Dossierbild Film als Teil schulischer Bildung

Filmästhetik als Aufgabe und Potenzial ästhetischer Bildung

Prof. Dr. Klaus Maiwald (Universität Augsburg)

29.5.2009
Um Filmästhetik, ihren Wandel im Laufe der Zeit und die Notwendigkeit von Fachbegriffen in der medienpädagogischen Praxis ging es in dem Vortrag von Klaus Maiwald. Zur Klärung der Frage, worüber man im Rahmen der filmästhetischen Vermittlung sprechen soll, müsse zunächst der Begriff Filmästhetik definiert werden, so Klaus Maiwald. Bereits beim Betrachten der einschlägigen Einführungswerke in die Filmanalyse werde deutlich, wie ungenau dieser im wissenschaftlichen Diskurs verwendet werde. Mit Verweis auf die Herleitung des Wortes Ästhetik aus dem griechischen "aisthesis" schlug Klaus Maiwald daher eine Verortung und Untersuchung des Begriffes in der Wahrnehmung der Betrachter/innen vor: Filmästhetik als etwas, das die Sinne der Betrachtenden stimuliere. Statt einer Untersuchung der Filmästhetik plädierte er für eine Untersuchung des ästhetischen Filmsehens als Wahrnehmung von Differenzen: Die eigene Wahrnehmung würde reflektiert und die beim Filmsehen impliziten Vorgänge so bewusst gemacht. Die Aufgabe und das Potenzial ästhetischer Bildung liege somit in der Möglichkeit, ästhetische Differenzerfahrungen zu organisieren. Nicht nur eine Auseinandersetzung mit Klassikern der Filmgeschichte, sondern auch mit Hollywood-Filmen, Werbung und Propagandafilmen könne zu einem tieferen Verständnis ästhetischer Differenzen führen.

Als Beispiel für die konkrete, praxisorientierte Umsetzung seiner theoretischen Überlegungen im Schulunterricht zog Klaus Maiwald den Spielfilm "Emil und die Detektive" von Gerhard Lamprecht aus dem Jahr 1931 heran, der auch im Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung enthalten ist. An sieben prägnanten Szenen führte er vor, wie ein Vergleich des filmischen Originals mit den Remakes von Robert A. Stemmle aus dem Jahr 1954 sowie von Franziska Buch aus dem Jahr 2001 anschauliche Einsichten in die unterschiedlichen ästhetischen Konzepte eines Filmes liefern könne: Wo Emils Ohnmacht in der neuesten Version nur in zwei Einstellungen kurz in Szene gesetzt werde, zeige sich dieselbe Szene 70 Jahre früher als verspielt und bestückt mit surrealistischen Elementen. Umgekehrt werde Emils erstes Zusammentreffen mit der Bande 1931 relativ unspektakulär und ohne das Hervorheben des Einzelnen inszeniert, während die Version aus dem Jahr 2001 in 35 schnell aufeinander folgenden Einstellungen jedes Bandenmitglied kurz vorstelle und durch ästhetische Mittel wie Match Cut oder Voice-Over präsentiere. Auch ein Vergleich der Inszenierung Berlins verdeutliche, wie die Inszenierung durch gestalterische Mittel aus dem Verkehrs- und Menschengewühl des Jahres 1931 eine aufgeräumte und saubere Konsumoase (1954) oder eine Multikulti-Metropole inmitten architektonischer Highlights (2001) machen könne.

Zusammenfassend betonte Maiwald, dass seine Analyse durch die einfache, aufmerksame Beobachtung und den Vergleich kurzer Filmausschnitte aus den verschiedenen Filmfassungen vor sich ginge und so eine Annäherung an Filmästhetik in der Form von Differenzerfahrung möglich mache. Fachbegriffe wie Match Cut, Aufsicht oder Chiaroscuro könnten dabei im Laufe des Unterrichts fallen, sollten jedoch stets dienende Funktion zur Artikulation der eigenen ästhetischen Erfahrung haben. Umberto Ecos Konzept der Codierung der Realität durch Zeichen folgend könne man im zweiten Schritt der Annäherung an einen Film damit beginnen, kulturelle Codes und ihre filmische Darstellung zu untersuchen, um so ein tieferes Verständnis der Filme und ihrer Einbettung in das kulturelle Umfeld zu erlangen.

Zusammenfassung: Alejandro Bachmann