Zukunft Bildung
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Die Geschichte des Lernens mit Lehre


23.10.2013
Die Ziele und Formen des Lernens in der Schule sind heute andere als früher. Neue Bildungsideale, innovative pädagogische Ansätze und wissenschaftliche Erkenntnisse gaben immer wieder Anlass, die gängige Lehr-Lern-Praxis zu überdenken. Über die Zeit verlor das Stoffpauken an Bedeutung, im Vordergrund steht nun der Erwerb von Kompetenzen.

Schüler im Russischunterricht 1956. Während der Lehrer die Lerninhalte an die Tafel schreibt, müssen die Schüler aufmerksam zuhören.Schüler im Russischunterricht 1956. Während der Lehrer die Lerninhalte an die Tafel schreibt, müssen die Schüler aufmerksam zuhören. (© dpa/ Mary Evans Picture Library)

Im Normalfall lernt ein Mensch immer, weil er sich ständig mit neuen Informationen und Situationen auseinandersetzen muss. Unsere Lerngeschichte beginnt mit dem "natürlichen" Lernen, ohne Personen als Lehrer. In überschaubar strukturierten Verhältnissen (z. B. in vorindustriellen Dorfgemeinschaften) lernen heranwachsende Menschen meist alles, was sie zum Überleben brauchen, ohne Lehrer und Schule. Wenn die Anforderungen an die (beruflichen) Tätigkeiten jedoch wachsen, das Leben immer komplexer und die Zukunft unsicherer wird, müssen das Ausmaß und die Intensität des Lernens zunehmen, um die Menschen auf ein selbstständiges Leben angemessen und erfolgreich vorzubereiten. Dieses Lernen wird in eigens dafür geschaffenen Institutionen und durch professionelle Lehrkräfte organisiert.

Die sogenannten höheren Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben, Rechnen und mathematische Operationen; Verstehen und Erklären von "Natur" nach den Modellen der Biologie, Chemie, Physik; Nachvollziehen philosophischer Probleme, sie alle setzen Fähigkeiten voraus, die nur durch gezielte Anleitung (Instruktion, Unterricht) vermittelt und nur durch methodisch-didaktisch angeleitetes Lernen angeeignet werden können. Jeder kennt dies aus eigener Erfahrung etwa beim Sport und beim Musizieren: Zu Anfang kann einem als Autodidakt ("Selbstbelehrer") durch Abschauen und Ausprobieren einiges gelingen, aber für anspruchsvollere Darbietungen kommt man nicht ohne systematische Anleitung und Übung aus. Vor allem gilt dies für die Beherrschung von Schriften und Zeichen, ohne deren Kenntnis uns Texte und Literaturen, Wissenschaften, Technik und viele Künste verschlossen bleiben. Im vorindustriellen Zeitalter, in der Landwirtschaft und im "alten Handwerk" wurden die beruflichen Kenntnisse und Fertigkeiten in der Familie oder in einer Meisterlehre erworben. Heute muss hingegen selbst auf "einfachere" Berufe in mehrjähriger Ausbildung in Betrieb und Berufsschule vorbereitet werden.

Lernen durch Unterricht in Schulen



Unsere kulturelle und soziale Verständigung geschieht nicht mehr über einfache Gesten und Zeichen, sondern über komplizierte Symbolsysteme wie Sprache, Schrift und mathematische Zeichen. Wer sie in den früheren Kulturen beherrschte, besaß die Macht. Man denke nur an die "Priesterherrschaft", an die Herrschaftseliten mit ihren Tempel- oder Klosterschulen und an die Adelsakademien. In der modernen Leistungsgesellschaft wurde die Kenntnis dieser Symbolsystemen jedoch zur unverzichtbaren Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe, sodass heute alle Menschen in diese Systeme eingeführt werden müssen.

Der Weg dahin begann im 17. Jahrhundert zunächst in einem Lehr-Lern-System, dessen Grundüberzeugung lautete: Der Schüler lernt, was der Lehrer lehrt. Nach diesem Muster wurde der Elementarunterricht in den Kloster- und weltlichen Schulen abgehalten. Und auch das Vorlesen beziehungsweise Diktieren und das Nachschreiben an den Universitäten folgte bis zum 19. Jahrhundert dieser Logik. Ein württembergisches Lesebuch aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bringt dies so zum Ausdruck:

"Die Schulstunde schlägt. Die Schulkinder kommen. Sie sitzen ruhig auf ihre Plätze. [mundartlich] Der Lehrer kommt. Alle Kinder stehen auf und grüßen ihn. […] Die Kinder setzen sich. Der Unterricht beginnt. Der Lehrer lehrt und befiehlt. Die Kinder merken auf, gehorchen und lernen. Die paar Schulstunden gehen nützlich und schnell vorüber. Die Schule ist aus, und die Kinder gehen ruhig heim. Man sieht, dass der Unterricht gute Früchte getragen hat." [1]

Dabei zeichnet der biedere Lesebuchverfasser ein Wunschbild, und ob und was die Kinder gelernt haben, kann er natürlich nicht sagen. Damit steht er aber bis heute nicht allein. Noch immer ist der Irrtum weit verbreitet, besonders in den lehrer- und (lehr-)stoffzentrierten sogenannten Höheren Schulen, die Schüler würden lernen, was unterrichtet wird. Das mag ja zufallsweise so sein, tatsächlich lernen Schüler aber nur, was sie sich selbst aktiv angeeignet haben. Alles andere bleibt bestenfalls im Kurzzeitgedächtnis verfügbar und ist mit zeitnaher Auffrischung vor einem Test abrufbar, aber danach wird es vergessen.

Infobox

10 Schulgebote aus einem württembergischen Lesebuch für die Volksschule (1874)

  1. Geh', liebes Kind, zur Schule gern,
    Bleib' ohne Noth davon nicht fern!
  2. Zur Schul' komm pünktlich ganz und rein,
    Laß unterwegs das Lärmen sein!
  3. Tritt zur Schul' mit Grußeswort,
    Setz' still dich hin auf deinen Ort!
  4. Beim Unterricht gib stets wohl Acht,
    Antworte laut und mit Bedacht!
  5. Stets sollst du deinen Lehrer ehren,
    Ihn lieben, treulich auf ihn hören!
  6. Mach' deinem Lehrer nie Verdruß,
    Damit er dich nicht strafen muß.
  7. Zu zanken, lärmen, plaudern, essen,
    Darfst in der Schul' dich nicht vermessen.
  8. Fromm, fleißig, aufmerksam zu sein,
    Das sei dein Schulziel, Groß und Klein!
  9. Und wenn die Schule nun ist aus,
    Geh' still und sittsam dann nach Haus!
  10. Daheim mach' deine Schularbeit
    Mit Fleiß und Treu zu jeder Zeit.
Quelle: Ch. Raible (1874) Lesebuch für Volksschulen, 1. Schuljahr. Selbstverlag. Wäschenbeuren, Württemberg, S. 16, §24


Die "Entdeckung" der Kindheit revolutioniert Vorstellungen vom Lernen



Im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde die Wirksamkeit der bis dahin etablierten Formen des Lehrens und Lernens ("Eintrichtern" und Auswendiglernen) zunehmend infrage gestellt. Progressiv denkende Pädagogen in der Gruppe der "Philanthropen" (Menschenfreunde) wie Joachim Heinrich Campe, Christian Gotthilf Salzmann und Peter Villaume beobachteten die Kinder und Schüler und fanden so Bedingungen und Verfahren erfolgreichen Lernens heraus. Ihr neues Verständnis von Lernen beruhte auf Förderung von Neugier ("Wissbegierde"), Ermutigung und Erfolgszuversicht. Vor allem begriffen sie Lernen als selbstständige Tätigkeit ("Selbsttätigkeit"). Wurde bis dahin die Situation des Kindes und Jugendlichen als Schwäche – weil Unfertigkeit – verstanden, vollzog sich jetzt in der Anthropologie (der Wissenschaft vom Menschen) ein Paradigmenwechsel. Ein neues Menschenbild setzte sich durch: Was als Schwäche des jungen Menschen erscheint, seine Unfertigkeit, ist in Wahrheit seine Stärke. Er kann nämlich in unbegrenztem Maße lernen und sich dadurch geistige und kulturelle Welten erschließen, die seine Herkunftsgebundenheit ins Unendliche überschreiten und erweitern können. Aus eben dieser Grundüberzeugung heraus denkt der Philosoph und Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt den Bildungsprozess des Menschen in solch euphorischen Begriffen wie Totalität, Universalität und Unendlichkeit (im Sinne von Unabschließbarkeit). Bildung – Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Das neue Konzept des Lernens ist eingebettet in ein neues Verständnis des Generationenverhältnisses: In der frühen bürgerlichen Leistungsgesellschaft werden Kindheit und Jugend als eigenständige und vollwertige Lebensphasen angesehen. Sie werden von nun an als Entwicklungsphasen wertgeschätzt, in denen der Grund gelegt wird für gesellschaftlichen Aufstieg (z. B. durch Schule und Studium Aufstieg in die entstehenden Funktionseliten einer privilegierten Beamtenschaft oder in die freien akademischen Berufe). Auch die Mädchen aus dem Bürgertum wurden als künftige Mütter und Erzieherinnen in die pädagogischen Überlegungen einbezogen. Ihre spezifische Aufgabe wurde darin gesehen, das „kulturelle Kapital“ der Familie zu sichern und zu mehren, also beispielsweise für eine gehobene dialektfreie Sprache, Strebsamkeit, sittsames Betragen und ein anständiges Erscheinungsbild der Kinder zu sorgen.

Die Devise "Aufstieg durch Bildung" ist eine der zentralen Verheißungen der bürgerlichen Gesellschaft. Sie gilt für alle, auch wenn nicht allen der Aufstieg gelingen kann. Doch alle müssen sich durch Lernen um den Erfolg und ihren zukünftigen Platz in der Gesellschaft bemühen. Die Schule wiederum soll durch eine aufgeklärte Pädagogik für alle Kinder günstige Lernbedingungen schaffen.


Fußnoten

1.
Ch. Raible (1874) Lesebuch für Volksschulen, 1. Schuljahr. Selbstverlag. Wäschenbeuren, Württemberg, S. 16, §23
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Autor: Ulrich Herrmann für bpb.de
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