Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Gerd Dembowski

Ohne Fans nichts los

Kleine Geschichte organisierter Fankulturen im Spiegel ihrer historischen Entwicklung, sozialen Beschaffenheit und Gewaltförmigkeit

Zur Gewaltförmigkeit im deutschen Hooliganismus

1983: Prügelei zwischen Fans von Schalke 04 und Borussia Dortmund.1983: Prügelei zwischen Fans von Schalke 04 und Borussia Dortmund innerhalb des Stadions. (© imago/Kicker)


Gewaltförmigkeit hat es im Umfeld der Entwicklung des Fußballs auf dem Feld wie auf den Rängen immer gegeben. Zusammenhänge von Fußball und Alltag haben lediglich zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Ausprägungen von Gewalt hervorgebracht. Die Verletztenzahlen verließen dabei nie den Promillebereich. Die Anzahl beteiligter Hooligans im deutschen Profifußball lag angesichts der Zuschauerzahlen selbst zu ihren Hochzeiten Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre immer deutlich unter einem Prozent.

Umso bemerkenswerter ist es zu sehen, wie extrem der Themenkomplex Gewalt die Erzählung und Erinnerungsweise über Fankulturen prägt – in der Politik, der Medienberichterstattung, der Forschung und der gesprochenen Geschichte selbst unter Fußballfans. Vorwiegend werden Fußballfans zu abweichenden Gruppen reduziert, abweichend in gesellschaftlich besonders auffälliger Art und Weise. Die regelmäßig wiederkehrende, optische und akustische Präsenz von Fußballfangruppen auf Straßen, in Zügen und an öffentlichen Orten ist für Unbeteiligte und Institutionen schwer einzuschätzen und wird schnell zu einem Gewaltpotential verallgemeinert. Verstärkend wirkt dabei, dass nicht nur zwischen Fanszenen, sondern auch in der Draufsicht auf Fankulturen Freund-Feind-Konstellationen überhöht werden.

Inzwischen hat sich in der Erzählung über den Fußball und seine Entwicklung das Gewaltkapitel so enorm tradiert (überliefert), dass sie jenseits von Realitäten mit ihren rundum sicheren Stadien vielmehr als Mythos grassiert (um sich greift). Dies führt - kaum reflektiert - zu voreiligen öffentlichen Aussagen, die sich dann zu "Moralpaniken" (Stanley Cohen[13]) verdichten. Flankiert von Medienträgern (z.B. Fernsehen, Presse) und wechselseitig zwischen Politikern und Verbänden, Polizei und auch der Wissenschaft wird nahezu regelmäßig ein öffentlicher Handlungsdruck erzeugt. Auf diesen folgen häufig Ad-hoc-Maßnahmen mit aus demokratischer Sicht z. B. unpräzisen und undemokratischen Kollektivstrafen sowie relationsfernen Forderungen nach Flugdrohnen und "Nacktzelten" gegen die so produzierten "Folk Devils" (Stanley Cohen) als "Taliban der Fans" (Sandra Maischberger). Wenn Ad-hoc-Pläne und auch Maßnahmen seit den 1990er Jahren erfolgreich gewesen wären, gäbe es heute die sich stets diskursiv zuspitzende Gewaltdebatte nicht mehr.

Zur Optimierung nachhaltiger, nicht nur ordnungspolitischer Maßnahmen und zur Anpassung von Strukturen an jugendkulturorientierte Realitäten fehlt häufig der strukturelle Weitblick und die finanzielle Ausstattung. So sind die 52 sozialpädagogischen Fanprojekte bspw. dazu verdammt, weit unter dem im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (NKSS) vorgesehenen Mitarbeiterschlüssel ein strukturelles, von Überstunden überhäuftes Feigenblattdasein zu fristen. Parallel dazu erhöht sich das erheblich teurere Polizeiaufkommen, während Einsatzstrategien kaum flächendeckend qualitativ hinterfragt werden. Schon für 1908 recherchiert Gunter A. Pilz eine von der Polizeidirektion Bremen empfundene "Schutzlosigkeit gegenüber dem pöbelhaften und auch schädigenden Benehmen ganzer Truppen halbwüchsiger und auch älterer Burschen"[14] und die damit verbundene, reflexartige Anfrage nach mehr Polizei.

Stadion: Fantrennung durch Polizei.1990er Jahre: Die medial äußerst auffällige Hooligangewalt geriet in der Folge zum Anlass für eine völlige Trennung gegnerischer Fangruppen durch entsprechende bauliche und polizeiliche Maßnahmen. (© imago/Claus Bergmann)


Während der schrittweisen Etablierung von Fantrennung im Verlaufe polizei- und ordnerdienstlicher Interpretationen von Sicherheit verdichteten sich Freund-Feind-Konstellationen noch. Gewalt wurde von kleinen Fangruppen zunehmend strategischer gesucht, statt spontan erlebt: Sie verformte sich zur effizienter organisierten, sozialen Technik, "um die im Stadion erlebte Euphorie vom eigentlichen Spiel unabhängig zu machen[15]. Dabei ist Gewalt im Fußball nicht als milieuspezifisches Phänomen zu betrachten. "Tatsächlich", so Oswald über die in den 1920er Jahren häufig eher lokalrivalitätsbezogenen, stärker als heute auch spielverlaufsbezogenen Ausschreitungen, "gingen Agitation und Gewalt gegen fußballsportliche Kontrahenten keineswegs nur von den proletarischen Segmenten eines Viertels aus.

Zitat

Notorische Schläger auf der Haupttribüne

Oftmals waren jene dem lokalen Bürgertum zuzurechnenden Vereinsvorstände und Sponsoren Anstifter von Krawallen. Nicht selten gingen Ausschreitungen von der Haupttribüne aus, saßen dort notorische Schläger.

Quelle: Rudolf Oswald 2008, S. 217


Auch für Hooligans der 1980er und 1990er Jahre in Deutschland galt eine Durchmischung hinsichtlich der sozialen Herkünfte, orientiert an autoritären und antiintellektuellen Vorstellungen, an Vorrechten vermeintlich Stärkerer sowie an Formen aggressiver hegemonialer Männlichkeit, wie z.B. althergebrachte und auf unterschiedliche Weise weiterhin wirksame, strukturelle Männerbündeleien und Härteideale.

Quellentext

Was bedeutet 'Hegemoniale Männlichkeit'?

Der Begriff hegemoniale Männlichkeit bezieht sich hier auf Raewyn Connell (geb. 1944), eine australische Soziologin, die sich kritisch mit Kultur, Medien, politischer Herrschaft und Geschlechterforschung beschäftig hat.
Wichtig für das Verständnis dieses Begriffs ist vor allem die männliche Historie der Beschaffenheit von Institutionen: Alle Institutionen wurden von Männern gegründet, ihnen ist eine männliche Historie, ein männlicher Diskurs eingeschrieben, den Frauen z.B. verdoppeln, um in ihnen erfolgreich zu sein.

Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit bezieht sich sowohl auf Dominanzverhältnisse gegenüber Frauen als auch unter Männern. Dass sich männliche Macht in modernen Gesellschaften nicht nur halten, sondern immer wieder neu durchsetzen kann, männliche Machtgruppen auch von vielen anderen Männern gewollt oder ungewollt unterstützt werden und damit ihre hegemoniale Funktion behaupten, wird einem kulturell wie tiefenpsychisch wirksamen Bindungsverhältnis unter Männern zugeschrieben.

Quelle: APUZ 40/12, Lothar Böhnisch: "Hegemoniale Männlichkeit und die Dialektik von Dominanz und Verfügbarkeit"


Während missverstandener Weise die Stehplatzareale institutionell per se als Sicherheitsschwachstelle und z.T. als gewaltförmige Brutstätten ausgemacht wurden, waren die zunehmend unauffällig und markenbewusst gekleideten Hooligans der 1980er und 1990er Jahre als selbst ernannte Fanelite in Abgrenzung vom "Pöbel" bereits in die vermeintlich schickeren Sitzplatzbereiche abgewandert.

Der Hooliganbegriff etablierte sich in Deutschland endgültig Mitte der 1980er Jahre. Beschleunigt wurde dies durch den tödlichen Steinwurf eines Hamburger Fans gegen den Bremer Jugendlichen Adrian Maleika 1982 und die Vorkommnisse vor dem Finale des Europapokals der Pokalsieger 1985: Vor dem Spiel Juventus Turin – FC Liverpool hatte sich vor den Augen von Millionen Zuschauern an den Bildschirmen nach Ausschreitungen im Stadion eine Massenpanik gebildet. Eine Mauer im baufälligen Brüsseler Stadion stürzte ein – insgesamt starben 39 Menschen, 600 wurden verletzt. Dass es sich um ein "Paradebeispiel für die Unzulänglichkeit von einigen Verbandsfunktionären und Polizeibeamten"[16] handelte, ging unter. Heysel gilt bis heute einseitig verzerrt als Synonym für 'Hooliganterror'.

Für Fußballfans als vermeintlich unberechenbare Masse kommt historisch betrachtet vorurteilsbefördernd die Katastrophe von Hillsborough in Sheffield hinzu, wo 1989 während des FA-Cup-Spiels zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest in einem völlig überfüllten Block 766 Menschen verletzt wurden und 96 starben, weil sie z. B. erdrückt wurden. Erst 2012 klärte sich offiziell, was Experten von Anfang an einleuchtete: massive Fehler im 'Crowd Management' der Polizei waren in erheblichem Ausmaße verantwortlich.

Nichtsdestotrotz operierten gewaltorientierte Fußballfans weiter mit dem Begriff "Hooligan" als bestätigende Selbstbezeichnung. Im Zentrum stand die Suche nach Grenzerlebnissen und Gewaltsituationen. Wichtig ist also nicht nur der situativ körperliche (Adrenalin-)Kick, sondern vielmehr noch die sich ständig wiederholende und über die beteiligten Akteure hinausgehende, gemeinschaftsbildende Erzählung darüber.

Zitat

Kämpfe werden nachträglich verklärt

Obwohl Kämpfe die Höhepunkte im Dasein eines Hooligans bilden, beanspruchen sie eine verschwindend geringe Zeitspanne im Leben dieser Fans. Die Kämpfe werden von beiden Gruppen nachträglich interpretierend verklärt, sind jedoch fast ausnahmslos kurz und ergebnislos. Die Gespräche über Kämpfe dauern dagegen wesentlich länger.

Quelle: Randall Collins 2011, S. 498 f.


Die zunehmende Fantrennung und z.B. der Einsatz sogenannter szenekundiger und fankundiger Polizeibeamter (SKB/FKB) führte dazu, dass ein Hooligandasein am Spieltag vornehmlich mit der Suche nach Hooligans anderer Vereine und daran anschließenden 'Rennereien', mit dem Austricksen der Polizei und z.B. dem Überwinden baulicher Sicherheitsmaßnahmen sowie mit der Glorifizierung der eigenen Gruppe zu tun hatte, als mit tatsächlichen, physisch realen Gewaltakten. Gewalt erschien hier als überzeichneter Ausdruck der Figuration 'Wir' – 'Die Anderen', als übertragenes Leistungsdenken, als kollektive Erregung.

Ungeachtet von Straftatbeständen sahen Hooligans ihre Gewaltfokussierung zunehmend als "Extremsport" an, der sich durch Repression und Überwachung immer mehr aus den Stadien auf An- und Abfahrtswege, in Innenstädte und schließlich in Wälder und auf Äcker verlagerte. Sozialpädagogische Fanprojekte, wissenschaftliche Szenebeobachter und Hooligans selbst erzählen von einem "Ehrenkodex". Dieser enthielt z.B. die Vorgabe der Waffenlosigkeit, das ausschließliche Ausrichten auf Gleichgesinnte sowie das Ablassen vom Gegner, wenn dieser auf dem Boden liegt und "genug hat". Andere von ihnen sehen diesen Kodex als Mythos oder zumindest als nur vage, verklärte Richtlinie, die situativ schlichtweg ignoriert werden konnte.

Krawalle in LensHooligans in Lens. (© picture-alliance/dpa)


Hooliganismus symbolisierte ebenso eine Überzeichnung von erfolgsorientierten Kategorien wie Leistung, Effizienz und Nützlichkeit im Zeitalter der zunehmenden "Durchkapitalisierung" einer "Risikogesellschaft"[17]. Während ein "Volkswagen"-Manager fünf Tage nach dem Angriff auf den französischen Polizisten Daniel Nivel der "Süddeutschen Zeitung" erklärte, er sei im wirtschaftlichen Erfolgskampf mit symbolischen Ellenbogen "lieber Hooligan als "Muckefucktrinker"[18], setzten Hooligans über ihre Körper eine solche sozialdarwinistische Mentalität um, die sich auf autoritäre und antiintellektuelle Vorstellungen, auf Vorrechte von vermeintlich Stärkeren sowie auf hegemoniale Männlichkeit[19], wie z.B. althergebrachte Männerbündeleien und Härteideale gründet. Zuvor hatten sich 650 Hooligans, davon vorneweg ca. 80 Neonazis, zur Fußball-WM im französischen Lens verabredet. Nach Auseinandersetzungen mit der Polizei auf den Straßen von Lens verletzten einige deutsche, z.T. neonazistische Hooligans Nivel lebensgefährlich, so dass dieser bis an sein Lebensende an den Folgen leiden wird.

Dass es bei Hooligans stets Schnittpunkte vieler Gruppen mit einzelnen Neonazis und Sympathisierenden von Neonazis gab, situativ auch mit neonazistischen Gruppen, liegt auf der Hand. Die aggressive Auslegung einer hegemonial männlich[20], autoritaristisch geprägten Figuration von 'Wir' und 'Die Anderen', die sich dann gruppenbezogen menschenfeindlich[21] z.B. in gelebtem (Hetero-)Sexismus und Homophobie äußern konnte, bot zahlreiche niedrigschwellige Anknüpfungspunkte. Die offensichtlichere Attraktivität lieferte allerdings das körperlich orientierte Erlebnisangebot mit dem Geruch des Verbotenen, mit dem individualistischen Aufrührergestus, dem Gruppenzusammenhalt und dem dadurch entstehenden, z.T. über Drogen beschleunigten (Adrenalin-)Kick am Spieltag.

1998 befand sich die marginale, besonders bei Auswärtsspielen von Mitläufern situativ angereicherte Hooligangesamtheit bereits über ihrem Zenit, u.a. offenbarten ihre eher geschlossenen Formationen zunehmend ein Nachwuchsproblem. 2013 gibt es Hooligans als älter gewordene Gruppierungen in deutschen Stadien nach wie vor, die besonders im Umfeld symbolisch speziell aufgeladener Spiele (z.B. sogenannter "Derbys") auffallen. Durch ihre Gegenwärtigkeit in den Erzählungen über Fankulturen und ihr dadurch historisches, heroisches und z.T. romantisiertes Ansehen genießen sie nach wie vor einen gewissen Einfluss auf zurzeit dominierende Fangruppen. Hooligans setzen wirkungsmächtige Duftnoten und bieten körperlich und unkommerziell orientierte Abenteuer an. Oftmals wird ihnen von organisierten Fanszenen ein beinahe mystisches Gewaltmonopol zugesprochen. Das führt dazu, dass Hooligans in manchen Fankurven immer wieder symbolische Ansprüche stellen und in Teilen von Ultragruppierungen auf situative Überschneidungen und Nachwuchs hoffen.

Zum organisierten Self-Empowerment von Ultras im postmodernen Fußball in Deutschland

Gunter Gebauer führt aus, "dass schon bei der Begründung des modernen Sports das Ökonomische dessen Leitkategorie darstellt"[22]. In der hegemonialen, nach Leistungsdenken ausgerichteten Logik von Industriegesellschaften und ihren Verfasstheiten in Nationalstaaten ist dies somit als Versuch zu betrachten, "dem künstlichen System des Sports einen Sinn zuzuschreiben"[23].

Fanklub Hannover1971: Promotionaktion für den Fanklub Hannover 96 (© imago/Kicker)


Während die Professionalisierung des Fußballs historisch eine soziale Inklusion, die Verbesserung der Situationen für Spieler aller sozialer Schichten im Sinne einer Annäherung an Chancengleichheit bedeutete[24], konstatierte Gerd Hortleder bereits elf Jahre nach Gründung der Bundesliga für das Publikum folgende Auswirkungen: Es "betrachtet die Spieler und insbesondere die Stars als Produkte der Dienstleistungsindustrie. In den rasant steigenden Eintrittspreisen insbesondere bei wichtigen Spielen findet es seine Meinung bestätigt. […] Der Abstand zwischen Publikum und Spielern ist inzwischen so groß geworden, dass eine totale Identifikation immer seltener wird und darüber hinaus zeitlich begrenzt ist[25]. Mit der schrittweisen Entfernung des Fußballs von seinen organisierten Fans, entlang der Entwicklung des Profifussballs, lassen sich seit den 1970er Jahren die jeweiligen sich modernisierenden Herausbildungen von Fangruppen auf der Suche nach Identitätsangeboten nachzeichnen.

Auf den Stehplätzen sammelten sich vorwiegend männliche Jugendliche lose und zunächst weitgehend ungeordnet, um sich und ihren Verein zu inszenieren. Inszenierung in der Gruppe diente der Selbstbestätigung und der Vergewisserung von Zusammenhalt und Selbstwertgefühl an einem Ort, der nicht von Eltern, Lehrern, Vorgesetzten und auch noch nicht von so vielen baulichen Maßnahmen kontrolliert war. Auch die Unverbindlichkeit spielte eine Rolle: ohne groß zu planen war klar: wenn man am Samstag zum Stadion geht, würde man irgendwie Gleichgesinnte treffen. Speziell das Umherziehen im noch nicht allzu sehr verzäunten Stadion (bevor die Fantrennung im Zuge des NKSS realisiert wurde), mit Vorliebe auch in den Stadionpart der gegnerischen Fans, formte (bis zur sicherheitstechnische Massnahmen verschärfenden Wende Mitte der 1980er Jahre) einen Ausdruck von Mut, Kameradschaft und ein symbolisches Eroberungsritual.

Einmal mehr erwuchsen englische Fankulturen in den Stadien zu einer kaum zu umgehenden Referenzgröße. Bislang eher auf kurze Schlachtrufe beschränkt, übernahmen die deutschen Fans von ihnen besonders seit der WM 1974 in Deutschland das Umdichten von Popsongs und das Singen eigener Texte. Es gründeten sich mehr und mehr Fanklubs als soziale Gemeinschaften. Sie waren auf subtile Weise althergebracht und strukturell männlich[26] geprägt, mit eigenen Festen, Fahrten, Rundbriefen, Abzeichen und Satzungen. In den Namen der Fanklubs spiegelte sich ihr Wohnort, Standort im Stadion oder ganz einfach das postpubertäre Bekenntnis zu Fußball und Bier wider.

Fanklub Rotröcke HSV1978: Fans des Hamburger SV vom Fanklub Rotröcke (© imago/Kicker)

Zitat

Fußballfans der 1970er Jahre

Es kommt zu einer vorübergehenden Anerkennung einer Reihe von Sonder- oder Gegennormen, die die sonst verbindlichen Verhaltensregeln aufheben, bzw. mehr oder weniger von ihnen abweichen und eine gewisse Einmütigkeit der Vorstellungen über legitime Handlungsweisen in der gegebenen Situation mit sich bringen.

Quelle: Hans-Ulrich Herrmann, 1977


Treuer, organisierter Fan sein bedeutete nach außen oftmals sich mit einer gewissen rebellischen Respektlosigkeit gegenüber kleinbürgerlichen Tugenden auseinanderzusetzen. Hans-Ulrich Herrmann konstatiert in einer Studie über Fußballfans der 1970er Jahre die Bedeutung der gefühlten oder tatsächlichen Grenzüberschreitung. Nach innen kopierten Fanklubs, deren Mitglieder sich – entlehnt von Rockergruppen – häufig in mit Aufnähern bestickten Jeanskutten kleideten, bei verhältnismäßig niedrigschwelligen Organisationsgrad oftmals den Rahmen bürgerlicher Vereine mit einer lockeren Adaption (Übernahme) entsprechender Hierarchien vom Präsidenten bis zum Kassenwart. Durch den Zusammenschluss von unorganisierten Fans und Cliquen im Stadion zu Fanklubs erhofften sich die Mitglieder einen besseren Stand zum Verein.

Dabei konnte beobachtet werden, dass "ihr Gruppenzusammenhang über die bloße Teilnahme am Ereignis [gemeint ist der Spielbesuch, d. Verf.] hinausreicht, sich in einem Mindestmaß formaler Arbeitsteilung und Aufgabenbestimmung als verhältnismäßig dauerhaft erweist und sich in regelmäßigen Treffen auch jenseits des Sportplatzes immer wieder aktualisiert“[27]. Fanklubs als begrenztes "Lernfeld sozialer Partizipation" und "soziale Kristallisationspunkte vielfältiger und erlebnisintensiver organisierter Geselligkeit" standen für eine erlebnisreiche soziale Spielwiese. Die Mitarbeit im Fanklub konnte gerade Jugendlichen Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein vermitteln – der Fanklub als sozialer Ort.

Durch die fortschreitende Kommerzialisierung und Eventisierung des (Profi-)Fußballs wird es für Fußballfans des 21. Jahrhunderts zunehmend schwieriger, auf den Rängen eine als eingebüßt empfundene Gemeinschaft (er)leben zu können. Dieser Prozess vollzieht sich als Drahtseilakt zwischen suggerierter Nähe und einer fortschreitenden Distanzierung des Sports von seinen Fans. Wenn bspw. Stadionnamen und Vereinsfarben, Spieler und Trainer sowieso ständig wechseln, Werbebanden Fanbanner verdrängen, der Spielplan sich verstärkt an den Bedürfnisse der Fernsehrechteinhaber und ihrer Kunden ausrichtet, dann laufen Vereine stärker denn je Gefahr, kaum noch Identifikationsangebote anzubieten.

Das die seit Ende der 1990er Jahre entstehenden und besonders im Verlaufe der ersten Jahre des neuen Jahrzehnts sich herausbildenden Ultras dies erkennen, zeigt sich in ihrem provokativen Einsatz für Traditionspflege, Authentizität und gegen Kommerz. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung der 1990er Jahre verschob sich parallel die Bedeutung von Fanklubs und sogenannten "Kuttenträgern". Während alteingesessene Fanklubs zunehmend an Einfluss in den Fankurven einbüßten, stieg ihre Anzahl und ihr Einfluss gegenüber dem Verein als verbindlicher, durchaus stark konsumorientierter Zuschauerstamm.

Fußnoten

13.
Das Konzept der "Moral Panics" und "Folk Devils" (Cohen 72) untersuchte die öffentliche Reaktion auf das jugendkulturelle Phänomen der Mods and Rocker der 1960er Jahre. Zentral ist das Phänomen der Abweichungsspirale, wonach die Medien in übersteigerter Form von abweichendem Verhalten berichten, welches als Herausforderung gesellschaftlicher Normen definiert wird. Die daraufhin aufkommende moralische (Massen-)Panik blendet zugrundeliegende strukturelle Probleme aus.
14.
zit. nach Pilz 1988a, S. 15
15.
vgl. Collins 2011, S. 498 f.
16.
vgl. Pilz 1988b: 139
17.
vgl. Beck 1986 und bpb.de: Risikogesellschaft ist ein politisch-soziologischer Begriff, der darauf verweist, dass in hoch entwickelten Industriegesellschaften inzwischen mehr (soziale, ökologische, individuelle und politische) Risiken entstanden sind und laufend entstehen, als die bestehenden Sicherungsmechanismen und Kontrolleinrichtungen des Staates bewältigen können (z. B. Langzeit- und Dauerarbeitslosigkeit, Reaktorkatastrophe in Tschernobyl etc.). Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 5., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2011.
18.
zit. nach Buderus 2001, S. 105
19.
vgl. Connell 2006
20.
vgl. Connell 2006
21.
vgl .Heitmeyer 2007
22.
vg. Gebauer 2009: 45
23.
ebd. 43; vgl. Bourdieu 1986: 108 f. & Elias 2003
24.
vgl. Claussen/Blecking 2010, S. 22 & 27
25.
vgl. Hortleder 1974, S. 68 f.
26.
vgl. Connell 2006
27.
vgl. Friebel et al 1979, S. 48 f.
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Autor: Gerd Dembowski für bpb.de
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