filmpreis der Internationalen Filmfestspiele Berlin, und das junge britische Kino überraschte mit Filmen wie "Another Country" (1984, Regie: Marek Kanievska), "Mein wunderbarer Waschsalon" (1985, Regie: Stephen Frears) und "Maurice" (1987, Regie: James Ivory).

Ausgerechnet am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, feiert in Ost-Berlin mit Heiner Carows "Coming out" die einzige DEFA-Kinoproduktion Premiere, die sich mit den Problemen schwuler Männer in der DDR auseinandersetzte. Gleichzeitig machte sich eine junge Generation von Filmemacherinnen daran, gegen das bislang im Kino vorherrschende Bild der lesbischen Frau zu rebellieren, wie es vor allem im Bereich des sogenannten Sexploitation-Genrekinos Popularität erlangt hatte. Beispielhaft verwiesen sei hier etwa auf die exemplarischen Darstellungen einer sexlüsternen Blutsaugerin oder einer sadistischen Gefängnisaufseherin in Filmen des spanischen Regisseurs Jess Franco ("Vampiros Lesbos", 1970, bzw. "Barbed Wire Dolls – Frauengefängnis", 1975).

Alexandra von Grote unternahm einen entsprechenden Versuch der Neuverortung mit ihrem realistischen Beziehungsdrama "Weggehen um anzukommen" (BRD 1981), ferner mit "Novembermond" (BRD 1984), einem Film über die Liebe einer Pariser Jüdin zu einer vermeintlichen Nazikollaborateurin. Im Gegensatz dazu inszenierte Ulrike Ottinger die grellen Szenerien ihres experimentellen Frauenfilms "Madame X – Eine absolute Herrscherin" (BRD 1977). Monika Treut wiederum lotete in Filmen wie "Verführung: Die Grausame Frau" (BRD 1985) und "Die Jungfrauenmaschine" (BRD 1988) bislang tabuisierte Bereiche lesbischer Sexualität wie S/M-Beziehungen und Prostitution aus.



 

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