kulturelle Bildung
1 | 2 Pfeil rechts

HÖRPOL – Erinnerungen für die Zukunft

Ein Audioprojekt (nicht nur) für Jugendliche über Jüdische Geschichte, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit


11.9.2012
"Du bestimmst, wo's langgeht" ist das Motto von HÖRPOL, einer Audioführung durch Berlin-Mitte für Jugendliche: An 27 Orten werden Geschichten über Geschichte erzählt, Geheimnisse werden verraten, es wird über Wahnsinn, Lügen, Hass, Verzweiflung und Hoffnung berichtet, über Mut und Respekt, über Freiheit und Liebe. Zeitzeugen erzählen aus ihrem Leben, Schauspieler, Moderatoren, Schülerinnen und Schüler sprechen Texte, Bands aus Berlin liefern ihre Musik.

Schüler aus dem Beethoven-Gymnasium Berlin-Steglitz auf HÖRPOL-TourSchüler aus dem Beethoven-Gymnasium Berlin-Steglitz auf HÖRPOL-Tour (© Hans Ferenz)

Irgendwo im Berliner Norden, in einer elften Schulklasse: Gemeinsam mit einem Medienexperten sollte ein "Radiobeitrag" produziert werden. Die pubertierende Klassenredaktion mit National- bis Migrationshintergrund umkreiste das Thema Mobbing, konzentrierte sich auf Ausgrenzungskriterien, rutschte auf die Religionsebene, fand Streitereien zwischen Glaubensgruppen laut Protokoll "behindert", einigte sich nach krachender Diskussion auf einen Radiobeitrag über "Antisemitismus-und-so" und beschloss für das nächste Arbeitstreffen einen Rechercheausflug quer durch Berlin in die "Villa am Wannsee", dem Ort der "Endlösung". Extremes lockte.

Dort wurde es dann ruhig. Meist schweigend und in kleinen Gruppen schoben sich die Jugendlichen gegenseitig an Informationstafeln mit historisch-angegilbten Fotos vorbei. Zahlen wurden getuschelt, Millionenzahlen. Ein Foto zeigte eine lange Galgenkonstruktion, mitten auf einer Straße, an der nebeneinander vier der Millionen hingen, mit Sternen an den Mänteln. Eine Gruppe Jungs diskutierte – wie wohl der Mechanismus eines Galgens funktioniert, an dem man "vier" gleichzeitig aufhängen kann. Keine Empathie. Kein Kontakt.

Wenn aber Wissen um Ereignisse, Faktenlisten und Millionenzahlen wenig "Eindruck" hinterlassen, wenn die durch den Holocaust geschlagenen "Leerstellen" im gesellschaftlichen und kulturellen Leben nicht nachfühlbar sind, wenn das einst brutal Entfernte im Alltag nicht vermisst wird, wenn also Geschichte als abgeschlossener Vorgang gilt, was dann?

Die Audioführung HÖRPOL ist der Versuch eines Seitenwechsels: Nicht aus der Geschichte heraus, nicht ausgehend von Jahreszahlen, Fakten und Ereignisabläufen wurden Lernschritte festgelegt, inhaltlich aufbereitet und präsentiert. Im Mittelpunkt der Entwicklung von HÖRPOL standen vielmehr die angestrebten Nutzerinnen und Nutzer: Jugendliche von 14 bis 21 Jahren, mit ihren Alltagsabläufen, ihren Interessen und Motivationen, ihrem zunehmenden Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbsterfahrung, ihrem eher konsumtiven und eventgeprägten Freizeit- und Mediennutzungsverhalten.

Die selbstbestimmte Nutzung



Entsprechend ist der Zugang zur Audioführung jederzeit über "hörpol.de" möglich, kostenlos. HÖRPOL wird in Deutsch und Englisch angeboten und besteht aus jeweils 27 Audiodateien, die auf MP3-Player oder Handys geladen werden können. Ein Stadtplan, auf dem die dazugehörigen Orte markiert sind, liegt zum Ausdruck bereit.

"Es gibt keinen vorgeschriebenen Weg: Du fängst an, wo du willst. Du entscheidest, wo du langgehst. Du hörst auf, wenn du genug hast", heißt es auf der Homepage. Es gilt das hintergründige Motto: "Du bestimmst, wo's langgeht!"
Du bestimmst, wo's langgeht!Du bestimmst, wo's langgeht!

Die Namen der Hörstationen wecken gezielt Assoziationen zum Alltagsleben der Jugendlichen und heißen MUT, KUSS, TOOOR!, PARTY, AMERIKA, ÄÄH??, FROMMS etc.

Während die Jugendlichen sich assoziativ von Station zu Station treiben lassen können, durchlaufen sie ein Stadtgebiet in Berlin-Mitte, in dem sie sich in dieser Lebensphase ohnehin gerne aufhalten, egal, ob sie aus Berlin kommen oder Berlin besuchen: vorbei an Cafés, Musikclubs und Modeläden. Für zehn Hörstationen werden ungefähr zwei Stunden Zeit benötigt, eine Pause auf der Liegewiese oder ein Stöbern im Jeansladen inklusive: Alltag und Geschichte verbinden sich, Bezüge werden deutlich.

"HÖRPOL ist ein sinnliches Erlebnis, bei dem Gehörtes und Geschautes, Geschichte und Gegenwart einander so nahe kommen wie selten." (Bündnis für Demokratie und Toleranz)



 
Eine Lupe.Dossier

Geschichte begreifen

Mehr als sechzig Jahre nach den Verbrechen des Nationalsozialismus finden wir immer weniger Zeitzeugen, die darüber berichten können. Jugendliche können die Geschichte dennoch auf lebendige Weise erforschen. Das Dossier stellt projektorientierte Methoden sowie Erfahrungen aus der Praxis vor - von der Spurensuche über Archivarbeit bis hin zu Simulationsspielen und "WebQuests". Weiter... 

Publikation zum Thema

TuM_theater_probieren_80.jpg

Theater probieren. Politik entdecken

Wieviel Solidarität braucht unsere Gesellschaft? Spielen Politiker Theater? Wie schnell wollen wir leben? Dieser Band bietet Denkanstöße zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen rund um die Themen Theater und Politik und bereitet diese praxisorientiert für die schulische und außerschulische Bildung auf. Die Jugendlichen erleben Theater, indem sie aktiv zuschauen, kritisch reflektieren und selbst agieren. Dabei entdecken sie Politik aus einer ungewohnten Perspektive. Weiter...

Zum Shop