Zukunft Bildung
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Werd’ ich gehört? Werd’ ich gebraucht? Wie Teilhabe soziales Vertrauen stärkt.

Transkript einer Rede von Lothar Krappmann


9.9.2013
Der Bildungsforscher Lothar Krappmann hielt als Empfänger der Theodor-Heuss-Medaille und anlässlich der Verleihung des Theodor Heuss Preises im April 2012 ein Impulsreferat in der Diskussionsrunde "Demokratie als Gesellschaftsform". Hier das Transkript seiner Rede.

Anlässlich der Verleihung der Theodor Heuss Medaille 2012 spricht der Bildungsforscher Lothar Krappmann über Bildungsfragen aus einer weltumspannenden Sicht: Es gibt viel Begrüßenswertes, aber es gibt auch ungeheuer Deprimierendes, Schockierendes, aussichtslos Erscheinendes. (© 2012 Theodor Heuss Stiftung)

Werd’ ich gehört? Werd’ ich gebraucht? Wie Teilhabe soziales Vertrauen stärkt



Ich saß acht Jahre lang im Ausschuss der Vereinten Nationen für die Rechte des Kindes, und insofern habe ich Bildungsfragen in den letzten zehn Jahren aus einer weltumspannenden Perspektive wahrgenommen.

Dieser Ausschuss ist ein Gremium von 18 Personen aus allen Weltregionen. Die Europäer sind in der Minderheit. Ich glaube, das sollte man wirklich ausdrücklich sagen. 193 Staaten haben die Konvention über die Rechte des Kindes ratifiziert, und der Ausschuss hat die Aufgabe zu überprüfen, ob die Staaten sich an die Konvention halten. Tun sie, soll ich sagen, natürlich, tun sie nicht. Und insofern hat der Ausschuss sehr viel Arbeit, die Artikel der Konvention durchzugehen, zu denen die Regierungen, die eingeladen werden, in ihrem Bericht Rede und Antwort stehen und mit ihnen über die Verletzung der Kinderrechte unter den Artikeln der Konvention zu sprechen. Viele NGOs hören manchmal mit Erstaunen, was ihre Regierungen sagen, merken sich das sehr gut und führen die Diskussion, die wir in Genf führen, zu Hause weiter. Alles ist öffentlich, ich denke, das ist der Druck, der dann auch aus diesen Sitzungen heraus entsteht.

Wenn man aus einem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in so ein Gremium kommt, sagen die anderen: Du kümmerst dich um Schule und Bildung. Und das habe ich auch gerne angenommen, Schule, vorschulische, frühkindliche Bildung, Bildung und Berufsausbildung, Schulbildung und Mädchen, Schulbildung, Kinderarbeit, Ernährung, Gesundheit, Gewalt in der Schule und nicht zuletzt und ganz zentral Beteiligung der Kinder in der Schule. Ich konnte einiges an Erfahrung einbringen. Ich habe Schulforschung mit Kindern gemacht, unter Kindern sitzend, es war wahnsinnig interessant, und mir sind die Augen übergegangen bei dieser Arbeit. Es gibt viel Begrüßenswertes, das muss man auch sagen, aber es gibt auch sehr viel ungeheuer Deprimierendes, Schockierendes, aussichtslos Erscheinendes.

Es gibt einen großen Bildungshunger in der Welt. Ich wurde einmal vom Ausschuss nach Somalia in ein Camp mit landesintern geflüchteten Menschen, displaced persons, natürlich auch Kinder, geschickt. Die Eltern haben für ihre Kinder, weil es niemand anders getan hat, eine Schule gegründet. Da gab es keine staatliche Verwaltung, die das tun konnte. Ich war in China für einen Ausschuss, wo Wanderarbeiter, die aus dem desolaten Westen des Landes in den prosperierenden Osten kommen, Schulen für ihre Kinder verlangten, die ihnen aber die Kommunen nicht einrichteten, weil die sagten, wir sind nicht für die Wanderarbeiter und ihre Kinder zuständig. Die Eltern haben diese Schulen selbst aufgebaut, bis der Staat eingegriffen hat, klar, in China, weil er sagte, so geht es nicht, wir müssen die Schulen machen und kontrollieren.

Ein großer Anteil der 67 Millionen Kinder, die nach UNESCO-Daten nicht die Schule besuchen, gehen deswegen nicht in die Schule, weil sie in einem Land mit Kampfhandlungen oder Gewaltdrohung leben – Afghanistan ist ein Beispiel dafür –, vielleicht auch in einem von Naturkatastrophen verwüsteten Land. Der UN-Ausschuss drängt inzwischen darauf und hat mit dafür gesorgt, dass die Öffnung oder Wiedereröffnung von Schulen zu den Notfallmaßnahmen gehören, die zur Ersten Hilfe zählen, wenn Organisationen in ein Land kommen, um dort zu helfen; nicht nur ein Dach über dem Kopf, nicht nur Ernährung, sofort auch Schulen. Schule hat sich als der Ort für Kinder erwiesen, der ein Stück Normalität wiederherstellt und an dem Kinder, die aus ihrer Sicht und ihrer Betroffenheit wichtigen Hilfen bekommen, falls Schule sich auf die spezifische Situation der Kinder einlässt. Grundlegende praktische Fähigkeiten, Ernährung, Nahrungsmittel, Gesundheit, Gefahrenwahrnehmung – Minen –, Risikobewusstsein generell, Hilfe für traumatisierte Kinder, Einbeziehung der Eltern, Unterstützung beim Sich-Gehör-verschaffen, damit benötigte Hilfe mobilisiert wird und ankommt und trifft.

Hier in einem Camp, in einem Lager zeigt sich, was Schule, was Bildung wirklich sein kann, nämlich ein Überlebensinstrument. Schule im Camp, Überleben und Beteiligung sind mir daher zu Schlüsselbegriffen, zu Begriffen mit symbolischem Gehalt für Bildung geworden. Und ich werde gleich erläutern, mit welchen Aufgaben sich auch unsere Schulen, unser Bildungssystem hier in Deutschland konfrontieren sollte. Aber zunächst noch mal zurück zu den Ländern, die mit Schwierigkeiten kämpfen, die allgemeine Schulpflicht wenigstens für eine sechsjährige Grundschule voll durchzusetzen. Warum ist das denn so schwer? Da gibt es zum einen die politisch, systemisch, institutionellen Probleme, ein Bildungswesen zu etablieren, von Schulbauten mit Wasser und Strom über Lehrerbildung bis hin zu einer Schulverwaltung.

Das sind die Probleme, mit denen sich Katharina Tomasevski, frühere UN Bildungsberichterstatterin, in einem Vier-Punkte-Programm beschäftigt hat. Sie nannte das, wir müssen Availability und Accessibility, Vorhandensein und Zugangsmöglichkeiten zu Schulen prüfen. Und auch da gibt es übrigens Fortschritte. Da gibt es aber zum anderen, das sind ihre nächsten beiden Punkte, die Fragen der Akzeptanz der Schule und der Lebens-, Überlebensdienlichkeit der Schulen, Exceptibility, Adaptability. Sind Schulen annehmbar, passen sie sich überhaupt den Erfordernissen, in denen Kinder leben, an? Oder eben auch: Helfen sie den Kindern zu überleben? Oft ist die Situation übrigens in den Camps kaum besser, als die bei den Menschen außen herum.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 
Doktorhut auf einem Bücherstapel

Meist gelesen im Dossier Bildung

Interaktive Grafik:
Das Bildungssystem in Deutschland
Bildungseinrichtungen, Übergänge und Abschlüsse

Zukunft Bildung:
Was ist Bildung?

Zeitleiste:
Deutsche Bildungsgeschichte – eine Zeitleiste
Unsere interaktive Zeitleiste führt durch die deutsche Bildungsgeschichte 

Das Logo von www.bildungsserver.de.

Bildungsserver

Als zentraler Wegweiser zum Bildungssystem in Deutschland bietet der Deutsche Bildungsserver allen Interessierten Zugang zu hochwertigen Informationen und Internetquellen – schnell, aktuell, umfassend und kostenfrei. Als Meta-Server verweist er primär auf Internet-Ressourcen, die u.a. von Bund und Ländern, der Europäischen Union, von Hochschulen, Schulen, Landesinstituten, Forschungs- und Serviceeinrichtungen und Einrichtungen der Fachinformation bereitgestellt werden. Weiter... 

Ihr Feedback

Wir freuen uns über Ihre Anregungen, Kommentare und Themenvorschläge. Schreiben Sie uns: idee@dossierbildung.bpb.de 

Kulturelle Bildung

Bildung für nachhaltige Entwicklung und kulturelle Bildung

Wie können kulturelle und politische Bildung dazu beitragen, Menschen zu nachhaltigem Denken und Handeln anzuregen? Viele Akteurinnen und Akteure arbeiten bereits sehr engagiert daran, wie der Themenschwerpunkt zeigt. Weiter... 

In eigener Sache

Das Dossier "Zukunft Bildung" soll wachsen. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate finden Sie hier weitere Texte, Videos und Grafiken rund um das Thema Bildung.