Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

15.2.2016 | Von:
Jörn Quitzau

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Die Ökonomie der Bundesliga

Fußballunternehmen und Eigentümerverhältnisse

Rechtsformen der Bundesligisten im ZeitablaufRechtsformen der Bundesligisten im Zeitablauf (© bpb)
Bis zur Saison 1998/99 hatten sämtliche deutsche Erst- und Zweitligisten die Rechtsform des Vereins. Der wirtschaftliche Boom machte die Möglichkeit zur Umwandlung der Vereine in Kapitalgesellschaften erforderlich. Im Oktober 1998 beschloss der DFB-Bundestag, dass künftig auch in Kapitalgesellschaften umgewandelte Vereine am Spielbetrieb teilnehmen dürfen.

Mehrere Gründe sprachen für die Weiterentwicklung der Organisationsstrukturen. Angesichts der Millionenumsätze der Profivereine drohte eine Rechtsformverfehlung. Der wirtschaftliche Geschäftsbetrieb eines gemeinnützigen Vereins ist zwar generell durch das sogenannte Nebenzweckprivileg gedeckt, aber Juristen waren mehrheitlich der Meinung, dass im konkreten Fall der Bundesligisten das Nebenzweckprivileg überschritten wurde [18]. Hinzu kam die Absicht, das Management der Fußballvereine zu professionalisieren. Dies sollte in einer Kapitalgesellschaft leichter gelingen als in einem Verein. Der Hauptgrund für die Umwandlung dürfte jedoch der gestiegene Kapitalbedarf der Vereine sein [19]. Um die teuren Spielerkader und die damals notwendigen Stadionaus- oder -neubauten zu finanzieren, mussten neue Finanzierungsquellen erschlossen werden.

Tatsächlich haben die Fußballunternehmen bei der Finanzierung seit der Jahrtausendwende neue Wege beschritten. Ein Meilenstein war der Börsengang von Borussia Dortmund (als Kommanditgesellschaft auf Aktien) im Jahr 2000. Es war der erste und bislang einzige Börsengang eines deutschen Fußballunternehmens. Mit einem Emissionserlös von rund 130 Millionen Euro war der Börsengang für Borussia Dortmund ein finanzieller Erfolg, für die Aktionäre war er jedoch eine herbe Enttäuschung.
Fußball-Bundesliga: BVB-Aktie startet an der Börse
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Caption: Auf einer Anzeigetafel am Dortmunder Westfalenstadion wirbt der
Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund am 31.10.2000 für den Start der
BVB-Aktie an der Frankfurter Börse. Der erste Börsenkurs für die Aktie eines
deutschen Fußball-Vereins lag kurz nacBorussia Dortmund wirbt am 31.10.2000 für den Start der BVB-Aktie an der Frankfurter Börse (@dpa - Sportreport).
Sie mussten – wie zuvor die Aktionäre vieler börsennotierter Fußballunternehmen im europäischen Ausland – im weiteren Verlauf deutliche Kursverluste hinnehmen. Direkt nach dem Börsengang erreichte die BVB-Aktie am 31. Oktober 2000 einen Höchstkurs von 9,41 Euro, um danach einen lang anhaltenden Abschwung bis unter den Wert von einem Euro zu erleiden. Selbst nach dem Gewinn von zwei deutschen Meisterschaften und nach dem Einzug in das Champions League-Finale 2013 konnte sich der Aktienkurs gerade einmal zwischen 3,50 und 4 Euro einpendeln. Nach einem kurzzeitigen Hoch von gut 5 Euro im Sommer 2014 – dies dürfte den gestiegenen Marktwerten der Dortmunder Nationalspieler nach dem WM-Sieg geschuldet sein – sank der Aktienkurs infolge der sportlichen Krise während der Spielzeit 2014/15 wieder unter 3,50 Euro und hat nach dem erfolgreichen Saisonstart 2015/16 bei etwa 4 Euro einen neuen Orientierungspunkt gefunden. Der Praxistest hat damit in Deutschland die theoretischen Bedenken – und die enttäuschenden Erfahrungen im Ausland – gegenüber Börsengängen von Fußballunternehmen bestätigt [20].

Der Dortmunder Börsengang war nicht die einzige Innovation im Bereich der Finanzierung: Dortmunds Erzrivale, der FC Schalke 04, sorgte mit der sogenannten Schechter-Anleihe für Aufsehen. Statt eines gewöhnlichen Bankkredits hatte sich der Revierklub auf Vermittlung des Briten Stephen Schechter über Asset Backed Securities (ABS) finanziert, bei denen künftige Zahlungsansprüche (wie Zuschauereinnahmen) verbrieft und verpfändet wurden. Inzwischen hat der FC Schalke 04 die Schechter-Anleihe vorzeitig abgelöst und den Restbetrag umfinanziert.

Im Jahr 2012 war es wiederum der FC Schalke 04, der als erster Bundesligist eine sogenannte Mittelstandsanleihe über den Kapitalmarkt platziert hat. Damit hat sich der Profifußball wieder ein kleines Stück in Richtung "regulärer" Wirtschaft fortentwickelt. Zuvor hatten einige Vereine (unter anderem der FC St. Pauli und Hansa Rostock) "Fan-Anleihen" ausgegeben. Die Vereine wenden sich damit direkt an die Zahlungsbereitschaft ihrer Fans, bieten im gegenwärtigen Niedrigzinsumfeld attraktive Konditionen und gewähren – bei Erreichen eines konkret definierten sportlichen Zieles – zum Teil sogar einen Zinsaufschlag.

Prinzipiell wird der Wettbewerbsdruck die Klubs künftig verstärkt neue Finanzierungswege beschreiten lassen. Mit Blick auf das "Geschäftsmodell Fußball" haben einige Finanzierungsformen gute Aussichten auf Erfolg. Zu den erfolgversprechenden Modellen gehören die strategischen Partnerschaften zwischen Sponsoring-Unternehmen und Bundesligaklubs. Auch Mäzene werden ihren Platz im Fußball haben. Die "Forfaitierung" bzw. Abtretung von Marketing-Rechten ist bereits vielfach erprobt und hat sich bewährt. Schließlich stehen auch die Erfolgsaussichten für Finanzinvestoren in ausgewählten Fällen nicht schlecht.

Dagegen dürften verschiedene Finanzierungsformen keine große Zukunft haben: Mittelstandsanleihen, Asset Backed Securities und ein Börsengang wurden in der Bundesliga zwar bereits praktiziert, doch unter Berücksichtigung der Interessen aller Beteiligten sind die oben genannten Finanzierungsformen attraktiver. Leicht ungewiss ist die Zukunft der Genussscheine. Sie dürften aufgrund emotionaler Investitionsmotive von Fans nicht ganz von der Bildfläche verschwinden. Reine Bankdarlehen spielen zwar heute noch eine wichtige Rolle in der Kapitalstruktur diverser Bundesligisten, doch die Bedeutung des Bankdarlehens dürfte tendenziell abnehmen.

Die 50+1-Regel

Schalke-Fans für die 50+1-RegelSchalke-Fans für die 50+1-Regel (© picture-alliance/Sven Simon )


Die Transformation von gemeinnützigen Vereinen zu umsatzorientierten Wirtschaftsunternehmen wirft die Frage auf, wem das Unternehmen gehört, wer etwaige Gewinnaneignungsrechte hat und wer die unternehmerischen Entscheidungen trifft. Die DFL hat eine spezielle Regel in ihre Satzung (§ 8, Absatz 2) aufgenommen, nach der es Investoren nicht möglich ist, die Stimmenmehrheit an einer Kapitalgesellschaft zu erwerben, die für die Liga spielberechtigt ist. Wenn also Vereine ihre Lizenzspielermannschaft in eine Kapitalgesellschaft ausgliedern, dann müssen mindestens 50 Prozent plus eine Stimme beim Mutterverein verbleiben. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass – im Gegensatz zur britischen Liga – alle Entscheidungen vom Verein und nicht von Investoren getroffen werden. Allerdings dürfen Investoren die Kapitalmehrheit halten.

Die 50+1-Regel ist umstritten [21]. Befürworter sehen durch sie traditionelle Sportwerte vor sportfremden Interessen geschützt. Gegner argumentieren, die Bundesliga würde finanziell (und damit langfristig auch sportlich) im internationalen Vergleich zurückfallen. Wenn Investoren dauerhaft von der 50+1-Regel abgeschreckt werden, kann die Bundesliga mit ausländischen Ligen wie zum Beispiel der Premier League nicht mehr mithalten, in denen Mäzene und Investoren große Summen in Vereine wie Manchester City und Chelsea London stecken. Zudem ständen faktisch auch in der Bundesliga bereits mehrere Vereine massiv unter dem Einfluss externer Geldgeber (Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim). Diese Kritik und die Unsicherheit darüber, ob ein Gericht bei einer Klage die 50+1-Regel kippen würde, hat letztlich zu einer Aufweichung der Regel geführt. Mehrheitliche Beteiligungen sind nun möglich, wenn ein Wirtschaftsunternehmen den betreffenden Verein bereits seit mehr als 20 Jahren ununterbrochen und erheblich unterstützt hat.

Die jüngere Vergangenheit zeigt, dass die 50+1-Regel Investoren nicht grundsätzlich abschreckt: So ist bei Bayern München nach Adidas und Audi mit der Allianz bereits der dritte strategische Partner eingestiegen. Bei Hertha BSC Berlin hat sich mit dem Finanzinvestor KKR sogar ein Unternehmen finanziell engagiert, das für seine strikte Renditeorientierung bekannt ist – und das, obwohl es nur eine kleine Minderheitsbeteiligung eingegangen ist und somit keine Zugriffsmöglichkeiten auf das operative Geschäft hat. Dieses Vorgehen widerspricht der Theorie, wonach Investoren nur dann zu einem Engagement bereit sind, wenn sie über die Stimmenmehrheit die Entscheidungen im Verein treffen können. Ob sich die Erwartungen des Investors KKR dennoch erfüllen, wird die Zukunft zeigen müssen.

Finanzielles Fairplay

Im europäischen Fußball haben diverse Vereine mit hohen Schulden zu kämpfen. Zudem finanzieren mehrere Vereine ihre laufenden Ausgaben nur noch zum Teil durch Einnahmen, die aus dem operativen Fußballgeschäft stammen. Der Einfluss von Mäzenen beziehungsweise Investoren hat insbesondere im britischen Fußball deutlich zugenommen (die 50+1-Regel gilt speziell für Deutschland). Dies führt zu "unnatürlichen" Geldflüssen, die den sportlichen Wettbewerb verzerren. Zudem können Vereine, die von unnatürlichen Geldflüssen profitieren, in akute wirtschaftliche Bedrängnis geraten, wenn Mäzene/Investoren ihre Zahlungen einstellen und der betroffene Verein die Ausgaben plötzlich wieder aus den laufenden Spielbetriebseinnahmen bestreiten muss.

Günter EichbergDer deutsche Fußball kennt Mäzene seit Gründung der Bundesliga. Günter Eichberg war der "Sonnenkönig" des FC Schalke. (© imago/Passage)


Zur Unterscheidung von Mäzenen, Sponsoren und Investoren: Ein Mäzen engagiert sich finanziell, ohne eine direkte Gegenleistung zu fordern. Mäzene handeln also weitgehend altruistisch (auch wenn Ruhm und Ehre als nicht-finanzielle Gegenleistung durchaus eigennützige Motive befriedigen können). Im Gegensatz zum Mäzen erwartet ein Sponsor für sein finanzielles Engagement eine Gegenleistung. Meist geht es dabei um die Vermarktung eines bestimmten Produktes oder um die Steigerung des Bekanntheitsgrades eines Unternehmens. Dabei ist unerheblich, ob sich Leistung und Gegenleistung wertmäßig entsprechen. Schließlich sind Investoren Kapitalanleger, deren Ziel die Vermögenssteigerung ist. Diese konzeptionelle Unterscheidung lässt sich in der Praxis nicht immer eindeutig einhalten. Die Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen sind mitunter fließend.

Um den Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, hat die UEFA das sogenannte "finanzielle Fairplay" für die europäischen UEFA-Wettbewerbe eingeführt und in das Reglement zur Klublizenzierung integriert [22]. Das finanzielle Fairplay – im Mai 2010 bewilligt und im Jahr 2012 aktualisiert – gibt den Vereinen verschiedene Kriterien in den Bereichen Sport, Infrastruktur, Recht und insbesondere Finanzen vor. So gilt, dass über die letzten drei Jahre die relevanten Einnahmen die relevanten Ausgaben mindestens ausgleichen müssen. Wird diese Vorgabe verfehlt, wird zusätzlich das davor liegende Jahr berücksichtigt und bewertet, ob zumindest eine positive Entwicklung gegeben ist. Im Juni 2012 beschloss das UEFA-Exekutivkomitee die Einrichtung einer Finanzkontrollkammer, welche die Einhaltung unter anderem der Fairplay-Regeln überwachen soll. Bei Verstößen darf die Kontrollkammer Disziplinarmaßnahmen verhängen und über die Startberechtigung für die UEFA-Wettbewerbe entscheiden. In Analogie zur Staatsschuldenkrise werden die Regeln des finanziellen Fairplays auch als "Schuldenbremse" bezeichnet. Das finanzielle Fairplay ist 2013/14 in Kraft getreten.

Der Ansatz der UEFA, faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und der Verschuldung der Vereine entgegenzuwirken, ist zu begrüßen. Allerdings sind die Regeln leicht zu umgehen – und es spricht einiges dafür, dass Vereine von den Umgehungsmöglichkeiten Gebrauch machen werden. So kann die UEFA nicht überwachen, ob die Sponsorenverträge zu marktkonformen Konditionen abgeschlossen werden. Dafür müsste die UEFA bewerten und überprüfen können, ob eine Sponsoring-Maßnahme für das jeweilige Unternehmen den gezahlten Betrag auch wert ist – im Sinne von Umsatzsteigerung und/oder Imagegewinn. Da diese Bewertung praktisch nicht möglich ist, können Mäzene ihre Zahlungen, die durch das finanzielle Fairplay eigentlich unterbunden werden sollen, durch überhöhte Sponsoring-Verträge "tarnen". Schon heute ist dies zum Beispiel in Großbritannien ein Problem [23]. Daneben gibt es eine unüberschaubare Reihe weiterer Möglichkeiten, die Financial-Fairplay-Regeln zu umgehen. Zum Beispiel können die Ehefrauen von Spielern mit üppigen Werbeverträgen ausgestattet werden [24]. Derartige Zahlungen an das Umfeld der eigentlichen Akteure werden sich auch bei größten Anstrengungen nicht wirksam unterbinden lassen.

Prinzipiell war also schon klar, dass es auf Dauer kein wasserdichtes Regelwerk geben könnte – zu groß sind die finanziellen Anreize, die Regeln zu umgehen. Zudem gab es Bedenken, ob das Reglement einer juristischen Überprüfung standhalten würde. Inzwischen gibt es neue Entwicklungen: Im Sommer 2015 hat die UEFA das eigene Regelwerk stark verwässert. Künftig sollen die Klubs die Möglichkeit haben, Verluste von mehr als 30 Millionen Euro im Jahr bei der UEFA anzumelden, um gemeinsam nach Auswegen aus der finanziellen Klemme zu suchen. Damit sind die Regeln des finanziellen Fairplay zahnloser geworden. Außerdem sollen externe Geldgeber nur noch die Nachhaltigkeit ihres Fußballengagements nachweisen und darlegen, dass dadurch die Einnahmen aus dem originären Fußballgeschäft erhöht werden. Es steht zu befürchten, dass die guten Absichten, die mit dem finanziellen Fairplay verfolgt werden, künftig nicht mehr zu entsprechend guten Ergebnissen führen werden. Das ist insofern bedauerlich, weil gemäß dem UEFA-Finanzbericht 2013/14 das Reglement durchaus erfolgreich war. So sind dank finanziellem Fairplay die Verluste der europäischen Vereine vor 2013/14 binnen zwei Jahren von EUR 1,7 Mrd. auf EUR 800 Mio. mehr als halbiert worden.

Wettbewerbsbehörden

Der wirtschaftliche Erfolg stellt die Bundesliga nicht nur auf der betriebswirtschaftlich-organisatorischen Ebene vor Herausforderungen. DFB und DFL werden immer wieder mit dem Bundeskartellamt konfrontiert. Da das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen auch für den Profifußball gilt, kam es in der Vergangenheit insbesondere bei der zentralen Vergabe der Fernsehrechte durch die DFL regelmäßig zur Konfrontation mit dem Kartellamt [25]. Nach sehr kontroversen Auseinandersetzungen hat sich das Kartellamt zuletzt milder gezeigt und die Zentralvermarktung unter Auflagen für zulässig erklärt. Die Liga und die Bundesligisten werden sich aber auch künftig vermehrt mit Rahmenbedingungen und Einflüssen auseinandersetzen müssen, die für Wirtschaftsunternehmen zum Tagesgeschäft gehören. Dazu gehört unter anderem der Umgang mit Wettbewerbsbehörden, Analysten und kritischen (Wirtschafts-)Medien.

Dauerbrenner Fernsehrechte

Trotz der inzwischen kooperativeren Haltung des Bundeskartellamtes bleibt das Thema Fernsehrechte ein Dauerbrenner. Das bestehende Regime der Zentralvermarktung wird inzwischen von ganz unterschiedlichen Seiten kritisiert. Ein latenter Unruheherd ist der FC Bayern München. Der deutsche Rekordmeister muss durch die Zentralvermarktung im Vergleich zur Einzelvermarktung von allen Bundesligisten die größten Umsatzeinbußen hinnehmen. Nach eigener Aussage könnte der FC Bayern die Medienerlöse auf rund 200 Milliarden Euro pro Jahr vervierfachen, wenn er die Medienrechte in Eigenregie vermarkten könnte. Die Differenz kann als Solidarbeitrag des FC Bayern für die Liga verstanden werden, um die finanzielle und damit die sportliche Ausgeglichenheit zumindest halbwegs aufrecht zu erhalten. Für den Bayern München ist die Bundesliga – nach eigenem Bekunden – zwar immer noch die Basis, doch der Stellenwert der UEFA Champions League gewinnt rasant an Bedeutung. Deshalb muss der FC Bayern auch beim Thema TV-Erlöse inzwischen zweigleisig fahren und sich nicht nur mit dem Rest der Liga, sondern vor allem mit den ausländischen Spitzen-Klubs vergleichen.

Der Wettbewerbsvorteil der britischen Premier League ist offensichtlich: Der neu abgeschlossene TV-Vertrag für die Jahre 2016 bis 2019 warf bereits in der Sommerpause 2015/16 seinen Schatten voraus, als die britischen Klubs auf dem Transfermarkt in ganz großem Stil aktiv wurden. Aus der Inlandsvermarktung werden die britischen Klubs insgesamt rund 6,9 Milliarden Euro, also 2,3 Milliarden Euro pro Jahr erhalten. Das ist gegenüber dem laufenden TV-Vertrag ein Plus von rund 70 %. Der Vergleich mit der Bundesliga zeigt, wie weit Deutschland bei den TV-Erlösen abgeschlagen ist. Der aktuelle TV-Vertrag bringt pro Saison durchschnittlich 628 Millionen Euro. Selbst wenn es der Deutschen Fußball Liga gelingen sollte, beim neuen TV-Vertrag für die Spielzeiten ab 2017 jährliche Erlöse oberhalb der Milliardengrenze zu erzielen, wäre ein derart verbesserter Vertrag im Vergleich zu den englischen Zahlen ziemlich bescheiden. Der TV-Kuchen bleibt für die Bundesliga also absehbar kleiner – und von diesem kleinen Kuchen erhält der deutsche Rekordmeister durch den geltenden Verteilungsschlüssel obendrein noch ein sehr kleines Stück. Europaweit liegt Bayern München bei den TV-Erlösen nur auf Platz 26.

In dieser Gemengelage ist es kaum verwunderlich, dass der deutsche Rekordmeister im Winter 2015 offenbar nach Möglichkeiten sucht, seinen Anteil an den TV-Erlösen zu erhöhen. Medienberichten zufolge ist Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge beim Bundeskartellamt vorstellig geworden, um innerhalb des bestehenden Zentralvermarktungsregimes individuelle Vermarktungsmöglichkeiten auszuloten – zum Beispiel bei der Auslands- oder Internet-Vermarktung. Zugleich verstärkte er den Druck auf die DFL, die TV-Erlöse zu erhöhen.

Druck kommt aber auch von anderer Seite. Einige der Traditionsvereine – zum Beispiel der Hamburger SV – drängen darauf, den Verteilungsschlüssel bei den TV-Erlösen zugunsten der publikumswirksamen Traditionsvereine zu verändern. Ihr Argument: Traditionsvereine sorgen mit ihrer großen Anhängerschaft nicht nur für volle Stadien, sondern auch für hohe TV-Einschaltquoten und damit tragen sie maßgeblich zum kommerziellen Erfolg der Liga bei. Andere Klubs, die durch externe Geldgeber zwar finanziellen und sportlichen Erfolg, aber trotzdem nur wenige Fans haben, erzielen oft geringe Einschaltquoten. Es ist durchaus richtig, dass beim geltenden Verteilungsschlüssel, der den sportlichen Erfolg finanziell honoriert, Traditionsvereine einige Klubs subventionieren, die dank externer Geldgeber ohnehin finanzstark sind. Der FC St. Pauli ging mit einem – inzwischen wieder zurückgezogenen – Antrag sogar so weit, dass Werksklubs, die durch eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel freigestellt sind, keine oder deutlich reduzierte TV-Erlöse bekommen sollten. Es zeichnet sich also ab, dass die Fernsehrechte auch in Zukunft ein wiederkehrendes Streit-Thema sein werden [26].

Fazit

2012, Vereinsübergreifende Initiative für bezahlbare Tickets.Steigende Eintrittspreise und Topspielzuschläge erschweren vor allem für junge und sozial schwachgestellte Fußballfans den Stadionbesuch. (© imago/Martin Hoffmann)


Die Fußball-Bundesliga hat sich in den vergangenen Jahren beziehungsweise Jahrzehnten mit Erfolg eine wesentlich professionellere Struktur gegeben. Der Sport wird zielgerichtet vermarktet und erzielt kontinuierlich neue Umsatzrekorde. Im Vergleich zu den anderen wichtigen Fußballligen in Europa gilt die Bundesliga als wirtschaftlich besonders solide. Den Verantwortlichen ist bei der Kommerzialisierung bislang die Gratwanderung gelungen, den Fußball zu modernisieren und wirtschaftlich profitabel zu machen, ohne dabei den traditionellen Fan zu verlieren. Dieser Grat ist schmal. Die Wurzeln des heutigen wirtschaftlichen Erfolgs hat der Fußball schon vor vielen Jahren gelegt – als ursprünglicher, unterhaltsamer und finanzierbarer Sport für die breite Masse. Als steriles Show-Produkt für "die oberen Zehntausend" würde der Fußball seinen Reiz, seinen identifikationsstiftenden Charakter und damit seine gesellschaftliche Bedeutung verlieren. Die künftigen Herausforderungen erfordern deswegen weiterhin viel Sorgfalt und Fingerspitzengefühl, wenn der Fußball auch künftig ein Ereignis sein soll, das alle gesellschaftlichen Schichten in seinen Bann zieht.


Fußnoten

18.
vgl. etwa Fuhrmann 1995
19.
vgl. Schewe/Littkemann 1999, S. 191
20.
vgl. Lehmann/Weigand 1998
21.
vgl. Steinforth 2011
22.
vgl. UEFA 2012, Vöpel 2011, S. 19 f. und Quitzau/Vöpel 2013
23.
vgl. dazu Franzke 2012, S. 100 f.
24.
vgl. Der Spiegel 2012, S. 61
25.
vgl. Kruse/Quitzau 2002
26.
Details zu Finanzierungsfragen finden sich bei Chemnitzer/Leißle/Quitzau, 2015
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Autor: Jörn Quitzau für bpb.de
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