kulturelle Bildung

Paul Collard: Fähigkeiten statt Wissenstransfer

29.3.2006
Wissen war Macht – für die Jobs von heute und morgen reicht Wissen alleine nicht mehr aus, meint Paul Collard. Immer wichtiger werde die emotionale Intelligenz.

Wissen war Macht – für die Jobs von heute und morgen reicht Wissen alleine nicht mehr aus, meint Paul Collard. Immer wichtiger werde die emotionale Intelligenz. (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung)

  • Englische Textversion

    Das wichtigste Ziel kreativer Partnerschaften ist herauszufinden, wie wir die Kreativität zurück ins Herz des Erziehungssysstems bringen können. Die damit zusammenhängenden Streitfragen drehen sich darum, was es ist, das wir in unseren Schulen vermitteln sollten. In England konzentriert man sich im Moment darauf, eine triste Reihe von Fächern zu unterrichten: Englisch, Geschichte, Geografie, Kunst, Musik, Naturwissenschaft, Mathematik usw. Wenn man das historisch betrachtet, unterrichten wir tatsächlich die gleiche Gruppe von Fächern, die wir schon seit 250 Jahren unterrichten. Und da wir jetzt schon wissen, dass die meisten Jobs, in denen die jungen Leute arbeiten werden, die jetzt noch in der Schule sind, noch nicht einmal erfunden sind, aber trotzdem ein Erziehungssystem haben, das davon ausgeht, Wissen zu vermittlen, dass diese Leute befähigt, diese Jobs auszuüben, also kurz gesagt: Wenn wir nicht wissen, was genau sie arbeiten werden, was können wir ihnen dann beibringen? Ich denke, dass wir eine grundsätzliche Neubewertung dessen vornehmen sollten, was wir ihnen beibringen.

    Das wichtigste ist, dass sich unser Konzept weg von der Vorstellung des Wissenstransfers hin zur Entwicklung von Fähigkeiten bewegt. Anstelle zu sagen, dass die Aufgabe der Schule ist, dass man sie besucht, um eine Reihe von Inhalten zu lernen, soll sie eine ganze Reihe von Fähigkeiten vermitteln. Alle Fächer sind gut dafür geeignet, diese Fähigkeiten zu entwickeln, wenn man sie richtig einsetzt. Aber die Art, wie wir diese Fächer einsetzen, ist viel zu sehr prüfungsorientiert: Der Lehrer kommt in die Klasse, schreibt Informationen an die Tafel, man schreibt sie in sein Heft, lernt sie, geht zur Prüfung und besteht, aber man ist nicht qualifiziert einen Job richtig zu machen, weil man immer jemanden braucht, der einem sagt, was man tun soll. So sieht die zukünftige Wirtschaft und die Welt, in der wir leben werden, aber sicher nicht aus. Deswegen haben wir uns jetzt darauf konzentriert zu fragen: Was sind die Fähigkeiten, die Kinder in der Schule entwickeln sollten und durch welche Lernprozesse können wir sie bei ihnen entwicklen?

    Wenn man mit Menschen redet, die kreativ sind und kreative Leben führen, hört man oft: "Zu lernen, gute Fragen zu stellen, ist eine Schlüsselkompetenz." Es gibt einen zweiten Bereich, und zwar die sozialen Fähigkeiten oder besser die Entwicklung der sozialen Fähigkeiten. Wir benutzen dafür auch den Begriff "Entwicklung emotionaler Intelligenz". Arbeiten dreht sich nicht einfach darum, zu tun, was einem gesagt wird oder anderen zu sagen, was sie tun sollen. Es gibt eine ganze Reihe emotionaler und sozialer Prozesse bei der Arbeit und solange man sich ihrer nicht gewahr wird, kann man auch niemanden erreichen. Wir wissen, dass viele der erfolgreichen Menschen auf der Welt eine sehr hoch entwickelte emotionale Intelligenz haben. In der Schule wird dieser Bereich ganz klar vernachlässigt: Die Entwicklung sozialer Fähigkeiten.

    Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass alle Fächer auf unsere Weise unterrichtet werden können, es ist also kein Fachproblem, es ist ein Methodenproblem. Die meisten Lehrer würden lieber auf unsere Weise unterrichten als auf die sehr verordnende Weise, die ihnen in den vergangenen 20 Jahren in England angetragen wurde. Daher wollen viele Lehrer, dass wir zu ihnen kommen und ihnen helfen, weil es das Unterrichten viel freudiger und angenehmer macht. Sie haben Kinder, die sich besser benehmen, die besser motiviert sind und letztlich bekommen sie auch bessere Ergebnisse.

    Redaktion: Stefan Lampe, Matthias Jung
    Kamera: Eileen Kühne
    Schnitt: Oliver Plata
    Das Interview entstand auf dem europäischen Kongress "Lernen aus der Praxis" vom 22.-24. September 2005.



     
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    „La Sarraz“ – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus „Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984 (Szene, Ablaufplan, Regie: L. Dammbeck; Tanz: Fine; Filme: Teile von „Hommage à La Sarraz“, eine Collage alter deutscher Heimfilme, 16mm Fassung der Videoaufzeichnung der Herakles-Proben; Kamera: Thomas Plenert; Regie/Schnitt: L. Dammbeck; Diamaterial: L. Dammbeck; Musik: Life Jazz Lothar Fiedler, Hansi Noack, Gottfried Rößler, Thomas Hertel; Aufbau/Kaschur/Malaktion: Olaf Wegewitz, Hans Hendrik Grimmling, L. Dammbeck; Projektion: Dietrich Oltmanns, Norbert Wagenbrett), Foto: Karin Plessing
1982 hatte Lutz Dammbeck mit der Arbeit am Herkakles-Konzept als Szenarium für einen Experimentalfilm begonnen; nach der Ablehnung durch die DEFA entwarf er es als Rauminszenierung und Mediencollage neu. Mit seinen auf der Grundlage dieses Konzeptes entwickelten multimedialen Inszenierungen „La Sarraz“, „Herakles“ und „Realfilm“ näherte sich Dammbeck der deutschen Vergangenheit und der politischen und sozialen Realität in der DDR. Er wandte sich „dem Thema Faschismus“ zu, weil er für seine Generation die Möglichkeit sah, „unbelastet und scheinbar naiv nach beunruhigenden Phänomenen zu fragen. Fragen zum Beispiel nach Ursachen für die Fazination des Nazismus, nach der Wirkung der von ihm geweckten Bilder und Emotionen, bis in die Gegenwart hinein“. (L. D.)Dossier

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    Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten. Weiter...