Zukunft Bildung
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Bildung für Nachhaltige Entwicklung


25.7.2012
Der Politikdidaktik-Professor Dr. Bernd Overwien spricht im Interview darüber, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung mit ganz persönlichen Vorstellungen von der Welt zu tun hat, wie sie mit politischer Bildung verknüpft ist und wie sie nach und nach ihren Platz in der Schule findet. Er zeigt auf, welche wichtige Rolle informelles Lernen spielt und wie künstlerische Ansätze einen produktiven Beitrag zu BNE leisten können.

Nachhaltigkeit in der Kunst: Christian Philipp Müllers "Mangoldfähre" auf der dOCUMENTA 13 in Kassel thematisiert die Bedrohung von Artenvielfalt.Nachhaltigkeit in der Kunst: Christian Philipp Müllers "Mangoldfähre" auf der dOCUMENTA 13 in Kassel thematisiert die Bedrohung von Artenvielfalt. (© Katharina Reinhold)

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist einer der Themenschwerpunkte in Ihrer Arbeit als Professor für Didaktik der politischen Bildung. Was ist Ihnen persönlich beim Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung am wichtigsten?

Der wichtigste Impuls ist das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung, das ja 1992 nach der Konferenz in Rio de Janeiro als eine Art Programm, "die Welt zu retten" entwickelt wurde. Bereits in den 1970er-Jahren hatte der Club of Rome deutlich gemacht, dass die Ressourcen der Erde begrenzt sind. In der Zwischenzeit hat sich zwar gezeigt, dass sie nicht ganz so schnell erschöpft sein werden, wie es damals vorhergesagt wurde, aber sie sind nach wie vor begrenzt. 1992 wurde auch die Klimakonvention auf den Weg gebracht, damals wusste man schon, dass ein Klimawandel höchstwahrscheinlich bevorsteht. Heute weiß man, dass der Klimawandel in Gang ist, es gibt nur noch wenige wissenschaftlich fundierte Gegenmeinungen – bei denen man dann manchmal nicht weiß, wo die Forschungsgelder herkommen...

Es gibt also gute Gründe, sich darüber Gedanken zu machen, wie man dazu beitragen kann, diesen Planeten zu retten. Es klingt immer so dramatisch, wenn man das sagt, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es genau darum geht.

Das hört sich erst mal einfach an, wie eine Art politisches Programm – Aber wenn man etwas tiefer schürft, dann merkt man, dass es hier um eine andere Art des Denkens geht. Es geht darum, dass wir alle – ich beziehe mich da ausdrücklich mit ein – lernen müssen, anders zu denken, zum Beispiel was Fragen des Wachstums anbelangt, was Fragen des Konsums anbelangt, auch Fragen nach dem guten Leben. Darüber müssen wir reden.

Und damit geht es ganz an die persönlichen Vorstellungen von der Welt heran. Bildung kann und soll dabei natürlich nur begleitend tätig werden. Sie kann helfen, die vorhandenen Probleme zunächst einmal zu erkennen und dann womöglich auch zu handeln. Hier gibt es dann den direkten Brückenschlag zur politischen Bildung, bei der es darum geht, politische Urteilsfähigkeit und politische Handlungsfähigkeit zu fördern. Und in politische Urteilsfähigkeit und Handlungskompetenz gehören Grundlagen darüber hinein, was man sich unter einer nachhaltig strukturierten Welt vorstellen kann.

Wenn man über die Wege, dieses zu erreichen, nachdenkt, dann gibt es in der politischen Bildung den berühmten Beutelsbacher Konsens, der uns anhält, niemanden zu überwältigen und auch die Kontroversen darzustellen. Außerdem müssen wir bei den objektiven und subjektiven Interessen von Schülerinnen und Schülern ansetzen – da kommen vielleicht auch Fragen kultureller Bildung ins Spiel.

Bei den Kindern und Jugendlichen ist unter Umständen die Zukunft der Welt viel mehr in der täglichen Diskussion, als bei manchen Erwachsenen. Das zeigen übrigens auch Befragungen. Die bekannten Shell-Jugendstudien[1] zeigen zum Beispiel deutlich, dass Jugendliche sich etwa zu Globalisierungsfragen eine ganze Menge Gedanken machen, und darüber, wie die Welt künftig gestaltet wird. Es gibt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung[2], bei der junge Menschen ab 14 Jahren in Deutschland und Österreich befragt wurden, was für sie die wichtigsten Weltprobleme sind. Da standen weder Terrorismus noch Finanzkrise oben, sondern Themen wie Umwelt, Hunger, Armut, ähnliche Dinge… Ich denke, da kann man, ohne überwältigen zu wollen, sehr gut ansetzen mit Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

Bildung für Nachhaltige Entwicklung ist ja mit bestimmten Werten und Normen verknüpft. Ist das eigentlich mit dem Beutelsbacher Konsens vereinbar, dass eine bestimmte Richtung vorgegeben wird, in die die Entwicklung z.B. unserer Konsumgewohnheiten gehen sollte?

Nachhaltige Entwicklung ist ein normatives Konzept, das stimmt. Es kommt aber darauf an, wie man die Themen und Fragestellungen im Einzelnen bearbeitet. Auf der Welt sollen Entwicklungsprobleme nach dem Kohärenzprinzip bearbeitet werden, es sollen also immer ökonomische, ökologische und soziale Faktoren möglichst gleichgewichtig bearbeitet werden. Und es soll, wenn man die Definition ernst nimmt, ein gegenwärtiges Leben angestrebt werden, das auch künftigen Generationen noch ein lebenswertes Leben gestattet. Das ist die Grund-Definition von Nachhaltiger Entwicklung. Dies ist ein normativer Rahmen, aber wir haben ja in der politischen Bildung noch andere normative Rahmen. Es kommt wesentlich darauf an, in diesem Rahmen jeweils auch die Kontroversen darzustellen. Natürlich muss man nachhaltige Entwicklung auch in Frage stellen dürfen im Unterricht.

Es gibt Traditionen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), wo stärker skandalisiert wurde. Dies betrifft das Globale Lernen, einen Teil der BNE, der stärker die Nord-Süd-Beziehungen thematisiert, und auch in der Umweltbildung gab es das – nach dem Motto: "Wie kannst du nur Fleisch essen? – die Welt geht unter!" Das hört man heute manchmal auch noch. Fleischproduktion hat ja zum Beispiel Folgen für das Klima. Das ist natürlich etwas, was man gar nicht machen darf. Man darf nicht Kinder und Jugendliche im Unterricht oder in der außerschulischen Bildungsarbeit in eine Situation bringen, wo sie beschuldigt werden, ganz schlimme Dinge zu tun, wenn sie dabei sind, sich am ganz "normale" Konsum zu beteiligen. Das ist im Übrigen auch kontraproduktiv, und der Beutelsbacher Konsens verbietet außerdem ein solches Vorgehen auch ausdrücklich. Im Globalen Lernen hat man früher auch mit Bildern von hungernden Kindern aus Afrika gearbeitet. Ich will nicht sagen, dass man solche Bilder nicht zeigen darf. Aber man darf nie Kinder moralisch unter Druck setzen, etwa mit diesem Spruch "Wirf dein Butterbrot nicht weg, in Afrika verhungern die Kinder!" Das darf in politischer Bildung einfach nicht geschehen.

Wo sehen sie den Platz der Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule, mal abgesehen von der politischen Bildung, in der Sie zu Hause sind? Hat Bildung für nachhaltige Entwicklung auch einen Platz in anderen Fächern und Bereichen?

Aktuell gibt es da einen konkreten und ich glaube auch ganz erfolgreich verlaufenden politischen Prozess. Im Jahr 1997 gab es eine Empfehlung der Kultusminister-Konferenz (KMK), dass das Thema Eine Welt/ Dritte Welt in der Schule einen Platz haben müsse. Zehn Jahre später, 2007, gab es eine intensive Diskussion unter Menschen, die in den Bereichen Globales Lernen, entwicklungs- und friedenspädagogischer Bildungsarbeit aktiv waren. Diese arbeiten heute zumeist unter dem Label Globales Lernen, das wiederum verbunden ist mit Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es gab ganz klar den Wunsch nach einer Überarbeitung der Empfehlung von 1997. Die Definitionen von Entwicklungs- und Schwellenländern sind ja mit der Zeit alle ins Wanken geraten. So hat dann im Laufe der Diskussion interessanterweise die damalige Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Frau Wieczorek-Zeul, einen politischen Prozess initiiert. Sie hat der KMK Gelder zur Verfügung gestellt, um eine neue Empfehlung zu erarbeiten – dieses Mal mit wissenschaftlicher Unterstützung. Stück für Stück hat man so den Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung[3] geschaffen. Darin sind elf Kernkompetenzen benannt, diese beinhalten zum Beispiel so etwas wie "international ein Bewusstsein für den globalen Wandel herzustellen", "Solidarität und Empathie zu üben" und andere Dinge, die man in einer Kultusministerkonferenz-Empfehlung vielleicht gar nicht vermuten würde. Diese Kompetenzen ähneln sehr den Gestaltungskompetenzen aus der Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Das Interessante ist, dass in diesem Orientierungsrahmen bisher für die Grundschule und die berufliche Bildung für Politik, für Wirtschaft, Ethik, Biologie, Naturwissenschaften ganz konkrete Umsetzungsvorschläge für Curricula festgelegt sind. Das heißt, dort wird vorgeschlagen, wie sich in den konkreten Schulfächern globale Entwicklung abbilden soll, immer übrigens unter dem normativen Rahmen der Rio-Agenda. Dieser normative Rahmen ist von der KMK und vom BMZ als Unterstützungsstruktur gemeinsam publiziert worden. Der Prozess ist also im Gange – die frohe Botschaft ist: Der Orientierungsrahmen wird noch einmal überarbeitet. Künftig werden auch die Fremdsprachen mit einbezogen, die ja schon sehr viel leisten in diesen Bereichen. Sprachunterricht ist ja sehr eng mit kulturellen und besonders interkulturellen Fragen verbunden. Auch die künstlerisch-kreativen Fächer, Deutsch und Geschichte werden in die Überarbeitung und Erweiterung des Orientierungsrahmens einbezogen.


Fußnoten

1.
http://www.shell.de/home/content/deu/aboutshell/our_commitment/shell_youth_study/
2.
Studie "Jugend und die Zukunft der Welt", Gütersloh/Wien 2009 http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_29232_29233_2.pdf
3.
Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, Bonn 2007 http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2007/2007_06_00_Orientierungsrahmen_Globale_Entwicklung.pdf

 
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