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Porträt: Theodor Wilhelm


19.3.2015
Theodor Wilhelm (1906 – 2005) hat mit seinem 1951 erschienen berühmten Werk "Wendepunkt der politischen Erziehung – Partnerschaft als pädagogische Aufgabe" die Didaktik der politischen Bildung nach 1945 wesentlich geprägt. Sein Ansatz orientierte sich an der Philosophie des amerikanischen Pragmatismus. Er gilt als sperriger und skeptischer "Klassiker".

Porträt von Theodor WilhelmTheodor Wilhelm (© Aus: Pongratz, Ludwig J. (Hg): Pädagogik in Selbstdarstellung, Band 2, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1976, S. 317. s. Redaktion)
Theodor Wilhelm wurde in einen evangelischen Pfarrhaushalt hineingeboren und besuchte das neuhumanistische Internat Maulbronn. Dort erlebte er Schule in sachorientierter Strenge und auch als Reformanstalt. Sein Studium schloss er zunächst mit einer historischen Dissertation mit dem Titel "Die englische Verfassung und der vormärzliche deutsche Liberalismus" (1929) ab. Eine zweite Promotion, "Die Idee des Berufsbeamtentums" (Berlin 1933), eröffnete Wilhelm den Berufsweg im diplomatischen Dienst. Nach einem Auslandsaufenthalt 1928 an der Universität Liverpool arbeitete Wilhelm bis 1936 als Referent beim Deutschen Akademischen Austauschdienst. Die Biografie Wilhelms ist wie die vieler Zeitgenossen geprägt durch die ideologischen Verlockungen, die institutionellen Möglichkeiten sowie die Zwänge des nationalsozialistischen Staates. Wilhelm konnte noch 1938 Vorträge in England halten und vertiefte dort sein Verständnis des anglo-amerikanischen Pragmatismus. 1937/38 erhielt er eine Dozentur an der Hochschule für Lehrerbildung in Oldenburg.

Es war eine Karriere um einen hohen Preis. Wilhelm war Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 4833253). Als Schriftleiter der einflussreichen Internationalen Zeitschrift für Erziehung und später auch beim Deutschen Institut für außenpolitische Forschung in Berlin wirkte er an der Propagierung völkisch-nationalsozialistischer Erziehungsvorstellungen in maßgeblichen Positionen mit. Die "antijüdische Säuberungspolitik“ begrüßte er als Erleichterung von der "Last der Verjudung“ und wertete sie als "bevölkerungspolitische Gesundungsmaßnahme ersten Ranges.“ (Anm. i)

Nach Kriegsende arbeitete Wilhelm zunächst als Gymnasiallehrer in Oldenburg. 1951 bis 1959 war er Dozent an der PH Flensburg, anschließend bis zu seiner Emeritierung 1972 Ordinarius an der Universität Kiel.

1951 erschien sein berühmtes Werk "Wendepunkt der politischen Erziehung -– Partnerschaft als pädagogische Aufgabe“. Das Buch ist weit mehr als eine an Kooperation ausgerichtete Didaktik sozialen Lernens, es ist eine genuine Demokratiepädagogik, die den Begriff "Konflikt" nicht scheut. Für Wilhelm soll Demokratie erfahrbar werden als ein fehlerfreundliches Institutionengefüge, das Menschen davor bewahren kann in inhumane, dilemmatische Entscheidungssituationen zu kommen, die den Einzelnen zwangsläufig überfordern. Das Buch, anschaulich und mitreißend formuliert sowie gespickt mit praktischen Anregungen für die pädagogische Tätigkeit wie den "Zehn Geboten der Diskussionsführung", wurde ein Bestseller.

Von Anfang an arbeitete Wilhelm in der Lehrerbildung mit der Bundeszentrale für Heimatdienst zusammen, der späteren Bundeszentrale für politische Bildung. Zahlreiche bedeutende Beiträge zur Pädagogik haben einen starken Bezug zu Fragen der sozialen und politischen Bildung. Zu nennen sind die "Theorie der Schule" (1967) mit einem Konzept der Ordnung der Vorstellungshorizonte in einer Wissenschaftsschule und die "Pädagogik der Gegenwart" (5/1977) mit einem Kapitel zur Erziehung im Nationalsozialismus. Die Habilitationsschrift "Die Pädagogik Kerschensteiners. Vermächtnis und Verhängnis" (1957) gilt als Standardwerk. "Traktat über den Kompromiß" (1973) und "Jenseits der Emanzipation" (1975) sind Streitschriften zur Auseinandersetzung mit der Pädagogik der Neuen Linken. Gibt es im politisch-pädagogischen Denken nach 1945 einen radikalen Bruch oder doch Kontinuität? Anfang der 1960er Jahre wird Wilhelm aus der DDR heraus seine "braune Vergangenheit“ vorgeworfen. Das Prinzip Partnerschaft sei entwickelt worden, um mit den alten Nazis nach 1945 weiter zusammenzuarbeiten und um die eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus zu entschuldigen. Gilt das Verdikt "Einmal Nazi, immer Nazi“ oder spricht dies aus pragmatischer Sicht dem Menschen das "Recht auf politischen Irrtum“ (Eugen Kogon) ab?

Die Lebensleistung von Theodor Wilhelm besteht in der konfrontativen Verbindung von politischer Bildung, eigener Lebensführung und öffentlichem Engagement. Wilhelm hat sich im Vorwort seines "Wendepunkte“-Buchs glaubwürdig der Frage "Was können wir von der Erziehung her tun, um uns vor neuen politischen Irrwegen zu bewahren?“ gestellt. Theodor Wilhelm fasziniert, weil er zu einer Generation gehört, die fast alle Staatsformen in Deutschland im 20. Jahrhundert nicht nur miterlebt, sondern auch reflexiv kommentiert und weltanschaulich-ideologisch mit gestaltet hat. Wilhelm selbst beschreibt den Lebensweg des Menschen mit Bezug auf die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus als den eines Wanderers. Auf seinem Weg wird der handelnde Mensch aber auch – notwendig! – Fehler machen. Wilhelm ist so gesehen: ein sperriger und skeptischer "Klassiker".

Der Text wurde übernommen aus dem Band: Wolfgang Sander / Peter Steinbach, Politische Bildung in Deutschland. Profile, Personen, Institutionen, Bonn 2014. Erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1449.
http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/187102/politische-bildung-in-deutschland


Anmerkungen



(i) Siehe für alle genannten Zitate und Veröffentlichungen Theodor Wilhelms sowie Verweise auf Auseinandersetzungen mit Werk und Biografie: Tilman Grammes, Kooperation – Demokratie leben im sozialen Nahraum bei Friedrich Oetinger, in: Michael May/ Jessica Schattschneider (Hrsg.), Klassiker der Politikdidaktik neu gelesen, Schwalbach/Ts. 2011, S. 39-65.


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Autor: Tilman Grammes für bpb.de
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