Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Daily Talkshows ab Mitte der 90er

Talkshows zählen eigentlich zu den etablierten Unterhaltungssendungen im Fernsehen. In den neuen "Daily Talks" der Privatsender standen jedoch immer weniger Prominente oder Privatpersonen mit ihrer tatsächlichen Geschichte und immer mehr gecastete Darsteller mit einer auf sie zugeschriebenen Rolle im Mittelpunkt einer Gesprächs-Konfrontation ("Konfro-Talk"). Diese Sendungen können daher dem Reality TV zugerechnet werden.

Tägliche Gesprächsrunden

Das Publikumsinteresse an der Darstellung von tatsächlichen oder angeblichen Verbrechen, Katastrophen und individuellen Schicksalsschlägen ließ Ende der 1990er Jahre nach, die kommerziellen Programme nahmen diese Sendungen aus dem Programm. Das Interesse des TV-Publikums an realen Menschen und ihren (außergewöhnlichen) Geschichten, Erlebnissen und Perspektiven bediente ein neues Genre: die Daily Talkshow. Zwar gab es schon seit Beginn des Fernsehens Diskussionssendungen und seit 1974 mit dem Begriff 'Talkshow' arbeitende Sendungen in den öffentlich-rechtlichen Programmen (z. B. "3 nach 9"), doch das neue Format bot tägliche Gesprächsrunden mit nahezu ausschließlich nicht-prominenten Gästen – und das in einer Vielzahl von Formaten, die sich vor allem durch die Moderation unterschieden.

Nach den Anfängen der Daily Talkshow 1992/93 ("Hans Meiser", RTL, 1992–2001; "Ilona Christen", RTL, 1993–1999) hatte das Publikum werktäglich zur festen Sendezeit am Nachmittag unter anderem folgende Sendungen zur Auswahl:
"Arabella" (mit Arabella Kiesbauer, ProSieben, 1994–2004), "Vera am Mittag" (Sat.1, 1996–2006), "Bärbel Schäfer" (RTL, 1995–2002), "Sonja" (mit Sonja Zietlow, Sat.1, 1997–2001), "Andreas Türck" (ProSieben, 1998–2002), "Die Oliver Geissen Show" (RTL, 1999–2009) und "Britt – Der Talk um eins" (mit Britt Hagedorn, Sat.1, 2001–2013). Zuschauer, die sich nachmittags durch die kommerziellen Programme von RTL, Sat.1 und ProSieben schalteten, konnten damit bis zu sechs Stunden lang Daily Talkshows sehen.

"Normale" Menschen mit ungewöhnlichen Anliegen

Der Realitätsbezug dieser Sendungen bestand darin, dass "normale" Menschen, die Identifikationsmöglichkeiten für die Zuschauer boten, hier ihre Beziehungsverhältnisse offenbarten, sich gegenseitig Vorwürfe machten oder eine Möglichkeit erhielten, ihre ungewöhnlichen Eigenschaften oder Sichtweisen zu präsentieren und sich mit Andersdenkenden darüber zu streiten. Die 'Niederungen' des menschlichen Zusammenlebens wurden ausführlich vorgeführt, intime Sachverhalte wurden öffentlich ausgebreitet, Verwandte oder Partner angeklagt und oft auch bloßgestellt. Nicht selten kam es auch zu heftigem Streit zwischen eingeladenen Paaren. Das Saalpublikum, in dem immer auch Angehörige der Talkgäste saßen, feuerte sie an, unterstützt von der Moderatorin oder dem Moderator. Die Zuschauer erlebten sich selbst als Voyeure bei tatsächlichen oder vermeintlichen Enthüllungen. Themen wie "Ich strippe für mein Leben gerne", "Ich bin ein Egoist", "Mein Freund ist pervers", "Die Männer tanzen nach ihrer Pfeife", "Ihnen lastet was auf dem Herzen", "Machen Sie einen Vaterschaftstest bei ….", "Ich liebe einen anderen", "Schwanger – was nun?" oder "Blondinen sind dumm" sollten das Zuschauerinteresse fesseln. Im Gegensatz zu den Reality-TV-Sendungen der "Notruf"- und "Augenzeugen-Video"-Generation spielte Kriminalität hier fast keine Rolle [1].

"Schreinemakerisierung"

Die inszenierte Realität in den Daily Talkshows war durch ihren künstlichen Rahmen ganz anders aufbereitet als in den "klassischen" Reality-TV-Formaten "Notruf" oder "Augenzeugen-Video" und wurde dem Zuschauer im Format einer Unterhaltungssendung präsentiert. Trotzdem wiesen die Daily Talkshows Kennzeichen des Genres Reality-TV auf. So waren sie durch eine forcierte Emotionalisierung gekennzeichnet.

Hier wirkte vor allem die Moderatorin Margarethe Schreinemakers mit ihrer wöchentlichen Talkshow "Schreinemakers Live" (1992–1997 bei Sat.1, 1997–1998 bei RTL) als Vorbild: Die Emotionalisierung der Realitätsdarstellung betrieb sie so umfassend, dass der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg von einer "Schreinemakerisierung" sprach [2]. Die Moderatorin drang mit den Themen ihrer Sendung in intime und private Bereiche vor, sprach mit Bettnässern und Pädophilen, befragte den "Glücksrad"-Moderator Peter Bond nach seinen Erfahrungen als Pornodarsteller, warnte eindringlich und reißerisch vor Kaffeefahrten, auf denen die Menschen betrogen würden, und vergrößerte jeden vermeintlichen Skandal. Diese Art der Moderation und Themenbearbeitung machte Schreinemakers über viele Jahre hinweg sehr erfolgreich.

Inszenierung und kalkulierte Abläufe

Bei den Daily Talkshows von "Vera am Mittag" bis zu "Bärbel Schäfer" und "Andreas Türck" inszenierten sich die eingeladenen Gäste, zwischen drei und acht Personen pro Sendung, auch selbst. Sie stellten sich oder andere bloß und benutzten ihren Auftritt in der Show, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und im Fernsehen "prominent" zu werden. Enthemmte Umgangsformen wurden dabei von den Gästen bewusst eingesetzt, oft war es auch von den Redaktionen kalkuliert so arrangiert, dass es zu heftigen Szenen kam, die dann in besonderer Weise Realitätsnähe suggerierten. "Einfache Leute" standen hier im Mittelpunkt, Prominente wurden nicht eingeladen, dafür stand bei besonderen Themen ein Psychologe oder anderer Experte zur Verfügung, der den Gästen entweder Ratschläge gab oder die Situation auf Fragen des Moderators hin aus seiner fachlichen Sicht beschrieb.

Die Daily Talkshows folgten und folgen dabei einer einfachen Dramaturgie: Steht etwa die Thematisierung der Beziehungsprobleme im Mittelpunkt, so zielt die Darstellung, auch durch Fragen aus dem Saalpublikum und die Gesprächsführung des Moderator darauf, den Gästen am Ende einen moralischen Appell mit auf den Weg zu geben, der in der Regel auf Anpassung, Aussprache, Versöhnung etc. ausgelegt ist.

Die Sendungen ließen sich relativ kostengünstig produzieren, lebten von den Effekten und Affekten, welche die Moderatoren herausforderten, und richteten sich vornehmlich an jüngere Zuschauer. Die Daily Talks wurden aber vor allem von einem Publikum gesehen, das tagsüber über viel freie Zeit verfügte. Das schloss gerade auch junge Leute und Schüler mit ein.

Bei Jugendlichen beliebt, von Jugendschützern kritisiert


Szene aus "Britt – Der Talk um eins"Szene aus "Britt – Der Talk um eins". (© SAT.1)

Die Daily Talkshows stießen auf eine deutliche Kritik nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch bei Jugendschützern und medienpädagogischen Experten, gerade weil sie die Konventionen des gesellschaftlichen Umgangs der Menschen unterminierten und als öffentlich tolerabel zeigten, was bisher als anstößig galt. "Affekt-Talks" wurden die Sendungen deshalb auch genannt [3].

Das Publikumsinteresse blieb jedoch in den 1990er Jahren fast durchgehend erhalten, die Zuschauerzahlen lagen tagsüber bei ca. 1,5 bis 2,0 Mio. Zuschauern. Dabei stand der Unterhaltungscharakter der Sendungen im Vordergrund. Die Zuschauer nahmen die Sendungen einerseits als Darstellungen von Realität wahr (im Sinne von: 'So sind die Menschen', 'wie schlecht ist doch die Welt' etc.), um sich selbst in den oft als unerfreulich erfahrenen eigenen Lebensverhältnissen bestätigt zu sehen: 'So schlecht wie denen geht es mir noch nicht'. Die vermeintliche Alltäglichkeit und 'Normalität' der Gäste unterstützte den Vergleich mit den eigenen Alltags- und Lebenssituationen. Es handelte sich um eine Art von fernsehinszenierter "Betroffenheits-Kommunikation". Die Sendungen wurden von vielen Zuschauern in ihrer Vermittlung sachlicher Informationen als eher gering eingeschätzt, vielmehr als eine Art unterhaltende "Freakshow" rezipiert [4], wobei das Besondere darin bestand, dass sich die Zuschauer auch emotional angesprochen, ja sogar beteiligt fühlten [5].

Rezeptionsweisen Jugendlicher

Talkshows und Serien werden vor allem von Jugendlichen als "kommunikative Genres" verstanden, die Verhaltensweisen anbieten, mit denen die Zuschauer offen umgehen können, ohne dies einfach nur nachzuahmen. Mädchen zeigen sich dabei stärker an "beziehungsorientierten Genres" wie Talkshows interessiert, während sich Jungen davon eher distanzieren. Abhängig sind die Nutzungsweisen auch vom Bildungsstand der Rezipienten, vom sozialen Umfeld und den Lebensumständen. Gerade in der Lebensphase der Pubertät werden die Sendeformen bevorzugt, die eine Mischung von Inszenierung und behaupteter Authentizität mischen, wobei der Inszenierungscharakter meist nicht durchschaut wird [6].

Verzerrungen der Realitätswahrnehmung

Daily Talkshows, so die wissenschaftliche Erkenntnis, beeinflussen die Realitätswahrnehmung ihres regelmäßig zuschauenden Publikums. Gerade weil sie regelmäßig werktäglich gesendet wurden, in ihrer Vielzahl 'flächendeckend' wirkten, sich die Präsentationsformen und auch die Themen stereotyp wiederholten und der Realitätsanschein herausgestellt wurde, wirkten sie wie ritualisierte Präsentationen der Wirklichkeit selbst. Der Medienforscher Uwe Hasebrink resümierte, dass deshalb der intensive Daily Talkshow-Konsum zu Verzerrungen der Realitätswahrnehmung führen könne. Denn dysfunktionale Beziehungen und bizarre Probleme könnten so als normale Merkmale der Gesellschaft erscheinen, sie könnten Zuschauer gegenüber menschlichem Leiden desensibilisieren, indem sie sich auf sensationelle Darbietungen konzentrierten, und sie würden komplexe soziale Zusammenhänge unzulässig vereinfachen und damit trivialisieren [7].

Daily Talk in der ARD – "Fliege"

Jürgen FliegeJürgen Fliege (© picture-alliance/dpa)


Auch in der ARD entstand eine werktäglich gesendete Daily Talkshow ("Fliege", von 1994–2005), die mit dem evangelischen Pfarrer Jürgen Fliege (zuvor Kirchenbeauftragter bei Sat.1) besetzt wurde und die einen weniger reißerischen, dafür aber höchst suggestiven Moderationsstil pflegte. Stefan Niggemeier und Michael Reufsteck beschreiben diesen Stil in ihrem "Fernsehlexikon" so: "Zum Repertoire gehören u. a. die Wiederholung des Gesagten in der Ich-Form, das abrupte Verfallen in vermeintliche Jugendsprache oder regionale Dialekte und körpersprachliche Signale wie das, sich vor die Gäste und damit unterhalb von ihnen auf den Boden oder eine Treppenstufe zu setzen. (…) Er benutzt pseudotherapeutische Floskeln wie: 'Das macht mich nachdenklich', 'Ich hab da eine Frage im Hinterkopf, die spiel' ich mal nach vorne', 'Darf ich mit Ihnen traurig sein?', 'Jede Träne hat zwei Seiten' und 'Sie haben ein sensibles Gesicht'" [8].

Themen für ein älteres Publikum

Fliege setzte hauptsächlich auf Themen für ein älteres Publikum: Gesundheit, Schicksalsschläge, alternative Heilmethoden, Geistheilungen und Astrologie. Fliege lud auch Experten ein, die die Gäste bei ihren Problemen berieten. Die "Stiftung Fliege" half ab 1995 auch Kranken und Bedürftigen in Konfliktfällen. Fliege stieß aber gerade wegen seiner lebenspädagogischen Ausrichtung auf Kritik, weil die erzeugten Hoffnungen auf Trost und Erlösung vielfach nicht haltbar waren.

Abgesetzt, wiederholt, recycled

Fast alle der Daily Talkshows wurden Anfang des neuen Jahrhunderts wegen sinkender Einschaltquoten eingestellt, nur "Die Oliver Geissen Show" auf RTL hielt sich bis Ende 2009 und "Britt" (Sat.1) bis Anfang 2013. Die Folgen der abgesetzten Formate werden teilweise wiederholt, u. a. in den Nachtstunden; außerdem hatte ProSieben bereits 1999 mit "talk talk talk" ein Recycling-Format etabliert, bei dem bis 2011 Zusammenschnitte von Szenen aus älteren und aktuellen deutschen und US-Talkshows gezeigt wurden. Im Laufe der Zeit kamen noch die beiden Ableger-Formate "talk talk talk – Die Late Show" (2003–2011) und "talk talk talk fun" (2006–2007) hinzu.

Fußnoten

1.
Vgl. Krüger 1998.
2.
Vgl. Weischenberg 1997.
3.
Vgl. Bente/Fromm 1997.
4.
Vgl. Gleich 2001, S.524f.
5.
Vgl. ebd., S. 527.
6.
Vgl. Göttlich/Krotz/Paus-Haase 2001, S.311ff.
7.
Vgl. Hasebrink 2001, S.151f.
8.
Niggemeier/Reufsteck o.J.

Materialien zu "Daily Talkshows"

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