Zukunft Bildung
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Ins System kommt Bewegung

Entwicklungstrends in der deutschen Bildungslandschaft


9.9.2013
Fehlende Kita-Plätze, niedrige Schülerkompetenzen, langwierige Übergänge zur Berufsausbildung, überfüllte Hörsäle: In der öffentlichen Debatte wird dem Bildungswesen ein erheblicher Modernisierungsrückstand attestiert. Aber sieht man genauer hin, zeichnet sich in den letzen Jahren ein allmählicher Wandel der deutschen Bildungslandschaft ab.

Titel: Schulmensa
Bildrechte: Verwendung weltweit
Rechtevermerk: picture alliance / dpa
Fotograf: Fredrik von Erichsen
Notiz zur Verwendung: (c) dpa
Caption: Yan Tin (l) und Alina essen am 09.11.2012 im Gymnasium am
Römerkastell in Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) im Speisesaal der neu
eröffneten Schulmensa. Eine Schulmensa ist von Starkoch Lafer eröffnet
worden. Bis zu 300 Schüler sollen dort künftig zu MSchulmensa in Bad Kreuznach. (© dpa)

In den öffentlichen Debatten erscheint das deutsche Bildungssystem oft als schwerfälliger Tanker mit Entwicklungsrückstand und mangelhafter Leistungsbilanz. Sieht man genauer hin, kam aber gerade in der letzten Dekade viel Bewegung ins System. Als Motor dieser Entwicklungen wirkte zu Beginn des neuen Jahrtausends das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler in internationalen Vergleichsstudien wie PISA. Außerdem erhöhten auch der demografische Wandel und die steigenden Qualifikationsanforderungen am Arbeitsmarkt den Handlungsdruck auf Bildungspolitik und -verwaltung. Was sich verändert, können Wissenschaftler seit 2006 über alle Bildungsbereiche hinweg mithilfe einer fortlaufenden Bildungsberichterstattung beobachten: Wie hat sich zum Beispiel das Angebot an Bildungseinrichtungen in Deutschland gewandelt? Von wem werden welche Einrichtungen wie lange besucht? Verzeichnen wir heute zunehmend bessere Bildungsergebnisse, also höhere Kompetenzen und Abschlüsse? Wo bleiben Herausforderungen im Bildungssystem bestehen?

Anhand der Daten zu den Einrichtungen, Teilnehmern und Ergebnissen der institutionalisierten Bildung gibt dieser Beitrag einen Überblick über die wesentlichen Veränderungen im deutschen Bildungssystem im letzten Jahrzehnt.

Die Bildungslandschaft wird vielfältiger



Zunächst: Das Bildungswesen vereint fünf sehr verschiedene, historisch gewachsene Bildungsbereiche unter einem Dach. Deren Verwaltung, Organisation und Funktionsweise war in Deutschland traditionell weitgehend voneinander abgeschottet – nicht zuletzt weil Zuständigkeiten unterschiedlich auf Bund, Länder und Kommunen verteilt sind. Umso erstaunlicher ist, welche weitreichenden Veränderungen sich nun innerhalb und zwischen diesen Bildungsbereichen abzeichnen:
  • Im Elementarbereich wurde das Angebot an Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege stark ausgebaut (Abbildung 1). Zum einen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass frühkindliche Entwicklungsprozesse ganz entscheidend für die weitere Lernentwicklung von Kindern sind. Zum anderen kommt die Politik damit auch den gewandelten gesellschaftlichen Ansprüchen an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach. Ab August 2013 gilt nun sogar ein Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung für Ein- und Zweijährige. Um bis dahin genügend Betreuungsplätze für voraussichtlich 37 Prozent der unter dreijährigen Kinder anbieten zu können, muss der Staat vor allem in Westdeutschland verstärkt Angebote zur Kinderbetreuung schaffen.

Abb. 1: Betreuungsquote von Kindern unter 3 Jahren in Kitas und Tagespflege 2006 bis 2011 (in Prozent)

Betreuungsquote von Kindern unter 3 Jahren in Kitas und Tagespflege 2006 bis 2011 (in Prozent)Abbildung 1: Betreuungsquote von Kindern unter 3 Jahren in Kitas und Tagespflege 2006 bis 2011 (in Prozent) (Mehr dazu...)
Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Kinder- und Jugendhilfestatistik (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

  • Im Schulwesen hingegen konnten viele öffentliche Schulstandorte nicht aufrechterhalten werden. Angesichts der demografisch rückläufigen Schülerzahl und der angespannten Haushaltslage in den zuständigen Bundesländern und Kommunen wurden zahlreiche Schulen geschlossen – in den ostdeutschen Flächenländern seit 1998 immerhin mehr als ein Drittel. Inzwischen haben daher fast alle Bundesländer ihre Schulstrukturen angepasst: Die traditionell getrennten Bildungsgänge Hauptschule, Realschule und Gymnasium findet man heute vielerorts unter einem Dach. Damit reagierte man auch auf die schwindende Akzeptanz der Hauptschule in der Bevölkerung sowie auf neue Zielstellungen der Bildungspolitik. Nach Jahrzehnten ideologischer Grabenkämpfe um das dreigliedrige Schulsystem zeichnet sich nun in der Mehrzahl der Länder der pragmatische Trend ab, neben dem Gymnasium künftig (nur) noch Schularten mit zwei oder allen drei Bildungsgängen anzubieten. Somit kann ein und derselbe Schulabschluss in verschiedenen Einrichtungen erreicht werden: Schularten und Schulabschlüsse entkoppeln sich zunehmend voneinander.

  • Die Zahl der Privatschulen hat sich in den letzten zehn Jahren dagegen verdoppelt (Abbildung 2). Besonders in Ostdeutschland, wo vor der Wiedervereinigung nur wenige Schulen in freier Trägerschaft bestanden, stieg die Zahl der Privatschulen zwischen 1998 und 2010, nämlich von 285 auf 837 Einrichtungen. In Deutschland werden Privatschulen überwiegend von gemeinnützigen Trägern ohne kommerzielle Interessen geführt. Dennoch kann es insbesondere für Großstädte nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Eltern entlang ihres sozialen Hintergrunds für bestimmte Schulen entscheiden und damit eine zunehmende Entmischung der Schülerschaft einhergeht.

Abb 2: Entwicklung öffentlicher und privater Bildungsangebote zwischen 1998 und 2010

Entwicklung öffentlicher und privater Bildungsangebote zwischen 1998 und 2010. Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, diverse StatistikenAbbildung 2: Entwicklung öffentlicher und privater Bildungsangebote zwischen 1998 und 2010 (Mehr dazu...)
Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, diverse Statistiken (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

  • Mit dem allmählichen Übergang von der Halbtags- zur Ganztagsschule durchläuft das Schulwesen einen tief greifenden Wandel. Im Zusammenspiel von Unterricht, extracurricularen Angeboten und außerschulischen Aktivitäten folgt der Alltag der Schüler heute vielerorts einem ganz anderen Rhythmus als noch vor zehn Jahren. Während noch 2002 bundesweit gerade einmal 16 Prozent aller Schulen Ganztagsbetrieb anboten, trifft dies inzwischen auf mehr als die Hälfte der Schulen zu. Allerdings wurden in erster Linie offene Ganztagsschulen ausgebaut, in denen die Teilnahme am Ganztagsangebot nicht für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend, sondern freiwillig ist.

  • Das berufsvorbereitende "Übergangssystem" nach der allgemeinbildenden Schulzeit hat sich über die letzten 20 Jahre fest etabliert. Es fängt Jugendliche ohne Chance am Ausbildungsmarkt in vielfältigen Maßnahmen der Berufsorientierung und -vorbereitung auf. Jedoch führen diese Maßnahmen zu keinem Berufsabschluss und laufen weitgehend unkoordiniert nebeneinander. Für die Jugendlichen handelt es sich daher meist um Warteschleifen. Diese nutzen sie teilweise dazu, einen Schulabschluss nachzuholen. Durch den demografischen Wandel ging die hohe Nachfrage nach Ausbildungsplätzen inzwischen zurück. Dennoch hat sich speziell für diese Jugendlichen die Übergangssituation in den Ausbildungsstellenmarkt kaum verbessert (Abbildung 3).

Abb. 3: Neuzugänge im Berufsbildungssystem 2000 und 2010 nach Schulabschlüssen (Anzahl)

Neuzugänge im Berufsbildungssystem 2000 und 2010 nach Schulabschlüssen (Anzahl). Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Schulstatistik; Bundesagentur für Arbeit, Maßnahmen-StatistikAbbildung 3: Neuzugänge im Berufsbildungssystem 2000 und 2010 nach Schulabschlüssen (Anzahl) (Mehr dazu...)
Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Schulstatistik; Bundesagentur für Arbeit, Maßnahmen-Statistik (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

  • Zugleich ist die Nachfrage nach Hochschulbildung bei jungen Menschen sprunghaft angestiegen. Haben im Jahr 1995 noch 260.000 junge Menschen ein Studium begonnen, so hat sich die Studienanfängerzahl in 2011 mit mehr als einer halben Million fast verdoppelt. Im Zuge des Hochschulpakts von Bund und Ländern wurde daher seit 2005 das Studienangebot – vor allem an den Fachhochschulen – deutlich ausgebaut. Parallel führten hochschulpolitische Reformen und Initiativen wie der internationale Bologna-Prozess zu einer grundlegenden Umstrukturierung des Hochschulwesens, die weit über neue Studienordnungen und -abschlüsse hinausgeht.


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