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kulturelle Bildung
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Kolonialgeschichte in Noten

Wie das Berliner Band-Kollektiv "1884" musikalisch zur historischen Bildung beiträgt

11.9.2012

Auf theoretischen Input folgte musikalischer Output



Musiker des Kollektivs 1884 (© Daniela Incoronato)
Für viele Musiker/-innen war die Kombination von politischer Bildung und kreativem Schaffensprozess neu – und zudem eine emotionale Herausforderung. "Die Vorträge und Workshops waren sehr informativ. Zum Teil aber auch sehr schmerzhaft", sagt Jonas Bibi Hammond, beteiligter Musiker und Produzent der CD. In diesem Sinne hatte die Form der Wissensvermittlung beim Projekt fast therapeutische Züge. "Plötzlich wurde nicht nur intellektuell sondern auch emotional klar, dass das Projekt Kolonialismus eine konzertierte Aktion war, die sich als kollektives Trauma über den gesamten Kontinent gelegt hat", so Ebéné. "Das hat schwierige Momente erzeugt. Aber auch ein starkes Bedürfnis, sofort in irgendeine Form der Aktion zu gehen." Die Theoriebeiträge lieferten vormittags den Impuls für die Musiker, am Nachmittag gingen sie gemeinsam in den Club der Werkstatt der Kulturen um zu jammen. "Wir haben uns die Dinge von der Seele gespielt", sagt Hammond.

So entstanden die Songs für das Album, das nach zwei Wochen intensiver Proben an zwei Wochenenden im professionellen Tonstudio eingespielt wurde. Entstanden sind 13 Titel, ein Booklet mit Liedtexten in den afrikanischen Sprachen Fanti, Malinké, Pidgin, Swaheli, Lingala, Wolof, Zulu sowie in Arabisch, Englisch, Französisch und Spanisch jeweils mit deutschen Übersetzungen, sowie eine Zeittafel, die Stationen des antikolonialen Widerstandes skizziert. Musikalisch bedient sich das Album afrikanischer und afro-diasporischer Genres wie Afro-Beat, Highlife, R&B, M'Balax, Souk, Jazz, Hip Hop und Salsa. Die Songs auf "1884" erzählen von den großen und kleinen, den politischen und den privaten Auswirkungen, die die Teilung des Kontinents heute noch für Millionen von Menschen in Afrika hat. Sie erinnern an diejenigen, die für die Freiheit afrikanischer Nationen eingetreten sind, korrigieren westliche Perspektiven auf Afrika und kommentieren die Grenzpolitik der EU. Gleichzeitig zitiert "1884" den Sound international bekannter afrikanischer und afro-diasporischer Musiker der 70er- und 80er-Jahre wie Fela Kuti und Bob Marley, die sich mit Fragen von (Post)Kolonialismus, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung auseinandersetzten, sowie den Sound der südafrikanischen Anti-Apartheid Bewegung.

Kein Geld für Kolonialgeschichte



Mit einer relativ kleinen Erst-Auflage von 3.000 Stück wurde das Album auf CD gepresst, zunächst um mit dem Projekt vorstellig zu werden. Und aus Mangel an einer größeren Projektförderung. Die Finanzierung des Projekts gestaltete sich als sehr schwierig. "Ein trauriges Kapitel", sagt Ebéné. Die Fördergelder der Stiftung Erinnerung Verantwortung, Zukunft (EVZ) deckten nur knapp ein Viertel der Ausgaben. Ein weiterer Zuschuss kam von der Senatskanzlei von Berlin für kulturelle Angelegenheiten. "Den Rest haben wir zusammengekratzt". Ebéné führt die großen Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Projekts auf das fehlende Interesse für das Thema zurück. "Die Widerstände sind sehr groß", sagt sie. "Das sieht man in Berlin auch an dem noch immer sehr großzügigen Umgang mit Straßennamen, die nach Kolonialverbrechern benannt sind.
Musiker des Kollektivs 1884 (© Daniela Incoronato)
Offensichtlich wird die Ermordung oder Enteignung von Afrikanern und Menschen afrikanischer Herkunft nicht als tragisch genug angesehen, um entsprechende Zeichen zu setzen." Auch bei den sechs Konzerten, die die Band bisher u. a. beim BIGSAS Literaturfestival in Bayreuth und in der Berliner Konzert-Location Huxleys Neue Welt gespielt hat, fielen die Publikumsreaktionen unterschiedlich aus. "Zum einen ist da die Begeisterung für die Musikalität, die mit den verschiedenen Einflüssen aus Ost-, Nord-, West-, Süd- und Zentralafrika sehr panafrikanisch ist", sagt Produzent Jonas Bibi Hammond. "Andererseits reagieren die Leute aber auch irritiert. Weil die Songs entgegen der europäischen Klischees vom harmlosen, lustigen Afrikaner sehr politisch sind. Diese offensive Klarheit im Ausdruck ist vielen neu."

Trotzdem entfaltet sich die eigentliche Kraft des Projekts vor allem auf der Bühne. In der Verbindung von akademischer Expertise und musikalischem Ausdruck sieht Philippa Ebéné zumindest eine Möglichkeit, die Bereitschaft zu wecken, endlich über Kolonialismus sprechen zu können. "Musik erreicht mehr als den Intellekt, kann Botschaften transportieren, die tiefer gehen als rein diskursive Methoden. Das ist auch für die Vermittlungsarbeit in den deutschen Bildungsinstitutionen nützlich."

Auf Tour durch die Gegenwart



Für die Zukunft ist geplant, dass das Gesamtprojekt "1884" mit der mindestens 10-köpfigen Band durch Deutschland tourt. Dabei sollen die Referenten einem interessierten Publikum im Vorfeld der Konzerte die wissenschaftlichen Hintergründe des Projekts vorstellen.

Musiker des Kollektivs 1884 (© Daniela Incoronato)
Zudem ist eine Tour durch Universitätsstädte in Planung und neue Songs entstehen. Auch eine Tour durch afrikanische Länder ist denkbar. Immer wieder stoßen auch neue Musiker/-innen dazu – "1884" versteht sich als offenes Kollektiv und Plattform für Musiker/-innen, die sich zum Thema Kolonialismus äußern möchten. Das Projekt spricht vielfältige Zielgruppen und Bildungsniveaus an und kann somit als Bildungspaket in unterschiedlichsten Institutionen zum Einsatz kommen. An der Universität Freiburg wurde "1884" im Rahmen eines Seminars bereits vorstellt, weitere Veröffentlichungen sind in Planung. Nicht zuletzt soll das alternative Lernprojekt, bei dem Musiker/-innen auf Basis eines theoretischen Inputs von ihren Erfahrungen berichten, einen weniger akademisch geprägten Rahmen schaffen, um für das Thema Kolonialismus zu sensibilisieren. Und das jenseits der Darstellung von Menschen afrikanischer Herkunft lediglich als Opfer. "Es geht nicht darum, irgendwie über Kolonialismus zu sprechen, sondern auch um die Perspektive", sagt Philippa Ebéné. Gerade in der Bereitstellung dieser Perspektive in Verbindung mit dem interdisziplinären Konzept einer theoretischen wie ästhetischen Reflexion besteht die eigentliche Vermittlungsleistung und der bildungspolitische Mehrwert dieses Projekts.

Mehr Informationen auf www.werkstatt-der-kulturen.de und im 1884-Blog unter www.1884afrikakonferenz.wordpress.com.

Das Video stellt das Projekt 1884, seinen Kontext und seine Entstehung dar und beschreibt aktuelle Herausforderungen für das Projektteam. (© Werkstatt der Kulturen 2011) (© 2011 Werkstatt der Kulturen Berlin)




 
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