Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Nicole Selmer

"Wir sind keine Cheerleader, wir stehen nicht am Rand"

Weibliche Fans im Männerfußball

Fußballfrauen. Weibliche Präsenz in Institutionen

Hannelore Ratzeburg, Silvia Neid, Steffi Jones.Hannelore Ratzeburg, Silvia Neid, Steffi Jones. (© imago/Sven Simon)



Im März 2012 verordnete die UEFA sich selbst eine Quote von mindestens einer Frau für ihr wichtigstes Organ, das Exekutivkomitee, und berief die Norwegerin und ehemalige Aktive Karen Espelund als erste Vertreterin. Nur zwei Monate später zog der Weltfußballverband nach und berief Lydia Nsekera aus Burundi, Präsidentin des nationalen Verbandes, in das FIFA-Exekutivkomitee. Eine Quote von 40 oder auch nur 25 Prozent, wie sie für Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen wie Norwegen vorgeschrieben und europaweit zumindest diskutiert wird, erscheint für die Organisationen des Fußballs abwegig. Dessen Gremien rekrutieren sich zu einem großen Teil aus dem Kreis ehemaliger Aktiver, und hier ist der Männerfußball dem Frauenfußball, was ökonomisches Gewicht und die daraus folgenden professionellen Strukturen angeht, um Lichtjahre voraus und wird es voraussichtlich immer bleiben. Auch die Verwaltung und Regulierung des Frauenfußballs obliegt heute noch in vielen Fällen Männern.

Dennoch gilt: Wenn Frauen in Verbandsstrukturen wichtige Rollen einnehmen können, dann praktisch ausschließlich über die Nische Frauenfußball. Für den Deutschen Fußball-Bund ist hier Hannelore Ratzeburg die zentrale Figur. 1977 gelangte sie als Vertreterin für den seit sieben Jahren erlaubten Frauenfußball in den Spielausschuss und arbeitete sich – über strukturelle und persönliche Hürden hinweg – in weitere Gremien auf nationaler und internationaler Ebene. Die verdienstvolle Netzwerkarbeit von Ratzeburg hat zweifellos dazu beigetragen, mehr Frauen auch in Vereinen und Landesverbänden in verantwortliche Positionen zu bringen bis hin zur Rolle von Steffi Jones als Chefin des WM-Organisationskomitees 2011 und Direktorin der Abteilung Frauenfußball.

Diese Positionen in weiblicher Besetzung sind nur im Frauen- nicht im Männerfußball denkbar. Ob die institutionelle Diskriminierung, die "gläserne Decke" des Fußballs, langfristig dadurch verschwindet, dass die Hierarchien des Frauenfußballs durchlässiger für Frauen sind, bleibt abzuwarten.

Ausnahmeerscheinungen

In den Institutionen und Strukturen des Männerfußballs hingegen ist bis dato kaum eine Tendenz zu einer stärkeren Repräsentanz von Frauen zu erkennen: Britta Stegemann als Managerin der SG Wattenscheid in den 1990er-Jahren und Katja Kraus als Vorstandsfrau beim HSV zehn Jahre später sind bisher Ausnahmen geblieben und demzufolge immer wieder mit ihrer besonderen Rolle als "erste Frau" in ihrer jeweiligen Position konfrontiert. Interessant ist hier die Einschätzung von Katja Kraus, die in einem Interview im Juni 2011auf Basis ihrer langjährigen Erfahrung im Frauen- und Männerfußball einen Bewusstseinswandel durch Generationenwechsel konstatiert:

Zitat

Katja Kraus, Gesellschafterin der Sportmarketingagentur Jung von Matt/sports

Als ich 1996 Pressesprecherin bei Eintracht Frankfurt wurde, war die Skepsis der Männer groß, und sie haben ihr Spielfeld nach Kräften verteidigt. Durchaus auch mal mithilfe eines Fouls. Auch heute spielen Männlichkeitsrituale in der Fußballbranche noch eine große Rolle. Aber das weicht gerade etwas auf, da zunehmend Männer, die eine andere Vorstellung von Führung, Teamstruktur und Kommunikation haben, in verantwortlichen Positionen sind.


Die aktuell einzige Pressesprecherin eines Bundesligisten, Katharina Wildermuth beim 1. FC Nürnberg, will ihre Rolle nicht als spezielles Problem des Fußballs sehen, wie sie im Februar 2012 in einem Interview sagte.

Zitat

Katharina Wildermuth, Pressesprecherin beim 1. FC Nürnberg

In Deutschland sind Frauen heute im Durchschnitt besser ausgebildet als Männer, sie sind zielstrebig und ehrgeizig. Trotzdem sind sie in Führungspositionen unterrepräsentiert und verdienen in gleichen Positionen oft weniger. Das ist kein spezielles Problem des Fußballs, sondern in allen Branchen üblich.


Im Sportjournalismus zeigt sich ein ähnliches Bild: 2008 zählte der Verband Deutscher Sportjournalisten e. V. (VDS) unter seinen 3.600 Mitgliedern 10,5 Prozent Frauen, allerdings mit leicht steigender Tendenz. Im August 2003 waren es nur sechs Prozent. In leitenden Positionen sind Frauen auch im Sportjournalismus eine absolute Seltenheit, und auch mit ihrer Sicht- und Hörbarkeit steht es nicht zum Besten. Katrin Müller-Hohenstein ist als Moderatorin "des aktuellen sportstudios" des ZDFund bei Länderspielübertragungen etabliert, aber auch die einzige. Kollegin Monica Lierhaus bei der ARD ist zwar nur krankheitsbedingt nicht mehr im Einsatz, wurde im "Sportschau"-Team auch nicht durch eine Frau ersetzt.

Sabine TöpperwienSabine Töpperwien (© picture-alliance/dpa)


Im Radio sind Sabine Töpperwien beim WDR und Martina Knief beim HR die einzigen weiblichen Stimmen der allwöchentlichen ARD-Bundesligakonferenz. Claudia Neumann war 2011 die erste Frau, die ein Fußballspiel im deutschen Fernsehen kommentierte – zur WM der Frauen. Auch hier ist es bisher also nur die Nische Frauenfußball, die weibliche Präsenz möglich macht, und auch das erst sehr spät. Aktuell sucht der Bezahlsender Sky die "erste Live-Kommentatorin der Bundesliga" (gemeint ist hier tatsächlich die der Männer)[33]. Da diese Suche nicht unter professionellen Journalistinnen, sondern im Stil von Model- und Musikcastingshows erfolgt, ist davon jedoch nicht mehr als ein Marketinggag zu erwarten.

Sozialpädagogische Fanprojekte berücksichtigen geschlechtsspezifische Aspekte

Im Bereich der sozialpädagogischen Fanarbeit hingegen sind vergleichsweise viele Frauen beschäftigt – zumindest im Vergleich mit anderen Bereichen des Fußballs. Mit anderen Bereichen sozialer Arbeit verglichen ist der Anteil der hauptamtlich in den Fanprojekten beschäftigen Mitarbeiterinnen von 26 Prozent bei insgesamt 150 Beschäftigten in bundesweit 47 Fanprojekten eher niedrig[34]. Die Herausforderung, die sich in diesem Feld stellt, ist die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Aspekte. So formulierten es schon 1997 mehrere Fanprojektmitarbeiterinnen der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS) in einem Grundsatzpapier.

"Mädchenarbeit", also spezielle Angebote für weibliche Fans, gehört in vielen Fanprojekten zum Tätigkeitsspektrum und wird in aller Regel von den Kolleginnen geleistet, das heißt, eine weibliche Fachkraft ist meist Voraussetzung für diese Angebote. Ein Bewusstsein für die Beschäftigung der Mitarbeiter mit der Zielgruppe der weiblichen Fans fehlt jedoch oft. Auch eine geschlechtsreflektierte Arbeit mit Jungen, die deren spezifischen Zugang zum Fußball und Konzepte von Männlichkeit in der Fankultur in den Blick nimmt, ist noch weitgehend eine Leerstelle, wie die Erziehungswissenschaftlerin Esther Lehnert schreibt[35]:

Zitat

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit ist wichtig

In der Auseinandersetzung mit der Entwicklung von Fanprojekten fällt auf, dass es sich hierbei um eine Geschichte handelt, die eng verknüpft ist mit den Themen Gewalt und Männlichkeiten. Auffällig ist, dass es bei dem Thema Gewalt eine explizite Auseinandersetzung gibt, und dass es sie zum Thema Männlichkeiten nicht gibt, beziehungsweise bisher nur in marginaler Form. […]

Für diese wichtige Auseinandersetzung bedarf es männlicher Sozialpädagogen, die sich bereits mit ihrer Männlichkeit sowie ihren Vorstellungen über die Geschlechterordnung auseinandergesetzt haben und aus einer kritischen Auseinandersetzung heraus einen positiven Bezug zu ihrer eigenen Männlichkeit entwickelt haben.

In jüngster Zeit wird bei den Fanprojekten jedoch vermehrt in diese Richtung gedacht und gearbeitet: So stand auf dem von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) ausgerichteten Weiterbildungstreffen im September 2012 das Thema "Jungenarbeit" auf dem Programm.

Fußnoten

33.
http://info.sky.de/inhalt/de/medienzentrum-news-uk-12092012.jsp
34.
Auskunft der Koordinationsstelle Fanprojekte, Stand: Oktober 2012
35.
zitiert nach Esther Lenhardt 2006
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Autor: Nicole Selmer für bpb.de
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