Dossierbild zum Spezial Kino in Europa
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Das italienische Gegenwartskino

Ein Spagat zwischen Kunst und Kommerz


3.4.2009
Von 1950 bis 1980 brummte der Motor der italienischen Filmindustrie. Federico Fellini und Co. feierten ihre Welterfolge in Serie. Mit dem Siegeszug des Privatfernsehens begann schließlich das Kinosterben. Und von dieser Krise hat sich "Cinecittà" bis heute nicht erholt.

Die italienische Schauspielerin Claudia Cardinale spielt mit einem Revolver  in einer Szene von "Once Upon a Time in the West" (Regie: Sergio Leone, 1968).Die italienische Schauspielerin Claudia Cardinale in einer Szene von "Once Upon a Time in the West" (Regie: Sergio Leone, 1968). (© AP)

Als Italien und sein Kino die sozialen und politischen Umwälzungen erlebten, die sich 1968 überall in Europa ereigneten erreichte die Filmproduktion ein Maß künstlerischer Qualität, internationaler Beliebtheit und wirtschaftlichen Erfolgs wie in keinem anderen Land – ein Maß, das sie später nie mehr erreichen sollte. Ein Einschnitt der vielleicht am geeignetsten ist, die Grenze zwischen dem modernen italienischen Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit und dem italienischen Gegenwartskino zu markieren.

Italiens berühmteste Autorenfilmer – Federico Fellini, Michelangelo Antonioni, Luchino Visconti, und Vittorio De Sica, die ihre Filmkarrieren alle noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen hatten und in der Ära des Neorealismus herangereift waren – reagierten mit brillanten Filmen auf das neue politische Klima in Italien.

Fellinis "Satyricon" (1969) forderte neue Sichtweisen auf die zeitgenössische Jugendkultur ein, indem er einen persönlichen Blick auf die römischen Klassiker warf, während Antonionis "Zabriskie Point" (1969) jungen Amerikanern auf der Spur war, die versuchten, eine politische Revolution zu starten. Viscontis "Die Verdammten" (1969) blickte noch einmal grimmig auf Nazideutschland, und De Sicas "Der Garten der Finzi-Contini" (1970) erntete mit einer Untersuchung der Rolle Italiens während des Holocaust internationalen Beifall. Fellinis "Amarcord" (1973), eine bittersüße Analyse des italienischen Faschismus, war der wohl aufrüttelndste politische Film dieser Gruppe von Regisseuren, denn er unterstrich die Überzeugung, dass der Faschismus eine Form der Unreife war, welche die italienische Gesellschaft noch immer prägte.

Vom Post-Neorealismus zum kommerziellen Kino



Während diese vier berühmten Autorenfilmer das italienische Kino noch bis zu ihrem Tod dominierten, brachte die Mitte der sechziger Jahre zwei wichtige Entwicklungen mit sich. Zum einen gab es eine neue Welle junger post-neorealistischer Autorenfilmer mit ausdrücklich politischen und ideologischen Anliegen. Zum andern wurden Filmgenres erfolgreich kommerzialisiert, die man bislang nur mit Hollywood in Zusammenhang gebracht hatte, etwa der Spaghetti Western, der giallo oder Thriller, der poliziesco beziehungsweise Krimi, und der Horrorfilm – auch Spaghetti-Alptraum-Film genannt –, zu dem nicht nur herkömmliche Gruselgeschichten zählten, sondern auch Filme über Zombies und Kannibalen.

Schwarz-Weiß-Foto: Regisseur Bernardo Bertoclucci mit Hauptdarsteller Marlon Brando und Schauspielerin Maria Schneider (v. l. n. r.) bei Außenaufnahmen zu "Der letzte Tango in Paris". Um den Film gab es eine öffentliche Debatte über angeblich pornographische Szenen.Regisseur Bernardo Bertoclucci mit Hauptdarsteller Marlon Brando und Schauspielerin Maria Schneider (v. l. n. r.) bei Außenaufnahmen zu "Der letzte Tango in Paris". (© AP)
Zu den neuen Gesichter der zweiten Welle von Autorenfilmern gehörten Pier Paolo Pasolini, Gillo Pontecorvo, Elio Petri, Bernardo Bertolucci, Marco Bellocchio, Francesco Rosi, Ermanno Olmi, Paolo und Vittorio Taviani, Liliana Cavani und Lina Wertmüller. Während viele dieser jungen Regisseure Roberto Rosselinis Variante des Neorealismus folgten, waren sie auch von Bertolt Brechts Ästhetik, der Programmatik Jean-Luc Godards und der Nouvelle Vague beeinflusst. Viele von ihnen (aber nicht alle) interessierten sich weitaus mehr für ein politisch engagiertes Kino als ihre neorealistischen Vorgänger. Selbst der am wenigsten ideologisch gesinnte Regisseur und fromme Katholik Ermanno Olmi filmte "Der Holzschuhbaum" (1978), eine vernichtende Darstellung des bäuerlichen Lebens im neunzehnten Jahrhundert, die sich deutlich an Viscontis Nachbildung der langsamen Rhythmen des Lebens zu vorindustriellen Zeiten in "Die Erde bebt" (1948), anlehnte.

Gillo Pontecorvos "Schlacht um Algier" (1966) – mit deutlichen Reminiszenzen an Rossellinis Stil in "Paisa" (1946) – war ein so eindrucksvolles Porträt des algerischen Widerstands gegen die französischen Kolonialherren, dass der Film in Frankreich jahrelang verboten war. Der neorealistische Einfluss auf Pasolini ist in seiner wunderbaren politischen Satire auf den Klassenkampf "Große Vögel, kleine Vögel" (1965) deutlich zu spüren. Einige von Pasolinis Filmen, die klassische oder aus der Renaissance stammende literarische Texte als Vorlage benutzen – "Medea" (1968) und "Decameron" (1972) – setzten dagegen seine exzentrischen Theorien zum Subproletariat in Italien und in der Dritten Welt in Szene. Elio Petris "Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger" (1969) gewann nicht nur einen Oscar für den besten ausländischen Film, sondern half auch eine Reihe politischer Filme auf den Weg zu bringen, die unter dem Namen cinema d'impegno politico (politisch engagiertes Kino) bekannt wurde und einigen Regisseuren Kassenerfolge bescherte.

Es war einmal in Italien



Auf Bernardo Bertoluccis "Der große Irrtum" (1970), das psychologische Porträt eines Mannes, der zum Faschisten wird, und vielleicht das brillanteste Werk der Epoche, folgte "Der letzte Tango in Paris" (1974), ein berühmt-berüchtigtes Manifest für sexuelle Freiheit, sowie ein aus marxistischer Perspektive erzähltes politisches Epos über ein Jahrhundert politischen Kampf in Italien, "1900", (1976). "Die Nacht von San Lorenzo" (1982) von den Taviani-Brüdern war eine schöne Hommage an Rossellinis "Paisa" (1946) und erzählte märchenhaft und zugleich an Brecht erinnernd von der Begegnung italienischer und amerikanischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Selbst italienische Zeichentrickproduktionen wie der international erfolgreiche Film "Sieben Schönheiten" (1976) der feministischen Regisseurin Lina Wertmüller trugen Wichtiges zur politischen Debatte bei – in diesem Fall einen komischen, aber aufrüttelnden Kommentar zu Italiens Rolle als Verbündeter der Nazis und im Holocaust.

Diese zweite Generation von Autorenfilmern führte die lange Tradition des italienischen Kunstkinos bis in die 1980er und 1990er Jahre fort, aber es waren Genrefilme, die den Motor der Filmwirtschaft in Gang hielten und für einen Großteil der Einnahmen sorgten. Der Kult um den Spaghetti Western, der noch vor 1968 mit dem Erfolg von Sergio Leones "Dollar"-Filmen mit Clint Eastwood einsetzte (z.B. "Für eine Handvoll Dollar", 1964), hielt ein ganzes Jahrzehnt bis in die Siebziger an und führte zu fast 500 Filmen, um schließlich in dem Meisterwerk "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968) zu gipfeln, einem Epos mit hintergründiger politischer Botschaft über die Zähmung des amerikanischen Westens. Ungefähr zur selben Zeit sicherte sich der italienische Thriller beziehungsweise giallo (der Name des Genres leitet sich von den gelben Buchcovern ab, die der italienische Mondadori-Verlag für seine Kriminalromane benutzte) hohe Zuschauerzahlen mit Filmen von Mario Bava, Dario Argento, und Lucio Fulci. In diesen Filmen geht es meistens um einen psychisch zerrütteten Killer, der seine weiblichen Opfer mit einer scharfen Klinge meuchelt. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Krimi, in dem die Polizei die Ermittlungen übernimmt, ist es im giallo zumeist ein Zivilist und kein professioneller Detektiv, der den Fall löst – ähnlich wie bei Hitchcock.

Stehenbleiben, Polizei!



Das ebenfalls in den 1970er und 1980er Jahren beliebte poliziesco-Genre wurde durch Regisseure wie Fernando di Leo, Massimo Dallamano, Stelvio Massi, Sergio Martino, Umberto Lenzi, und Enzo G. Castellari international zu einem Kassenerfolg. Die Filme wurden während der Hochzeit des italienischen Terrorismus gedreht, als eine ungeheuere Verbrechenswelle Fälle von Straßenkriminalität mit sich brachte, wie sie die Italiener lange nur mit Amerika und nicht mit Italien in Verbindung gebracht hatten. Der poliziesco machte Schauspieler wie Fabio Testi, Maurizio Merli, Luc Merenda, Franco Nero und Tomas Milian zu gefeierten Stars. Sowohl für Nero als auch für Milian hatte der Aufstieg zum Ruhm mit Western begonnen, und es ist nur ein kleiner Schritt vom Wilden Westen mit Colts und Pferden zu Filmen mit Titeln wie "Gang War in Milan" (1973), "Die Viper" (1976), und "Camorra – Ein Bulle räumt auf" (1976) gewesen.

Die italienischen Krimis lehnten sich stark an amerikanische Vorbilder wie "Dirty Harry" (1971), "Magnum Force" (1973), und "Death Wish" (1974) an und waren wie das italienische Politkino von einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen Italiens geprägt. Polizisten verwandelten sich oft in selbsternannte Ordnungshüter und übten Selbstjustiz (ähnlich wie im italienischen Western). Die poliziesco-Welle hielt nur ungefähr ein Jahrzehnt an, doch zu dieser Zeit wurde das staatliche Fernsehmonopol aufgehoben, und hunderte Privatsender entstanden, die zur Zerstörung des weit verzweigten Kinonetzes beitrugen und die Filmindustrie in eine schwere wirtschaftliche Krise stürzten, von der sie sich nie mehr erholte. Italienische Horrorfilme – von Edgar Allan Poe inspirierte Schauergeschichten ebenso wie blutrünstige Filme über Kannibalen und Zombies – hatten eine wachsende Fangemeinde und beeinflussten sogar amerikanische Regisseure wie John Landis, Wes Craven und Quentin Tarantino, von denen letzterer sich in seinen postmodernen Werken auch vom Spaghetti Western und dem poliziesco-Krimi anregen ließ.



 

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