Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965

18.6.2014 | Von:
Rene Maric und Tobias Escher

Von der Taktik-Tafel auf den Rasen

Fünf besondere Partien zeigen, wie sich der Fußball verändert hat

Taktische Neuerungen sind auch ein Grund für das Auf und Ab des Erfolges der Bundesliga im internationalen Vergleich. Anhand von fünf Spielen aus fünf Jahrzehnten beschreiben die Taktik-Versteher von spielverlagerung.de den Weg vom alten "Ausputzer" zum polyvalenten Box-to-Box-Spieler.

Notizen zur taktischen Aufstellung: Ewald Lienen im Jahr 2009 als Trainer von 1860 MünchenNotizen zur taktischen Aufstellung: Ewald Lienen im Jahr 2009 als Trainer von 1860 München. (© imago/MIS)


Die erste große taktische Revolution der Bundesliga gab es in den 1960er Jahren: Werder Bremens Trainer Willi Multhaup brachte die Position des "Ausputzers" nach Deutschland, ein freier Spieler hinter der Abwehr ohne festen Gegenspieler. Zu jener Zeit hatte sich die Manndeckung durchgesetzt – zuvor spielten die meisten Mannschaften eine Mischung aus Raum- und Manndeckung. Der Ausputzer oder "Stopper" war wichtig, um Schwächen der Manndeckung zu beheben, da er Löcher in der Abwehr stopfen oder für seine Mitspieler absichern konnte.

In den folgenden Jahren wurde der Ausputzer immer offensiver und entwickelte sich zum Libero. Franz Beckenbauer war der Prototyp dieses Spielers. Immer wieder ging er mit nach vorne und schaltete sich in die Angriffe ein.

Die Siebziger Jahre: Bayern München – Borussia Mönchengladbach 4:3 (1973/74)

Bayern gegen Gladbach 1973Bayern gegen Gladbach 1973 (© spielverlagerung.de)
In den 1970er-Jahren gab es in der deutschen Bundesliga zwei dominierende Mannschaften, die bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Eine davon war die goldene Generation von Bayern München. Die Mannschaft gewann drei Mal hintereinander den europäischen Meisterpokal und sammelte unzählige Bundesligatitel. Ihr großer Konkurrent war die legendäre Fohlenelf unter Hennes Weisweiler. Mit Günther Netzer als der "klassischen Zehn" bestach sie Anfang der 1970er Jahre durch intelligenten Fußball, offensiv wie defensiv.

Eine Schlüsselpartie zwischen Bayern und Gladbachern gab es am 8. Dezember 1973, dem 17. Spieltag der Saison. Nach dem Abgang von Günther Netzer zu Real Madrid teilten sich Herbert "Hacki" Wimmer und Christian Kulik Netzers Rolle. Kulik organisierte das Spiel von hinten und spielte die Pässe in die Tiefe. Wimmer hingegen startete immer wieder mit dem Ball am Fuß Alleingänge oder positionierte sich nahe am gegnerischen Strafraum. Netzer hatte diese beiden Aufgaben als Prototyp der klassischen Zehn dank seiner Qualität und der Befreiung von Defensivaufgaben allein erfüllt.

Bei den Bayern lag der taktische Fokus auf dem "Libero". Franz Beckenbauer startete die Angriffe von hinten heraus und rückte mit nach vorne, um im Mittelfeld eine Überzahl herzustellen; ganz im Gegensatz zu Gladbachs Klaus-Dieter Sieloff, der ein defensiv denkender Ausputzer war.

Gegen die meisten Vereine damaliger Zeit funktionierte Beckenbauers Aufrücken: Weil er keinen direkten Gegenspieler hatte, konnte der "Kaiser" oft Überzahl herstellen und für Chaos in der gegnerischen Defensive sorgen. Löste sich ein Gegenspieler von seinem manngedeckten Spieler, um Beckenbauer zu attackieren, konnte er den frei werdenden Mitspieler anspielen. Viele Erfolge der Bayern waren Beckenbauers taktischer Rolle und der individuellen Überlegenheit ihrer Spieler geschuldet.

Gerd Müller gegen Berti Vogts8. Dezember 1973 im Münchner Olympiastadion: Gerd Müller, FC Bayern, gegen Berti Vogts, Gladbach, im Zweikampf. (© picture-alliance/Sven Simon)


Die Partie gegen die Gladbacher, das vorentscheidende Duell um die Meisterschaft 1974, sollte jedoch schwieriger werden. Die Weisweiler-Elf war nicht so leicht zu knacken, da sie mit einer Raumdeckung spielte. Die Spieler deckten also nicht einen Gegenspieler, sondern den Raum. Erst wenn der Gegner in diesem Raum den Ball bekam, griff der passende Verteidiger ihn an. Beckenbauers Aufrücken sorgte also für weniger Unruhe, da Gladbach ihn attackieren konnte und dennoch kein Bayer frei wurde.

Die Partie zwischen den Rivalen stellte von der spielerischen Qualität und vom Tempo die bisherigen Bundesligapartien in den Schatten. Ohne den Fokus auf Netzer wurde das Gladbacher Passspiel im Mittelfeld noch schneller, immer wieder startete Wimmer in die Tiefe. Letztlich sollten es aber doch die Münchner sein, die sich mit 4:3 knapp durchsetzten.

Das Tor zum 4:3 steht dabei exemplarisch für den Erfolg: Eigentlich standen die Gladbacher in einer nahezu perfekten Ordnung. Zwei Verteidiger hatten sich um den ballführenden Beckenbauer postiert, ein Spieler sicherte zusätzlich ab – ein Lehrbuchbeispiel einer funktionierenden Raumdeckung. Doch diesmal setzte sich die individuelle Klasse durch: Beckenbauer spielte einen überraschenden Pass in den Strafraum, wo Gerd Müller instinktiv in den freien Raum startete und den Ball mustergültig verwertete.

In den folgenden Jahren setzte sich die Raumdeckung der Gladbacher durch. In den späten 1970er Jahren sollten nur wenige Mannschaften in der Bundesliga noch mit Manndeckung spielen, wie beispielsweise der FC Bayern, der erst unter Gyula Lorant und dessen Nachfolger Pal Csernai "generalüberholt" wurde.

Die Achtziger Jahre: Hamburger SV – 1. FC Köln 3:1 (1981/82)

Hamburg gegen Köln 1981Hamburg gegen Köln 1981 (© spielverlagerung.de)
In den späten 1970er Jahren galt die Bundesliga teilweise als taktisch fortschrittlichste Liga der Welt. Bundestrainer Helmut Schön sprach gar davon, dass die Bundesliga die besten Trainer der Welt habe. Wenige Jahre später kamen zwei große Trainer dazu: Ernst Happel, Landespokalsieger 1970 und Vize-Weltmeister 1978, ging zum Hamburger SV und Rinus Michels, Landespokalsieger 1971 und Vize-Weltmeister 1974, zum 1. FC Köln.

In der Saison 1981/82 kämpften die beiden Weltklassetrainer um die Spitze in der Bundesliga. Sie verbanden die Raumdeckung mit einigen Manndeckungsaspekten. So wurde gegen Schlüsselspieler des Gegners eine Manndeckung betrieben. Der HSV praktizierte dies zum Beispiel beim Meisterpokalerfolg 1983, als Wolfgang Rolff als Manndecker Michel Platini von Juventus Turin kaltstellte.

Am 5. September 1981 trafen Hamburg und Köln aufeinander. Die erste Halbzeit endete 0:0. Beide Mannschaften kamen zwar zu Abschlüssen, hatten aber Probleme mit dem intelligenten Defensivverhalten ihres Gegners. Konter konnten kaum gefahren werden, die Dynamik im Spiel und die taktische Disziplin waren hoch. Insbesondere der 1. FC Köln konzentrierte sich eher auf ein Pressing in der eigenen Hälfte und die defensive Kompaktheit.

Der Hamburger Horst Hrubesch mit dem Tor zum 1:1 gegen Kölns Torwart Toni SchumacherDer Hamburger Horst Hrubesch mit dem Tor zum 1:1 gegen Kölns Torwart Toni Schumacher. (© imago/Sven Simon)


Nach einem Führungstor durch Littbarski, nach Pass des aufrückenden Libero Strack, drehte der HSV die Partie und gewann 3:1. Die Entscheidung sollte aus taktischer Sicht letztlich nach Standards und im Mittelfeld fallen, als Happel hervorragend einwechselte. Mit Milewski kam für Groh ein Offensivspieler, der mit seinen Dribblings Köln am Aufrücken hinderte. Horst Hrubesch konnte nach zwei Eckstößen den Ball entscheidend weiterleiten, einmal ins Tor und einmal zu Lars Bastrup, der das 2:1 machte. Milewskis Tor war die Folge von Happels Umstellung und der Überlegenheit der Hamburger im Mittelfeld.

Ein weiterer Grund für den Hamburger Sieg war Felix Magath. Er steht für die Weiterentwicklung der klassischen Zehn, die in den 1980er Jahren begann. Magath war der Vorläufer der heutigen "modernen" Zehn. Als solche beteiligte er sich an Defensivaufgaben, ließ sich im Pressing auf die Höhe des Abräumers Jimmy Hartwig fallen und sorgte für die nötige Defensivstärke. Seine technische Stärke kombinierte er mit viel Laufarbeit und Spielintelligenz, wodurch er im Pressing des HSV eine Schlüsselrolle einnahm.

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