30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Frank Willmann

"Die Mauer muss weg!"

Fußball-Land DDR

Auf dem rechten Auge blind?

Die ab Mitte der 1980er Jahre auftretenden Äußerungen rechtsradikaler Provenienz unter dem Fußball-Anhang wurden von der Stasi sorgfältig dokumentiert. Strafrechtlich verfolgt wurden diese Erscheinungsformen im Allgemeinen nicht, sondern die üblichen Paragraphen (Rowdytum, Körperverletzung) weiter angewandt. Ab Ende 1987 rückten die Aktivitäten rechtsgerichteter, neonazistischer Jugendlicher jedoch in den Fokus staatlicher Aufmerksamkeit. Offensichtlich wurde die Stasi durch die gewalttätigen Ausschreitungen von Skinheads nach einem Punkkonzert in der Berliner Zionskirche am 17. Oktober 1987 so aufgeschreckt, dass sich Minister Mielke persönlich veranlasst sah, bei ernsthaften Gefährdungen der Sicherheit den Gebrauch der Schusswaffe anzuordnen. Bei dem Überfall wurden viele Jugendliche verletzt, unbeteiligte Passanten angegriffen und etliche Bürger Zeuge des Nichteingreifens von Seiten der Volkspolizei. Die für den Überfall dinghaft gemachten vier Skinheads wurden einige Wochen später zu Haftstrafen zwischen ein und zwei Jahren verurteilt, vor allem wegen starker Proteste aus der Bevölkerung erhöhte die Staatsanwaltschaft das Strafmaß kurz darauf auf bis zu vier Jahre. Mehrere der Verurteilten waren dem Anhang des BFC Dynamo zuzurechnen.

Jetzt begann auch die Kriminalpolizei, sich für das Thema zu interessieren. Der Kriminaloberrat und Kenner der Szene, Bernd Wagner, erhielt den Auftrag, eine Studie zu den Ursachen des Rechtsradikalismus in der DDR zu erstellen, die nach Erstellung jedoch so viel fundamentale Systemkritik beinhaltete, dass sie nie Verwendung fand. Es bleibt zu fragen, warum der Staat den Rechtsradikalismus unter Jugendlichen erst so spät zu ahnden begann. Eine Antwort gibt vielleicht eine Anweisung des stellvertretenden Stasi-Ministers Generaloberst Mittig vom 2. Februar 1988. Nachdem dort zunächst das äußere Erscheinungsbild der Skinheads (Glatze, Bomberjacke, Röhrenjeans, Springerstiefel) beschrieben wurde, lieferte Mittig eine Einschätzung ihrer Ideologie. Skinheads, so Mittig, gingen regelmäßig einer Arbeit nach und zeigten, im Gegensatz zu anderen negativ-dekadenten Jugendlichen, eine gute Arbeitsdisziplin und Arbeitsleistung. Militärische Ausbildung gehöre für sie zum "Deutschtum", deshalb hätten sie eine positive Einstellung zum Wehrdienst. Im Allgemeinen wurden Rechtsradikale oftmals lediglich als "negativer Anhang von Fußballclubs" wahrgenommen.

Der Inbegriff des Primitivjugendlichen

Skinheads und Punker im Juli 1989 in Ost-Berlin.Skinheads und Punker im Juli 1989 in Ost-Berlin. (© picture-alliance/dpa)


Als die Wende nahte, endete auch die Überwachungsarbeit an den Fußball-Fans. Die ehemaligen Mitarbeiter der Polizei und Staatssicherheit sagen heute – zum Glück. Sie sahen in der Praxis die schlechten Bedingungen zur Verhinderung von Körperverletzungen und rechtsradikalen Übergriffen/Gewalttaten. Der Protest gegen ein verhasstes Regime vermischte sich zunehmend mit bloßer Gewaltartikulation auf den Fußballplätzen. Der Staat reagierte ohnmächtig. In Auftrag gegebene Analysen wurden gelesen und erschrocken beiseitegelegt, die Probleme ignoriert. Da keine Öffentlichkeit zugelassen wurde, konnte dem Erblühen einer unerwünschten Jugend-"Kultur“ im Zusammenhang mit dem Fußball nicht mehr gegengesteuert werden. In Leipzig am Zentralinstitut für Jugendforschung gelangte man zu pauschalen Urteilen in der Einschätzung der Jugendkultur. Diese Einschätzung konnte nicht zum besseren Verständnis einer aufbegehrenden Jugend beitragen. Hilflosigkeit kennzeichnete den Überbau.

Quellentext

Institut für Jugendkulturforschung

Der Punk ist als sozialer Durchhänger mit destruktiver Grundhaltung gekennzeichnet. Heavy Metal Fans gelten als dem Hard-Rock verfallen und damit als musiksüchtig. Der rowdyhafte Fußballfan wird zum Inbegriff des Primitivjugendlichen... Skinheads hingegen sind die Jugendmonster schlechthin, der ‘Lucifer ante portas.

Quelle: Institut für Jugendkulturforschung Leipzig, 1988

Die Kommunikation zwischen der gut informierten Basis des MfS, welche erfolgreich Fangruppen zersetzte, manch "harten" Fan durch bewilligte Ausreise in die BRD/Westberlin entließ, sie in den Knast oder die NVA steckte, und den Führungsspitzen von MfS und Staatsapparat war zu diesem Zeitpunkt schon schwer gestört. Niemand wollte dort oben wirklich wissen, wie die negativ-dekadente Jugend wieder für den Staat gewonnen werden könnte. Sie konnte nicht, der Staat zerbrach. Mielke ließ sich bis zuletzt auf den Meisterbällen des ewig siegenden BFC Dynamo feiern, sang und tanzte im Palasthotel und unterhielt Fußball-Rededuelle mit dem SED-Bezirkschef Naumann.

Die Rückseite der Spaßgesellschaft … verbrannte Erde zwischen Dresden und Berlin

Trauermarsch von FC-Berlin-Fans für den am 03.November 1990 bei Randalen in Leipzig ums Leben gekommenen Mike Polley.Trauermarsch von FC-Berlin-Fans für den 1990 in Leipzig ums Leben gekommenen Mike Polley. (© imago/DDRbildarchiv.de)


Als 1989 die DDR aufhörte zu existieren, waren viele der jungen Fußballfans mit auf der Straße. Sie waren beseelt vom Traum einer unbestimmten Freiheit. Schnell bemerkten die Fans, dass ihre kleine DDR-Welt langsam aus den Fugen geriet. Der Vopo, der gestern noch als Respektsperson und Hüter der real-sozialistischen Wahrheit galt, war heute schon eine Karnevalsfigur, mit dessen Mütze man prima kicken konnte. Die Sicherheitskräfte reagierten völlig überfordert auf die Welle der Gewalt, die in der Folge durch die Stadien der DDR wogte. Objektschutz stand im Vordergrund, die Fans ließ man weitestgehend gewähren. Richteten sich die Proteste in den Oberliga-Stadien anfangs noch teilweise gegen die DDR-Staatsführung, ging es sehr schnell nur noch um die pure Lust an Gewalt und Randale.

Die rebellische DDR-Jugend gab ihrem Frust und ihrer Langeweile bei Klopperei und Stadionerstürmungen Zucker. Überall entstanden Hooliganbanden, die nahezu gewerbsmäßig Plünderungen und Diebstähle von Markenware und Elektronik ausübten. Was die Hools in England können, können wir schon lange. Unterstützung erhielten die jungen Hooligans aus den alten Bundesländern. Alles, was noch irgendwie kriechen konnte, fuhr am Wochenende in den Osten, mit der Aussicht auf eine fette Schlägerei, Bullenprovo und ’ne nette kleine Plünderung. Die normalen Zuschauer verschwanden zusehends, ganz besonders fiel das beim FC Berlin (der umbenannte BFC Dynamo) auf, wo 1990 bis 1991 fast nur noch jugendliche Rabauken anzutreffen waren. Der BFC-Mob galt lange Jahre als der berüchtigtste und wurde in der Folge in viele Prügeleien im Stadion und auf Wald und Wiese verwickelt. Erst Ende 1990, nach den tödlichen und bisher ungeklärten Schüssen auf den FC-Berlin-Fan Mike Polley in Leipzig schafften es die Sicherheitsbehörden, einigermaßen für Ruhe zu sorgen.

Zitat

Rotten (RW Erfurt-Fan)

1991 war Anarchie in Germany. Politik war uns scheißegal. Erst haben wir noch Vopos und gegnerische Fans gejagt. Später ging es uns hauptsächlich darum, Läden auszuräumen, an teure Elektronik und Markenklamotten zu kommen.

Die Wende ist für den DDR-Fußball als Kahlschlag zu begreifen. Die Clubs sahen sich plötzlich mit einer neuen und unbekannten ökonomischen Situation konfrontiert. Die Gründe für das klägliche Scheitern des DDR-Fußballs sind vielfältig. Unverbesserliche DDR-Fußballfunktionäre waren es nicht gewohnt, selbstständig zu denken. In der DDR wirkte immer alles "von Oben". Keiner der Funktionäre ist Ende 1989 freiwillig zurückgetreten. Anfang 1990 erlag DFV-Präsident Erbach dem Geldsegen und trat als Erster ab, die Restfunktionäre folgten erst im April. Anfang der 1990er übernahmen bei ostdeutschen Traditionsclubs vielerorts Bauunternehmer aus dem Westen den Präsidentenposten. Ihre Einstellung war, über den Fußball Kontakte zu knüpfen (Geld zu machen). Bei einigen Vereinen hinterließen die Rolf-Jürgen Ottos (Dynamo Dresden) dieser Welt nichts als verbrannte Erde. Fast alle Vereine erlebten die zweifelhaften Freuden einer Insolvenz. Die DDR Fußball-Oberliga endete 1991 als Oberliga des Nordostdeutschen Fußballverbandes.

Das letzte Länderspiel der DDR

Kleiner Exkurs zum Abgesang: Eine grundlegende Reform leitete der VIII. DFV-Verbandstag am 31.03.1990 in Strausberg bei Berlin ein. Eine neue Satzung, eine Lizenzspielerordnung, die den schrittweisen Übergang zum Lizenzfußball im DFV regelte, sowie die Grundlinie für das zukünftige Wettspielsystem wurden im DFV beschlossen. Zum neuen Präsidenten wurde der frühere Torhüter des 1. FC Magdeburg und Auswahlspieler der DDR, Hans-Georg Moldenhauer, gewählt. Im Hinblick auf den bevorstehenden Einigungsprozess des deutschen Fußballs wurden alle Auswahlteams des DFV bei der FIFA und UEFA aus den internationalen Wettbewerben abgemeldet. Im Brüsseler Anderlecht-Stadion trat die DDR-Auswahl am 12.09.1990 zu ihrem 293. und letzten Länderspiel an und gewann 2:0 gegen Belgien.

Die DDR-Fußballnationalmannschaft gewinnt das letzte ihrer insgesamt 293 Länderspiele gegen Belgien mit 2:0Kapitän Matthias Sammer führt die DDR-Fußballnationalmannschaft am 12.09.1990 auf das Feld des Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadions. Die DDR-Fußballnationalmannschaft gewinnt das letzte ihrer insgesamt 293 Länderspiele gegen Belgien mit 2:0. (© picture-alliance/dpa)


Im Sommer 1990 wurden die sechs neuen Landesverbände gegründet: Thüringer Fußball-Verband, Sächsischer Fußball-Verband, Fußballverband Sachsen-Anhalt, Fußball-Landesverband Brandenburg, Landesfußballverband Mecklenburg-Vorpommern, Berliner Fußball-Verband (Vereinigung mit Ost-Berlin). Auf einem Außerordentlichen Verbandstag am 20.11.1990 in Leipzig beschloss der DFV seine Auflösung. Damit fand die über 40-jährige Geschichte des DFV im Osten Deutschlands ihren Abschluss. Zum Zeitpunkt seiner Auflösung waren in 4.412 Vereinen mit 17.000 Mannschaften 390.000 Mitglieder organisiert (www.nofv-online.de).

Der DFB reichte dem kleinen Bruder DFV 1990 nur ganz wenig brüderlich die Hand, echte Solidarität, eine Brücke zum Profifußball? Fehlanzeige. Die Manager der westdeutschen Clubs hatten nur die Optimierung ihrer Kader im Auge und kauften billig im Osten ein. Allein der BFC Dynamo verlor im Jahr eins nach der Wende zwei komplette Mannschaften. Zwischen 1990 und 2012 spielte international selten ein Zonenklub im Konzert der grandiosen Flötisten. Auch die deutsche Nationalelf machte und macht um den Osten meist einen großen Bogen. Höchstens alle paar Jahre findet ein Kick gegen große Fußballnationen wie Liechtenstein statt. Aktuell ist die 1. Bundesliga ostzonal befreites Gebiet. Nur mühsam erheben sich die Ost-Clubs aus dem Staub.


Dokumentation

Dokumentation: "Und freitags in die Grüne Hölle"

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Frank Willmann

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