Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Thomas Praßer

Zuviel Kult auf dem Kiez?

Die Fans des FC St. Pauli und die Kommerzialisierung des Fußballs

Als bunt, schrill, alternativ, links gilt die Fankultur „auf St. Pauli“. In den besetzten Häusern der Hafenstraße im Hamburg der 1980er Jahre bildete sich eine alternative Fankultur. Längst hat der Verein das rebellische Image erfolgreich vermarktet. Doch wie selbstbestimmt ist die Fankultur „auf St. Pauli“ heute?

Mannschaft des FC St. PauliDie Mannschaft des FC St. Pauli 2013 (© imago/Bearing)


Der FC St. Pauli ist neben dem FC Schalke 04 der wohl bekannteste Stadtteilverein in Deutschland. Diese Popularität ist jedoch weniger auf sportliche Erfolge zurückzuführen, obgleich der FC St. Pauli sich im deutschen Profifußball etabliert hat; vielmehr wurde seine Popularität durch sein Image generiert. Ein Image, welches der Verein nicht zu jeder Zeit pflegte und ihm erst, im Bezug auf sein Alter (gegründet wurde der FC St. Pauli im Jahre 1910), in der jüngeren Vergangenheit zugeschrieben werden kann. Eine zentrale Rolle bei der Bildung dieses Images übernahmen (die) Fans des Kiez-Klubs, welche im eigentlichen Sinne auch die Grundlagen für den sogenannten "Mythos FC St. Pauli"[1]schufen, und natürlich der Verein (beziehungsweise dessen Führung), der diesen Mythos in den letzten Jahren erfolgreich vermarktete.

Mythos FC St. Pauli

Die Grundlagen für den "Mythos FC St. Pauli" entstanden Mitte der 1980er-Jahre. In dieser Zeit befand sich der Verein, nachdem er einige Jahre zuvor bereits einmal insolvent war, in einer schwierigen Phase, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. Zwar konnte 1986 der Aufstieg in die zweite Bundesliga realisiert und damit eine Rückkehr ins Profigeschäft erreicht werden, jedoch kamen im Durchschnitt nur 3.000 bis 4.000 Zuschauer/-innen in das nahezu baufällige Stadion am Millerntor (ehemals "Wilhelm-Koch-Stadion", jetzt "Millerntorstadion"). Der Verein bemühte sich im 75. Jubiläumsjahr in der Außenwirkung um ein seriöses Erscheinungsbild und so schrieb die Vereinszeitung: "Am Millerntor ist man, trotz Reeperbahn-Nähe, gemütlicher geblieben, volkstümlicher"[2]. Die wenigen Fans beziehungsweise Mitglieder, die der Verein zu diesem Zeitpunkt hatte, passten sich diesem seriösen Erscheinungsbild an und waren eher den bürgerlichen Schichten und dem Arbeitermilieu zuzuordnen.

Interessant zu bemerken ist in diesem Zusammenhang, dass der Hamburger Stadtteil St. Pauli, insbesondere die Vergnügungsmeile rund um die Reeperbahn, unter anderem durch die ersten HIV-Fälle und immer wieder vorkommende Gewalt- und Tötungsdelikte (hervorgerufen durch Revierstreitigkeiten von Zuhältern und kriminellen Banden im Rotlichtmilieu) zu dieser Zeit nicht die ihr heute zugeschriebene Attraktivität ausstrahlte[3]. Ansonsten war der Stadtteil St. Pauli in vergangener Zeit ein Arbeiterviertel, welches vor allem günstigen Wohnraum bot. Dementsprechend gestaltete sich die soziale Struktur des Viertels. Bedingt durch den Hamburger Überseehafen bekam das Viertel eine multikulturelle Prägung, denn zahlreiche im Schiffsverkehr arbeitende Migranten, die aus allen Erdteilen kamen, siedelten sich in St. Pauli an. Diese Voraussetzungen machten den Stadtteil für alternative Milieus, Künstler/-innen, Studierende und ähnlich orientierte soziale Gruppen interessant[4].

Besetzte Häuser in der Hamburger HafenstraßeBesetzte Häuser in der Hamburger Hafenstraße 1996 (© picture-alliance/dpa)


Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte der Hamburger Stadtteil durch Hausbesetzungen in der Hafenstraße. In jener Straße wurden in den 1980er-Jahren mehrere Häuser von heutzutage sogenannten "Linksalternativen" besetzt. Mit den Besetzungen sollte ein Abriss der Häuser und eine vom Hamburger Senat geplante Neubebauung der Hafenstraße verhindert werden. Dieser sah eine luxuriöse Umgestaltung der Hafenstraße vor, die Hausbesetzer/-innen hingegen wollten den billigen Wohnraum erhalten. Immer wieder versuchte die Polizei (im Auftrag des Senats), die Häuser zu räumen, jedoch stieß sie regelmäßig auf großen Widerstand. Später wurden die Hausbesetzer/-innen weiterhin geduldet. Im Stadtteil St. Pauli entwickelten sich nach und nach unter der Bevölkerung Sympathien für die Hausbesetzer/-innen[5].

Eher zufällig entdeckten Teile der Hausbesetzer- und Sympathisantenszene, dass es in ihrem Viertel einen Fußballklub gibt, und gingen fortan ins Stadion. An dieser Stelle muss angeführt werden, dass der Fußball beziehungsweise die erste und zweite Bundesliga längst nicht die Strahlkraft der Gegenwart besaßen und sich wie oben bereits erwähnt zu den Heimspielen des FC St. Pauli nicht viele Zuschauer/-innen einfanden. Außerdem war der Fußball der 1980er-Jahre geprägt durch die in Deutschland aufkommende Hooliganszene, die sich weniger durch einen alternativen Geist, sondern eher durch maskulines Gebaren mit autoritär-nationalen Zügen und den Hang zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit anderen Fans (beziehungsweise Hooligangruppen) auszeichnete[6]. Hooligans begreifen das Stadion als einen Ort des Erlebens; stellen das Erlebnis in den Mittelpunkt und sind nicht mehr zwangsläufig als "fußballzentrierte" Fans einzustufen[7]. Diese Entwicklungen betrafen insbesondere auch den seinerzeit sehr erfolgreichen Bundesligaklub Hamburger SV (HSV). Das Heimstadion des HSV (das Hamburger "Volksparkstadion") war nicht nur Schauplatz der Gewalt von Hooligans, sondern auch ein Ort, an dem rechtsradikale Parolen ungehindert vorgetragen werden konnten. Demzufolge war dies kein Aufenthaltsort, an dem sich linksalternative Zuschauer/-innen wohlfühlten[8].

"Auf St. Pauli" hingegen bildete sich eine neue alternative Fangruppe, die später zu einer Fanszene anwuchs (die sich in einer größeren Anzahl von Gruppen oder Fanklubs organisierte) und deren Mitglieder nicht mehr nur den Hausbesetzerinnen und -besetzern der Hafenstraße zuzuordnen waren. Diese Fans füllten das Stadion wieder und begründeten ihr Kommen mit der guten "Stimmung" im "Millerntorstadion" und mit der Feststellung, dass es "auf St. Pauli" keine Schlägereien und keine Neonazis gebe beziehungsweise dass rechts gesinnte Fans ziemlich schnell verdrängt wurden[9].

Das bürgerliche Lager des Vereins reagierte zunächst schockiert auf die neuen Fanstrukturen, konnte sich aber nach einiger Zeit mit diesen anfreunden.[10] Die neue Fanszene brachte nicht nur gute Stimmung ins Stadion, sondern schaffte es auch innerhalb sehr kurzer Zeit, dem Verein ein neues Image zu geben. Dieses spiegelte sich vor allem in einem Symbol wider, welches von einem Hausbesetzer namens "Doc Mabuse" ins Stadion gebracht wurde[11]: das Totenkopfsymbol der Piraten.

FC St. Pauli: "Freibeuter der Liga"FC St. Pauli: "Freibeuter der Liga" (© imago/Bearing)


Die Hausbesetzerszene der Hafenstraße nutzte dieses Symbol zuweilen selbst, um ihre "Widerständigkeit" und ihr "Selbstbewusstsein"[12] zu artikulieren. Für den Verein gewann diese Symbolik in kürzester Zeit eine enorme Bedeutung, ebenso wie auch die neue Fanszene selbst. Attribute wie die "Freibeuter der Liga", "der etwas andere Verein" oder der "Kultklub"[13] wurden dem FC St. Pauli in der Folgezeit vor allem von Medien zugeschrieben. Daneben gilt für den FC St. Pauli als kleinen und eher unbedeutenden Stadtteilverein das Image des "Underdogs". Diese Attribute sollten in der Folgezeit die Popularität des FC St. Pauli befördern.

Die Etablierung der neuen Fanszene des FC St. Pauli

Eine wichtige Rolle in der Formierung dieser alternativen (und auch politisch engagierten) Fanszene nahm das Fanzine "Millerntor Roar!" in den prägenden Jahren 1989 bis 1993 ein. Das Fanzine wurde als eine Zeitschrift von und für Fans (Fanzine, Abkürzung für Fan-Magazin) konzipiert, um den Anliegen der Fans eine Stimme zu verleihen und um fortan über die Themenspektren Fans, Fußball, Verein, Entwicklungen im Viertel und Politik zu berichten. Dies stellte in der Bundesrepublik ein Novum dar, denn Fanzines gab es zu jener Zeit noch nicht[14].

Daneben wurde 1989/90 von aktiven Fans des FC St. Pauli der "Fanladen St. Pauli" (Fanladen) gegründet. Auch in dieser Einrichtung wollte man sich für die Belange der Fans einsetzen. "Der Fanladen kann als Geburtsort einer neuen Fankultur in Deutschland angesehen werden und gilt bis heute als eines der Vorbilder der alternativen Fanbewegung. Es war und ist immer ein wichtiges Anliegen gewesen, der 'tumben Masse' eine Stimme zu verleihen, den Fans eine Möglichkeit zu schaffen und ihre Interessen im kommerziellen Dschungel des professionellen Fußballs zu vertreten." (www.stpauli-fanladen.de/wir-bieten/) Mit diesen Worten beschreiben die Verantwortlichen des Fanlandens das Selbstverständnis ihrer Arbeit. Mit dem 1993 in Kraft getretenen Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS) wurde der Fanladen St. Pauli zu einem Fanprojekt (besondere Jugend- und Sozialarbeit) gemäß NKSS, blieb aber vom Verein unabhängig.

Fanblock FC St. PauliFanblock FC St. Pauli (© imago/Contrast)


Durch diese Multiplikatoren ("Millerntor Roar!" und Fanladen) konnte das Selbstverständnis beziehungsweise der alternative Geist der neuen Fans an Dritte weitertransportiert werden. Dies führte zu einem weiteren Anwachsen der alternativen Fanszene in den Folgejahren. Hinzugekommene Fans oder nachwachsende Fangenerationen gründeten wiederum neue Fangruppen, -klubs oder Fanzines, die aber den ursprünglichen Idealen größtenteils verhaftet blieben. Dies ist natürlich ein stetiger Prozess in der Fankultur, den jeder Fußballverein in ähnlicher Form erlebt (siehe hierzu auch Dembowski).

Außerdem führten die Gründungen von Fanladen und "Millerntor Roar!" dazu, dass sich die Fanszene des FC St. Pauli sowohl über anstehende Entscheidungen in Vereinspolitik, Stadtteilpolitik oder im "System Profifußball" informieren konnte als auch die Möglichkeit hatte, über jene zu diskutieren beziehungsweise Gegenmaßnahmen zu organisieren. Kurzum: Die Fans konnten ihre eigenen Interessen vertreten und taten dies auch.

Verhältnis Verein und Fans

Der Verein bekam dies nach kurzer Zeit bereits zu spüren. Denn fortan wurden am "Millerntor" nicht nur ungeliebte Gegner, sondern auch Entscheidungen der Vereinsführung (damaliger Präsident Dr. Otto Paulick) kritisch "begleitet". Als Beispiel sei hier der von der Vereinsführung 1989 geplante Umbau des Millerntorstadions zu einem "Sport- und Eventcenter" nach amerikanischen Vorbild (dem sogenannten "Sport-Dome") genannt. Neben dem Stadion sollte dieses Gebäude ein Einkaufszentrum und Freizeitmöglichkeiten beherbergen. Ein Anschluss an die Hamburger Messe war ebenfalls geplant. Vor allem kaufkräftigeres Publikum sollte angezogen werden. Gegen diese Pläne gab es seitens der neuen Fanszene Proteste und Demonstrationen (sogar Anwohnerinitiativen wurden gegründet), in denen immer wieder die Unverträglichkeit eines solchen Projektes mit der Sozialisation des Stadtteils und den Fans des FC St. Pauli betont wurden. Die Proteste zeigten Wirkung, denn kurze Zeit später begrub Präsident Paulick die Pläne wieder und stellte fest, dass mit dem ganzen "Drumherum" die "eigentlichen Fans" verprellt würden[15]. Der Protest der St.-Pauli-Fans war insofern neu, als dass sich Fans eines Fußballvereins erstmalig gegen Entscheidungen/Planungen der eigenen Vereinsführung auflehnten. Diesem Beispiel folgten viele Fans anderer Vereine und organisierten sich fortan unter anderem in bundesweiten Fanverbänden, wie zum Beispiel dem Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) oder "Pro 15:30" (später "ProFans"). Diese hatten es sich zur Aufgabe gemacht, für die Belange von Fans einzutreten[16].

Quellentext

Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF)

Im Verlauf der Saison 1993/94 gründete sich unter anderem aus dem Umfeld einer bundesweiten Fanzine-Szene sowie dem "alternativen" Milieu um den FC St. Pauli das Bündnis Antifaschistischer Fußballfans.

Sein Themenspektrum umfasste neben fanpolitischen Themen auch die steigenden neonazistischen Tendenzen in den Stadien sowie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und seiner Vereine. Mit zahlreichen Aktionen engagierte sich das Bündnis unter anderem für den Erhalt der Stehplätze, für die Beibehaltung des Samstags als weitgehend einheitlichen Spieltag, gegen das als immer absurder erachtete Merchandising der Vereine, gegen privates Bezahlfernsehen, für sozialverträgliche Ticketpreise, für die Distanzierung von Hooligangruppen, gegen aggressiven Nationalismus, Rassismus und zunehmend auch gegen andere Formen von Diskriminierung. Nicht zuletzt diese Themenvielfalt führte Ende 1995 zur Umbenennung in Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF).

Wichtige Mittel der Interessenvertretung waren dabei zum Beispiel die eigenen Szenepublikationen, Aktionen mit Bannern, Flugzetteln und Unterschriftenlisten in und um Stadien, Fankongresse, thematisch unterlegte Konzertveranstaltungen, lokale Gremien- und Lobbyarbeit in den Fanszenen sowie gezielte Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Zusammen mit ähnlichen Initiativen aus dem Fanzine- und Fanclubumfeld und sozialpädagogisch orientierten Fanprojekten waren das BAFF und andere lokale Faninitiativen mit ihren Aktionen besonders in den 1990er Jahren in fanmultiplikatorisch und gesellschaftsdiskursiv prägender Hinsicht wichtige Vorreiter für partizipativere und menschenrechtsorientiertere Fankulturen. Ihr zum Teil ironisch-distanzierter, humorvoller Einsatz für ein Self-Empowerment junger Fußballfangruppen passte sich ungewollt in die einsetzende Gentrifizierung des Fußballs ein: Ihr menschenrechtsorientiertes Engagement implizierte auch kulturalisierende Momente, die dem Produkt Fußball in seinem feuilletonisierten Image und damit der Ansprache neuer Zuschauergruppen durchaus zuträglich waren.

Quelle: Gerd Dembowski, APUZ


Für das Verhältnis zwischen der Vereinsführung des FC St. Pauli und den organisierten Fans bedeutet dies auch in den folgenden Jahren immer wieder eine Spannungsprobe. Viele Entscheidungen wurden von Teilen der Fanszene nicht mitgetragen oder kritisiert. In der Folgezeit wuchs auch die Zahl "oppositioneller" Vereinsmitglieder, die sich zum Beispiel in der Arbeitsgemeinschaft interessierter Mitglieder (AGiM) (www.fcstpauli.com/home/verein/gremien/agim) formierten und so eine kritische Stimme in den Gremien des Vereins bilden konnten.

Fußnoten

1.
Schmidt-Lauber 2008, S. 6
2.
Pahl/Nagel 2009, S. 254
3.
vgl. ebd. 224 f.
4.
vgl. ebd. 240 ff.
5.
vgl. ebd. 242 ff.
6.
König 2002, S. 69 ff.
7.
König 2002, S. 69 ff.
8.
vgl. 45 Min.: Mythos St. Pauli, NDR-Reportage
9.
Pahl/Nagel 2009, S. 261, Mathar 2008, S. 74
10.
vgl. 45 Min.: Mythos St. Pauli, NDR-Reportage, Interview mit Hans Apel und Volker Ippig
11.
Pahl/Nagel 2009, S. 258
12.
Mather 2008, S. 75
13.
Schmidt-Lauber 2008, S. 13 ff.
14.
Mathar 2008, S. 74 f.
15.
"Stadionwelt", Heft 03, 2005, S. 11
16.
Dembowski 2004, S. 124
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