Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

Die Umwelt- und Anti- Atomkraftbewegung


25.2.2010
In der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre erwacht eine weitere starke Protestbewegung, die weit über die Grenzen des traditionellen linken Milieus hinauswächst: Die unerwartete Mobilisierungskraft der ökologischen Protestbewegung.

Oktober 1976: Proteste von gegen den Bau eines Atomkraftwerks im schleswig-holsteinischen Brokdorf.Oktober 1976: Proteste von gegen den Bau eines Atomkraftwerks im schleswig-holsteinischen Brokdorf. (© AP)

Ungeachtet der schon zu Beginn des Jahrzehnts prophezeiten "Grenzen des Wachstums" hielt die sozialliberale Regierung zur Überwindung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten an scheinbar profitablen und wachstumsfördernden Industrialisierungsplänen fest. Dabei wurden jetzt schon Jahr für Jahr in der Bundesrepublik aus Schornsteinen und Auspuffrohren 2,5 Millionen Tonnen Staub, ebenso viele Stickoxide, 3 Millionen Tonnen Kohlenwasserstoffe, 5 Millionen Tonnen Schwefeloxid und 7 Millionen Tonnen Kohlenmonoxid in die Luft geblasen. Doch Warnungen von Wissenschaftlern, diese Belastung werde zu nachhaltigen Veränderungen der Umwelt und Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung führen, wurden ignoriert. Vor allem als Ausgleich für das seit der "Ölkrise" 1973 teuer gewordene und von den arabischen Staaten als politische Waffe instrumentalisierte Erdöl setzte die Regierung Helmut Schmidt auf den Bau von Atomkraftwerken. "In einer beispiellosen konzertierten Aktion schlossen sich Regierung, parlamentarische Opposition, Gewerkschaften und Industrie zur Durchsetzung ihres Atomenergie-Programms zusammen, um die sich ab 1976 verstärkenden Proteste gegen den Bau von Kernkraftwerken abzuwehren. Die unerwartete Mobilisierungskraft der ökologischen Protestbewegung resultierte zu einem wesentlichen Teil aus dem äußerst repressiven und gleichzeitig mit der Terroristenverfolgung verknüpften kriminalisierenden Umgang mit Massendemonstrationen und -protesten in Wyhl (1975), Brokdorf (1976/77), Kalkar (1977), Gorleben (1978/79) und Bonn (1979)." (Geiling 1996, S. 176f.)

Die Aktivistinnen und Aktivisten der Ökologie- und Alternativbewegung waren nicht alle "jung", doch sie genossen bei einem erstaunlich hohen Anteil der Jugend große Sympathien. Sogar die Konrad-Adenauer-Stiftung stellte 1979/80 unter "jungen Mitbürgern" ein "Protestpotenzial" von rund 15 Prozent fest, also 1,3 Millionen 14-bis 21-Jährige, die "das gesamte "System" der Bundesrepublik mehr oder weniger ablehnen". Die Shell-Studie "Jugend "8" beziffert das Umfeld der Alternativkultur auf zehn Prozent der Jugendlichen. Selbst an konfessionellen Gymnasien traten plötzlich "Freaks" in Erscheinung: langhaarige Jugendliche, die Rock- oder Folkmusik liebten und häufig auch selbst machten, in ihrer Freizeit in einer Aktions-, Straßentheater-, Jugendzentrums- oder sonstigen Initiativgruppe mitwirkten und die Schülerzeitung mit Seyfried-Karikaturen und Beiträgen über Sexualität, Drogen, Umwelt oder Pazifismus füllten. Eine 1978 an bundesdeutschen Hochschulen durchgeführte Umfrage führt zu dem Ergebnis, dass jede/r zweite der befragten Studentinnen und Studenten im privaten Bereich "versucht, alternative Lebensformen für sich zu verwirklichen, z.B. in Wohngemeinschaften" (Bacia/Scherer 1981, S. 19).

Der desillusionierende Niedergang der "K-Gruppen", aber auch die Praxis der an die Regierung gekommenen reformorientierten Arbeiterbewegung (SPD, DGB), hatten große Teile der Linken dazu bewogen, ihren "Abschied vom Proletariat" als Motor gesellschaftlicher Umwälzungen zu nehmen. An dessen Stelle rückte als neuer Hoffnungsträger die Jugendkultur. "Augenscheinlich verfügen Gruppen und Ideen der undogmatischen Neuen Linken über erheblichen Einfluss in der aktuellen Jugendbewegung oder haben sich unmittelbar mit dieser verbunden." (a.a.O., S. 41)

Die Jugend allerdings, die Mehrheit der 14- bis 25-Jährigen, hörte Disco, Glamrock oder Heavy Metal, ging zum Fußball oder in die Discokeller und Teestuben der Kirchen. Schlaghosen, Plateauschuhe, Blümchen-T-Shirts und Abba kommen in Mode – eine einzigartige "Ära des schlechten Geschmacks" (Petra 7/1999, S. 76), die 25 Jahre später dennoch (oder gerade deshalb) ein Revival erleben wird.



Literatur

Bacia, Jürgen/Scherer, Klaus-Jürgen: Passt bloß auf! Was will die neue Jugendbewegung? Berlin 1981.

Geiling, Heiko: Das andere Hannover. Jugendkultur zwischen Rebellion und Integration in der Großstadt. Hannover 1996.

Petra 7/1999



 
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