Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Jens Kleinert

Zwischen Sieg und Niederlage

Zur psychischen Gesundheit im Profifußball

Gesundheitsförderung, Prävention und Früherkennung psychosozialer Störungen im Profifußball

Hannovers Torwart Markus Miller nimmt nach einer psychischen Erkrankung wieder Training aufHannovers Torwart Markus Miller (r.) im November 2011 auf dem Trainingsplatz. Nach elf Wochen stationärer Behandlung aufgrund einer psychischen Erkrankung beginnt Miller wieder mit dem Training. (© picture-alliance/dpa)


Während die Behandlung von psychischen Erkrankungen im Leistungssport therapeutische Einrichtungen und Fachleute notwendig macht[81], sind die Förderung der psychischen Gesundheit, die Prävention sowie die Früherkennung Aufgaben, die im Kontext des Profifußballs oder Leistungssports anstehen. Das heißt, diese gesundheitsförderlichen und präventiven Aufgaben sollten ein selbstverständlicher Bestandteil des Trainings, des Wettkampfs und des alltäglichen Lebens im Profi- und Leistungssport sein. Die Erfüllung dieser Aufgaben obliegt nicht nur Fachleuten, sondern ist zu einem großen Teil – im Bereich der Gesundheitsförderung sogar überwiegend – durch die alltäglichen Akteure des Leistungssports zu gewährleisten oder umzusetzen.

Prävention zielt darauf ab, die Entstehung von Krankheiten zu vermeiden, indem Bedingungen von Erkrankung vermieden oder beseitigt werden (Primärprävention). Demgegenüber orientiert sich Gesundheitsförderung nicht an der Entstehung von Krankheiten, sondern an der Stärkung von Gesundheit. Schließlich wird im Rahmen von Früherkennung (auch Sekundärprävention) versucht, Krankheiten in einem sehr frühen Entwicklungsstadium festzustellen, um deren eigentlichen Ausbruch (zum Beispiel die Entwicklung zusätzlich belastender Symptome) zu verhindern.

Die drei genannten Bereiche Gesundheitsförderung, Primärprävention, Früherkennung beschreiben die entscheidenden Zielstellungen von Maßnahmen im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit und der Verhinderung psychischer Erkrankungen.

Systematische Programme zur Förderung psychischer Gesundheit und zur Prävention psychischer Erkrankungen liegen im Profifußball oder auch im Leistungssport nicht vor. Ein erster Ansatz wurde durch die im Frühjahr 2011 gegründete Initiative "MentalGestärkt" gemacht. MentalGestärkt setzt sich zur Aufgabe, die Förderung der psychischen Gesundheit sowie die Prävention psychischer Störungen im Feld des Leistungssports zu stärken. Zugleich soll im Falle der Erkrankung von Leistungssportlern oder Trainern beziehungsweise Betreuern schnell die beste Hilfe bereitgestellt werden (www.mentalgestaerkt.de; [82]).

Für die Arbeit in Vereinen und Verbänden geben die folgenden Tabellen ein Raster vor, was für die Erstellung einer Leitlinie zur Förderung psychischer Gesundheit und zur Prävention psychischer Erkrankungen im Leistungssport geeignet ist. In einer solchen Leitlinie müssen Empfehlungen für leistungssportspezifische Maßnahmen und Ansatzstellen gegeben werden, die dem Ziel der psychischen Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention dienen. Eine Leitlinie sollte hierbei neben den grundlegenden Zielstellungen (Gesundheitsförderung, Primärprävention, Früherkennung) und Maßnahmenkomplexen auch unterschiedliche Zielgruppen und diagnostische Abläufe beschreiben.

Leitlinien zur Förderung der psychischen Gesundheit von Profifußballern sowie der Primärprävention und der Früherkennung psychischer Erkrankungen (für die Arbeit in Vereinen und Verbänden

Leitlinienraster für Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit sowie zur Primärprävention und Früherkennung psychischer Erkrankungen im LeistungssportRedaktion: Jens Kleinert. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Die Berücksichtigung unterschiedlicher Zielgruppen

Die Berücksichtigung unterschiedlicher Zielgruppen (das heißt neben den Athleten selbst auch Trainer, Betreuer sowie Familienangehörige etc.) dient gleichermaßen der Effektivität und Nachhaltigkeit von Maßnahmen. Effektivität wird verbessert, wenn Gesundheitsförderung und Prävention von unterschiedlichen Richtungen aus (das heißt von unterschiedlichen Menschen) gestärkt werden. Nachhaltigkeit steigt, indem die Kompetenz von stetigem Personal (zum Beispiel medizinische Betreuer) oder die Einstellung von politischen Stakeholdern (zum Beispiel Vereinsführung) verändert wird.

 
Zielgruppen*
 
AthletenSportliches UmfeldAußersportliches UmfeldSonstige Akteure
z. B. Nachwuchs, Spitzensportler, ausgeschiedene Athletenz. B. Teamkollegen, Trainer, Betreuer, psych./pädag./mediz. Fachpersonalz. B. Eltern, Freunde, Partner z. B. Funktionäre, Vereinsführung, Schiedsrichter
*Zielgruppen: Einbeziehung bzw. Berücksichtigung von Zielgruppen (neben den Athleten selbst) zur effektiven und nachhaltigen Gesundheitsförderung und Prävention.

Individuumsorientierte Maßnahmen

Maßnahmen, die auf die individuelle Person ausgerichtet sind (auch "Verhaltensprävention"), versuchen im Kern, Zielgruppen zu befähigen, Ressourcen für die eigene psychische Gesundheit wahrzunehmen und zu stärken sowie mit Belastungen und Beanspruchungen des Profisports umzugehen. Das Verständnis von sich selbst ist hierbei ebenso wichtig wie das Erwerben von Wissen und psychosozialen Kompetenzen. Sich selbst zu verstehen (zum Beispiel die eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Möglichkeiten reflektieren) und stimmig hiermit die eigenen Kompetenzen zu entwickeln ist das Grundprinzip der Persönlichkeitsbildung, die darauf hinwirkt, dass sich alle Aspekte des Erlebens und des Verhaltens "zu einer Einheit integrieren, dass sie sich auf ein Ich beziehen"[83]. Je stimmiger und in sich passender diese Integration stattfindet, desto stärker ist psychische Gesundheit ausgeprägt. Zur Entwicklung dieser Stimmigkeit gehören auch die Beziehungen der Sportlerin beziehungsweise des Sportlers zum eigenen Körper und das soziales Umfeld. So sollte der Körper auch in scheinbar negativen Situationen akzeptiert werden[84]. Die Beziehungen zum sozialen Umfeld (zum Beispiel soziale Identität, Einbezogenheit oder Unterstützung) erklären bekanntermaßen einen großen Teil von Wohlbefinden und psychischer Gesundheit[85].

 
Individuumsorientierte Maßnahmen*
 
SelbstreflexionWissensvermittlung Umgang mit BeanspruchungSoziale Kompetenzen
z.B. Ziele/ Bedürfnisse erkennen, Fähigkeiten/ Gelegenheiten einschätzenz. B. Hintergründe von psychischer Gesundheit/ Krankheit, Präventionsmöglichkeitenz.B. Ärger- und Angstbewältigung, Umgang mit Misserfolgz.B. Kommunikation, Konfliktlösung, soziale Unterstützung nutzen/geben
*Individuell ausgerichtete Maßnahmen, durch die Athleten und Zielgruppen befähigt werden, Ressourcen für die eigene psychische Gesundheit wahrzunehmen und zu stärken sowie mit Belastungen und Beanspruchungen des Profisports umzugehen.

Ebenso wichtig wie die Förderung einer stimmigen Persönlichkeit ist die Entwicklung von Abwehrtechniken und Strategien bei belastenden und konfliktreichen Einflüssen. Zu solchen Einflüssen gehören motivationale Zwänge (für Leistungssport durchaus typische extrinsische und stressinduzierende Motivationslagen;[86]) ebenso wie alle weiter oben beschriebenen Belastungen und Beanspruchungslagen. Daher beziehen sich Abwehrtechniken und -strategien für Leistungssportler auf Belastungsmanagement[87], Emotionsbewältigung (zum Beispiel Umgang mit Angst oder Ärger[88]); oder auf Konfliktfähigkeit[89].

Bedingungsorientierte Maßnahmen

Maßnahmen, die sich auf gesundheits- oder krankheitsförderliche Bedingungen beziehen, werden auch unter dem Begriff "Verhältnisprävention" zusammengefasst. Letztlich geht es hierbei um eine Veränderung in äußeren Einflussfaktoren auf gesundheitsrelevante Handlungen. Materielle, räumliche und zeitliche Bedingungen gehören ebenso hierzu wie der Einfluss durch andere Menschen und vorgegebene Aufgaben oder Abläufe. Besonders entscheidend ist es, dass für typische Konzepte des Profifußballs (zum Beispiel diagnostische Prozeduren, Aufbau von Nachwuchszentren) psychosoziale Standards entwickelt werden (Leitlinien), durch die psychosoziale Diagnostik und Intervention automatisch berücksichtigt werden.

 
Bedingungsorientierte Maßnahmen*
 
Abläufe/AufgabenPersonalZeit/Raum
z.B. Rituale, Leitlinien/ Standards einführen, Freiräume gebenz.B. Vernetzung mit Fachleuten, Schulung von Betreuernz.B. fester Ort für das Thema, regelmäßige Thematisierung
*Bedingungsorientierte Maßnahmen – Einrichtung organisatorischer, personeller und zeitlich-räumlicher Standards

Beachtung besonderer Situationen

Neben dem geschilderten systematischen Vorgehen müssen leistungssportspezifische, besondere Situationen und Ereignisse besonders berücksichtigt werden. Solche Ereignisse (beispielsweise Verletzungen, Vereinswechsel, Karriereende) sind typischerweise mit einem hohen und höchsten Stresspotenzial ausgestattet, was die Entwicklung stressinduzierter Störungen oder Erkrankungen begünstigt. Die aufmerksame Begleitung der Athleten in solchen Phasen ist somit ein sehr wichtiges Aufgabengebiet der Primär- und Sekundärprävention psychischer Erkrankungen im Profifußball und Leistungssport.

 
Beachtung besonderer Situationen/Ereignisse, z. B.*
 
VerletzungenLeistungskrisenVereinswechselKarriereende
z.B. Angst/Unsicherheit, psychosomatische Prozessez.B. Karriereangst, Übertrainingsprozessez.B. kulturelle Probleme, familiäre Problemez.B. Lebensperspektiven, Existenzfragen
*Beachtung psychosozialer Aspekte in besonderen Lebenssituationen und bei besonderen Ereignissen

Agierende Personen

An der Gestaltung psychisch gesundheitsförderlicher Bedingungen oder der Reduktion oder Bewältigung von psychosozialen Stressoren sind eine Vielzahl von unterschiedlichen Personengruppen beteiligt, die ebenso unterschiedliche Qualifikationsprofile mitbringen. Die Spanne reicht vom Laien (zum Beispiel Familienangehörige, Partner), der aufmerksam für Ressourcen oder Bewältigungsprozesse sein sollte, bis hin zum (beispielsweise psychologischen oder psychotherapeutischen) Experten, der Frühsymptome von Krankheiten erkennen und angemessen reagieren können sollte. Erst die Vernetzung dieser Akteure (unter Einbezug von Vereinsführung und Betreuerstab) macht nachhaltige und wirksame Konzeptionen der Gesundheitsförderung und Prävention möglich (ein Beispiel hierfür ist das durch die Sportstiftung NRW geförderte Konzept www.mentaltalent.de).

2.06.2013, 3. Liga: Relegationsspiel – Schlussjubel RB Leipzig, Sportpsychologe Philipp Laux (li.) und Torwart Fabio Coltorti.2.06.2013, 3. Liga: Relegationsspiel – Schlussjubel RB Leipzig, Sportpsychologe Philipp Laux (li.) und Torwart Fabio Coltorti. (© imago/Picture Point)


Maßnahmen zur Förderung psychischer Gesundheit oder zur Prävention von psychischer Erkrankung finden zudem in Betreuungs- und Beratungssettings statt, die eine unterschiedlich starke Nähe zur Person des Spielers (oder des Leistungssportlers) und seinen beruflichen Aufgaben besitzen. Je näher agierende Personen dem Spieler beruflich stehen, desto eher können sie leistungssportspezifische Belastungen und förderliche oder krank machende Umgebungsfaktoren einschätzen ("kontextuelle Intelligenz";[90]). Andererseits führt diese Nähe bei manchen Akteuren (zum Beispiel Trainer, Physiotherapeuten) dazu, dass Interessenskonflikte wahrscheinlicher werden. Umso wichtiger ist es, dass psychologische Fachleute (zum Beispiel vereinsnahe Sportpsychologen), die eng mit Verein, Verband und Spielern verbunden sind, einer professionelle Distanz und ihrer ethischen Verpflichtung gerecht werden[91], wenn das psychosoziale Gesundheitswohl oder die Verhinderung psychischer Erkrankungen gefragt sind. Externe Fachleute – zum Beispiel externe Sportpsychologen oder Psychotherapeuten – besitzen zwar weniger kontextuelles Wissen, haben jedoch in gewissen Fragen durch ihre Distanz eine konfliktfreiere Sicht auf notwendige Maßnahmen. Letztlich ist entscheidend, dass das beteiligte Fachpersonal im Bereich der Förderung psychischer Gesundheit und der Prävention psychischer Erkrankungen angemessen ausgebildet ist[92].

Diagnostik der Ausgangslage

Das Verständnis für die psychosozial relevanten Prozesse und Abläufe ist grundlegend für die Planung von geeigneten Maßnahmen, die Kontrolle ihrer Durchführung und Effektivität sowie die weitere Entwicklung von Konzeption der psychologischen Gesundheitsförderung und -prävention. Die Systematik und Ausrichtung von Diagnostik ist hierbei insbesondere durch die grundlegenden Zielrichtungen (Gesundheitsförderung, Primärprävention, Früherkennung) vorgegeben. Je nach Ziel steht daher entweder die Erfassung von gesundheitsförderlichen (salutogenetischen) Eigenschaften oder Handlungsbedingungen im Vordergrund oder die Diagnostik von Belastungen beziehungsweise Beanspruchungen oder Frühsymptomen. Ob unspezifische Messmethoden und Diagnostik sich für den speziellen Bereich des Profifußballs oder Leistungssports eignen, ist bislang nicht hinreichend erforscht. Allerdings steht inzwischen eine Anzahl kontextspezifischer (das heißt für den Leistungssport entwickelter) Verfahren zur Verfügung[93] oder technologische Entwicklungen[94], die von entsprechend ausgebildeten Personen eingesetzt werden können.

 
Diagnostik*
 
Fehlende Ressourcen feststellen (zur Salutogenese)Krankheitsbegünstigende Prozesse erkennen (zur Primärprävention)Frühe Krankheitsprozesse erkennen (Früherkennung)Effekte von Maßnahmen erfassen (Qualitätskontrolle)
z.B. Analyse von Gesundheitskompetenzen, Erholungsanalyse, Sozial- und Gruppenstrukturz.B. Stressanalyse, Mehrfachbelastungen erkennen, auffälliges Freizeitverhalten, Verletzungen, Leistungskrisenz.B. Burnout– /Depressionsscreenings, Angst- und psychosomat. Symptome, Medikamentenkonsumz.B. Verbesserung von Kompetenzen, Reduzierung von Beanspruchungen
*Diagnostik der Ausgangslage

Fußnoten

81.
Hoyer/Kleinert 2010
82.
Sulprizio 2011
83.
Fisseni 1998, S. 5
84.
zum Beispiel Schmerz, Schwäche, Verletzung; vgl. Moegling 2006
85.
Hagen 2011
86.
Kleinert 2010
87.
Kellmann/Kallus 2000
88.
Allmer 1996
89.
Fritsch/Weber 1991
90.
Brown u. a. 2005
91.
Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft 2004; Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V.; Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in der Bundesrepublik Deutschland e. V.
92.
Wyllemann u. a. 2009
93.
vgl. Diagnostikportal des Bundesinstituts für Sportwissenschaft; siehe auch Kellmann u. a. 2006
94.
vgl. www.webmood.de
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Autor: Jens Kleinert für bpb.de
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