Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Jens Kleinert

Zwischen Sieg und Niederlage

Zur psychischen Gesundheit im Profifußball

Depression, Burn-out und psychische Störungen im Profifußball


Hannover 96: Gedenken an Robert EnkeHannover 96: Gedenken an Robert Enke (© imago/Revierfoto)


Seit dem Selbstmord von Robert Enke im Herbst 2009 sind psychische Erkrankungen vermehrt auch ein Thema im Profifußball geworden. Immer wieder werden Fälle von Profispielern bekannt (oder ältere Fälle von der Presse erneut behandelt), die mit psychischen Erkrankungen zu tun haben. Depressionen spielen hierbei ebenso eine Rolle wie Burn-out, Alkoholismus oder Spielsucht. Jedoch stehen Depressionen und Burn-out deshalb im Vordergrund, da diese psychischen Störungsformen die häufigsten in der Gesamtgesellschaft und daher auch im Profifußball sind. Denn der professionelle Fußball ist ein Abbild gesellschaftlicher Bedingungen; das heißt, psychosoziale Belastungen aufgrund höchster Leistungsanforderungen im Fußball entsprechen den ähnlichen Belastungen in anderen Leistungsfeldern unserer Gesellschaft. Der Profifußball ist ein Arbeitsfeld, in dem psychische Erkrankungen nicht häufiger, aber auch nicht seltener auftreten als in anderen beruflichen Bereichen[54].

Depression im Profifußball

Wie in der Gesamtgesellschaft, so sind auch im Leistungssport Depressionen vermutlich die häufigsten psychischen Erkrankungen. Untersuchungen zur Häufigkeit von Depressionen im Sport oder Leistungssport geben Punktprävalenzen (das heißt zum Zeitpunkt der Befragung aktuell vorliegende Depressionen) zwischen 2 und 15 Prozent an[55]. Die Höhe der Prävalenzraten ist abhängig von der befragten Sportlergruppe und der Art der Frage (beziehungsweise der Erfassungsmethode) – beides variiert in den Untersuchungen in hohem Ausmaß. Zudem weisen neuere Befragungstechniken darauf hin, dass viele Depressive sich in Befragungen nicht als solche ausweisen (vermutlich also bewusste Falschaussagen eine Rolle spielen). So kann in der Studie von Breuer lediglich bei der Hälfte der Befragten sicher ausgeschlossen werden, dass sie sich mit dem Begriff "Depression" in Verbindung bringen[56].

Spezifische Daten zur Häufigkeit von Depressionen im Profifußball oder Fußball liegen nicht vor. Auch gibt es keine Forschungsdaten, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Sportarten belegen. Ebenso wenig zeigen die oben erwähnten Untersuchungen eindeutige Abhängigkeiten vom Leistungsniveau. Es muss daher vorerst davon ausgegangen werden, dass die genannten Zahlen gleichermaßen für den Profifußball wie für andere Sportarten oder Leistungsklassen zutreffen.

Unklar ist weiterhin inwieweit die in den Studien erfassten depressiven Verstimmungen behandlungsbedürftig sind. Die Abklärung einer behandlungsbedürftigen Erkrankung ist ein komplexer Prozess – wenige Fragen in einem Fragebogen[57] genügen hier sicherlich nicht. Sogenannte "Cut-off-Werte", die Kranke von Nichtkranken trennen sollen, besitzen zudem unterschiedlich hohe Fehleranfälligkeit – zumeist ist der Ausschluss einer Erkrankung verlässlicher als der Einschluss. Schließlich besitzt nicht nur die Diagnostik der Depression, sondern auch die Depression selbst viele Facetten. Teils liegen milde Ausprägungsformen vor[58], die insbesondere dann, wenn sie zeitlich begrenzt sind (episodisch) von selbst ausheilen können.

Depressionen entstehen nicht leistungssportspezifisch. Das heißt, Depressionen sind nicht auf den Lebensbereich "Sport" beschränkt, sondern vielmehr ein multifaktorielles, zumeist lebensübergreifendes Geschehen. Sie können zudem auf die vielfältigste Weise entstehen. Im Vordergrund stehen vermutlich psychodynamische Prozesse, das heißt Störungen der Selbstwahrnehmung, der Wahrnehmung des Umfelds, der Wahrnehmungen von Anforderungen und Lebensumständen oder besondere Lebensereignisse. Der sportliche Kontext ist hierbei nur einer von vielen Faktoren.

Den zwischenmenschlichen Beziehungen (Eltern, Freunde, Trainer, Mannschaftskollegen) scheint hierbei eine besondere Rolle zuzukommen[59]. In dem komplexen Feld von Selbstwahrnehmungen und -bewertungen sowie Fremdwahrnehmungen und -bewertungen entstehen letztlich Spannungen (das heißt Unklarheiten und Unstimmigkeiten), die mit emotionalen und motivationalen Störungen einhergehen. Diskutiert wird außerdem, dass dieser psychodynamische Krankheitsprozess durch genetische und andere körperliche Prozesse beeinflusst wird. Auch wenn im Profifußball solche Psychodynamiken durch die beschriebene Belastungsstruktur (Anforderungen, Arbeitsumstände) spezieller Art sind, gibt es keinen sportspezifischen Entwicklungsprozess der Depression.

Abzugrenzen von der psychodynamischen Entstehung der Depression sind exogene Depressionen, die auf physiologischem Weg entstehen. Im Sport könnten exogene Depressionen unter Umständen durch Kopfverletzungen, insbesondere Gehirnerschütterungen, entstehen. So konnten Guskiewicz u. a. einen Zusammenhang zwischen Gehirnerschütterungen und Depressionen im American Football finden[60]. Die Zusammenhänge sind jedoch eher klein und die Übertragbarkeit auf den Profifußball fraglich. Als exogen müssten Depressionen auch bezeichnet werden, wenn sie durch die physiologischen Abläufe des Übertrainings bedingt wären[61] – warum und wie Übertraining und Depression zusammenhängen, ist bislang jedoch ungeklärt. Gleiches gilt für den Zusammenhang zwischen Depression und dem "Acquired Training Intolerance"-Syndrom[62]. Schließlich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch Medikamentenkonsum exogene psychische Störungen auslösen kann – inwieweit Doping, Schmerzmittelkonsum oder Ähnliches hierbei eine Rolle spielen, ist bislang ungeklärt. Hinweise auf ungünstige Auswirkungen von Schmerzmitteln auf eine antidepressive Therapie sind allerdings bekannt.[63]

Burn-out im Profifußball

Ralf Rangnick tritt wegen eines Burn-out-Syndoms als Trainer des FC Schalke 04 zurückAuch unter Trainern: Im September 2011 trat Ralf Rangnick wegen eines Burn-out-Syndoms als Trainer des FC Schalke 04 zurück. (© picture alliance/Pressefoto Baumann )
Burn-out wird vielerorts als "Modeerkrankung" bezeichnet. Stattdessen ist Burn-out jedoch eine emotional-motivationale Störung mit hohem subjektiven Leidensdruck und somit hohem Krankheitsgehalt. Burn-out entsteht überwiegend durch eine problembehaftete individuelle Auseinandersetzung und Bewältigung von Leistungsanforderungen im Beruf oder in anderen Lebensfeldern. Leistungsanforderungen kommen dabei von außen (soziales Umfeld) oder von der Person selbst[64]. Burn-out ist nicht gleichzusetzen mit Depression – auch wenn viele Symptome ähnlich sind. Eine Differenzialdiagnose (das heißt eine Unterscheidung beider Krankheitsformen) ist notwendig, wenn auch schwierig[65]. Letztlich ist Burn-out bislang formal nicht als psychische Erkrankung anerkannt, weswegen die Behandlung zumeist unter dem Label Depression oder Anpassungsstörung durchgeführt wird.

Burn-out im Sport wurde bereits 1984 von Caccese zum ersten Mal bearbeitet[66]. Inzwischen liegen zwar viele Studien zu diesem Thema vor[67], jedoch sind Informationen zu Häufigkeiten von Burn-out spärlich. Zumeist liegen die Häufigkeitsangaben zu manifestem Burn-out bei circa fünf Prozent[68]. Raedeke legt die jüngsten und genauesten Prävalenzraten vor, in denen er Athleten charakterisiert, die im "Athlete Burnout Questionnaire" die beschriebenen Symptome durchschnittlich häufiger als nur "manchmal" erleben. Dies sind 5,4 Prozent der Männer, 9,0 Prozent der Frauen und 9,9 Prozent der Jugendlichen[69]. Im deutschen Bereich finden Breuer und Hallmann ähnliche Werte (11,4 Prozent) – allerdings fragen die Autorin und der Autor lediglich nach "Burn-out", was für eine Diagnostik unzureichend ist. Breuer und Hallmann konnten weiterhin mittels der Randomized-Response-Technik feststellen, dass 42,4 Prozent der Befragten eine ehrliche Antwort zu dieser Frage verweigerten[70] – warum verweigert wurde, ist nicht bestimmbar. Spezielle Zahlen zum Burn-out im Fußball oder gar Profifußball existieren nicht. Daher sind vorläufig die Daten aus den Leistungssport-Studien zu übernehmen.

Burn-out bei Athleten wird zumeist durch drei Ebenen näher charakterisiert[71]:
  1. emotionale und physische Erschöpfung
  2. Abwertung des Sports
  3. verringertes Leistungsgefühl
Diese Einteilung macht deutlich, dass die Entstehung von Burn-out sowohl körperliche Aspekte beinhalten kann (Erschöpfung) wie auch psychosoziale Aspekte (emotionale Beeinträchtigung, Abwertung der eigenen Arbeit, Selbstwertminderung). Zugleich zeigt dies, dass die Entwicklung von Burn-out einerseits an Stress und Stressbewältigung orientiert ist[72], andererseits aber auch an der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse im Rahmen des Leistungssports[73]. Dies konnte auch für den Fußballbereich bestätigt werden[74].

Sonstige psychische Erkrankungen im Profifußball und die Frage der Verursachung

Versager!Versager! "In dem komplexen Feld von Selbstwahrnehmungen und -bewertungen sowie Fremdwahrnehmungen und -bewertungen entstehen letztlich Spannungen (das heißt Unklarheiten und Unstimmigkeiten), die mit emotionalen und motivationalen Störungen einhergehen." (© imago/Matthias Koch)


Neben der Depression und dem Burn-out wird eine Reihe von anderen psychischen Störungen oder Erkrankungen in Zusammenhang mit Hochleistungssport angesprochen. Hierzu gehören beispielsweise Essstörungen, Körperbildstörungen, Zwangsstörungen, Suchtphänomene (Alkohol, Drogen, Medikamentensucht), Angststörungen oder Störungen der Persönlichkeit. Die Datenlage darüber, wie häufig diese Krankheitsbilder im Leistungssport auftreten, ist insgesamt – mit Ausnahme der Essstörung und des Schmerzmittelkonsums – gering. Darüber hinaus ist kaum etwas zum Profifußball bekannt. Noch unklarer als die Krankheitshäufigkeit ist, wie Leistungssport und die Entstehung psychischer Erkrankungen zusammenhängen. Drei verschiedene Zusammenhänge sind denkbar.

Sozialisationshypothese: Psychische Störungen sind die Konsequenzen von Bedingungen, die im Leistungssport vorliegen.

Für die Sozialisationshypothese ist das Burn-out von Fußballspielern ein typischer Vertreter. Wie zuvor beschrieben sind hier die hohen bio-psychosozialen Belastungen des Sports gepaart mit ungünstigen Persönlichkeitseigenschaften (zum Beispiel Perfektionismus) ursächlich vermutlich hauptverantwortlich. Denkbar ist auch, dass Suchtverhalten[75] in einzelnen Fällen durch den extremen Druck des Profifußballs – wie aber auch in anderen Hochleistungsbereichen – ausgelöst wird. Weitere Störungsbilder (zum Beispiel Körperbildstörungen und Essstörungen) können zwar in anderen Sportarten (zum Beispiel Gerätturnen, Skispringen, Ausdauersport) sozialisationsbedingt auftreten[76] – diese Krankheitsbilder spielen jedoch im Fußballsport vermutlich weniger eine Rolle.

Selektionshypothese: Menschen mit bereits bestehenden psychischen Problemen oder Erkrankungen wählen (bestimmte Arten von) Leistungssport.

Die Selektionshypothese spielt vermutlich eher eine untergeordnete Rolle im Sport und betrifft dann insbesondere Ausdauersportarten und den Fitnesssport. Menschen mit Zwangsstörungen, Essstörungen oder Körperbildstörungen finden in diesen Sportarten unter Umständen Bedingungen, die es ihnen ermöglichen, ihre Erkrankungen auszuleben[77]. Der Sport wird dann zur Bewältigung der Erkrankung instrumentalisiert – die Sportart selbst ist kein Verursacher der Störung, ermöglicht allerdings ihre Aufrechterhaltung.

Koinzidenzhypothese: Das Bestehen oder die Entwicklung von psychischen Störungen bei Leistungssportlern hat Gründe, die außerhalb des Sports liegen.

Für die Koinzidenzhypothese sind Depressionen oder andere klassische psychische Erkrankungen (zum Beispiel Angststörungen, Schizophrenie) typische Vertreter. Diese Erkrankungen sind ursächlich zumeist nicht auf einen Lebensbereich beschränkt und entstehen aus komplexen Wechselwirkungen zwischen körperlichen Voraussetzungen, Persönlichkeit und unterschiedlichen Lebensumständen. Berufliche Bedingungen (wie die des Profifußballs) besitzen hier am ehesten eine auslösende, aber keine grundsätzlich ursächliche Funktion.

Sozialisations-, Selektions- und Koinzidenzhypothese schließen sich nicht gegenseitig aus. So könnte eine Jugendliche oder Jugendlicher mit Tendenzen zur Körperbild- oder Essstörung aus diesem Grund beginnen, Ausdauersport zu betreiben (Selektion), wobei die Eigenarten der Sportart die Erkrankungstendenz nicht nur aufrechterhalten, sondern zusätzlich verstärken können (Sozialisation), und schließlich können Umstände außerhalb des Sports (Familie, Schule) zusätzlich krankheitsbildend sein (Koinzidenz).


Drop-outs als Hinweise auf psychische Störungen im Profifußball und Leistungssport

Vermutlich werden viele psychische (zum Beispiel emotionale und motivationale) Schieflagen bei Sportlerinnen und Sportlern gar nicht erkannt, führen allerdings schlussendlich zum Aufgeben des Leistungssports. Dieses Phänomen des Aufgebens ist auch als Drop-out bekannt. Die meisten Drop-outs ergeben sich im Jugendalter[78].

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Bis zu einem Fünftel der jugendlichen Athleten steigen, bezogen auf ein Jahr, aus dem Leistungssystem aus – dies gilt auch für den Fußball.
Quelle: Scharf/Bußmann/Alfermann 1990



Es ist zu vermuten, dass viele dieser Drop-outs nicht wegen mangelnder Leistungsfähigkeit, sondern wegen fehlender Bewältigung der vielfältigen psychosozialen Belastungen entstehen.

Typisch für Drop-outs ist, dass ihre Ursachen vielschichtig sind und meistens nicht eindeutig geklärt werden können[79]. Verantwortlich sind "komplexe Systeme und Faktoren innerhalb des Sports, beispielsweise im Rahmen der sportlichen Leistung, der Beziehung zum Trainer oder zur Familie, im Bereich der Schule und im Bereich des Alltags"[80]. In diesem komplexen System entstehen sowohl Belastungen als auch Ressourcen. Wenn die Belastungen die Ressourcen jedoch langfristig überwiegen, führt dies zur körperlichen und emotionalen Überforderung. Daher sind Drop-outs fast immer begleitet von körperlichem oder emotionalem Missbefinden, die diese Überforderungssituation abbilden. In gewisser Weise kann das letztendliche Aussteigen aus dem Leistungssystem sogar als Schutzmechanismus gegen eine Chronifizierung der Überforderung (und hiermit als Schutz gegen eine Stabilisierung der Störung) verstanden werden.

Fußnoten

54.
Hoyer/Kleinert 2010
55.
Brewer u. a. 1995; Thiel u. a. 2010; Hautzinger u. a. 2011; Breuer/Hallmann 2012
56.
Brewer u. a. 1995
57.
oder die bloße Frage, ob der Sportler unter Depressionen leidet wie bei Breuer/Hallmann 2012
58.
Cogan 2000
59.
Cogan 2000; Baron u. a. 2009
60.
Guskiewicz u. a. 2007
61.
Armstrong/VanHeest 2002
62.
St. Clair Gibson u. a. 2006
63.
Gallagher 2012
64.
Maslach 1979
65.
Berger u. a. 2012
66.
Caccese/Mayerberg 1984
67.
Übersichten finden sich bei Dale/Weinberg 1990; Goodger u. a. 2007
68.
Raedeke 1997; Gustafsson u. a. 2007
69.
Raedeke/Smith 2009
70.
Breuer/Hallmann 2012
71.
(Raedeke 1997; Raedeke/ und Smith 2001)
72.
Raedeke/Smith 2004
73.
Kleinert u. a. in review
74.
Curran u. a. 2011
75.
vgl. Gutgesell/Canterbury 1999
76.
Gardner/Moore 2006
77.
Kleinert u. a. 2013
78.
Feigley 1987
79.
Elbe u. a. 2003
80.
Kleinert 2010, S. 17
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Autor: Jens Kleinert für bpb.de
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