"Wer wenn nicht wir"
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20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Gerd Langguth

Interview: Die 68er-Bewegung

Interview mit Prof. Gerd Langguth

Im Interview mit der bpb spricht der Politologe Gerd Langguth über Ursachen und Ziele der Studentenbewegung sowie deren Bedeutung als "Vorgeschichte" der RAF.
Wogegen richteten sich die Studentenproteste? Und wie konnte es überhaupt zu dieser Jugendrevolte kommen, galt die Jugend doch damals eher als unpolitisch und anpassungswillig?

Prof. Dr. Gerd Langguth. Foto: PrivatProf. Dr. Gerd Langguth. Foto: Privat
In der Tat kam die Studentenrevolte ziemlich eruptiv. Der Jugendsoziologe und spätere Kultusminister Ludwig von Friedeburg hatte noch 1965 in einer wissenschaftlichen Schrift behauptet, die junge Generation werde "nie revolutionär, in flammender, kollektiver Leidenschaft auf die Dinge reagieren". Sein Kollege Schelsky hatte zwei Jahre zuvor noch erklärt, dass die Studenten "kaum mehr ein Ferment produktiver Unruhe darstellten". Zunächst sollte präzisiert werden, dass es sich bei der 68er Revolte nicht um eine generelle politische Jugendrevolte handelte, sondern eher um eine Revolte von Oberschülern und vor allem von Studenten.


Die Studentenrevolte nahm in Deutschland ihren Ausgang von West-Berlin. Es kam 1965 an der Berliner Freien Universität zu einem Ereignis, das aus heutiger Sicht nahezu grotesk anmutet, weil heute klar wäre, dass ein Verbot von Veranstaltungen innerhalb der Universität nur zu Solidarisierung führt. Genau das aber geschah, als der FU-Rektor am 7. Mai 1965 die Teilnahme des Schriftstellers Erich Kuby an einer Podiumsdiskussion an der FU durch Hausverbot verhindern wollte. Dieser hatte sich zuvor kritisch zur FU geäußert. Daraufhin demonstrierten – ähnlich der "Free Speach Movement" in den USA - etwa fünfhundert Studenten für das demokratische Anliegen einer Redeerlaubnis. Zweifellos waren die Hochschulen damals "verstaubt".

Es handelte sich allerdings keineswegs um eine "unpolitischen Zeit", im Gegenteil! Deutschland war im Fadenkreuz des Ost-West-Konfliktes und hier insbesondere die geteilte Stadt Berlin. Hier prallten die Gegensätze zwischen Ost und West besonders aufeinander, hier hatten beispielsweise Proteste gegen den militärischen Einsatz der USA in Vietnam deshalb eine besondere Bedeutung, weil sie sich auch gegen die amerikanische Schutzmacht in Berlin richteten. Dies führte zu einer Polarisierung zwischen großen Teilen der Bevölkerung, die um die Tatsache wusste, dass es den Amerikanern in den beiden Berlinkrisen die Überlebensfähigkeit des westlichen Stadtteils zu verdanken hatte. Hingegen war die häufig aus Westdeutschland zugezogene Studentenschaft – in West-Berlin galt für sie nicht die Wehrpflicht - sehr viel kritischer zu den USA eingestellt.

Es herrschte damals zudem bei weiten Teilen der jungen Generation ein tiefes Misstrauen gegen den Staat, das insbesondere durch die damalige Große Koalition der Jahre 1966 bis 1969 forciert worden war. Da etwa neunzig Prozent der Parlamentarier im Deutschen Bundestag die Regierungsparteien repräsentierten, also nur eine Zehn-Prozent-Opposition der FDP vorhanden war, kritisierten viele, dass eine effektive demokratische Kontrolle nicht möglich wäre. Der politische Protest der damals linksorientierten Studenten und weiterer Personen richtete sich vor allem gegen die Notstandsgesetze, die als so genannte "NS-Gesetze" polemisch attackiert worden waren. Es wurde der Vorwurf erhoben, mit diesen von der Union und SPD im Bundestag durchgesetzten Gesetzen wäre ein Weg zurück zum "Faschismus" geebnet. Wenn auch immer wieder die Studentenrevolte mit der (Nach-)Adenauer-Ära in Verbindung gebracht wird, so sollte doch darauf hingewiesen werden, dass die Studentenrevolte interessanterweise in einem damals mit großer Mehrheit von der SPD regierten Bundesland Berlin ausgebrochen war. Die Studentenrevolte war am Anfang so etwas wie ein vager Protest eigentlich gegen alles.

In der geschichtlichen Nachbetrachtung kann jedoch konstatiert werden, dass die Studentenrevolte eigentlich gar nicht so überraschend gekommen war. Grob gesprochen muss nämlich zwischen drei Phasen unterschieden werden: den Vorläuferbewegungen, dem Brennpunkt "1968" und schließlich der Zerfallsphase, also einer Diffusionsphase in die Gesellschaft hinein. Hinsichtlich der Vorläuferbewegungen kann konstatiert werden, dass es schon in den frühen Jahren der Bundesrepublik immer wieder zu Kundgebungen oder Unruhen kam. Zu nennen ist beispielsweise die "Ohne-mich"-Bewegung in den fünfziger Jahren, die gegen die Westintegration der Bundesrepublik und gegen die Wiederbewaffnung Front machte. Auch das Phänomen der "Halbstarken" um 1958 oder die "Schwabinger Krawalle" vom Juni 1962 seien angeführt. Während der Oberbürgermeisterschaft Hans-Jochen Vogels versuchte die Münchner Polizei , zwei Straßenmusikanten wegen "ruhestörenden Lärms" festzunehmen. 1960 setzten die "Ostermärsche" gegen die Stationierung von Atomwaffen in der Bundesrepublik Deutschland ein. Diese Beispiele zeigen, dass auch in der "Adenauer-Ära" Protestaktivitäten und Jugendrebellionen vorkamen.

Hinsichtlich der Ursachen muss darauf hingewiesen werden, dass jene Zeit zwei Umbrüche hatte, nämlich einen kulturellen Umbruch und einen politischen Umbruch. Der kulturelle Umbruch ging jedoch der Studentenrevolte um mehrere Jahre voraus, was meist nicht beachtet wird: Er fand bereits in den sechziger Jahren statt und begann vor allem im Bereich der Musik und der Lebensstile. Beispielsweise fand das letzte Lifekonzert der Beatles, die seinerzeit die Musik revolutionierten, im Jahre 1966 statt. Auch die sogenannte sexuelle Revolution wurde damals durch die Anti-Baby-Pille und nicht zuletzt durch Aufklärungsserien eines Oswald Kolle stark forciert. Der kulturelle Umbruch setzte also sehr viel früher ein und war nicht das Ergebnis der Studentenrevolte, sondern umgekehrt auch der Humusboden für den politischen Protest.
Wie kam es zu einer Ausweitung der Proteste über die Studentenszene hinaus? Anders gefragt: Wie wurde aus der Studentenbewegung eine Jugendrevolte?

Zunächst muss angezweifelt werden, dass es sich bei der Studentenrevolte generell um eine Jugendrevolte handelte. Hinsichtlich der politischen Dimension der damaligen Revolte war sie auf Oberschüler und Studenten konzentriert, also der sogenannten "jungen Intelligenzschicht". Sieht man von relativ wenigen Einzelpersonen ab, war diese Revolte in ihren politischen Dimensionen keinesfalls bei den jungen Arbeitnehmern angekommen; im Gegenteil herrschte dort eher eine Ablehnung vor. Die bereits angesprochenen kulturellen Umbrüche haben allerdings die gesamte junge Generation erreicht, also auch die nichtakademische Jugend. Höchstens insoweit könnte man generell von einer Jugendrevolte sprechen.

Die Studentenbewegung hatte sich am Anfang zunächst nur auf rein hochschulpolitische Themen bezogen, die Ausweitung fand dann durch den Kampf gegen die Notstandsgesetze und gegen das Engagement des US-Einsatzes in Vietnam statt. Dass die Ausweitung der Studentenrevolte über Berlin hinausging, hatte unter anderem auch mit einem damals neuen Phänomen zu tun, der Einführung des Fernsehens. Interessant ist auch die internationale parallele Entwicklung der Studentenrevolte in den USA, Westeuropa und Japan (mit jeweils unterschiedlichem nationalem Kontext).

Der SDS entwickelte deshalb eine solche Sprengkraft, weil er dem utopischen Grundbedürfnis seiner Anhänger und eines Großteils der damaligen Studentenschaft entsprach. "Ja, der biblische Garten Eden ist die phantastische Erfindung des uralten Traums der Menschheit. Aber noch nie in der Geschichte war die Möglichkeit der Realisierung so groß", erklärte beispielsweise Rudi Dutschke in einem Interview. Dutschkes charismatische Ausstrahlungskraft spielte eine große Rolle.

Dutschke bemühte sich, einen Prozess der "organisierten Verweigerungs-Revolution" einzuleiten. Er faszinierte auch wegen seiner Elitetheorie, da nach seiner Überzeugung das eigentliche revolutionäre Subjekt, das Industrieproletariat, so manipuliert sei, dass es für eine sozialistische Politik nicht mehr mobilisierbar, auch nicht in der Lage sei, seine eigenen sozialen und politischen Interessen zu erkennen. Er vertrat deshalb eine Elitetheorie, dass nur Studenten und Intellektuelle und marginalisierte Randgruppen als sozial freigesetzte Wesen in der Lage seien, den revolutionären Kampf gegen "Unterdrückung" und "Ausbeutung" zu führen. Allerdings war diese Position innerhalb der studentischen Linken nicht unumstritten.

Die Bewegung des SDS war jedoch zunehmend gegen die parlamentarische Grundordnung der Bundesrepublik ausgerichtet. "Ich halte das parlamentarische System für unbrauchbar", hatte beispielsweise Dutschke erklärt. Der SDS hatte zunehmend eine antiparlamentarische Konzeption entwickelt, die stark von rätedemokratischen Grundvorstellungen geprägt war. Die parlamentarische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland wurde als "die aufgepappte Fassade eines autoritären Systems" bezeichnet. Der im SDS vorherrschende Antiparlamentarismus führte sogar zu der Idee, ganz West-Berlin in eine Räte-Demokratie umzuwandeln.

Die Protestbewegung konnte nicht nur politisch, sondern musste auch sozialpsychologisch gedeutet werden. Einer der schärfsten intellektuellen Kritiker der 68´-Revolte war der renommierte Politikwissenschaftler Richard Löwenthal, Mitglied der SPD und in seiner Jugend überzeugter Kommunist: "Die kämpferische Haltung der jungen deutschen Intellektuellen von heute, ihre radikale Kritik an der modernen Industriegesellschaft entwickeln sich, (...) auf dem Boden eines nur allzu deutlich durchscheinenden Kulturpessimismus. Hinter der Erneuerung der radikalen Utopien wird eine Grundstimmung von Verzweiflung erkennbar, hinter der Glaubenssehnsucht nicht selten ein Nihilismus, dem die humanistischen Werte unserer Zivilisation als bloße Heuchelei erscheinen." Auch Jürgen Habermas unterstrich die Notwendigkeit einer sozialpsychologischen Erklärung: "Das Potential der Unzufriedenheit ginge "nicht aus ökonomischer, sondern aus einem psychologisch bedingten Unbehagen an der Kultur" hervor.

Warum lösten der Tod Benno Ohnesorgs sowie das Attentat auf Rudi Dutschke eine solche Radikalisierung der Proteste aus?

Vielleicht wäre es ohne den Tod Benno Ohnesorgs nicht zu einer solchen bundesweiten Mobilisierung gekommen. Natürlich ist jeder Tod und jedes Attentat ein bestürzendes Ereignis, das zudem in einer Zeit stattfand, in der ein erheblicher Teil der jungen Akademiker dem Staat misstraute. In dieser Zeit hatte auch ein Teil der bürgerlichen Elite, die sich durch ihre Mitwirkung im Nationalsozialismus innerlich schuldig fühlte, wenig Selbstvertrauen und konnte teilweise der Studentenrevolte wenig entgegensetzen. Der Tod Benno Ohnesorgs wurde auch von den Aktionisten der linken Szene als Instrument der Politisierung genutzt. Sehr bald kamen auch Aktionen auf, die zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führten. In diesem Zusammenhang hatte ja Habermas das berühmte Wort vom "linken Faschismus" gefunden und die "Gewaltrhetorik" gegeißelt.

Warum verebbten die Studentenproteste nach ihrem Höhepunkt während der Osterunruhen auch wieder so schnell, wie sie gekommen waren?

Die Studentenproteste verebbten deshalb wieder so schnell, weil spätestens nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze die gemeinsame Gegnerschaft zu einem alle Protestler integrierenden Ziel erloschen war und weil die Bewegung überwiegend erfolglos blieb. Solange sich eine Bewegung vor allem gegen etwas richtet, kann sie eine große Integrationsfähigkeit entwickeln. Wenn sie allerdings gezwungen wird, die "positiven" Ziele der eigenen Bewegung zu benennen, kamen die Unterschiede zum Vorschein. Die der Protestbewegung schon inhärenten verschiedenen Linien zeigten sich in den folgenden Jahren:

  1. Die Anhänger linksliberaler und "systemüberwindender" Reformen
    Hier handelt es um jene vor allem linksliberale Angehörige der Studentenrevolte, die Gewalt ablehnten. Sie wollten sich im vorhandenen politischen System zurecht finden. In besonderer Weise radikalisierten sich damals die Jungsozialisten als Jugendorganisation der SPD nach der Auflösung des SDS im Jahre 1970 mit ihrem Konzept der systemüberwindenden Reformen.

  2. Undogmatische Linke/Unabhängige Sozialisten
    Hierzu gehörte vor allem das 1969 gegründete "Sozialistische Büro" in Offenbach, das sich selber in die Tradition der Protestbewegung stellte und sich als eine Sammlungsbewegung aus verschiedenen Strömungen empfand, nämlich Mitwirkende aus Kampagnen der fünfziger und sechziger Jahre, wie zum Beispiel "Kampf dem Atomtod", "Ostermarschbewegung" und so weiter zu integrieren, auch Aktivisten aus dem SDS.

  3. SED-orientierte Organisationen
    Schon immer hatte es eine so genannte "KP-Fraktion" innerhalb des SDS gegeben. Zum Beispiel war Ulrike Meinhof Mitglied der illegalen KPD gewesen. Insbesondere die Gründung des Marxistischen Studentenbundes (MSB) Spartakus im Mai 1971 sollte dazu führen, dass immer mehr Studentenregierungen (Allgemeine Studentenausschüsse) von MSB Spartakus und dem Sozialistischen Hochschulbund (SHB) geführt wurden. Der einst sich "sozialdemokratisch" nennende SHB hatte sich von der SPD entfernt und sich auf die DKP zubewegt.

  4. Dogmatische "K-Gruppen"
    Hier handelt es sich vor allem maoistische/stalinistische Parteien, wie etwa die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), Kommunistische Partei Deutschlands (Marxisten/Leninisten), den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), den Bund Westdeutscher Kommunisten (BWK), die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), u.a. Diese "K-Gruppen" verfügten auch über zahlreiche Unterorganisationen "Zentralorgane" und Zeitschriften. Sie waren außerordentlich straff organisierte Kaderorganisationen mit vielen Tausend Mitgliedern.

  5. Trotzkismus
    Diese Tendenz hatte durchaus einen intellektuellen Einfluss auf große Teile der linken Intelligenz, weil der Trotzkismus den Bürokratismus des real existierenden Sozialismus kritisierte. Die trotzkistischen Gruppen blieben in Deutschland jedoch relativ unbedeutend.

  6. Aussteigertum in einer Subkultur/Alternativkultur
    Es entstand eine Subkultur-Bewegung, die es schon im Zusammenhang mit der Studentenrevolte gegeben hatte. Sie hatte stark libertäre Tendenzen. Gefordert wurde der Aufbau eines Gegenmilieus, zum Beispiel durch Kommunen, eine Politisierung von Rockern wurde angestrebt, der Genuss von Drogen zur "Bewusstseinserweiterung" wurde propagiert, die Entwicklung eines konsumkritischen Lebensstils war besonders wichtig.

  7. Anarchisten
    In der Studentenrevolte gab es zahlreiche kleine anarchistische Gruppen, die sehr zersplittert waren, von denen einige für gewaltsame Aktionen offen waren, andere hingegen für eine gewaltfreie Revolution plädierten. Als Anarchisten lehnten sie alle Herrschaftslehren und alle Herrschaft ab und "wollten das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmung der im Kapitalismus verführten und betrogenen Massen" für ihren politischen Kampf instrumentalisieren.

  8. Spontis, Basisgruppen, Autonome
    Damals entstanden an den Hochschulen flächendeckend "Sponti"-Gruppen, die sich nicht an einer Parteibildung orientierten, anarchistische Vorstellungen vertraten, vor allem aber im Rahmen beispielsweise ihres "Häuserkampfes" vor gewaltsamen Aktivitäten nicht zurückschreckten, wozu etwa der Revolutionäre Kampf in Frankfurt mit Joseph ("Joschka") Fischer als wichtigen "Sponti" gehörte. Damals entstanden auch "autonome" Gruppen, die es heute noch in abgewandelter Form (siehe z.B. ihre Aktionen gegen Großereignisse wie Weltwirtschaftsgipfel der G8-Staaten in Heiligendamm) gibt.

  9. Terrorismus
    Auch hier gab es verschiedene Gruppen wie die Tupamaros in West-Berlin und München, die Rote Armee Fraktion, das Sozialistische Patientenkollektiv, die Bewegung 2. Juni, Revolutionäre Zellen; genannt werden müssen auch legale Unterstützerorganisationen wie die Rote und Schwarze Hilfe.
Welche Verbindungs- oder Berührungslinien gab es zwischen der Studentenbewegung, der APO und der späteren RAF? Gab es gemeinsame Ideologien?

Schon früh setzte in der Studentenbewegung die Argumentation ein, dass die von der studentischen Bewegung ausgeübte Gewalt lediglich Gegengewalt zur Gewalt der Herrschenden gewesen sei. Es wurde über "befreiende" und "reaktionäre" Gewalt diskutiert, wobei letztere von Seiten des Staates komme. Gerade die immer mehr einsetzende Unterscheidung zwischen einer Gewalt gegen Sachen und der Gewalt gegen Personen führte nicht nur zu einer zunehmenden Erosion rechtsstaatlichen Denkens, sondern insgesamt zu einer Enttabuisierung der Gewalt.

Berühmt wurden die Steinwürfe am "Tegeler Weg" in Berlin am 4. November 1968, als ein SDS-Sprecher erklärte, die Steinwürfe seien berechtigter Widerstand, man dürfe sich der Willkür des Staatsapparates nicht beugen. Damals sprach Jürgen Habermas davon, dass sich seit diesen Steinwürfen "die Gewaltrhetorik der Ostertage in eine Taktik des begrenzten Vandalismus umgesetzt" habe. Selbst Joseph ("Joschka") Fischer erklärte in der Bundestagsdebatte am 17. Januar 2001: "Ich war damals kein Demokrat, sondern Revolutionär."

Die ganz überwiegende Mehrheit der an der Protestbewegung Beteiligten wollte keine Gewalt. Vielfach wird der Beginn des deutschen Terrorismus auf das Jahr 1970 gelegt, als am 14. Mai 1970 Baader aus dem Leseraum des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in Berlin-Dahlem durch Ensslin, Meinhof und andere befreit wurde. Aber tatsächlich hatte es bereits 1968 und 1969 Anschläge etwa auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin im November 1969 und auf andere Einrichtungen gegeben. Außerdem wurden bereits am 2. April 1968 durch Andreas Baader und Gudrun Ensslin Brandsätze in zwei Frankfurter Kaufhäusern gelegt.

Der Terrorismus der Roten Armee Fraktion und auch der anderen terroristischen Gruppen entstand nicht spontan. Ihm gingen vielfältige Strategiedebatten voraus, an denen auch Dutschke beteiligt war. Er wollte allerdings nicht den "militärischen" Kampf der Roten Armee Fraktion. Er hatte schon 1966 ein Stadtguerillakonzept entwickelt. Ihm dienten die lateinamerikanischen "Tupamaros" als Vorbild. Schon 1966 kam es im SDS unter dem Einfluss Dutschkes und anderer Mitglieder in der so genannten "Viva-Maria-Gruppe" zu einer intensiven Debatte über das Thema Gewalt. Dutschke: "Der Kampf der Vietcong und der MIR in Peru sind unsere Kämpfe, müssen bei uns tatsächlich über rationale Diskussion und prinzipiell illegale Demonstrationen und Aktionen in bewusste Einsicht umfunktionalisiert werden...".

Dutschke plädierte 1966/1967 unter dem Titel "Fokus-Theorie in der Dritten Welt und ihre Neubestimmung in den Metropolen" für die Übertragung von Che Guevaras Guerilla-Theorie auf die Verhältnisse in Deutschland und vor allem in West-Berlin. Allerdings sollte nach Dutschkes Auffassung die Strategie abgewandelt werden, entsprechend den anderen Verhältnissen in Europa. Die "Propaganda der Schüsse" in der Dritten Welt sollte durch die "Propaganda der Tat" in den Metropolen Nordamerikas und Europas ergänzt werden. Als das schwächste Glied machte er die Universität aus, sie bildete für ihn einen Fokus, von dem aus kleinste homogene Guerilla-Einheiten" ihren Ausgang nähmen. Deshalb kam es sogar zu Überlegungen im SDS, Dutschke auszuschließen.

Dutschke und Krahl, ein anderer SDS-Ideologe, riefen auf der SDS-Delegiertenversammlung im September 1967 dazu auf, sich als "Sabotage- und Verweigerungsguerilla" zu formieren. Noch vor dem "Vietnam-Kongress" im Februar 1968 propagierte Dutschke einen "europäischen Cong". Dutschke plädierte kämpferisch dafür, dass das Konzept der Stadtguerilla, das zuerst von den Tupamaros in Montevideo entwickelt und dann von dem brasilianischen Kommunisten Carlos Marighela seit Ende 1967 in Sao Paulo praktiziert und im "Handbuch der Stadtguerilla" kanonisiert wurde, abgewandelt auf Deutschland übertragen werden sollte. Hans Magnus Enzensberger erklärte, diese Position unterstützend, im Jahr 1969: "Gegenwärtig veranschaulicht uns eine Organisation wie die Tupamaros in Uruguay Formen des Kampfes, die direkt auf Europa angewandt werden können und müssen."

Welche Bedeutung haben folgende beiden Punkte für die Beziehung der RAF zur Studentenbewegung?
  1. Die RAF bezeichnet die Studentenbewegung selbst als ihre Vorgeschichte.

  2. Die Idee einer "Stadtguerilla" taucht sowohl bei dem SDS-Führer Rudi Dutschke als auch später bei der RAF auf, wenn auch in radikalerer Variante.
Nur eine kleine, extreme Minderheit wurde terroristisch, allerdings wäre, wie dargelegt, die Rote Armee Fraktion ohne die Studentenbewegung nicht vorstellbar, da alle wichtigen Mitglieder der ersten RAF-Generation aus dem SDS oder dessen Umfeld und damit aus der Studentenbewegung kamen oder ihr, wie Mahler und Meinhof als frühere SDS-Mitglieder verbunden waren.

Die Idee einer Stadtguerilla tauchte, ausgehend von der "Subversiven Aktion", in der Dutschke vor seinem SDS-Engagement mitwirkte, sowohl bei den Tupamaros West-Berlin als auch bei den Tupamaros München auf. Über letztere gibt es bisher kaum größere Erkenntnisse. Die Tupamaros West-Berlin entlehnten ihren Namen direkt einer gleichnamigen Gruppe aus Uruguay, die nach dem Konzept der Stadtguerilla mit Anschlägen in den Großstädten handelten, Entführungen hochgestellter Persönlichkeiten vornehmen sowie Banküberfälle zur Geldbeschaffung. Am Jahrestag der Reichspogromnacht platzierten die Tupamaros West-Berlin am 9. November 1969 eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus, die während einer Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen explodieren sollte. Die überalterte Zündkapsel funktionierte aber nicht. Laut mehrerer Zeugenaussagen war Dieter Kunzelmann an der Planung beteiligt, allerdings hat er dies wiederholt bestritten. Täter soll Albert Fichter gewesen sein.

Ist die RAF also ein Zufallsprodukt oder - wie es Butz Peters in seinem Buch "Der tödliche Irrtum" ausdrückt - ein "illegitimes Kind" der Studentenbewegung?

Die RAF wäre ohne die Vorgeschichte der Studentenbewegung nicht denkbar. Schon früh gab es innerhalb des SDS Debatten über Gewalt und Subversivität, also nicht nur militante Aktionen, sondern auch Guerillaaktivitäten am Beispiel der Tupamaros. Die RAF ist deshalb kein Zerfallsprodukt der Studentenbewegung, weil ihre Vorgeschichte bis weit in die Studentenbewegung hineinreicht.

Die Fragen stellte Stephan Trinius.

August 2007
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