Zukunft Bildung
1 | 2 Pfeil rechts

Herausforderungen für die Bildungspolitik: Heterogenität


9.9.2013
In unseren Bildungseinrichtungen lernen Mädchen und Jungen mit unterschiedlichen Leistungsmöglichkeiten, aus allen sozialen Schichten und mit Wurzeln in aller Herren Länder, Menschen mit Behinderungen, Jüngere und Ältere. Wie kann Unterricht der Vielfalt an Voraussetzungen und Bedürfnissen besser gerecht werden?

Titel: Erstklässler in NRW
Bildrechte: Verwendung weltweit
Rechtevermerk: picture-alliance/ dpa
Fotograf: Franz-Peter Tschauner
Notiz zur Verwendung: (c) dpa
Caption: Die Erstklässler Hannes, Jill und Ida (l-r) sitzen am Mittwoch
(09.08.2006) mit ihren Schultüten auf dem Schulhof einer Grundschule in
Düsseldorf. Rund 181 000 Kinder werden in diesen Tagen in Nordrhein-
Westfalen eingeschult. Foto: Franz-Peter TschauErstklässler in NRW (© dpa)

Die inklusive Schule als Gegenmodell zum gegliederten Schulsystem



In Schulen, Kindertageseinrichtungen und anderen pädagogischen Arbeitsfeldern macht das Modell der Inklusion ein Angebot, in dem die Gleichheit und die Freiheit der verschiedenen Lernenden solidarisch berücksichtigt werden sollen. Es geht dabei nicht "nur", wie vielfach angenommen, um das Einbeziehen von Menschen mit Behinderungen in die Regelschule. Betont wird vielmehr die Individualität jeder Person, unabhängig vom Geschlecht, vom kulturellen Hintergrund oder von der sozialen Schicht. Alle Kinder und Jugendlichen besuchen in diesem Modell gemeinsam ihre wohnortnahe Kita und Schule. In den inklusiven Gruppen und Schulklassen wird ein individualisierendes pädagogisches Angebot bereitgestellt.

Die inklusive Schule mit ihren heterogenen Lerngruppen bildet das Gegenmodell zum in Deutschland vorherrschenden gegliederten Schulsystem, in dem Lernende frühzeitig auf unterschiedliche Schulformen aufgeteilt werden (dazu gehören die Hauptschule, die Realschule, das Gymnasium sowie elf Sonderschularten). Mit dieser Aufteilung der Lernenden soll Heterogenität gerade vermieden werden: Im gegliederten Schulsystem werden "homogene Lerngruppen" angestrebt, in denen die Schülerinnen und Schüler jeweils als Gleiche angesprochen werden und auf gleichem Niveau das Gleiche lernen sollen. Hinzu kommen weitere "sortierende" Maßnahmen": Zurückstellungen am Schulanfang, Sitzenbleiben, Abschulungen und die Bildung von Leistungsniveaukursen.

Die Idee, dass Kinder eine früh feststehende Begabung haben (etwa eine eher praktische oder theoretische) und für einen bestimmten Bildungs- und Lebensweg bestimmt sind, entstammt der vordemokratischen Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der unser Schulsystem entstand.[1] Hier dienten die Schulen dazu, Kinder für das Leben in dem Stand zu erziehen, in den sie hineingeboren worden waren. Die Vorstellung feststehender Begabungen wirkt in Deutschland bis heute nach und viele einflussreiche Gruppen sind vom Lernen im dreigliedrigen (um die Sonderschule einzubeziehen besser gesagt: im viergliedrigen) Schulsystem nach wie vor überzeugt.

In der Geschichte hat es international schon früh die Vorstellung gegeben, dass alle Kinder gemeinsam in einer Schule lernen sollten. Zwar führten entsprechende Forderungen in der ersten Demokratie auf deutschem Boden, der Weimarer Republik, zur Einführung der Grundschule als gemeinsame Schule für fast alle Kinder während der ersten vier (in machen Bundesländern sechs) Schuljahre. Darüber hinausgehende Forderungen konnten sich jedoch auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht durchsetzen. Auch in anderen Industrienationen – etwa in Russland, England, Schweden oder Finnland – gab es lange ständisch gegliederte Schulen. Doch im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden fast überall integrativere Bildungssysteme eingerichtet (die man in Deutschland vor allem unter der Bezeichnung "Einheitsschule" kennt). Mit der sehr frühen Aufteilung der Kinder auf ungleiche Schulformen stellt Deutschland heute international eine Ausnahme dar.[2] Dieser "deutsche Sonderweg" wird seit Jahrzehnten immer wieder kritisiert, nicht zuletzt weil Bildungserfolg und soziale Herkunft hier besonders stark zusammenhängen.


Fußnoten

1.
Kuhlemann, Frank-Michael (1992): Modernisierung und Disziplinierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
2.
Susanne Wiborg (2010): Why is there no comprehensive education in Germany? A historical explanation. In: History of Education: Journal oft he History of Education Socielty, 39:4, S. 539-556.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Annedore Prengel für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 
Das Logo von www.bildungsserver.de.

Bildungsserver

Als zentraler Wegweiser zum Bildungssystem in Deutschland bietet der Deutsche Bildungsserver allen Interessierten Zugang zu hochwertigen Informationen und Internetquellen – schnell, aktuell, umfassend und kostenfrei. Als Meta-Server verweist er primär auf Internet-Ressourcen, die u.a. von Bund und Ländern, der Europäischen Union, von Hochschulen, Schulen, Landesinstituten, Forschungs- und Serviceeinrichtungen und Einrichtungen der Fachinformation bereitgestellt werden. Weiter... 

Ihr Feedback

Wir freuen uns über Ihre Anregungen, Kommentare und Themenvorschläge. Schreiben Sie uns: idee@dossierbildung.bpb.de 

Kulturelle Bildung

Bildung für nachhaltige Entwicklung und kulturelle Bildung

Wie können kulturelle und politische Bildung dazu beitragen, Menschen zu nachhaltigem Denken und Handeln anzuregen? Viele Akteurinnen und Akteure arbeiten bereits sehr engagiert daran, wie der Themenschwerpunkt zeigt. Weiter... 

In eigener Sache

Das Dossier "Zukunft Bildung" soll wachsen. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate finden Sie hier weitere Texte, Videos und Grafiken rund um das Thema Bildung. 

Meist gelesen im Dossier Bildung

Interaktive Grafik:
Das Bildungssystem in Deutschland
Bildungseinrichtungen, Übergänge und Abschlüsse

Zukunft Bildung:
Was ist Bildung?

Zeitleiste:
Deutsche Bildungsgeschichte – eine Zeitleiste
Unsere interaktive Zeitleiste führt durch die deutsche Bildungsgeschichte