Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

15.11.2005 | Von:
Werner Faulstich

Die Entfaltung der Bildkultur in den Medien des 20. Jahrhunderts

Bilder in Comics und Illustrierten

Cover des "Stern", Ausgabe Nr.7 von 1967.Cover des "Stern", Ausgabe Nr.7 von 1967. (© Gruner + Jahr AG & Co KG)
Das Medium Blatt als Bildmedium des 20. Jahrhunderts wurde bislang noch gar nicht erforscht, dürfte aber in Vielfalt, Reichweite und Nutzungsintensität mit an erster Stelle der Bildmedien dieser Periode stehen. Damit gemeint sind Flugblätter ebenso wie Bilder im kirchlich-sakralen Bereich (z.B. Andachtsbilder, Kommunionbilder), Poster und Wandbilder ebenso wie Sammelbilder, Spielkarten oder Ansichtskarten. Bei den Zeitungen erreichte die 1952 entstandene "Bild-Zeitung" Auflagen von über sechs Millionen und wurde zum Vorbild für viele andere Massenblätter wie etwa das "Hamburger Abendblatt" oder die "Münchener Abendzeitung".
Die Popgruppe "The Beatles" auf einem Bravo-Cover 1966.Die Popgruppe "The Beatles" auf einem Bravo-Cover 1966. (© Heinrich Bauer Zeitschriften Verlag KG)
Auch die Zeitschrift in ihrer bebilderten Form boomte in zahlreichen Varianten, insbesondere als "Illustrierte" und vielfältig sich ausdifferenzierende Frauen- und Modezeitschrift. Große Publikumszeitschriften wie "Stern", "Bunte", "Neue Revue", "Quick", aber auch Fernsehzeitschriften wie "HörZu" oder "TV Hören und Sehen" sorgten, zumal im Medienverbund, dafür, dass die Bebilderung der Welt alltäglich und selbstverständlich wurde.

Bilder prägten von nun an lebenszyklisch die Weltperspektive – angefangen von Bilderbüchern für Kinder über die Millionen von Comic-Heften sowie Jugend- und Aufklärungszeitschriften wie "Bravo", dem langjährigen Leitmedium bundesdeutscher Jugendkultur, bis zu den dominanten elektronischen Bildmedien Film und Fernsehen.

Graffiti und andere Wandbilder

Bilder prägten aber auch fast alle Milieus und sozialen Bereiche, angefangen von den Graffiti an Häusern und Brücken, in Unterführungen und U-Bahnen, die gerne von der Kultur-, Medien- und Bildgeschichte unterschlagen werden, bis zur etablierten Werbung. Noch heute erfreut sich das traditionelle Medium Wand in vielfältigen Formen einer meist subversiven Nutzung als Instrument für Proteste der unterschiedlichsten Art. Wohlbekannt ist die Gestaltung vieler Toilettenwände mit Sprüchen und Zeichnungen häufig sexuellen, teils aber auch politischen Inhalts, ähnlich die
Protest-Graffito "Wir nehmen es den Armen & geben's den Reichen".Protest-Graffito "Wir nehmen es den Armen & geben's den Reichen". (© New_man_13, Photocase)
Bebilderung von Gefängniswänden oder Schulbänken. Größere Öffentlichkeit erlangten Graffiti, die teils Kunstansprüche erheben, teils aufklären wollen; sie vor allem waren von Anarchie und Protest gegen das etablierte Bildverständnis geprägt.

Es gehört zum Charakter der komplexeren Graffiti ("Pieces"), dass sie in den entsprechenden Szenen der Jugend- und Alternativkultur Kultstatus erlangten, aber von den Gebäudebesitzern und Obrigkeiten als Sachbeschädigung verstanden und als Vandalismus verfolgt wurden. Freilich wurden vereinzelt nackte Betonwände explizit für legale Graffiti-Gestaltung zur Verfügung gestellt.

Die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre, die Sponti-Szene in den 70ern und eine ausgesprochene Graffiti-Kultur in den 80er Jahren, etwa in München und Berlin, bildeten unter dem Einfluss amerikanischer Vorbilder die Schwerpunkte dieser Außenseiter- und Randgruppen-Bilder in Deutschland.

Bilder in der Werbung

Opel RecordOpel Record (© Historisches Archiv der Adam Opel GmbH)
Nicht mehr nur das Plakat fungierte als Werbemedium, sondern auch die Illustrierten, die Filmwerbung im Kino und die Werbesendungen im Fernsehen – in steigendem Umfang und in zunehmender Komplexität. Seit zum Beginn des 20. Jahrhunderts die nachfrageorientierte Wirtschaft von der angebotsorientierten Wirtschaft abgelöst wurde und für ihre Produkte die Nachfrage nun erst kreieren musste, boomte die Bilderwerbung. Nach der simplen Produktreklame der Vorkriegszeit und der gleichgeschalteten Werbung im NS-Regime lösten die neuen Werbestile einander immer schneller ab und passten sich internationalen Vorgaben an: Erinnerungswerbung, Emotionalisierung, Lifestyle-Werbung, Einsatz identifikationsfähiger
Opel CorsaOpel Corsa (© Historisches Archiv der Adam Opel GmbH)
Werbefiguren, Image-Werbung, Schockwerbung, die auf Provokation abzielte, eine starke Erotisierung und Sexualisierung und vieles mehr, bis hin zu komplexen supramedialen integrativen Marketingstrategien insbesondere für Markenartikel der gehobenen Luxusklasse. Die Unterschiede hier sind enorm und spiegeln auch den jeweiligen Zeitgeist mit seinen dominanten, je unterschiedlichen Werten wider.

Die Werbebilder wurden immer stärker von ausgeklügelten psychologischen Erkenntnissen geprägt und dementsprechend subtiler und technisch perfekter. Neben die traditionellen Medien Zeitung und Zeitschrift, Plakat, Kinofilm und Fernsehen traten ab den 80er Jahren neue technische Möglichkeiten wie etwa die mobile Bandenwerbung in Fußballstadien oder das Citylight-Poster und vor allem das World Wide Web. Werbebilder erschienen zunehmend als genuiner Teil einer legitimen Bildkultur. Charakteristisch für dieses Crossover sind etwa die erstaunlichen Einflüsse, die frühere Werbefilmer als Regisseure von erfolgreichen Mainstream-Kinofilmen ausübten, wobei umgekehrt gelegentlich auch klassische Filmregisseure einen Werbe-Promotionfilm oder Videoclip gedreht haben.

Stationen der TV-Bilderwelt

Bildkultur präsentierte sich im 20. Jahrhundert in einem Medienverbund, der die Verführung übers Auge praktisch erzwungen hat. Leitmedium dieses geballten Angriffs auf Wahrnehmung und Handeln war das Fernsehen. Nach den Mühen der technischen Erfindungen seit 1884 und den ersten Versuchen des NS-Fernsehens nach der Machtübernahme 1933 begann die Geschichte des bundesdeutschen Fernsehens im Dezember 1952, zunächst geprägt vom Monopol des NWDR bzw. der ARD, dann von der Konkurrenz zwischen ARD und ZDF (1963-1983), von der Einführung des dualen Rundfunksystems (1984) mit dem Nebeneinander von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern und schließlich der Ausdehnung auf die neuen Bundesländer (ab 1991). In Funktionen ausgedrückt: ursprünglich "Fenster zur Welt" und Bildungsmedium, dann Informationskanal, Lebenshilfe, dann auch politische Aufklärung und Show als "Kitzel fürs Auge", schließlich Kommerzialisierung und Unterhaltung total.

Das Fernsehen präsentiert heute seine Bilder nach Programmschemata in drei großen Gruppen von Fernsehgenres (abgesehen vom Werbeprogramm, das etwa beachtliche 15 Prozent der täglichen Sendezeit ausmacht): Unterhaltungssendungen und Zielgruppenprogramme (Shows, Sportsendungen, Kinderfernsehen usw.), Informations- und Dokumentarsendungen (Nachrichten-, Magazinsendungen u.a.), fiktionale Sendungen (Serien, Fernseh- und Spielfilme u.a.). Sie sind ihrerseits jeweils spezifiziert; die Fernsehmagazine etwa in Politische Magazine, Kulturmagazine, Sportmagazine, Gesundheitsmagazine, Wirtschaftsmagazine, Frauenmagazine, Erotikmagazine und andere.

Übergreifend gilt neben der Programmformatierung jedoch dreierlei: das Grundprinzip des Programmkontinuums, mittlerweile mit einem 24-Stundenprogramm; die große Angebotsfülle eines Warenhauses oder riesigen Magazins, aus dem sich jeder nach seinem Geschmack bedienen kann; und die Dominanz der Unterhaltung oder Zerstreuung, die auch Informationssendungen ("infotainment") oder Bildungssendungen ("edutainment") prägt und Affektfernsehen unterschiedlichster Dimensionen erlaubt. Dass inzwischen Spartensender jeweils nur einem Sendungstypus bzw. einem Fernsehgenre verschrieben sind, unterstreicht nur noch das Prinzip der Ausdifferenzierung als Verbreiterung der Angebotspalette.


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