Stan Laurel und Oliver Hardy

Alles über meine Mutter


28.4.2010
In Almodovars "Screwball Drama" hagelt es Schicksalsschläge, Geburten, Krankheiten und Todesfälle, ohne dass der Regisseur die einfühlsam überdrehte Leichtigkeit seiner Handschrift aus dem Auge verliert.

"Alles über meine Mutter", 1999"Alles über meine Mutter", 1999 (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)

"Für Bette Davis, Gena Rowlands, Romy Schneider ...
Für alle Schauspielerinnen, die Schauspielerinnen gespielt haben.
Für alle Frauen, die (schau)spielen.
Für die Männer, die (schau)spielen und zu Frauen werden.
Für alle Menschen, die Mütter sein wollen.
Für meine Mutter."


Mit dieser Widmung endet "Alles über meine Mutter" (Todo sobre mi madre, 1999), Pedro Almodóvars bislang erfolgreichster Film, der dem spanischen Regisseur auch international zum Durchbruch verhalf. Die warmherzige Hymne an die Frauen und das Schauspiel wurde unter anderem in Cannes für die "Beste Regie" ausgezeichnet und erhielt 2000 den Oscar für den "Besten nicht englischsprachigen Film".

Den internationalen Erfolg bei Kritik und Publikum verdankt "Alles über meine Mutter" seiner eigenwilligen Mischung aus einem leicht zugänglichen Plot, schrillen Charakteren, großen Gefühlen und einer dem Melodram entlehnten ausgefeilten Ästhetik, die dicht am Kitsch vorbeischrammt. Anders als Almodóvars frühe Komödien wie zum Beispiel "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" (Mujeres al borde de un ataque de nervios, 1988) kommt "Alles über meine Mutter" dabei fast ohne satirische Überzeichnungen aus. Trotz einer völlig überdrehten Geschichte geht der Film direkt und ohne ironische Brüche ins Herz. Ein Film zum Weinen.

Almodóvar selbst hat den Film in Anlehnung an die Screwball Comedies der 40er Jahre als Screwball Drama bezeichnet. In einer rasanten Kausalkette führt ein tragisches Ereignis zum nächsten. Es hagelt Schicksalsschläge, Geburten, Krankheiten und Todesfälle. Manuela (Cecilia Roth), 38-jährige Krankenschwester in der Transplantationsabteilung des Krankenhauses, verliert ihren Sohn Esteban an seinem 17. Geburtstag. Mutter und Sohn sehen sich das Theaterstück Endstation Sehnsucht (A Streetcar Named Desire) mit der berühmten Huma Rojo (Marisa Paredes) in der Rolle der Blanche an. Esteban möchte ein Autogramm ergattern und wartet im Regen auf die Diva. Als sie im Taxi davonfährt, läuft er ihr nach und wird von einem Auto überfahren – eine Szene, die direkt aus John Cassavetes´ "Die erste Vorstellung" (Opening Night, 1977) entnommen ist.

Nach Estebans Tod flüchtet Manuela aus Madrid nach Barcelona und begibt sich auf die Suche nach seinem Vater. Die Trauer nimmt sie mit, als Leitmotiv zieht sie sich durch den ganzen Film und taucht immer wieder unvermittelt auf, wenn ein Bild, eine Frage oder ein Erlebnis an Esteban erinnern. Dann steht die Handlung ein paar Sekunden still, bis Hauptdarstellerin und Publikum sich wieder gefangen haben. "Alles über meine Mutter" ist ein Film, der Verlust und Schmerz ernst nimmt.

Zugleich ist es ein Film über das Weiterleben und die Fähigkeit, auch im größten Unglück immer aufs Neue tragfähige Beziehungen zu knüpfen. Manuela besitzt die Offenheit, sich völlig auf die jeweilige Situation und auf die Menschen in ihrer Umgebung einzulassen. In kürzester Zeit wird sie, die noch mit dem eigenen Kummer ringt, zum Mittelpunkt einer Gruppe von Außenseitern in einem Geflecht von Tragödien. Sie begegnet ihrer alten transsexuellen Freundin Agrado (Antonia San Juan), findet einen Job als Mädchen für alles bei der Diva Huma Rojo und deren drogenabhängiger Geliebten Nina (Candela Peña) und wird von der naiven Nonne Rosa (Penélope Cruz) zur Ersatzmutter erkoren. Rosa nämlich ist schwanger von Manuelas ehemaligem Ehemann, der Transsexuellen Lola (Toni Cantó). Weil Rosa zu Hause bei ihrer verspannten Mutter und dem senilen Vater kein Verständnis findet, schließt sie sich Manuela an. Wenig später stellt sich heraus, dass sich Rosa bei Lola zudem mit HIV infiziert hat. Mit viel Würde, Wärme und Tatkraft übernimmt Manuela bald Aufgaben, denen sie sich eigentlich nicht gewachsen fühlt, und als Rosa bei der Geburt des Kindes stirbt, adoptiert Manuela den kleinen Esteban.

Almodóvar orchestriert die rasant wechselnden Höhen und Tiefen der Erzählung nach dem Vorbild des klassischen Melodrams der 1950er Jahre. Das erste, was einem ins Auge springt, sind die Farben. Knallige, satte Farbtöne und viel Rot verorten die Handlung in den 1980er Jahren und beschwören zugleich Erinnerungen an das leuchtende Technicolor aus Douglas-Sirk-Filmen wie "Was der Himmel erlaubt" (All That Heaven Allows, 1955) oder "In den Wind geschrieben" (Written on the Wind, 1956) herauf. Farben, Symbole und vor allem die nie kitschige, aber äußerst gefühlvolle und präzise platzierte Musik von Alberto Iglesias ziehen die Zuschauer unmittelbar in einen Sog von Gefühlen. Das beginnt schon im Vorspann, wenn die Kamera liebevoll an den Transfusionsschläuchen eines Sterbenden entlangfährt, unterlegt von Iglesias´ tragisch-schönem Eröffnungsstück Soy Manuela. Noch weiß man nicht, wer überhaupt warum gestorben ist, und trauert doch schon. Wie es für Melodramen von Elia Kazan bis Rainer Werner Fassbinder typisch ist, geht das emotionale Auf und Ab auch bei Pedro Almodóvar vor allem von der ästhetischen Ebene aus.

Im Gegensatz zum Überschwang der Inszenierung und der Tragik der Ereignisse spielen die Schauspieler in "Alles über meine Mutter" außerordentlich beherrscht, fast unterkühlt. Die Zuschauer sind gefordert, von sich aus mitzuempfinden – eine Taktik, mit der schon die Regisseure des Neorealismus eine intensive Identifikation des Publikums bewirkten. Was man sich selbst erarbeiten musste und aus der eigenen Erfahrung heraus versteht, wirkt umso nachhaltiger. Ein Paradebeispiel für Almodóvars virtuoses Wechseln zwischen sich gegenseitig verstärkendem gelebtem und unterdrücktem Gefühl ist die Sequenz unmittelbar nach Estebans Tod. Am Anfang des Films sehen wir in einer kurzen Szene, wie Manuela in einer Theaterübung für angehende Ärzte eine Hinterbliebene mimt, die aufgefordert wird, über eine Organspende ihres Mannes zu entscheiden. Nun, nach dem Unfalltod ihres Sohnes, wiederholt sich die Szene, nur ist sie diesmal real. Manuela muss entscheiden, ob die Organe ihres Sohnes transplantiert werden dürfen. Almodóvar spielt das grausame Gespräch nicht bis zum Ende durch, hält sich mit Kamera und Musik bewusst zurück und überlässt es dem Publikum, sich in Manuelas verzweifelte Lage einzufühlen. Erst, als die Mechanik der Organspende einsetzt und anonyme Ärzte Estebans Herz in einer Kühltasche zum Flughafen bringen, setzt auch die Musik ein und macht diese nüchterne Prozedur zur berührendsten Szene des Films.

Immer wieder erinnert Almodóvar liebevoll an seine Vorbilder und zitiert sogar einzelne Filme und Theaterstücke. Den titelgebenden "Alles über Eva" (All about Eve, R: Joseph L. Mankiewicz, 1950) sehen sich Manuela und Esteban im Fernsehen an, John Cassavetes´ "Die erste Vorstellung" lieferte die Unfallstory, und das von Elia Kazan für Bühne und Kino inszenierte Theaterstück Endstation Sehnsucht taucht immer wieder auf. Dennoch ist "Alles über meine Mutter" weder Hommage an ein totgeglaubtes Genre noch eine nostalgisch gefärbte Reise in die Vergangenheit. Der Verweis auf andere Filme ist nie bloßer Selbstzweck oder postmodernes Pastiche. Almodóvar kennt die Regeln des Genres und nutzt sie für seine eigenen Zwecke. Gerade an den Brüchen und im direkten Vergleich werden die Unterschiede zum vermeintlich unpolitischen Melodram der 1950er Jahre deutlich. So beschränkt sich Almodóvar zwar ebenso wie Douglas Sirk oder Elia Kazan auf häusliche, vermeintlich frauenspezifische Themen – das uneheliche Kind, die geheim gehaltene Schwangerschaft und das Krankenhaus als Ort, an dem die persönlichen Dramen kulminieren –, die üblichen moralischen Konsequenzen aber verweigert er. Der gesellschaftliche Konsens, der in der Blütezeit des Melodrams das gesamte Personal des Films – Ehebrecherinnen, Lesben, allein erziehende Mütter, Transvestiten – zu einem grausamen Ende verdammt hätte, hat bei Almodóvar schon lange keine Macht mehr.

Im Gegenteil: Bei Almodóvar sind es die Frauen, die Schauspielerinnen und die Transvestiten, die die Gesellschaft nicht nur zusammenhalten, sondern regelrecht erfinden. Männer kommen in "Alles über meine Mutter" nur am Rande vor, als sexfixierter Bühnenarbeiter oder als seniler Vater. Im Gegensatz zu den flexibel mit Rollen und Geschlechtergrenzen agierenden Frauen und Transvestiten sind sie eindimensional und statisch, schlecht gerüstet, den komplexen Anforderungen einer modernen demokratischen Gesellschaft gerecht zu werden.

Die Melodramen der 1950er Jahre boten einer Generation von Frauen, die sich nach der Eigenverantwortung der Kriegsjahre auf einmal wieder in der Rolle des Heimchens am Herd wiederfanden, emotionale Erleichterung, ohne ihnen Alternativen zu eröffnen. Die gesellschaftliche Norm, das erzählten die Filme, war hart und ungerecht und verlangte die Verleugnung der Gefühle, aber sie setzte sich unvermeidlich durch. Das musste auch so sein, denn die Gesellschaft ließ sich nur durch die starre Einhaltung von Regeln und Rollenstereotypen zusammenhalten.

Almodóvar dreht diese Argumentation um. Wirklich tragfähige Netzwerke werden von den Menschen geschaffen, die ihre Rollen selbst wählen und auch verändern können. Wirkliche Begegnungen finden dort statt, wo nicht von vornherein alles reglementiert ist. Glück ist möglich.

Pedro Almodóvar wurde 1949 in der Kleinstadt Calzada de Calatrava in der Provinz Ciudad Real geboren. Im Alter von 16 Jahren zog er alleine nach Madrid, um Film zu studieren, und stieß auf unüberwindliche Hürden – das Studium war prinzipiell zu teuer, und die Filmschulen unter Francisco Franco waren geschlossen. Zwölf Jahre lang arbeitete Almodóvar in der nationalen spanischen Telefonfirma Telefónica. Nebenher begann er, Super-8-Filme zu drehen, und avancierte in wenigen Jahr zum Star von La Movida, der spanischen counterculture im Madrid der späten 1970er Jahre. Die Premiere seines ersten Langfilms "Pepi, Luci, Bom und andere Mädchen aus der Clique (Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón, 1980) fand kurze Zeit nach dem Ende des Franco-Regimes statt. Seither begleiten Almodóvars Filme die Entwicklung der spanischen Demokratie.

Gegenwärtig ist Pedro Almodóvar national und international der erfolgreichste spanische Regisseur. Während die internationale Kritik ihn wegen seines unverwechselbaren Stils und Eigensinns als Nachfolger der großen Autorenfilmer wie Jean-Luc Godard, Rainer Werner Fassbinder oder Federico Fellini feiert, brechen seine Filme regelmäßig spanische Besucherrekorde. Die 1987 von Pedro Almodóvar und seinem Bruder Agustín gegründete Produktionsfirma El Deseo war über Jahre die erfolgreichste Spaniens und produzierte allein drei der fünf erfolgreichsten spanischen Filme aller Zeiten. Auch künstlerisch war El Deseo wegweisend für die spanische Filmindustrie. Das Familienunternehmen erlaubte Almodóvar größtmögliche künstlerische Freiheit und wurde zur Talentschmiede für mehrere Generationen von Schauspielern und vor allem Schauspielerinnen: Carmen Maura, Cecilia Roth, Antonio Banderas, Marisa Paredes, Julieta Serrano, Rossy de Palma, Victoria Abril, Penélope Cruz und viele andere begannen ihre Karriere in den Filmen Pedro Almodóvars.



 

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